Neulich erst habe ich den letzten Teil der Trainspotting-Reihe von Irvine Welsh förmlich verschlungen, da liegt schon der nächste literarische Hochkaräter vor mir.

Der liebe Thorsten Nagelschmidt, seines Zeichens Buchautor und Frontmann der legendären Punk-Combo Muff Potter, haut nach „Der Abfall der Herzen“ nun keine zwei Jahre später mit „Arbeit“ einen tiefen Einblick in das aufregende, aber auch doch so zerstörenden Nachtleben in der Hauptstadt – irgendwo zwischen Frustration, Angst und dem Drang nach Unsterblichkeit, heraus.

In den 70ern im idyllischen Rheine geboren, verschlug es Nagel in der Zwischenzeit in die große weite Welt… und irgendwann dann halt auch nach Berlin, wo es nachweislich nichts gibt das es nicht gibt. 12 durchzechte, heitere, traurige, melancholische und verstörende Stunden dürfen wir hier einige Protagonist*innen begleiten und an ihrer Vorstellung vom Real-Life teilhaben.

Und als wäre „Arbeit“ eine Blaupause für die aktuelle Corona-Krise, wird sich hier quasi um alle systemrelevanten Jobs gekümmert, die eine solche Nacht benötigt. Von der vielseits gescholtenen Polizei (die vermeintlich alles oder auch nichts im Griff zun haben scheint), über die Kioskbesitzerin (die sich ihr aktuelles Leben wahrscheinlich ein wenig entspannter vorgestellt hat als ihr vorheriges), bis hin zum Türsteher einer Discothek, der zwar Besucher zu schützen versucht, seine eigene Familie somit auf Dauer aber wohl nicht retten kann.

Ach ja, da wäre ja auch noch die Notfallsanitäterin, die sich insgeheim nach Nähe und Geborgenheit sehnt – aber wie heißt das doch so schön bei Rocko Schamoni… „Liebe kann man sich nicht kaufen!“

Wenn man dann noch Sheriff betrachtet, der zu früheren Zeiten wahrlich nicht reingespuckt hat, sich mittlerweile im gesetzten Alter und mit ausreichend Erfahrung im Hostel verdingt und dort das Elend der großen weiten Welt in kleinen handverlesenen Dosen erlebt – da kann man doch eigentlich nur noch die nächtliche Flucht nach Halle angehen, oder?

Bevor ich nun alle aufzähle, die in Kreuzberger Nächten so rumfleuchen und versuchen eine weitere Nacht zu überleben (hier gibt es nämlich noch so einige Charaktere, deren Geschichte spannend genug für einen eigenen Roman wären – exemplarisch sei hier der gute Herr Bederitzky genannt, der mit seinem Taxi von Gewissensbissen geplagt nicht nach Paris, sondern in die ostdeutsche Nacht fährt), rate ich allen hier ganz entspannt zuzugreifen – und immer dran denken…

»Am Ende wird alles gut, wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.«

… auch wenn die Stadtreinigung dann irgendwann dem nächtliche Spuk ein Ende setzt und alle wegspült, dich den Weg nach Hause nicht mehr alleine geschafft haben.

 

Als Leser fühle ich mich mit „Arbeit“ gut aufgehoben und ich erkenne mich so manches Mal in dem einen oder anderen Charakter wieder… auch wenn Nagelschmidts Berlin dann bei mir viel eher Dortmund oder die dörfliche Provinz war/ist – der abendliche Gang zum „Späti“, die kruden und wirschen Gespräche durchgedrehter Individuen, der Konsum bewußtseinsvernebelnder Substanzen… Etwaige Parallelen sind keinesfalls von der Hand zu weisen!

 

 

Erscheinungstermin: 29.04.2020
Preis: € (D) 22,00 | € (A) 22,70
Umfang: 336 Seiten
Ausgabeart: Hardcover
ISBN: 978-3-10-397411-9

 

Foto: Verena Brüning

 

„ARBEIT“ gibt es bei S. Fischer – dem lieben Thorsten Nagelschmidt könnt ihr hier folgen.