Letztes Wochenende fand in Schloß Holte-Stukebrock zum ersten Mal das Whatever Happens Festival statt. Dem geneigten Festivalbesucher wird der kleine beschauliche Ort in der Nähe von Bielefeld nicht ganz unbekannt vorkommen. Fand dort doch bis vor einiger Zeit noch das Serengeti Festival statt, dessen Betreiber aber leider aufgrund von wirtschaftlichen Gründen die Segel gestrichen haben.

Mit dem großen Ex-Nachbarn hat das Whatever Happens Festival aber erstmal wenig zu tun. Musikalisch in der Singer/Songwriter-Ecke verortet und sehr idyllisch auf dem Naturschutzbauernhof Brechmann gelegen, wurden im Gründungsjahr nur etwas über 100 Tickets verkauft. Das kam vor allem der sehr familiären Stimmung auf dem Festival zu Gute, beinhaltet aber tatsächlich auch meinen einzigen Kritikpunkt, wenn man hier überhaupt von Kritik und nicht eher von einem Verbesserungsvorschlag reden kann. Sollte das Whatever Happens Festival nächstes Jahr wieder stattfinden (und hier greife ich meinem Fazit einmal voraus: Was ich wirklich sehr hoffe), dürften es gerne auch noch 50 bis 100 Gäste mehr werden. Genug Platz ist definitiv da, es werden dann eventuell die teilweise vor der Bühne entstandenen Lücken im Publikum geschlossen und es wäre immer noch klein genug, um die Familiarität noch zu gewährleisten.

Das Line-Up der Premiere war auf jeden Fall direkt mehr als gelungen. Mit Matze Rossi, North Alone und Deniz Jaspersen (von Herrenmagazin) hatte man drei etablierte Größen der deutschen Singer/Songwriter-Landschaft als Hauptacts verpflichten können. Und natürlich durfte auch John Allen nicht fehlen, ist er doch mehr oder weniger „Schuld“ daran, dass es das Whatever Happens Festival überhaupt gibt und auch bei der Namensgebung hat er einen gewissen Einfluss gehabt. Die Idee für das Festival kam den Veranstaltern nämlich nach einem Wohnzimmerkonzert von John Allen und Patrick Craig (der ebenfalls auf dem Festival mit von der Partie war) vor gut einem Jahr, das ebenfalls auf dem Hof stattgefunden hatte und der Name ist natürlich darum auch einem Song von John entliehen. Der dachte zuerst aber, die ihm zuteil werdende Ehre wäre nur ein Spaß, als er mit den Veranstaltern telefonierte und sie ihm von ihren Plänen erzählt hatten. War es aber zum Glück nicht.

  

Der Freitag startete gemächlich am Nachmittag und während nach und nach die Festivalbesucher eintrudelten, fingen die beiden Kanadier Lake Forest und Eamon McGrath als Erste an, auf der kleinen Bühne im Garten zwischen den Häusern des Hofes zu spielen. Singer/Songwriter-Musik mit Karohemd und Bandshirt. Welch guter Start, genau mein Geschmack. Danach gab sich bereits John Allen zum ersten Mal die Ehre, der zusammen mit Eamon McGrath und Patrick Craig ein spontanes Coverset spielte um den Ausfall des erkrankten Matthias Lüke zu überbrücken. Mit Mykket Morton aus Kassel stand zum ersten Mal eine komplette Band auf der Bühne, während davor das erste Mal Bewegung ins Publikum kam und diverse Leute am Tanzen waren. Leider verpasst habe ich davor den Auftritt von Marie Antonia, die auf der zweiten Bühne, der Waldbühne spielte. Die war jedoch wegen der Wetterprognosen in eines der Häuser verlegt worden und wurde darum leider von vielen Leuten übersehen. Als ich sie entdeckt habe, war Marie Antonia grade mit ihrem Set durch. Sehr schade, klangen doch die wenigen Songschnipsel, die ich noch gehört habe, auch sehr vielversprechend.

Auf der Hauptbühne, der Gartenbühne, ging es nach Mykket Morton weiter mit der Linda Rum Band aus Hamburg/Hannover/Osnabrück. Für mich eine der wirklich positiven Überraschungen des Festivals. Erwartete man wegen der zierlichen Erscheinung der Sängerin und ihrer auch eher zurückhaltenden, leisen Art wieder eher ruhige Singer/Songwriter-Musik, überraschte sie einen mit einer sehr Energiegeladenen Performance. Das Set endete dann mit einem Song, den die komplette Band im Publikum performte. Danach folgte dann auf der Waldbühne eine Lesung von Eamon McGrath aus seinem ersten Roman, musikalisch unterstützt von Lake Forest. Zum Glück fanden diesmal mehr Leute den Weg zur kleinen Bühne.

 

Zwischen den Auftritten konnte man sich an den beiden Food-Ständen mit Nahrung versorgen, die man schlichtweg als hervorragend bezeichnen muss. Frische Waffeln und selbstgemachte Cookies am Nachmittag und ein BBQ mit wirklich unglaublich guten Burgern (mit extrem lustigen Namen wie „Kidney Houston“, „Salmon & Garfunkel“ oder „Buff Daddy“) oder Chinesischen Nudeln freitags, respektive italienischer Pasta am Samstag. Ich habe selten so gut auf einem Konzert gegessen, erst recht nicht zu so fairen Preisen. Die Getränkeauswahl war ebenfalls sowohl ausgefallen als auch umfangreich und auch wieder absolut fair im Preis. Das sieht man nicht mehr häufig, unterstreicht aber wieder den familiären und auch den DIY-Ansatz, den das Whatever Happens Festival hat.

Draußen dämmerte es langsam, als dann Deniz Japsersen von Herrenmagazin die Gartenbühne betrat. Sein musikalisches Programm wurde begleitet von Ansagen, die auch durchaus als Comedy Nummer hätten durchgehen können. Sehr sympathischer Mann und sehr kurzweilige Unterhaltung. Schliesslich kam mit Matze Rossi der letzte Act des Abends auf die Bühne und bewies wieder einmal, warum er definitiv zu den sympathischen Musikern aus Deutschland gehört. Zack holte er mal eben alle Kinder die noch zugegen waren zu sich auf die Bühne, weil es dort wärmer für sie sei. Mit den Kleinen an seiner Seite spielte er eine gute Handvoll Songs und band sie auch Performance-technisch beim Refrain „Und ich dreh mich“ mit ein. Sowohl er als auch die Kids hatten sichtlich Spaß, auch wenn manche der Situation erst mit einer gehörigen Portion Schüchternheit  entgegentraten. Die letzten paar Songs spielte Matze vor der Bühne im Publikum, das sich grinsend in den Armen lag und einträchtig am Mitsingen war. Welch ein wundervoller Abschluss für den ersten Festivaltag. Für mich ging es ab nach Hause, ins eigene Bett, was für ein Luxus auf einem Festival (genau wie die eigene heisse Dusche am nächsten Morgen). Die meisten Festivalbesucher nutzten jedoch die kostenlosen Campingmöglichkeiten und konnten am Samstag morgen zB mit Yoga in den Tag starten oder auf einer Hofführung mehr über den Naturschutzbauernhof Brechmann erfahren.

Der zweite Tag startete dann musikalisch am späten Mittag mit Carsten Schollmann, den ich leider noch verpasst habe. Danach saß ich, grade angekommen, mit John Allen und Patrick Craig im Gespräch, als Jack Hanson die Bühne betrat und mit eigenen Songs, aber auch ein paar gut gewählten Punkrock Coversongs zu überzeugen wusste. Social Distortion und Bad Religion wussten aus seinem Mund ebenso zu gefallen wie das Springsteen Cover im Anschluss. Patrick Craig folgte und ich bin vermutlich nicht der Einzige, den seine Lieder an der ein oder anderen Stelle an Frank Turner erinnert haben. Leider hört Patrick demnächst auf, um sich voll und ganz auf seinen Job als Lehrer konzentrieren zu können. Sehr schade, war er mir bisher leider unter dem Radar durchgegangen. Joseph Myers beendete den ersten Musikblock auf der Gartenbühne und übergab quasi an Tim Jaacks auf der Waldbühne, während auf der Gartenbühne für die erste Band des Tages umgebaut wurde, Louis on the run. Die hatten auf jeden Fall beim Outfit ganz weit die Nase vorn und überzeugten auch mit ihrem Folkrock. Magnus Landsberg und Liza & Kay aus Hamburg folgten und boten sehr schönen Songwriter-Pop. Zwischendurch gab es auf der Waldbühne ein Märchen für die anwesenden Kinder zu hören. Und natürlich auch die Erwachsenen. Für die Kinder stand außerdem Kinderschminken auf em Programm, aber je später der Tag wurde, desto mehr Erwachsene sah man ebenfalls mit bunt bemalten Gesichtern. Schön, dass hier auch so viel für die Kleinen geboten wurde.

Nach einer weiteren kurzen Umbaupause, in der auf der Waldbühne Neuser spielten, folgten dann die beiden Hauptacts des zweiten Tages: North Alone und eben John Allen. Erstere waren in Fullbandbesetzung da und boten eine Mischung aus Folk- und Skatepunk. Musikalisch definitiv die Exoten an diesem Wochenende, passten sie aber trotz Lautstärke hervorragend ins Programm mit ihrem Stilmix zwischen Chuck Ragan, Hot Water Musik und Fat Wreck Chords Bands. So wunderte es auch nicht, dass „Great Expectations“ von The Gaslight Anthem und „International You Day“ von No Use For A Name gecovert wurden. Live funktioniert der Song für mich deutlich besser als die Studioaufnahme auf der aktuellen EP der Osnabrücker. Hier werden sie von der Sängerin von Bad Cop/Bad Cop unterstützt und das ist irgendwie leider nicht ganz rund. Positiv sei noch zu erwähnen, dass der Erlös der EP zugunsten der Tony Sly Foundation geht, die Musikunterricht für Kinder fördert. Für mich auf jeden Fall eine angenehme Abwechslung in der Musik und auch das Publikum nahm die härteren Klänge dankbar und tanzend auf. Die Fullbandbesetzung ist wirklich eine zusätzliche Bereicherung für den sonst nur mit seinem Violinisten auftretenden North Alone, die den Songs nochmal eine ganz andere Richtung gibt, auch wenn die Akustische Geige-Gitarren-Nummer auch gut funktioniert.

Bevor nun zu guter Letzt John Allen die Bühne betreten durfte, bedankten sich die Veranstalter noch beim Publikum und überliessen dann dem sichtlich gerührten John die Ehre, das Whatever Happens Festival würdig zu beenden. Das gelang ihm auch ohne Probleme, hatte er ja quasi Heimvorteil. Zeitweise unterstützt von Patrick Craig spielte John das sich in den Armen liegende Publikum glücklich. Ein wirklich großartiger Abschluss für dieses wundervolle Festival. Zumindest für den offiziellen Teil. Nach dem eigentlichen Ende fand man sich dann recht schnell zusammen mit John und Patrick am Lagerfeuer wieder und zusammen mit etwa 20 anderen Menschen wurden alte und neue Hits auf den Akustikgitarren gespielt und alle sangen zusammen, während hier und da die Bierflaschen klimperten. Das war dann einer dieser Momente, in dem selbst ich meine Kamera einpacke und einfach nur den Augenblick geniesse. Sehr glücklich verliess ich als einer der Letzten um 4 Uhr das Festivalgelände.

Abschliessend bleibt nur zu sagen, dass ich wirklich hoffe, dass es auch nächstes Jahr und hoffentlich in ganz vielen weiteren Jahren ein Whatever Happens Festival geben wird, dass es noch ein wenig wächst und sich trotzdem seinen familiären Charakter wahren kann. Es waren zwei großartige Tage, mit wirklich toller Musik, einer wunderbaren Stimmung und dem Gefühl, die Zeit mit Freunden verbracht zu haben. Und es ist gut zu sehen, dass durch viel DIY und Einsatz ein so tolles Festival entstehen kann. Oder um es mit den Worten von John Allen zu sagen: „Here’s to two days and nights that I will never forget and to hoping that one day we can take pride in saying that we were there when it all started.“

Fotos & Text: Nico Ackermeier | honeymilk.de | www.facebook.com/honeymilkphotography | www.instagram.com/nicohonigmilch
Fotos Eamon McGrath Lesung: John Allen | www.facebook.com/johnallenphotographs | www.instagram.com/johnallenphotographs