Berke Can Özcan – Cicadas & Kitharas (Bandcamp, 24.06.2021)

Vor nicht ganz einem Jahr habe ich euch das fantastische Album “Mountains are Mountains” des türkischen Schlagzeugers, Multinstrumentalisten und experimentellen Musikers Berke Can Özcan vorgestellt. Nun legt er bereits direkt mit “Cicadas & Kitharas” nach. Allerdings fasst er sich mit diesem zunächst nur auf Bandcamp veröffentlichten Album mit vier Stücken und knapp 25 Minuten auch recht kurz. (Dafür wird es auch als „EP“ geführt.) Inspiriert wurde er laut eigener Aussage von dem Buch “Making Noise” von Hillel Schwartz.

Er wollte mit der neuen Musik einen anderen Ansatz verfolgen, jedoch finde ich, dass der wunderbar versponnene Postrock des Vorgängers in nochmal verbesserter Form vorliegt. Ja, in den Zwischentönen findet man viele kleine experimentelle Ansätze und insgesamt wirkt alles noch ein wenig feingliedriger und akustischer.

Der Einstieg mit “99 Underground Nymphs“ gelingt fast schon floydesk. Große Atmosphären aus der Elektronik-Box umschwirren den Hörer psychedelisch und ein sanftes Postrock-Schlagzeug plus Perkussion spielt dazu. Und die einsetzende Gitarre könnte direkt von Meister Gilmour eingespielt sein – wundervoller Einstieg.

“Never Alone“ beginnt mit sirrender Natur und sehr experimentell, aber doch mit eingängig arrangierter Perkussion. Langsam arbeitet sich aus dieser Melange eine melancholische Melodie hervor, ein dunkler Bass wummert sanft und es entsteht mit Vibraphon und der schwelgerich schönen E-Gitarre eine Mischung aus Post- und Artrock sowie auch leichten Neofolk-Anleihen.

“1901 Burning Down” eröffnet dann mit einer Perkussion aus Fieldrecordings und sanften, gesampelten Chören. Da sind wieder deutliche Neofolk-Anklänge mit dabei. Die Gitarre übernimmt dann sanft die Führung dieses etwas zerfaserten und auch jazzigen Stückes, bis sich dann zum Schluss ein Schlagzeug im Hintergrund dazumischt. Es entwickelt sich ein feines, durchaus auch experimentelles Gitarrensolo vor diesem sanft-melancholischen Sound, welches letztlich wieder in Pink-Floyd-Sphären abdriftet.

Abschließend gibt es dann mit “1200 Years ago“ eine sanfte, sehr zerbrechliche Postrock-Nummer. Eine perlende akustische Gitarre, ein melodisch gezupfter Bass (oder ist es da präparierte Piano?) erklingt über einer zurückhaltenden, aber sehr spannend arrangierten Perkussion. Ein wunderschöner Abschluss einer durch und durch wunderbaren und hervorragend eingespielten EP. Das macht sehr viel Vorfreude auf den zweiten Teil der “Mountains are Mountains”-Arbeit, welche Berke Can Özcan Ende des Sommers oder Anfang Herbst 2021 veröffentlichen will.

 

Trackliste:
1. 99 Underground Nymphs
2. Never Alone
3. 1901 Burning Down
4. 1200 Years Ago

 

Review von Gastautor WOLFGANG KABSCH
4.8