Es war nicht weniger als eine Sensation, als der norwegische Sänger Sivert Høyem Mitte letzten Jahres ankündigte, dass sich seine ehemalige Band reformiert habe. Zehn Jahre nachdem sie sich für eine letzte Tour zusammenraffte, nachdem der für den Sound der Gruppe so prägende Gitarrist Robert Burås 2007 verstarb.

Tja, es sollten nicht nur leere Worte sein. Es folgte nun eine ausverkaufte Tour quer durch Europa. Die meisten Konzerte waren bereits weit im Voraus ausverkauft. Ein grandioser Erfolg also. Und das war an diesem lauen Februarabend im München auch nicht anders. Wer keine Karte hatte, musste in die Röhre schauen und konnte das ehemalige Metropolis im immer schicker werdenden Werksviertel nahe der Isar von außen betrachten. Ich kann man mich noch erinnern, als ich das letzte Mal dort war. Der Act des Abends war: Neurosis. Damals trug die Halle noch den alten Namen und war ein kleines, düsteres Loch. Mittlerweile, frisch renoviert, ist sie hell und einladend. Aber ist natürlich trotzdem nichts anderes, als ein altes Fabrikgebäude. Beide Besuche hatten aber eins gemeinsam: die Stimmung und die Musik waren verdammt emotional! Doch das Publikum war natürlich ein anderes, in diesem Fall äußerst bunt gemischtes. Statt abgründigem Postmetal gab es dieses Mal diesen besonderen, nordischen, melancholischen Alternative-Rock, der mit Genuss auch gerne im morastigen Blues badet, einen mal zärtlich streichelt, dann aber wieder in ein dunkles Loch zerrt.

Man, ich hätte nicht gedacht, diese Musik noch einmal live erleben zu können! Kein Wunder, dass ich nicht der einzige heute war. Die Stimmung war jedenfalls erwartungsvoll, als zehn vor neun die Saallichter erloschen und das Intro anlief. Die Bühne in diese „seltsame Farbe Blau“ getaucht, wie es sich gehört. Die Tour stand ganz im Zeichen des Debütalbums „Industrial Silence“ (20-jähriges Jubiläum!), welches in seinen besten Momenten wie der Soundtrack eines gemeinsamen Filmprojekts von Quentin Tarantino und David Lynch klingt. Und so wurde auch gleich mit dessen Opener und Sahnenummer „Vocal“ gestartet. Und sobald die ersten Twang-Gitarrensounds und vor allem die Stimme Høyems erklang, war man mittendrin in dieser besonderen Stimmung, welche nur jene Band zu erzeugen vermag. Das Publikum wirkte anfangs etwas verhalten. Oder einfach erdrückt. Es lag etwas Besonderes in der Luft. Der Applaus sollte sich von Song zu Song weiter steigern.

Die Band spielte wahnsinnig gut und vor allem äußerst intensiv. Die folgenden lauten Nummern standen einer Doom-Metal-Band in Sachen Eindringlichkeit, und teils auch in Sachen emotionaler Heavyness, kaum nach. Über den ersten Ruhepol, der gefühlvollen Ballade „Shine“ war man regelrecht froh. Und das ist auch was diese Band ausmacht – das Gleichgewicht an abgründigen, tiefgehenden Songs und einer gewissen Leichtig- und Empfindsamkeit. Diese Gefühle würden sich allerdings nicht einstellen, hätte man nicht einen derartig charismatischen und vor allem eindringlichen Sänger in seinen Reihen. Sivert gibt sich zuerst wortkarg, zieht das Publikum aber mit der ersten Handbewegung sofort in seinen Bann.

Die Lightshow war einfach, aber sehr effektiv. Projektionen im Hintergrund (düstere Landschaften, leere Landstraßen etc.) unterstützen das Ganze. In der ersten Hälfte wurde das Debütalbum komplett gespielt. Allerdings in einer abgewandelten Songreihenfolge, was das Ganze spannend machte und die Höhepunkte noch deutlicher hervorstellte. Insbesondere das wabernde „Strange Colour Blue“, das beschauliche „This Old House“, die Ballade „Quiete Emotional“, das düster mäandernde „Terraplane“ sowie das fast hymnische „Electric“. Høyem bemerkte süffisant, dass jenes die erste vernünftige Nummer sei, die man gemeinsam schrieb, welche den Grundton für folgende Taten vorgab. Von damals sind noch Bassist Frode Jacobsen und Schlagzeuger Jon Lauvland Pettersen mit dabei. Die Lücke von Burås füllen Multiinstrumentalist (geschmackvolle Tastentöne und Glockenschläge!) Christer Knutsen und Gitarrist Cato Thomassen – und das ziemlich gut. Besonders letzterer bereichert die Band mit seinen starken Einsätzen.

Nach 70 Minuten erloschen dann erst einmal die Lichter auf der Bühne. Aber das war es natürlich noch nicht. Es schloss sich noch ein weiterer Programmteil mit einer Sammlung „Greatest Hits“ an, der zwar nicht so düster-intensiv wie der erste war, aber in Sachen Stimmung die Tore erst so richtig öffnete. „Black Mambo“ greift die Atmosphäre des Debüts nochmals auf. Und dann folgten die Sahnestücke Schlag auf Schlag. „Hands Up – I Love you“, „What’s On Your Mind“, das grandios dargebotene „Majesty“. Das euphorisch gespieltes „The Kids Are On High Street“ wäre ein toller Schlusspunkt gewesen. Jener wurde allerdings mit dem etwas gedämpften, nicht weniger schönem „Valley Of Deception“ gesetzt. Das war es dann auch. Künstliche Zugabenspiele verkniff man sich (glücklicherweise!). Man war auch satt – und verdammt glücklich diesen unheimlich emotionalen Konzertabend miterlebt zu haben.

Auf dem Weg zum Parkhaus kamen einem ein paar Maskierte entgegen. Ach ja, es war ja Fasching, Gumpiger Donnerstag, Weiberfastnacht. Da fiel es noch mehr auf: Was für ein melancholisches Kontrastprogramm Madrugada doch waren. Daumen hoch, bitte wiederkommen!

 

Setlist:
Vocal
Belladonna
Higher
Sirens
Shine
This Old House
Strange Colour Blue
Salt
Norwegian Hammerworks Corp.
Beautyproof
Quite Emotional
Terraplane
Electric

Black Mambo
Hands Up – I Love You
Only When You’re Gone
What’s On Your Mind?
Majesty
The Kids Are on High Street
Valley of Deception

 

P.S.: Die Reunion scheint tatsächlich weitere Früchte zu tragen. Mittlerweile hat man mit „Half-Light“ ein neues Stück aufgenommen, das Teil über einen Film über den Polarforscher Roald Amundsen ist. Und so hört es sich an: