Was verbindet man landläufig mit der bayerischen Stadt Augsburg? Na klar, die Puppenkiste. Zwetschgendatschi, auch klar. Das Kaufmanns- und spätere Adelsgeschlecht Fugger dürfte auch noch ein Begriff sein. Geschichtsbewusste denken sicherlich auch an den Augsburger Reichs- und Religionsfrieden und Sportfans an den Fußball-Erstligisten FC Augsburg oder die Augsburger Panther. Kulturinteressierte kommt der berühmteste Sohn der Stadt, Bertold Brecht, oder auch Leopold Mozart in den Sinn. Aber in popkultureller Hinsicht wird es schon etwas dünner. Wer etwas leichtere Unterhaltung bevorzugt, dem fällt vielleicht Roy Black ein (obwohl kein direkter Augsburger) oder auch Andreas Bourani. Im Indiebereich haben sich Nova International und Anajo einen Namen gemacht. Aber dann muss man langsam überlegen. Bands/Künstler die über viele Jahre hinweg professionell unterwegs sind, findet man nicht gerade viele. Im Endeffekt nur wirklich ein Act: The Seer.

Dieses Quintett feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen und hat über die Jahre hinweg konstant gute Alben veröffentlicht. Nur für den großflächigen Durchbruch hat es immer noch nicht gereicht, selbst wenn man 1998 mit der Radiohitsingle „Please“ kurz davor stand. Trotzdem ist der runde Geburtstag eine super Gelegenheit mal einen Streifzug durch die Diskografie der folkig angehauchten (Pop-)Rocker zu wagen. Darin werdet ihr auch hin uns wieder ein paar kleine Zitate von Sänger/Gitarrist Shook finden, welche er mir vor Jahren mal in einem Interview ins Mikrofon flüsterte. Aber nun, los geht’s!

 

 

 

Unglaublich aber wahr: Am Anfang von The Seer stand das Avantgarde-/Gothic-Projekt Goethes Erben. Oder zumindest fast. Jenes wurde 1989 von Oswald Henke und Keyboarder Peter Seipt gegründet. Letzter hatte aber so seine Probleme mit den düsteren Publikum, welches die Gruppe anzog und tat sich kurze Zeit später mit seinem Bruder Jürgen (fortan „Shook“) und dem Schlagzeuger Stephan Daffner zusammen, um die Band The Seer zu gründen. Dass man sich musikalisch dabei etwas an Big Country orientierte, kann man bereits am Bandnamen erkennen. War das doch der Titel der dritten Platte der Schotten. Aber auch Gruppen wie U2, Runrig oder The Man That Couldn’t Hang standen bei den Herren hoch im Kurs. Kurze Zeit nach der Gründung ersetzte Michael Nigg Stephan Daffner. Mit ihm nahm man das erste Demo „TIR“ auf und spielte Konzerte in Augsburg und Umgebung. 1992 ergänzte Bassist Jürgen Nils Möller The Seer zum Quartett. Ein Jahr später stieß ihr damaliger Roadie Jo Corda (Geige, Mandoline) zur Gruppe hinzu und brachte seinen eigenen Anstrich mit. So stand die endgültige Bandbesetzung, welche bis zum heutigen Tag Bestand hat. Nachdem man mit Demokassetten wie „Land of legend“ und vor allem mit mitreißenden Konzerten auf sich aufmerksam machte, fehlte jetzt nur noch ein Plattenvertrag und schon konnte man sich endgültig an das Thema Welteroberung machen. Dieses Ziel sollte sich 1994 erfüllen, als man beim damaligen Branchenriesen BMG Ariola ein Zuhause fand. Genügend live erprobte Songs waren vorhanden und mit jeder Menge Herzblut machte man sich an die Aufnahme des Debütalbums „Across The Border“, welches dann im Juni 1995 erschien.

 

Across The Border (1995)

Aufgenommen wurde das kürzlich im Rahmen eines Handwritten-Classic gewürdigte „Across The Border“ zwischen Dezember 1994 und Februar 1995 in einer alten Militärkapelle in Augsburg, zusammen mit Produzent Nick Griffiths, der auch schon für Roger Waters, David Gilmour oder The Skids an den Knöpfchen drehte. Und hört man sich dieses Album heute an, ist einem schnell klar, warum es The Seer den Ruf als „deutsche Hooters“ einbrachte. Ihr hymnenhafter und mit Folkelementen angereichter Rock klang und sprühte ähnlich vor Lebensfreude. Sie allerdings als Kopisten zu bezeichnen, wäre schlicht und ergreifend Humbug. Was „Across The Border“ ausmacht, ist vor allem der recht jugendlich wirkende Elan, die Frische und der unbedarfte Charme, welcher die Songs umweht und auch die damaligen Konzerte auszeichnete. Kein Wunder also, dass Shook die Platte fast belustigt einen „ungestümen Erstling“ nennt. Aber trotzdem sind die Kompositionen ziemlich ausgereift, durchdacht und verfehlen nicht ihre Wirkung. Unter den 13 Liedern sind einige, die noch immer fester Bestandteil der Konzerte von The Seer sind. Vor allem der schmissige und lockere Rocker „Take A Walk With Me“ oder der treibende und mit flirrenden Gitarren versehene Titeltrack. Ebenso immer wieder gerne gehört: das entspannte und melodiös leicht schwebende „The World Cries Love“, welches in späteren Liveversion allerdings erst richtig groß wurde. Und da wäre natürlich noch „Esmeralda’s Story“ – quasi das „Highway To Hell“ des Fünfers. Mit einer markanten Keyboardlinie beginnend stürzt man sich voller Power mit Geige und Gitarren in eine wahre Folkrockhymne mit Hüpf- und Mitsinggarantie. Aber auch hält „Across The Border“ noch ein paar weitere feine Songs bereit, die das Album zu einem Klassiker machen. Zum Beispiel das treibende, wenn auch mit einem einfachen Refrain versehene „In This Country“. Ähnliches gilt für „No Reward“ oder das fast naiv klingende, aber immer noch spaßige „Not Today, Not Tomorrow“. Gerne übersehen werden leider oft das sich spannend aufschwingende „Voice Of Eternity“ oder die melancholische Abschlussballade „Killing Fields“, welche die Klasse der Band deutlich machen. Ein durch und durch viel versprechender Start.

 

Das dachte sich wohl auch das Label von The Seer. Nicht nur, dass man die Herren nach der Veröffentlichung auf große Tour mit ex-Marillion-Frontmann Fish schickte. Man machte sicherlich einiges an Geld locker und buchte für das nächste Werk Peter Gabriels Real World-Studio und stellte der Band Produzent Peter Walsh zur Seite, der ansonsten mit Größen vom Format Scott Walker, Peter Gabriel, Saga und den Simple Minds zusammen arbeitete. Sein erstes Projekt mit The Seer hörte auf den Namen „Own World“ und stand ab Oktober 1996 in den Läden.

 

Own World (1996)

Vorab Shooks Kommentar zu Album Nummer zwei: „Viel Arbeit rein gesteckt. Viel an den Feinheiten geschraubt. Und sicher das speziellste Album unserer Karriere“. Ich würde gerne noch anfügen, das vielleicht sogar unauffälligste Album der Band, trotz einiger richtiger Perlen. Eventuell liegt es gerade auch an der perfekten und etwas zu runden Produktion. Denn hier überließ man wenig dem Zufall, lud sich einige Gäste ins Studio ein (u.a. Peter Gabriels Gitarrist David Rhodes) und schliff The Seer leider auch ein paar Kanten zuviel ab, was man gleich beim etwas zu gemütlichen und leichten Opener „Starting At The End“ zu hören bekam. Titel wie „I Promise You“, „A Star Will Come Down“ oder „Even This Night“ hat man heute zu Recht nicht mehr wirklich im Hinterkopf. Spannender ist da schon die erste Single „River“ – ein treibender Rocksong, der etwas aus dem Rahmen fällt und leider etwas in Vergessenheit geriet. Dies passierte dem heute noch gerne gespielten „I Need The Energy“ nicht. Selten ist die Band der Bezeichnung „perfekter Popsong“ so nahe gekommen. Ebensolche Konzert-Dauergäste sind der folkige und mit Akustikgitarre gespielte Titeltrack und das mit einem fast maschinellen Gitarrenriff versehene „Ferryman“, welches sich in den Folgejahren zur Signature-Nummer für Geiger Jo Corda mausern sollte. Aber auch sonst verstecken sich darin noch ein paar weitere erwähnenswerte Songs. Die Ballade „Let The Love Begin“ ist trotz des etwas kitschigen Texts wirklich groß. Vor allem wegen dem effektvollen Geigensolo. Etwas intensiver ist da noch die melancholische Schlussnummer „Streets Of My Hometown“, die nur auf Stimme und Streichern beruht. Auch ganz schön ist der Folkrocker „Storyteller’s Night“ (auch wenn man hier das Grundriff von „Take a walk with me“ recyclet), das etwas stolpernde „The Man Who Sailed The Seven Seas“ und das sich langsam aufbauende und leider vergessene „Twist Your Mind“.

 

 

Mit „Own World“ konnte man durchaus seine Bekanntheit beständig weiter ausbauen, was auch sicherlich daran lag, dass man nach der Veröffentlichung mit solch namhaften Bands und Künstlern wie Joe Cocker, The Who oder auch ZZ Top zusammen spielen konnte. Live wirkten die Songs des zweiten Rundlings zudem auch etwas lebhafter. Aber nur Konzerte spielen reicht einem nicht aus, wenn man ein kreativer Musiker ist. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Nachfolger im Handel zu haben war. Vorher hatte Schlagzeuger Michael Nigg die Ehre, Teile des Simple-Minds-Albums „Neapolis“ einzuspielen, bei dem ebenfalls Pete Walsh hinter dem Mischpult saß.

 

Liquid (1998)

„Liquid“ erschien im April 1998 und wurde abermals von Pete Walsh aufgenommen. Dieses Mal allerdings in heimischen Gefilden (Augsburg und München). Dass man kein zweites „Own World“ einspielen will, war den Musikern schnell klar. „Gefährlicher“, experimenteller und mutiger sollte es werden, das nächste Werk. Und noch nie zeigte sich die Band auch so auf der Höhe der Zeit, wie hier. The Seer entdeckten damals moderne Techniken wie Loops und Programming für sich und bauten diese in ihre immer noch sehr traditionellen Songs ein. Am besten zu hören beim treibenden „Prayer“, das mit einem fast maschinellen Rhythmus auf sich aufmerksam macht. Gleiches für das eingängige und rockige „God’s Heaven“ oder das pulsierende „Meditating On Madness“, welches trotz seiner latenten Düsternis zum Ende hin die Natürlichkeit mit Geigen- und Tin-Whistle-Klängen nicht vermissen lässt. Im Kontrast dazu gibt es natürlich aber auch wieder recht „klassische“ Seer-Songs, wie man sie von den Vorgängern kennt, wie das helle und ansteckende „The One“ oder das akustische „Love Keeps Dragging Me Down“. Das Beste aus beiden Welten stellt dann der beschwingte und nach modernem Folkrock (Flöte und Akkordeon inklusive) klingende Stimmungsmacher „King Without A Throne“ dar. Der Titel, welcher am meisten Aufmerksamkeit erregte, war aber zweifellos „Please“. Das Lied ist ein astreiner Pop-Rock-Hit mit einer ansteckenden Melodie, getragen von Gitarre und Streichern (Prager Kammerphilharmoniker) unter dem Refrain. Insgesamt kann auch ein leichter Britpop-Hang erkannt werden. Beides zusammen sorgte dafür, dass der Titel zumindest beim Radiosender Bayern 3 auf und ab lief. Noch heute stellt er den größten (und wohl einzigen) Hit der Band dar. Mit der üblichen etwas melancholischen Abschlussnummer „100 colours“ endet ein Werk, welches Sänger Shook als „lange Zeit unser bestes Album mit richtig viel Power und auch einigen ungewohnten Einflüssen“ bezeichnet. Wenn er davon spricht, dass es ein großer Schritt von ihnen war, mag man ihm kaum widersprechen. Zwar sind nicht alle Songs gleichsam geglückt und immer noch mitreißend, doch damals war „Liquid“ eine durch und durch tolle Platte, die man auch heute noch gerne auflegt.

 

Beflügelt von dem Erfolg von „Please“ und mit einem starken Album in der Hinterhand war man noch mehr live unterwegs als sonst. Und was man immer schon wusste, wurde mal wieder klarer: Auf der Bühne ist die Band noch stärker als in Studioräumen. Die Nachfrage nach einem Livealbum wurde immer größer und der Wunsch sollte sich im Mai 1999 mit „Organic“ erfüllen.

 

Organic (1999)

Aufgenommen wurde „Organic“ an drei Abenden im Dezember 1998 (27. bis 29.) im Augsburger Spectrum – wo auch sonst. Dass die Auftritte in dem jeweils brechend vollen Club zu Triumphzügen werden würden, war damit im Vorfeld klar. Eine weise Entscheidung, welche für die hervorragend eingefangene Atmosphäre der CD sorgt, die auch auf The Seer abfärbte und sie zu Höchstleistungen animierte. Die Tontechniker hatten es zudem geschafft, die Band so aufzuzeichnen, wie sie wirklich auf der Bühne damals klang. „Da haben wir es zum ersten Mal geschafft, unsere Livepower auf CD bringen“, meint Shook ebenso. Und weiter: „Wir hatten schon lange vorher Liveaufnahmen gemacht. Aber hier haben wir es geschafft, dass die CD so klingt wie unsere Liveauftritte.“ Mehr gibt es dazu schon fast nicht mehr zu sagen. Das zusammen mit der tadellosen und vor Highlights strotzenden Setlist, sorgte dafür, dass „Organic“ ein Pflichtkauf ist. Stimmungsmacher wie „Across The Border“, „Talk A Walk With Me“ oder „The One“ rocken die Hütte. Ebenso das famose Doppel aus „Esmeralda’s Story“ und „Ferryman“. Auch „The World Cries Love“ kommt hier richtig zur Geltung. Interessant ist auch die neue, akustische Version von „River“. Gänzlich neu ist dagegen das Hooters-Cover (nun also doch!) „Private Emotion“, welches Shook zusammen mit dem Songwriter CB Green zum Besten gibt, der damals die Konzerte als Voract einleitete. Ansonsten hier auch endlich mal auf CD zu hören: das grandiose Folk-Instrumental „Travel On“. Besser als hiermit kann man sich The Seer nicht nähern!

 

Neben weiteren Touren schrieben The Seer natürlich weiter an neuen Songs. Bald stand auch noch das zehnjährige Jubiläum der Band an. Dieses feierte man mit drei ausverkaufen Konzerten im Stadttheater Augsburg, welches ansonsten nicht in den Genuss von Rockkonzerten kommt. Und auch für die Fans war ein bestuhltes Seer-Konzert etwas Neues. Ein Jahr später wiederholte man das ganze mit einem ähnlichen Erfolg. Zwischenzeitlich bastelte man mit Produzent Ken Rose fleißig an einem neuen Album, welches den Namen „Rise“ tragen sollte.

 

Rise (2002)

„Rise“ wurde zum großen Teil im eigenen Black Lab-Studio aufgenommen und erblickte im Juni 2002 das Licht der Welt. Kurze Zeit vorher verkaufte man bereits eine als „01|02“ bezeichnete Version auf Konzerten. Und bereits auf diesen Konzerten deutete sich an, dass ein Wandel bei The Seer stattgefunden hat. Besonders bei den neuen Liedern vermisste man das Feuer. Sie klangen gleichförmig und sehr gefällig. Man konnte sich dem Eindruck nicht verwehren, dass man nach dem Erfolg von „Please“ verstärkt auf Radio-Airplay setzen wollte. Der frühere Folkanteil war zum Beispiel komplett verschwunden und man schien sich an Bands wie z.B. Travis zu orientierten. Und so gibt es auf „Rise“ fast ausschließlich leichten und reichlich glatten Poprock zu hören. Gerade die ersten drei Songs „I Wish You“, „21“ und „Turn“ sind mit ihrem Lala-Faktor an Beliebigkeit kaum zu überbieten. Kein guter Start und eine richtig gehende Enttäuschung. Der etwas rockigere Titeltrack ist trotz des neuen Soundbilds da schon besser. Auch das zwar immer noch sehr poppige aber beschwingte „She“ oder die Ballade „Lighthouse“, welche das Album gut repräsentiert, gehen ebenso ins Ohr. Die besten Songs sind allerdings zweifellos das anfangs etwas schwebende und dann extrem mitnehmende „Closer Every Day“, welches noch an das Vorgängeralbum erinnert, sowie das interessant arrangierte und emotionale „Love & Life“, die gerne neu entdeckt werden dürfen. „Rise“ ist absolut klar und fast perfekt produziert. Man weiß aber am Ende nicht so wirklich was man davon halten soll, da man die dort hörende Band nicht immer als The Seer erkennen kann. Auch die Gruppe selbst scheint bereits kurze Zeit später nicht mehr wirklich dazu zu stehen, da man in Zukunft so gut wie nie mehr Lieder davon auf Konzerten hören sollte. Shooks Kommentar gewährt auch einen interessanten Einblick: „’Rise’ war nicht gerade das glorreichste Kapitel unserer Geschichte. Wir haben da viel Zeit investiert und ich muss leider auch sagen, wahnsinnig viel Geld. Eigentlich ein Album das wir heute anders machen würden. Es war auch ein Fehler, dass wir uns bei der Produktion zuviel aus der Hand nehmen ließen. Wir haben es uns zu bequem gemacht und nicht richtig reingemischt.“

 

 

Einige Fans wanden sich nun auch von der Band ab und man meinte fast, als würde es um The Seer auch um einiges ruhiger werden. So wurden auch die Konzerte seltener. Um den alten Fans ein Geschenk zu machen und die Wartezeit bis zur nächsten Platte zu verkürzen, wühlten The Seer in ihren Archiven und förderten dabei einiges Interessantes zu Tage. Da man eine Band ist, die beständig neue Songs schreibt und auch Demoversionen davon aufnimmt, hatte man viel Material zur Verfügung, welches man für eine Veröffentlichung zusammenstellen konnte. Ein Teil davon bastelte man unter dem Namen „Retrospective“ zusammen und verkaufte das Ganze im Mai 2003 in limitierter Form (800 Stück) selbst auf Konzerten und im eigenen Webshop.

 

Retrospective (2003)

„Wir produzieren ja dauernd Dinge die nicht an die Öffentlichkeit gelangen“, spricht Shook ins Aufnahmegerät. „Das ist eine CD die ich immer wieder gerne mal anhöre, weil ich es interessant finde zu hören, was im Rohzustand alles herauskommt. Von daher finde ich es super, dass wir die Songs dokumentiert haben, die nicht auf die Alben gekommen sind.“ Und „Retrospective“ enthält 17 solcher Stücke, welche grob zwischen 1991 und 2001 entstanden – ungeschnitten und unbearbeitet. Dementsprechend schwankt auch die Klangqualität, was das Hörvergnügen aber nicht beeinträchtigt. Als besonders unterhaltsam entpuppen sich dabei die alten Demostücke vor der Veröffentlichung des Debüts „Across The Border“. Zum Beispiel die folkrockige Abgehnummer „Fire In My Heart“ vom 1992er Demoband „Land Of Legend“. „I Will Go“ schlägt in eine ähnliche Kerbe und zeigt, wie rau The Seer damals noch waren. Das ein Jahr später entstandene „Rebels“ war da schon etwas melodischer, aber nicht weniger treibend. Auf „Retrospective“ bekommt man auch die ersten Probeaufnahmen von Tin-Whistle- und Dudelsackspieler Konrad Stock zu hören, welcher in den folgenden Jahren noch öfter mit der Band auftauchen sollte. Besonders interessant sind zudem die Aufnahmen, welche vor dem dritten Album „Liquid“ entstanden und leider nicht auf der fertigen Platten zu hören waren. Besonders gut dabei: „Come Into My Arms“, ein melodisch fast schwelgerischer und etwas dunklerer Titel sowie das aufschaukelnde „Lullaby“. Mit „Waterfall“ und „Getting Closer Every Day“ bekommt man zudem zwei Albumsongs in ihrer Urversion. Besonders letzterer klingt in dieser Version wirklich sehr gut. Für Fans ist „Retrospective“ einfach unverzichtbar. Leider heute so gut wie nicht mehr zu bekommen.

 

Weiterhin legte man sich nicht auf die faule Haut und schrieb an neuem Material. Aber aus den Fehlern von „Rise“ hatte man gelernt und der Nachfolger sollte wieder anders werden und es müsste mehr von The Seer drinstecken, um wieder als echtes Album der Gruppe wahrgenommen zu werden. Zudem stand 2005 das 15-jährige Bandjubiläum statt, welches man standesgemäß feiern wollte. Aber zuerst meldete man sich voller Kraft zurück. Dies geschah im Mai 2005 mit „Arrival“.

Arrival (2005)

Der Albumtitel verriet es schon: The Seer fühlten sich gestärkt, als wäre man nach einer langen Reise endlich angekommen und hätte sich selbst gefunden. Shook: „’Arrival‘ ist unser persönlichstes Album, weil wir da wahnsinnig viel alleine gemacht haben. Das ging bis ins Tontechnische rein, da wir im Endeffekt selbst an den Reglern gesessen sind. Ich war z.B. als ich die Gesänge aufgenommen habe ganz alleine im Studio. Von daher konnten wir uns total austoben. Wir haben alle Ideen voll reinbringen können, die wir hatten. Hier steckt am meisten von uns selbst drin!“ Stilistisch klingt es auch so, als hätte man zurück zu seinen Wurzeln gefunden. Der hymnische Rock der Anfangstage war in einem runderneuerten Bild wieder voll da, was bereits die Albumeröffnung „Away From Here“ deutlich macht. Mit einem kratzigem Gitarrenriff, scheppernden Drums und einer folkigen Keyboardlinie schmettert man einen spaßfördernden Rocksong mit einem stark betonten Refrain. Überhaupt klingt der Langdreher für The-Seer-Verhältnisse relativ rau und krachig eingespielt, stark rhythmisch betont und mit spärlich eingesetzten ruhigen Momenten. In Sachen Experimente hielt man sich zudem ziemlich zurück und konzentrierte sich voll und ganz auf das Schreiben von einfachen und mitreißenden Liedern, die zum Beispiel auf die Namen „Ragged And Chained“, „Something In Between“ oder „Fast Car“ hören. Immer wieder taucht darin auch Konrad Stock auf, der hiermit endgültig einen Stammplatz in der Welt von The Seer bekam und seitdem schon fast ein Dauer-Livemitglied an Flöte und Dudelsack ist. Weitere feine Titel sind der stark treibende Rocker „Trail Of Tears“ (inkl. Bouzouki als Rhythmusgitarre) und die starke Ballade „Unsaid“, welche die einzige ihrer Art auf dem Album ist. Der Rest bewegt sich auf ziemlich gleich bleibendem Niveau und rundet ein durchgehend gutes bis sehr gutes Album ab, welches (wie bereits erwähnt) von der Band selbst mit Hilfe von Sigi Bemm produziert wurde. Nur live kamen viele der Songs davon noch besser.

 

The Seer 1990-2005 (DVD, 2005)

Zeitgleich mit „Arrival“ kam die DVD „The Seer 1990-2005“ in den Handel. Der Erstauflage des Albums lag sie sogar als Bonus bei. Wie der Titel bereits verrät, gibt es darauf eine ausgedehnte Dokumentation über die ersten 15 Jahre Bandgeschichte zu sehen. Und sieht man von der teilweise etwas Low-Budget-mäßigen Aufbereitung ab, bekommt man hier zwei unterhaltsame und interessante Stunden zu sehen. Den Großteil davon nehmen wechselnde Interviews mit den Bandgliedern ein, welche bereitwillig aus dem Nähkästchen plaudern. Dazwischen finden sich zahlreiche seltene und vorher nie gesehene Liveaufnahmen, welche in der Regel zwar nicht über Bootlegqualität hinausgehen, was aber nicht stört. Aufgeteilt wurde das Ganze in einzelne Kapitel, entsprechend der einzelnen CDs. Kann man sich auf jeden Fall ansehen und hin und wieder aus dem Regal holen.

 

Bei soviel Feierlaune war es natürlich klar, dass noch eine größere Jubiläumsveranstaltung stattfinden sollte, um den Fans für die jahrelange Treue zu danken. Und hierzu wählte man einen besonderen Veranstaltungsort: Und zwar den Augsburger Eiskanal – eine für die Olympischen Sommerspiele 1972 errichtet Wildwasseranlage für Kanuslalom. Und auch sonst war man wieder umtriebig unterwegs und zeigte sich so lebendig wie länger nicht mehr, was man später noch für eine neue Liveaufnahme nutzen sollte. Aber davor machte man sich noch einmal am eigenen Bänderarchiv zu schaffen und veröffentlichte im April 2006 die Fortsetzung zu „Retrospective“. Abermals auf 800 Exemplare beschränkt.

 

Retrospectice Vol. 2 (2006)

„Retrospective Vol. 2“ enthält Aufnahmen aus dem gleichen Zeitraum wie Nr. 1. Sprich von den ersten Gehversuchen als Trio und der Demokassette „TIR“, bis Probeaufnahmen zum Album „Rise“. Qualitativ zeigt man sich auf einem ähnlichen Level. Dabei enthält diese Ausgabe ein paar Songs, welche nach all den Jahren gerne als The-Seer-Klassiker bezeichnet werden können. Zum Beispiel der urwüchsige folkbeeinflusste Rocker „Letter To Ireleand“ oder die schöne und helle Ballade „Irish Summer“. Zudem gibt man einen kleinen Einblick in die Entstehung einiger Albumsongs. So ist „Secret Energy“ eine erste Idee zum späteren „I Need The Energy“ (haben allerdings nicht allzu viel gemein). Der „Liquid“-Song „Prayer“ klingt hier noch sehr basisch, auch wenn die Grundzüge voll da sind. Und „Love & Life“ (später auf „Rise“ zu hören) gibt sich hier noch etwas folkiger, aber genauso eindringlich. Weiterhin gut zu hören sind der akustische Benefizsong „No Train Returns“, das mit leichtem U2-Charme versehene „Wonderful Day“ und das aus 1997 stammende flotte „Paid“. Wie auch bereits Teil 1 ist „Retrospective Vol. 2“ für Fans eigentlich unverzichtbar und man sollte sich auf die Suche danach machen, wenn man die CD nicht bereits sein Eigen nennen kann.

 

Im gleichen Jahr war es auch soweit, dass man sich an ein weiteres, größeres Projekt machte: die Aufnahme der ersten Konzert-DVD und des zweiten Livealbums. Nach dem kleineren Spectrum suchte man sich dieses Mal eine größere Räumlichkeit auf. Die Wahl fiel auf das wunderschöne und atmosphärische Parktheater im Augsburger Stadtteil Göggingen. Das einzige erhaltene Multifunktionstheater in Glas- und Gusseisenkonstruktion aus der Gründerzeit, das auch nicht allzu oft in das Vergnügen eines Rockkonzerts kommt.

 

Live (2007)

Aufgenommen wurde das Material dafür am 1. und 2. Dezember 2006 vor einem großen und enthusiastischen Publikum und abgemischt wieder vom alten Wegbegleiter Peter Walsh. Die Band selbst sieht das Ganze noch heute als ambitioniertes Projekt: „Es war eine echte Herausforderung mit der Akustik klarzukommen. Es ist ziemlich schwierig für eine Rockband da aufzunehmen. Aber wir sind sehr glücklich, dass es eine so schöne DVD geworden ist.“ Und das ist sie in der Tat geworden, auch wenn man als Vergleichsstandard nicht gleich die Hochglanzprodukte von U2 oder AC/DC heranziehen sollte. Womit die Aufzeichnung vor allem punktet, ist die tolle Atmosphäre, die leidenschaftliche aufspielende Band (inkl. zeitweisen Gast, Freund Konrad) und die interessant zusammen gestellte Setlist, in der sich Songs aus sämtlichen Schaffensperioden befanden – von alten Non-Albumstücken wie „Letter To Ireland“ bis zu neuen Liedern vom aktuellen „Arrival“. Lediglich das Album „Rise“ blieb außen vor. Dafür kann man jetzt endlich mal den uralten Stimmungsmacher „First One In The Row“ auch zu Hause hören. Zudem gibt Sänger Shook ganz alleine die Folkballade „Bonny Portmore“ zum Besten und später begleitet von einer Harfinistin das ruhige und schöne „Sharon“. Beides regelrechte Gänsehautmomente. Allzu viele Überschneidungen der CD-Version mit dem ersten Livealbum „Organic“ gibt es glücklicherweise nicht. Auf der DVD kann man, im Gegensatz zur CD, das komplette Konzert von damals sehen und hören. Was im Vergleicht zu 1998 auffällt (man nehme z.B. „Esmeralda’s Story“), ist, dass Sänger Shook es heute stimmlich, im Gegensatz zum Rest der Band, etwas ruhiger angehen lässt. Aber das ist nur ein überschaubarer und nicht wirklicher Makel. Ansonsten ist dieses Livepaket sehr schön geworden und für Neueinsteiger sogar sehr zu empfehlen.

 

 

„Live“ war zugleich das Begrüßungsgeschenk für ihr neues, bayerisches Label F.A.M.E. Rercordings. Zeitgleich wurden die alten Alben von The Seer neu veröffentlicht. Danach ließ man es etwas ruhiger werden. Mit „Arrival“ hatte man den Spaß zurück gewonnen und sich endgültig als etablierte Band präsentiert, sowie sich offensichtlich mit seinem Status zurecht gefunden. Der große Durchbruch blieb zwar aus, aber schließlich war man von seiner Beschäftigung als Musiker nicht finanziell abhängig und so konnte man sich weiter in entspannter Atmosphäre an ein neues Werk wagen, welches im April 2010 das Licht der Welt erblicken und den Namen „Heading for the sun“ tragen sollte.

 

Heading For The Sun (2010)

Für sein damals neues Baby taten sich die fünf Herren mit dem renommierten Produzenten Chris Wolff zusammen (u.a. Rage, Sub7even, 4Lyn) und nahm wechselnd in verschiedenen Studios auf. Zum Beispiel im heimischen Augsburg und an der Ostsee. Die Beziehung The Seer / Wolff schien recht fruchtbar verlaufen zu sein. Denn „Heading For The Sun“ präsentiert eine recht lebendige Band, die es hörbar noch einmal wissen möchte. Der Mann hinter dem Mischpult lässt die Songs glänzen und hat sie etwas aufgepumpt, was alte Fans vielleicht ein wenig stören könnte. Dafür kommen sie mit reichlich Druck und Leben um die Ecke. „What We Are“ und „Where Do We Go“ ist gleich ein mitreißendes Eröffnungsdoppel. Auch „The Borderline“ und „Wasted“ ist ein ebenso famoses Duo. Letzteres erinnert mit ein wenig Elektronikeinsatz an die experimentellere Phase der Band. Angenehme Balladen haben The Seer natürlich auch wieder an Bord. Kandidaten für einen Abend zu zweit hören auf die Namen „Setting Sails“ und „Rain Down On Me“. Absolut urtypisch sind dagegen Titel wie das ebenso gute „Wishful Thinking“ oder „Dive In To The Blue Sky“ – melodieverliebt und leicht genießbar. Besonders hervor sticht insgesamt Sänger Shook. Seine angenehme Stimme, seit jeher Kennzeichen der Band, klingt besser als je zuvor. Ein anderes Merkmal hat man allerdings größtenteils der Studiotür verwiesen: Multiintrumentalist Jo Corda ließ seine Geige zu Hause, griff lieber wieder zu Mandoline, Bouzouki und elektrischer Sitar. Und auch sonst erkennt man die Folkeinflüsse mit Ausnahme der sparsamen, akustischen Ballade „Rain Down On Me“ eher dezent im Hintergrund. Am Ende gefällt das Album einfach mit seinem zeitlosen und perfekt auf den Punkt gebrachten Songwriting. Für den Redakteur ein großes Highlight der Seer-Disografie!

 

20 Jahre lang trieb man jetzt schon sein Unwesen in der Musikszene. Größere Feierlichkeiten zum zweiten runden Geburtstag gab es dieses Mal allerdings nicht. Weder eine besondere Veröffentlichung, noch ein größeres Konzert. In der Heimatstadt trat zudem nur einmal als Abschluss des gut gelaufenen Jahrs auf.

 

Wide Eyed Walker (2012)

Im September 2012 stand dann eine neue CD in den Läden. Veröffentlicht durch dasselbe Label, eingespielt in derselben Konstellation mit Chris Wolff. Man scheint die gemeinsame Arbeit beim letzten Mal wohl genossen zu haben. „Wide Eyed Walker ist ein helles Stück Musik das die düsteren Wolken des anrollenden Herbsts für eine Zeitlang zur Seite schob. Dabei ist es kein wirkliches Partyalbum, sondern eines das mit feinen, nicht allzu aufdringlichen Melodien überzeugt, die sich sehr schnell in die Ohren schlängeln. Vom Klangbild ist es seinem Vorgänger sehr ähnlich, klingt aber im Ganzen zurückhaltender, strotz aber immer wieder vor positiver Kraft, wie bei der Eröffnungsnummer „The Evidence“. Genau so muss poppiger Rock wohl klingen. Am Ende neigt man fast zu denken, „Wide Eyed Walker“ ist das Album geworden, welches „Rise“ hätte zehn Jahre zuvor werden sollen. Denn die Platte ist so melodienverliebt und fokussiert wie nur wenige vorher, was insbesondere das an eine weiche Songwriter-Nummer erinnernde „A Man’s Coming Home“, die federnde Ballade „Parallel World“ oder „Losing My Head“ zeigen. Dazwischen stehen flotte Poprock-Songs, die das Album vorantreiben, wie das absolut bandtypische „Your Song“ oder das den Rest überstrahlende „Gone Forever“. Möchte man am Ende wirklich ein Haar in der Suppe finden, könnte man vielleicht bemängeln, dass sich viele Songs auf der CD etwas ähneln. Klein Haken sind zum Beispiel der effektive Mandolineneinsatz bei „The Answer“ oder die melancholischen Dudelsack-Sounds von Dauergast Konrad Stock in „Sirens“. „Wide Eyed Walker“ ist am Ende ein äußerst durchdachtes und erwachsenes, aber auch leichtgängig klingendes Album geworden, das für ein angenehmes Gefühl sorgt.

 

Auch in der Folgezeit ließ man es sich in Sachen Konzerten eher ruhig angehen, spielte nur immer wieder ein paar Einzelshows, die nach wie vor Garant für ausgelassene Stimmung waren. Also nichts Neues unter der Sonne…

 

The Best Of (2014)

Nicht allzu viel Neues gab es auch kurz vor dem halbrunden 25. Geburtstag der Band. Jener Umstand wurde mit der Doppel-CD „The Best Of The Seer“ gewürdigt. Auf zwei randvollen CDs bekommt man 30 bekannte und beliebte sowie drei brandneue Songs des Quintetts zu hören. Damit deckt man nicht nur über zwei Jahrzehnte Bandgeschichte, sondern auch alle sieben Studio- und beide Livealben ab. Die Songs wurden chronologisch angeordnet, so dass man die Entwicklung der Band vom etwas ungestümen Debüt „Across The Border“ bis zum Edel-Poprock-Album „Wide Eyed Walker“ sehr gut nachvollziehen kann. Der Fan mag sich fragen, welchen Mehrwert er von der Veröffentlichung hat. Da wäre zum einen der alte Livefavorit „The First One In The Row“, der erstmals seinen Weg auf ein CD fand (wenn man es genau nimmt, war diese Version aber bereits auf der Live-DVD von 2007). Zudem drei brandneue Songs, welche die Line der letzten beiden Alben weiter führen. „Leave A Light“ ist urtypischer Poprock der Band, während es „We Are“ etwas hymnischer angehen lässt. „Nothing“ beginnt dafür leicht balladesk und gefällt mit einer feinen Dynamiksteigerung. Klassiker dürften die Nummern nicht werden. Trotzdem freute man sich, ein bisschen was Neues zu hören.

 

 

Auch danach ging man geradlinig seinen Weg weiter, spielte hin und wieder ein paar Konzerte, hielt sich ansonsten aber weitestgehend zurück, was zur längsten Pause zwischen zwei Studioalben führte. Ganze sechs Jahre waren vergangen, bis der nächste abendfüllende Gruß aus dem Studio in den Läden erworben werden konnte.

 

Messages From The Black Lab (2018)

Die Lange Pause zwischen „Wide Eyed Walker“ und „Messages From The Black Lab“ liegt sicher auch darin begründet, dass man dieses Mal alles komplett selbst in die Hände nahm. Der Albumtitel bezog sich auf den eigenen Proberaum, welcher einfach zum vollständigen Studio umfunktioniert wurde. Zum großen Teil erledigte man auch die Aufnahmen und die Produktion ohne weitere Hilfe. Für den Feinschliff sorgte allerdings der alte Weggefährte Peter Walsh. Am Ende kam ein Album heraus das zu 100 % The Seer enthält, aber doch etwas anders als seine Vorgänger wirkt. Anno 2018 klingt die Band etwas luftiger, klarer, flächiger, ja, auch leichter und poppiger. Allerdings ohne in Beliebigkeit abzurutschen. Der Start mit „Every Step“ und seinen Oh-Oh-Chören ist vielleicht ob seiner Unauffälligkeit etwas unglücklich gewählt. Aber mit dem zweiten, aufwühlenderen Song „Dawning Of The Day“ ist man dann wieder drin im The-Seer-Feeling. Und mit „Counting Cars“ kommt dann schon der erste ruhigere Moment. Von den 14 Titeln sind viele recht gut gelungen. Die Ohrwürmer offenbaren sich allerdings erst nach mehrmaligem Hören. Zum Beispiel das von Cello-Tönen begleitete, heimelige „Deep Dark Water“ oder das warme „Into The Fire“. Am meisten reist die Band allerdings mit ihren rockigeren Stücken mit („Pieces“, „Ride The Avalanche“). Auch die folkigen Wurzeln hat mich nicht komplett vergessen. Dafür sorgt spätestens Konrad Stock im wirklich schönen „Love A Diamond“ und bei „The Black And The Blue“. Auch wenn die CD gerne etwas kraftvoller klingen könnte, ist „Messages From The Black Lab“ doch gelungen. Ob es die Zeit überdauert muss man sehen.

 

 

2020 sollte eigentlich das große Jubiläumsjahr für The Seer werden. Man feilte lange an seinem Jubiläumsprogramm und es standen zahlreiche Konzerte auf dem Programm. Die Corona-Krise machte dem aber erst einmal einen Strich durch die Rechnung. Die beiden Jubiläums-Shows im Augsburger Spectrum im Oktober, welche abermals aufgezeichnet werden sollen, stehen zwar noch offiziell auf dem Programm, aber ob sie stattfinden oder nachgeholt werden müssen, weiß man derzeit noch nicht. Warten wir ab! Dafür kann sich der geneigte Fan zwei neue Tonträger ins Haus holen: „Rewind“ und „Across The Border 25“.

 

Across The Border 25 (2020)

Man feiert 2020 nicht nur sein 30-jähriges Bestehen, auch das Debütalbum erschien vor einem Vierteljahrhundert. Letzteres würdigt man mit einer Maxi-Single, welche sechs verschiedene Versionen des Titeltracks enthält. Zum einen die bekannte Albumversion von 1995, dann die beiden Liveversionen von 1998 und 2006, eine raue Demo-Version von früher sowie eine komplette, aktuelle Neuaufnahme. Wirklich verändert hat man den Song dabei nicht, man spielte ihn aber kraftvoll im modernen Sound ein und erweiterte ihn um ein paar neue Effekte. Hat was. Interessanter ist allerdings „Pasar La Frontera“. Eine Neuaufnahme in Spanisch. Klingt wie Calexico-meets-Western-Soundtrack. Ein kleines Kuriosum, bei dem sich die Band komplett austobte. Irgendwie lustig und unerwartet.

 

Rewind (2020)

Das bereits in einem eigenen Review besprochene „Rewind“ ist dagegen eine Veröffentlichung im Geiste der beiden „Retrospective“-CDs. Eine Raritätenscheibe, welche alte Aufnahmen aus den Jahren 1990 bis 1995 enthält. Zeug der alten Kassetten-Veröffentlichungen „TIR“ und „Land Of Legend“ sowie bisher unveröffentlichte Demos. Als Hardcore-Fan mag man etwas enttäuscht sein, dass man dabei zahlreiche Songs zu hören bekommt, die man bereits auf den ersten beiden Rückblick-CDs gepackt hat. Aber da jene schon lange nicht mehr zu kaufen sind und die Songs im Rahmen eines Remastering klangtechnisch aufgepeppt wurden, ist das zu verschmerzen. Für Nachgewachsene wäre es wirklich schade Songs wie „Letter To Ireland“, „Fire In My Heart“ oder „Irish Summer“ nicht wieder hören zu können. Daneben gibt es aber immer noch genug Unbekanntes. Die Aufmachung im einfach aufklappbaren Digipack ohne Booklet ist zum Thema passend spartanisch. Als Ganzes eine nette Veröffentlichung.

 

Wie es weitergeht bleibt spannend. Für die Zukunft halten Shook, Peter, Jo, Mike und Jürgen sicher noch den einen oder anderen schönen Song in petto!