Neulich erst habe ich euch von meinem neuen Projekt erzählt, für welches ich einige Künstler bzw. Menschen aus dem öffentlichen Leben angesprochen hatte, die mich entweder irgendwie seit Jahren begleiten, deren Fan ich bin oder deren Leben es möglicherweise wert ist, es einmal aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten!

Aus der Idee, diesen lieben Menschen einige Fragen zu deren Musikinteressen bzw. ihrem Verhältnis zur Musik im Allgemeinen zu stellen ist nun die Rubrik „Handwritten meets…!“ geworden, welche ich heute starten möchte!

Beginnen werden wir nicht – wie vorher angekündigt – mit Ole Plogstedt von der „Roten Gourmet Fraktion“, sondern mit dem lieben Marcus Wiebusch, der vielen von euch wahrscheinlich als Frontmann der Indie-Rock Band Kettcar, aber auch als Mitbegründer des Hamburger Musiklabels Grand Hotel van Cleef bekannt sein sollte.

Viel Spaß mit dem Interview… wie würde Marcus jetzt sagen: „Und das geht so!“ 😉

 

Moin Marcus, schön dass du uns heute für ein Interview unserer neuen Reihe „Handwritten meets…!“ zur Verfügung stehst und dir ein wenig auf den Zahn fühlen lässt… und das so kurz vor dem wichtigen Spiel unseres FC St. Pauli gegen Hannover!

Du bist in Heidelberg geboren… wie verschlägt es einen dann nach Hamburg?
Als ich klein war sind wir zur Familie meiner Mutter nach Niedersachsen gezogen… bis zu meinem elften Lebensjahr lebte ich dann ziemlich beschaulich südlich von Lüneburg, bevor es dann mit 11 Jahren nach Hamburg ging.

 

Und dann ging es quasi los mit den ganzen Punkbands und so… ich meine du hast ja vor …But Alive noch in ein bis zwei anderen Bands gespielt.
Ja, aber ursprünglich – das muss ich der Ehrlichkeit halber sagen – komme ich vom Metal! Meine erste Platte war von AC/DC. Dann wurde das immer härter… erst AC/DC, Iron Maiden, dann Metallica, Slayer – aber parallel dazu war es so, dass ich Punk/Hardcore gehört habe, weil mich das  inhaltlich stark gereizt hat. Dann wurde das zunehmend mehr, sodass ich mich irgendwann komplett vom Metal verabschiedete und immer mehr in den Punk/Hardcore und die Szene eingestiegen bin.

 

Persönlich kennen gelernt habe ich dich vor über zwanzig Jahren bei meinem ersten eigenen Gig im Rattenloch in Schwerte, bei welchem wir dich – noch mit …But Alive – supporten durften.
Wie hieß die Band denn eigentlich?
Totensonntag!
Totensonntag?… kenne ich nicht!
Nee, wir waren auch weder bekannt, noch besonders gut (Gelächter!) – Wir waren halt eine Zivi-Band… wir hatten uns von unserer Abfindung Instrumente gekauft und ich hatte kein Geld mehr und bin deshalb der Sänger geworden… nicht gut, aber lustig! (Gelächter!)

Zu der Zeit wurdet ihr in der Republik regelrecht abgefeiert und dank eures Polit-Punks auf eine Stufe mit Slime oder WIZO gestellt. Nach acht Jahren und vier Alben war dann auf einmal Schluss… wie kam das damals dazu?
So „auf einmal“ empfinde ich das im Nachhinein gar nicht. Ich finde wenn man mal ganz ehrlich ist, die letzte …But Alive Platte „Hallo Endorphin“ hat mit der ersten Kettcar sehr viel mehr zu tun, als mit der dritten …But Alive Platte!
Will sagen, ich habe bei der vierten …But Alive Platte sehr viel experimentiert und in meiner Logik wie ich Punk aufgefasst habe schließt sich das gar nicht aus – dass das naturgemäß nicht allen passt war mir da auch recht oder in meiner Punk-Logik nur zwingend. Ich mache halt was ich will und scheißegal was man dann später dazu sagt. Das 97iger Album „Bis jetzt ging alles gut!“ war ja relativ hart und teilweise auch eine Art Abrechnungs-Album… nochmal hatte ich da dann auch keine Lust mehr dazu und ich hatte auch das Gefühl, dass ich politisch eigentlich alles gesagt hatte was ich sagen wollte!
Du musst bedenken das 1999 auch eine Zeit war, die nicht mehr so von Rostock, Hoyerswerda, Nazi-Übergriffen geprägt war – auf jeden Fall medial nicht – und das sieht man dann ja auch und das beschäftigt einen auch immer in der Zeit, in der man Musik macht. Ich hatte dann bei …But Alive das Gefühl ich muss etwas anderes machen und  habe das auch getan… ich habe die Platte „Hallo Endorphin“ auch nicht mehr wirklich getourt. Wir haben noch dreißig Konzerte gegeben, dann aber aufgehört… ich war auch aufgrund der massiven Kritik, die auch aus der Szene kam ein bisschen sehr verletzt und auch entnervt! Ich habe gedacht, dass macht so keinen Bock mehr!
Das war dann für mich so eine Zäsur… so nach dem vierten …But Alive Album – wobei ich sagen muss, dass ich damals auch ernsthaft überlegt habe, ob ich Musik überhaupt professionell weiter machen will. Das habe ich wirklich überlegt… zum Glück habe ich dann Reimer getroffen… und dann habe ich Kettcar gemacht (Lachen!)
Hast du vorher irgendeine Ausbildung gemacht, oder bist du von vornherein… ja ich habe studiert, aber das tut hier nichts zur Sache! Ich hab den Status als Student gebraucht… das hat mich alles nicht interessiert. Ich habe das tatsächlich auch fertig gekriegt, frag mich nicht warum – das war einfach komplette Hölle, da möchte ich nicht drüber reden!
Alles klar… gut!

Hast du eigentlich noch Kontakt zu deinen damaligen Bandkollegen, zu Hagen oder so?
Ja ein bisschen, immer mal etwas. Das liegt vor allen Dingen daran, dass ich immer noch halbjährig die Abrechnung für die alten Platten mache… da hat man dann immer mal wieder ein bisschen Kontakt. Bei Hagen habe ich neulich mitbekommen, dass er wieder ein wenig Musik macht, aber nur so für sich und das hat er mir dann mal geschickt. Mit Frank hatte ich wegen Kettcar natürlich immer viel zu tun. Aber da ist er ja mittlerweile ausgestiegen… deshalb ist das jetzt auch ein bisschen weniger geworden. Ja und zu Torben dann auch wegen der Rantanplan und den …But Alive Abrechnungen.

 

Reimer und du, ihr seid ja dann quasi gleichzeitig bei Rantanplan ausgestiegen und dann ging´s Richtung Kettcar los, oder?
Ja, genau!
Bei der ersten Kettcar Platte gab es ja dann das Problem, dass ihr damals kein Label gefunden habt, welches eure erste Scheibe „Du und wieviel von deinen Freunden“ machen wollte. Du hast dann quasi aus einer Not heraus das „Grand Hotel van Cleef“ mit Thees und Reimer gegründet… und jetzt feiert ihr im Sommer schon das 15jährige Jubiläum! Das ist ja wirklich sehr beeindruckend wie man das dann so straight durchzieht… da habt ihr wahrscheinlich damals auch nicht mit gerechnet, dass das Ganze so lange Bestand hat, oder?
Nee nee, das haben wir nicht! Natürlich, als wir dann doch schon kleine Erfolge mit Kettcar und Tomte gefeiert haben, da haben wir dann schon gemerkt, wir können hier Strukturen aufbauen für Andere… warum sollen wir die Einzigen sein, die von unserem Label profitieren.
Wir haben relativ schnell Leute eingestellt. Auch alles Leute aus der damaligen selben Punk/Hardcore-Szene… alles Leute mit denen wir jetzt hier zusammen arbeiten und die Firma besteht mittlerweile aus sechs Leuten. Da haben wir dann gedacht, ja warum sollen wir nicht Strukturen aufbauen für andere Bands wie Adam Angst oder Fjort, oder Propagandhi – die haben wir ja auch gemacht, stimmt! Death Cab for Cuties… und wie sie alle heißen!
Und da war uns schon klar, dass wir auch etwas längerfristiges hinzaubern können! Aber das es jetzt fünfzehn Jahre sind, das ist schon krass! Gerade wenn man auch weiß, wie viele Labels man auch während der Zeit hat gehen sehen. Also das ist ja schon wirklich hammerhart… das muss man ja auch mal sagen!
Auch jetzt im Sommer das Fest, ich werde versuchen auch zu kommen!
Ja mach das mal! Kurz vorher werden wir auch die neue Kettcar-Single releasen… dann kannst du ja auch nochmal sagen, was du von der Nummer hältst!
Ja genau, sehr gerne!
Sehr verlässliche Leute sagen, dass es zurück geht zu …But Alive (leichtes schmunzeln!)
Ja gut, es gibt ja auch – zumindest politisch gesehen – wieder genug zu erzählen!
Muss man sagen!

 

Kurz mal so nebenbei, du hast ja zu Thees auch ein ganz besonderes Verhältnis… ihr wart ja neulich auch in St. Peter Oerding. Ich habe mir das mal bei Youtube angeschaut…
…das heißt, du warst nicht da?…
nein, hat leider nicht geklappt… da das „Handwritten Mag“ neben Familie und Beruf nur ein Hobby ist kann ich leider nicht überall dabei sein!
Ja, verständlich!
Das sah auf jeden Fall phantastisch aus, wie ihr beide euch die Bälle zuspielt und wie ihr so miteinander umgeht… das ist quasi eine richtige Freundschaft, oder?
Ja, auch jetzt gerade im letzten Jahr! Seitdem er nach Berlin gezogen ist, da lebt das sich naturgemäß ein bisschen auseinander… das war natürlich viel dicker als er noch in Hamburg gelebt hat! Ich habe aber auch seit letztem Jahr wieder viel mit ihm zu tun, weil wir die neue Platte in Berlin aufnehmen und da habe ich immer bei ihm gepennt und gelebt… das war toll! Man sieht sich so gefühlt ein halbes Jahr oder neun Monate nicht und dann kommt man zusammen und es ist direkt so wie früher, das ist schon super!
Bei richtigen Freunden macht auch die Entfernung gar nichts aus!
Nee genau… nach all den Jahren kann man auch mal neun Monate in unterschiedlichen Städten leben, so nebeneinander her – aber wenn man dann zusammen kommt ist das dann halt wie früher!
Wir waren bei der Lesung seines Buches in Bremen und da hat er dann auch so Anekdoten von euren gemeinsamen Touren durch Hamburg wenn er dann mal wieder hier ist erzählt. Das man dann auch durchaus mal am nächsten Morgen mit dickem Kopp vor der laufenden Waschmaschine bei Bustorffs aufwacht und die Kinder da mittendrin rumturnen… sehr lustig! Ich weiß nicht, warst du mal bei einer Lesung von ihm… die Geschichten nebenbei finde ich fast noch geiler als das Buch!
Ja, das ist halt… sage ich jetzt mal so, seine Kernkompetenz! Das hat er halt drauf! (Lachen!)

 

Jetzt nochmal zurück zu den Kettcar-Songs… also eigentlich kann ich keinen einzelnen explizit herausnehmen, den ich jetzt besonders super finde. Also ob „48 Stunden“, „Landungsbrücke raus“, die ganzen alten Sachen… aber auch die neuen Songs finde ich ziemlich geil! Welcher Song gefällt dir persönlich am besten, von allem was ihr mit Kettcar bisher gemacht habt?
Oha, das ist ja eine Frage! Das ist ja fast so als wenn man einen fragt, welches Kind du am liebsten hast. Hast du mehrere Kinder?
Ja… drei!
Ja ich habe zwei… da kann ich dann auch nicht sagen – also die Frage kann ich so nicht beantworten. Ich könnte dir jetzt sicherlich einzelne Texte und Songs sagen, wo ich schon gespürt habe als ich sie geschrieben habe, dass sie gelungen sind und das ich auch gefühlt habe, dass sie halt auch Hits – also nicht im kommerziellen Sinne – für die Fans sind. Da sind dann natürlich „48 Stunden“, „Landungsbrücken“ ganz vorne dabei, aber auch „Money Left To Burn“! Das ist schon auch so eine der Nummern wo ich auch textlich sage… da habe ich ganz gut abgeliefert! (schmunzeln!) Aber das kann ich ganz ehrlich nicht wirklich beantworten!

 

Seit 2013 habt ihr ja dann quasi erst einmal eine kreative Pause eingelegt – klar, ihr macht ja jetzt gerade wieder neue Sachen. Deine Kreativität hat sich in deinem Solo-Album „Konfetti“ wieder gespiegelt. Wie war das so dann zum ersten Mal mit der Platte auf Tour zu gehen quasi alleine – gut, du hast natürlich Leute mit auf der Bühne – aber so ganz alleine verantwortlich zu sein für das was man da macht… was hattest du da für ein Gefühl vorher?
Ja natürlich hatte man ein bisschen Muffensausen, aber ich habe mir das in der Zeit als ich die vierte Kettcar Platte gemacht hatte dann auch wohl überlegt, danach ein Solo-Album aufzunehmen.
Weil ich ja auch eine Plattenfirma habe, kenne ich also auch gute Leute mit denen ich mich wohl fühle auf der Bühne. Ich habe dann halt diese Band zusammen gestellt und es war irgendwie ganz klar, dass Tim Neuhaus – der auch auf unserem Label ist – mein Schlagzeuger wird… ihn habe ich auch sofort gefragt und er hatte sofort Bock dazu, weil er auch wusste das es so ein temporäres Projekt ist – und ich hatte auch nur gute Leute mit auf der Bühne… muss man ja auch mal sagen!
Ich hatte vorher auch richtig überlegt auf wen habe ich Bock habe und die Leute, die ich nicht kannte – also wie zum Beispiel den Pianisten Pär Lammers – die habe ich vorher bei einem Kaffee getroffen, um zu fühlen ob das zusammengeht oder nicht… was das so für Typen sind. Oder auch die ganze Bläser-Sektion, die habe ich alle vorher kennen gelernt, bevor ich sie in die Band geholt habe und das hat sich dann vom ersten Auftritt an direkt sehr gut angefühlt… auch weil ich wusste – und das ist ja auch das aller Wichtigste, da braucht man nicht drum herum reden – wenn du Songs hast an die du glauben kannst, dann kann dir eigentlich nicht mehr so viel passieren! Dann kannst du mit jedem Musiker auf der Bühne bestehen! Ich habe halt ganz gute Songs geschrieben auf dem Solo-Album – wie ich finde – und wusste, mit denen kannst du auf die Bühne gehen und dann hatte ich auch das Selbstbewusstsein das Ding mit anderen Musikern durchzuziehen!

Gute Songs auf jeden Fall… ich würde jetzt mal gerne einen davon herausnehmen! Das ist klar der Song, mit dem sich auch die meisten Leute beschäftigt haben, wo dann vielleicht auch mal Menschen aus ganz anderen Richtungen auf dich zugekommen sind – „Der Tag wird kommen“, der sich mit Homophobie im Fußball oder natürlich auch mit dem Umgang mit Homosexualität im Sport und in der Gesellschaft beschäftigt. In einem Interview damals hast du gesagt, dass sich – auch durch das gleichzeitige Outing von Thomas Hitzlsperger – in naher Zukunft nun vielleicht oder hoffentlich etwas ändern wird. Schaut man sich die Gegenwart an, so viel getan hat sich leider immer noch nicht, oder?!
Nee… das habe ich mir auch anders vorgestellt! Zunächst muss man auch sagen, dass man auch die Grenzen von dem, was Musik erreichen kann, auch mal klar festhalten muss. Aber ich für meinen Teil habe natürlich den Song nicht geschrieben weil ich gedacht habe „so, jetzt habe ich den Song geschrieben und danach ändert sich alles“ und jemand outet sich! Sondern ich habe es geschrieben, weil ich diesen Zustand erst einmal unfassbar finde und mal thematisieren wollte! Ich bin ja da auch nicht alleine… es gibt da ganz viele, die in diesem Sektor Sachen anschieben wollen und Veränderungen herbeiführen wollen und wenn man sich zum Beispiel die Situation von Anfang der 90iger anschaut, wo mein Bruder – der ja Homosexuell ist – sich geoutet hat, wie schwierig das damals noch für ihn war!
Wenn ich mir den Unterschied von vor zwanzig Jahren zu jetzt angucke, dann hat sich ja gesellschaftlich schon etwas getan. Das liegt daran, dass Baustein für Baustein immer mehr in die Köpfe reingezimmert wird, dass es vollkommen egal ist ob jemand Schwul ist oder nicht. Deswegen war es für mich wichtig diesen Song zu machen und dass das Thema auch mal thematisiert wird, was damit passiert ist… so habe ich das erreicht, was ich erreichen wollte!
Das Video war ja auch klasse… da haben dann ja auch viele nette Menschen mitgemacht, viele Fan-Clubs waren auch dabei. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass manche sich überhaupt nicht zurückgemeldet oder sich abfällig darüber geäußert haben, aber die meisten waren schon wirklich angetan, oder?
Ja ich würde nicht sagen die meisten… es war so 50/50. Es gab auch schon bittere Absagen, wo ich gedacht habe „Alter…echt bitter ey!“

 

Sven, der Mitbegründer des Handwritten-Mag, ist neben seinem normalen Job auch Fotograf und hat 2014 ein Foto-Projekt zum Thema Homophobie gemacht… wir haben dann auf Facebook den übelsten Shitstorm erlebt. Gab es diesbezüglich damals ähnliche Reaktionen auf deinen Song?
Ja klar, aber das interessiert mich nicht! Ich bin ja ausgesprochen selten auf Facebook, geschweige denn das ich mir das durchlese! Am Anfang habe ich ein bisschen gelesen weil ich eine Diskussion von einem religiösen Menschen und die Diskussion, die sich dann angeschlossen hat, ganz interessant fand – mein Gott und dann konnte er diese Bibelstelle zitieren wo es darum geht, dass in der Bibel steht das Homosexualität eine Sünde ist. Aber was soll er machen, er glaubt an das Wort Gottes… er kann nichts dagegen tun, er kann nichts dagegen machen das er Homosexualität nicht als normal ansieht – so wie wir. Er wünscht er könnte es… das fand ich ganz interessant, weil das natürlich ein Ansatz ist, der geht über jede Hinter-Schrott-Vollidioten-Diskussion natürlich weit hinaus.
Aber wie gesagt, dass ist das Einzige was ich ganz am Anfang als das Lyrik-Video rauskam gelesen habe. Das war noch nicht mal das richtige Video, sondern das Lyrik-Video wo die zweifelnden Bibel-Zitierer mit ihrem Hass im Herzen sehr stark polarisiert haben… gerade im religiösen Kontexten. Das lese ich mir alles nicht durch… niemals!
Das habe ich früher gemacht, als Kettcar 2005 ein bisschen durch die Decke gegangen ist, da habe ich mir den ganzen Kram durchgelesen… das mache ich alles seit Jahren nicht mehr! Das würde ich auch jedem empfehlen der so eine haltungsstarke Position vertritt, so wie du jetzt mit dem Projekt… es wird immer Leute geben die werden euch auf das Übelste beleidigen – aber ich bin da so „ach, redet ihr mal!“
Ja ich meine es ist ja in der Zeit im Moment eh so, man muss ja nur rausgucken… Trump, Putin und die ganzen „Wut-Deppen“ von der AfD, es sind ja drum herum so viele Vollidioten… ich glaube da wird in den nächsten Jahren noch so viel auf uns zukommen!
Absolut, absolut!

 

Jetz aber nochmal zum Thema Touren!
Wenn ihr unterwegs wart, mit …But Alive, Kettcar oder jetzt halt auch Solo… was waren bisher die ungewöhnlichsten Auftrittsort? Oder gab es mal irgendwo eine  Anfragen wo du gesagt hast „nee, da spiele ich nicht!“? Seid ihr schon einmal irgendwo angekommen und habt entschieden dort nicht zu spielen?
Das sind ja zwei Fragen… der ungewöhnlichste Auftrittsort oder der krasseste Auftritt, das war sicherlich auf unserer Tour in den USA und in Kanada. In Seattle gab es mal so eine Keller-Party wo wir gespielt haben, oder spielen sollten und die Keller-Party wurde dann halt von Polizei aufgemischt… das Ganze war offenbar nicht so ganz erlaubt, oder zu laut. Da kam dann die Polizei und das war dann so ein bisschen klassisch… also so in Endorphin-Angst zu stehen, die dann damit einher geht, dass man das Gefühl hat, ja es könnte jetzt auch sein, dass sich mich mitnehmen, zusammenschlagen und man dann die Nacht auf der Bullenwache verbringt. Ist nicht so gekommen, aber war schon sehr heftig… weil `s natürlich auch in Amerika war und dann auch noch in Seattle – das war 1994!

Die andere Frage, ob ich oder ob wir schon mal gesagt haben „hier spiele ich nicht“… das hat es einmal gegeben!
Wir haben ja 93/94, als wir ja auch „Nur Idioten Brauchen Führer“ draußen hatten und als das mit den Asyl-Angriffen so heftig war, eigentlich jeden Auftritt – auch in Ostdeutschland – angenommen. Wir haben uns vorher natürlich auch ein bisschen erkundigt und wir kannten halt die Goldenen Zitronen Story aus Halle, wo die Band ja von Nazis in eine Falle gelockt wurde und wo sie dann ganz knapp aus so einer Nummer rausgekommen sind.
Wir sind dann 1993 in so einen Laden in Cottbus reingekommen – damals hatten wir auch noch unsern farbigen Merchandiser Timo – in einer unfassbaren Plattenbau-Siedlung… dann lief dort klassischerweise auch direkt Böhse Onkelz. Es waren wirklich nur Leute anwesend, mit denen gehst du Abends nicht ein Bier trinken! Das waren zwar keine prügelnden Nazi-Skins, aber das waren so Leute, denen ist es egal ob jetzt gleich auch prügelnde Nazi-Skins ein Bier bestellen! Und da haben wir gedacht, dass können wir alleine schon wegen Timo nicht machen und er hat auch gesagt „ey, ich kann hier nicht bleiben!“ – dann sind wir einfach in den Bus rein und weiter nach Berlin gefahren… da haben wir gesagt „das geht so nicht!“ – Nee, das war das einzige!
Alleine schon mutig zu der Zeit als Punk-Band den ganzen Osten mit abzurocken!
Das war damals auch Punk… Teil des Deals! Da gab´s auch mehrere Bands, die waren da genauso drauf… da waren wir nicht die Einzigen, aber das war halt damals so!

 

Kein Interview ohne die obligatorische Frage, ob dir irgendein Erlebnis in Erinnerung geblieben ist, was besonders cool war, was du vielleicht später mal deinen Enkeln erzählen wirst?!
Das sind so unterschiedlichste Sachen… also den Auftritt, den man wohl für die gesamte Karriere von Kettcar als wegweisend sehen kann, das war der erste Hurricane-Festival Auftritt im Zelt… das war 2003, oder so. Wir waren ganz früh in dem Zelt terminiert und wir haben so dermaßen früh gespielt, dass wir niemals damit gerechnet haben, dass sich das Zelt auch nur ansatzweise füllt. Und dann sind wir so vor dem Zelt und schauen wo die ganzen Besucherströme hin wollen und das die ganzen Leute alle zum Zelt kommen – das Zelt wurde dann auch für voll erklärt und es kam keiner mehr rein… und dann haben wir halt gespielt. Mittags um 14:00 Uhr – und was soll man sagen, die Luft hat so krass gebrannt und wir haben das damals sogar ein bisschen gespürt, dass das nun der Auftritt ist wo wir zeigen können, dass wir vor 5.000 Leuten spielen und sie auch alle fertig machen können! – So ist es dann auch gekommen… 45 Minuten nur Hits – vorher haben wir auf unseren eigenen Headliner-Touren vor 300 oder 400 Leuten gespielt – und nach dem Auftritt war klar, jetzt können wir vor 5.000 Leuten auch alles platt machen.
Es gab aber auch viele, für mich emotional packendere Auftritte, wie zum Beispiel den Gig auf der Hafenfähre hier in Hamburg… so als Hafenfahrt! Die Sonne geht unter, wir spielen „Landungsbrücken raus“… das war krass!
Ja, solche Geschichten halt – viel kleinere Konzis, die aber auch imposant waren!
Also ich fand das Konzert beim 100 Jahre FC St. Pauli Festival auch sehr beeindruckend!
Echt? Persönlich würde ich diesen Auftritt gar nicht nennen, weil der so krass an mir vorbeigerast ist. Es war natürlich eine absolute Ehre da zu spielen, aber ich habe den Gig  jetzt nicht mehr so präsent… ich weiß natürlich, dass es ein wahnsinnig guter Auftritt war. Ich habe das halt eher so als eine Ehre empfunden dort spielen zu dürfen, als St. Pauli Fan und  mit den ganzen Leuten, mit den ganzen Bands! – fand ich geil!

 

Du hast vorhing gesagt du hast zwei Kinder… ich habe letzte Woche mit Ole (Plogstedt) auch ein Interview geführt und er hat ja auch drei Kindern und dann habe ich ihn auch diese Frage gestellt: Wie sieht das denn aus wenn deine Kinder später auch mal Berufsmusiker werden wollen? Würdest du ihnen dazu raten, oder würdest du eher sagen „nee lass, tut euch den ganzen Stress nicht an!“…wie siehst du das?
Was heißt denn Stress antun? Mein großer kriegt jetzt Gitarren-Unterricht… er meint er würde gerne Gitarre spielen lernen. Da bin ich der erste der sagt „ja klar, sofort! Aber auch wenn du Klavier lernen willst, oder Schlagzeug lernen  willst bezahle ich dir den Unterricht“. Mir ist das nicht wichtig ob sie Profi-Musiker werden, aber erstmal ist es toll ein Musikinstrument zu spielen, toll wegen den Optionen die sich dann daraus  ergeben – ich meine, meinen ganzen Freundeskreis habe ich über die Musik kennen gelernt, alleine dadurch das ich Gitarre spielen konnte! Okay, mein bester Freund hat jetzt mit Musik erstmal nichts zu tun, aber viele Leute habe ich durch die Musik kennen gelernt und das ist halt eine schöne Option die ich meinem Sohn natürlich auch ermöglichen will… und wenn da mehr draus machen möchte, dann werde ich ihnen mit allem was ich habe unterstützen!
Aber natürlich macht der Junge ja erstmal Abitur und was richtiges!
Natürlich!(allgemeines Gelächter!) –
„So lange er seine Beine unter meinem Tisch hat!“
…genau, richtig! Ich will ihn halt dabei unterstützen worauf immer er auch Bock hat… Musik ist eine ganz tolle Sache!

 

Wie sieht die Zukunft von Marcus Wiebusch aus? Ein bisschen haben wir ja schon gehört… aber wird es dann nochmal irgendwann eine Solo-Scheibe geben?
Jetzt mache ich erstmal Kettcar, die Platte kommt in diesem Jahr noch raus! Bei 15 Jahre „Fest van Cleef“ wird auch schon die erste Single zu hören sein. Dann geht`s natürlich wieder auf Tour… und dann schreibe ich natürlich mein Buch!
Wollte ich gerade fragen, wann kommt das Buch?(lachen)
Ja, dann halt!
Roman oder Autobiographie?
Auf jeden Fall nichts autobiographisches… um Gottes Willen! Es wird auch wahrscheinlich nichts mit Musik zu tun haben…
ich bin gespannt…
… ahhh ich weiß es nicht! Aufgrund des Thees Erfolges habe ich natürlich auch einige Anfragen und Angebote bekommen und es ist auch im Gespräch, aber ich werde jetzt erstmal das Kettcar Album so machen wie es richtig ist und dann gehe ich auf Tour und dann ist das Jahr auch schon wieder rum… und dann müsste man nochmal reden!
Ja… Thees hat ja auch ein bisschen länger gebraucht für sein Buch!
Ja genau!

Gibt es irgendwann nochmal etwas von der Hansen Band? Ich fand die damals ja sehr cool!
Wahrscheinlich nicht!
Wahrscheinlich nicht? Hast du denn noch Kontakt zu Jürgen?
Kaum noch… das verläuft sich so im Sande.
Immer wenn ich dann mal zufällig in Berlin bin und mich gemeldet habe, dann ist er natürlich irgendwo auf einem Dreh – das läuft halt irgendwie nicht. Aber immer wenn wir uns mal treffen, dann ist das auch cool und dann sagt man auch „lass uns mal irgendwie, bla, bla, bla…!“ – wie das halt so ist.
Aber nochmal zusammen Musik machen, das wird es wohl nicht mehr geben – dafür sind einfach die Kapazitäten dann auch zu unterschiedlich gebunden und ich muss ja jetzt für Kettcar die Songs schreiben und deshalb ist das für uns nicht möglich – ich kann jetzt auch nicht noch mehr Songs auf dem gleiche Niveau schreiben um dann mit der Hansen Band durch zu starten.
Ich war ziemlich begeistert von der Geschichte auch von dem Film!
Ist ein wenig unter gegangen damals das Projekt, aber ich finde es gut das du es damals abgefeiert hast!
Ich hätte auch nie erwartet, dass Jürgen auch relativ gut singen kann… da war ich schon ein wenig erstaunt!
Ja, das hat er ganz gut hingekriegt!

 

Ja, jetzt kommen wir schon ein bisschen zum Ende, du musst ja… du darfst ja jetzt auch gleich los!
Das wäre super, jetzt kommen sie auch gerade alle!

Ich haue jetzt noch ein bis zwei Sachen raus, wenn du noch etwas dazu sagen magst… einfach ein paar kurze Stichworte:

Hamburg ist die schönste Stadt der Welt, weil…
Weil sie den Hafen hat – weil sie „den“ Hafen hat!!!

Wenn ich irgendwann einmal ganz viel Zeit habe werde ich…
Noch ein Solo-Album machen!

Wäre ich kein Musiker geworden, dann wäre ich jetzt…
Entweder Anwalt… ich hätte Jura studiert wahrscheinlich! Oder ich hätte irgendwas mit dem Filmbereich zu tun… vielleicht Drehbuch-Autor!?

Der FC St. Pauli wird dieses Jahr nicht absteigen, weil…
Weil die Mannschaft sich gut gefunden hat. Weil sie berechtigterweise am Trainer festgehalten haben, obwohl ich zu Protokoll gebend sagen muss, ich hätte ihn auch entlassen nach dem Aue Spiel! Und weil die Mannschaft sich jetzt mit den Fans im Rücken gefunden hat… sie ist gut genug!

Alles klar… noch ein Tipp für`s Spiel heute?
Zwei/Null!
Drei/Eins!

 

Vielen Dank für das ausführliche und interessante Interview – und viel Spaß beim FC St. Pauli! (Anmerkung der Redaktion: wir hatten beide unrecht, das Spiel ging 0:0 aus! 😉 )

 

Homepage – Marcus Wiebusch

Bandpage – Kettcar

…But Alive – Fanseite

Homepage – Hansen Band

Grand Hotel van Cleef