Einen Classic für diese Woche zu finden, war nicht allzu schwer. Die Wahl fiel aus mehr oder weniger aktuellem Anlass auf das Debüt von Madrugada. Die Norweger haben sich kürzlich mit einer ausverkauften Reunion-Tour in unseren Breitengraden zurückgemeldet (siehe Livebericht aus München). Anlass war unter anderem, dass ihr Debüt vor zwanzig Jahren erschienen ist.

Ich weiß nicht mehr genau wann es war, aber zumindest unter welchen Umständen ich den ersten Ton daraus gehört habe. Der bayerische Radiosender Rockantenne spielte damals sonntagsvormittags immer ein Morgenprogramm mit Balladen und entspannten Rocksongs, welches das In-den-Tag-Kommen nach durchzechten Abenden erleichtern sollte. Leicht auf dem Sofa dahindämmernd ertönte plötzlich diese Twang-Gitarre und eine eindringliche Stimme erhob sich zu einem fantastisch stimmungsvollen, etwas geheimnisvollen Song. Es war „Strange Colour Blue“. Die Band und ihre faszinierende Musik hatte ich noch nie gehört. Kurz darauf hatte ich aber ihren kompletten Backkatalog im CD-Regal stehen.

 

 

Und die Faszination hat bis heute nicht abgerissen. Am meisten verzaubert aber nach wie vor „Industrial Silence“. Warum? Damit haben Madrugda ihren ganz eigenen Sound kultiviert und ihre eigene Klangwelt etabliert. Meist recht entspannter Alternative Rock, der in den richtigen Momentan auch ziemlich schwer klingen kann. Ein klarer Sound, in den dessen Mittelpunkt die Gitarre des 2007 verstorben Robert Burås steht. Meist unverzerrt und mit diesem speziellen Twang-Feeling versehen. Ein Hauch von Blues und Americana durchweht das Ganze, aber stets nicht ohne diese spezielle nordische Melancholie. Und darüber thront die unglaublich eindringlich Bariton-Stimme von Sivert Høyem. Eine die man unter tausenden heraushört und die einem immer wieder Gänsehaut beschert.

Das Album ist sehr stimmungsvoll, die meisten Songs im schleppenden bis balladesken Tempo. Wenn es lauter wird, dann nimmt das umso mehr mit. Es startet mit „Vocal“ allerdings getragen. Klare Gitarrenakkorde und eine sanfte Stimme wiegen den Hörer in Ruhe. Doch ein hymnischer Refrain, fein gesetzte Hooks und ein effektvolles Gitarrensolo reißen mit. „Bulletproof“ klingt wie eine Katze auf dem Sprung, bevor die Nummer, welche ohne große Haken auskommen muss, explodiert. Der Kontrast folgt mit „Shine“ auf dem Fuße. Eine wunderschöne, feinfühlige Ballade. Warm, einschmeichelnd, aber weder anbiedernd noch billig. „Higher“ ist wieder schleppend und schwer. Düstere Gitarrenleads, rockiges Getöse und der croonende Gesang bilden eine Einheit und ziehen einen erstmal runter.

„Sirens“ fängt einen danach aber noch nicht wirklich auf, sondern setzt die düstere Linie fort und lullt einen betörend ein – wie die Titel gebenden Sirenen. Und dann kommt dieses besondere Triple, welches das eh schon spannende Album eine noch größere Qualität gibt. Zuerst das bereits genannte, geheimnisvolle „Strange Colour Blue“. Ein dynamischer Song, der auch nach zwei Jahrzehnten noch für angenehmes Kribbeln sorgt. Nach der düsteren Collage wird der Hörer mit der klaren Ballade „This Old House“ mit seinem einfachen aber eindringlichen Refrain wieder zurückgeholt ins Licht. „Electric“ ist eine im Kern einfacher, getragener Nummer, die aber durch den Sound der Band und den emotionalen Vortag ziemlich mitnimmt. Dieses Sonnenuntergangsfeeling gefällt.

 

 

Die restlichen Songs kann man als eine Art Ausklang sehen. „Salt“ gibt sich dramatisch, „Belladonna“ garstig, „Norwegian Hammerworks Corp.“ verwirrt zuerst mit seiner Mischung aus erzählerischem Sprechgesang und Hymnenhaftigkeit, entwickelt mit der Zeit aber einen interessanten Sog. Mit „Quiet Emotional“ zeigt man noch einmal seine gefühlvolle Seit, der man sich nicht entziehen kann und „Terraplane“ schlägt zum Abschluss noch einen etwas anderen Ton an. Eine dunkle, etwas jazzige Ballade mit nebliger Stimmung und gehauchtem Gesang. Ganz so, als würde sich die Band aus der Ferne verschwindend verabschieden.

Madrugada haben noch weitere gute Alben mit grandiosen Einzelnsongs aufgenommen. Aber derart faszinierend waren sie vor allem hierauf. „Industrial Silence“ hat sich seinen Klassikerstatus zweifelsohne verdient. Und es ist toll, dass die Band auch ohne ihren Originalgitarristen die Songs wieder live präsentiert!

 

Trackliste:
1. Vocal
2. Beautyproof
3. Shine
4. Higher
5. Sirens
6. Strange Colour Blue
7. This Old House
8. Electric
9. Salt
10. Belladonna
11. Norwegian Hammerworks Corp.
12. Quite Emotional
13. Terraplane

 

Titelbild:  Madrugada 2018 – by Knut Aaserud