Kennengelernt (und ein bisschen lieben gelernt) habe ich Andi auf der End Hits Records Tour. Ein tiefenentspannter Herzblut-Typ, der den Sound bei großen bis sehr großen Veranstaltungen und Künstlern/Bands macht. Um einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen, habe ich Andi ein paar Fragen per Email geschickt. Hier das Ergebnis.



Sven: 

Moin Andi,
ich würde sagen wir starten mit einer kleinen Vorstellung, damit die Leute wissen was du überhaupt machst.

Andi:
Hoi! Ich bin Andi, bin 39 Jahre jung und mach seit ca. 13 Jahren laut und leise für diverse Künstler*innen, Sänger*innen und hauptsächlich Bands. Damit fahr ich (eigentlich) das ganze Jahr von rum, von Kellerloch zu Stadion und wieder zurück und verdiene so meinen Lebensunterhalt. Aufgewachsen bin ich am Dorf in Oberösterreich, wo ich mit Freunden ca. 1995 eine erste Band gegründet habe. Dadurch bin ich relativ schnell in die damals vorhandenen DIY Hardcore/Punk Sachen, zuerst in OÖ, später in Wien, reingewachsen. Momentan lebe ich in Berlin und bin circa 2/3 des Jahres unterwegs.

Sven: 
Wie hat sich Covid-19 bisher auf deine Arbeit ausgewirkt?

Andi:
Erstmal versuche ich, soweit möglich, eine Routine beizubehalten, und mich beschäftigt zu halten. Alte, aufgenommene Shows mal neu mischen, Live Streaming über den Berlin Culture Cast, neue Mischpulte lernen, Klavier lernen. Quasi Beschäftigungstherapie.

Soweit nichts neues, nur alles Bezahlte ist mir komplett weggebrochen. Aus einem fast ausgebuchtem Jahr ist jetzt erstmal eine Situation entstanden, bei dir ich komplett die Füße still halten muss (und das fällt mir sehr schwer!). 

Bis Ende Mai rechne ich mit keinem einzigen Job/Konzert/Auftrag. Nachdem niemand ein Ablaufdatum nennen kann und wird, spiele ich wahlweise (je nach Frustrationsgrad) Situationen durch von „Mitte September wieder auf Tour“ bis „2021 dann…“.

Natürlich versucht man für sich neue Wege zu denken, da mein Job aber hauptsächlich wegen einem Energieaustausch zwischen Bühne und Publikum so unfassbar Spaß macht, ist das erstmal auf Eis gelegt. 

Kurzum, es war ein von 100 auf 0 und wird es wohl auch noch etwas bleiben!

Sven:
Bestehen die Kontakte/Netzwerke zu den anderen Leuten aus der Branche weiter, um so z.B. gemeinsam zu beraten wie man weitermacht?

Andi:
Klar! Einige Kollegen, mit denen man viel unterwegs war, sind ja nicht nur Kollegen, sondern Freunde geworden! Da hat sich das „Netzwerk“ auch nicht groß geändert. Man telefoniert hin und wieder, man schreibt ein bisschen hin und her. Nur Kaffee wird nicht mehr gemeinsam getrunken (es fehtl mir!) - allerdings ist bei den meisten Menschen in meiner Umgebung noch ein „erstmal abwarten“ dran. Das ist nicht weiter verwunderlich. Eigentlich alle Menschen aus der Umgebung „Arbeit“ sind auf Live Shows angewiesen, manche können noch ein bisschen Studiokram machen, da ist allerdings auch grad nicht die Hölle los.

Dieses gemeinsame beraten findet so noch nicht statt. In unserer Branche ist nahezu alles auf Einzelkämpferbasis gedacht. Viele Spezialisten für die jeweiligen Themen einer Live Show, werden von Künstlern und/oder Agenturen zusammengewürfelt und ab dafür. Das spiegelt sich momentan auch ein bisschen im Umgang mit dem Thema wider. Jeder sitzt in seiner Miniblase, bedauert sich ein bisschen, versucht nicht zu verzweifeln, denk über nen Jobwechsel nach und trinkt dabei ein Gläschen seiner Wahl. Es sind - ausser auf diversen Social Media Plattformen - auch kaum Kanäle genutzt, die mal eine definierte Gruppe oder ein Netzwerk an mehr als nur guten Kollegen organisieren und zusammenbringen. Ich will gar nicht über die Gründe schimpfen, aber so ein bisschen mehr gewerkschaftlicher Grundgedanke würde dem Ganzen sicher gut tun und solche Aktionen fördern.

Nachdem ich das mit Füße still halten, ja nicht so besonders gut kann, und weil es sich momentan halt sehr anbietet, versuche ich zumindest ein bisschen was über Streaming zu lernen und wie man für Broadcast mischt, damit es auch am TV gut klingt. Sollte sich daraus irgendwann mal irgendwas ergeben, würde ich natürlich direkt auf dieses Freunde Netzwerk zurückgreifen. Mit lieben Menschen Sachen machen, war immer auch ein Antrieb!

Sven:
Wie geht es weiter, bzw. was ist geplant für die Zukunft?

Andi:
Diese Broadcast Sache interessiert mich schon länger. Da wollte ich immer ein bisschen tiefer rein.  Das ist zwar technisch spannend, allerdings auch nur ein mediokrer Ersatz für 1000 Leute, die finger pointend den Refrain mitschreien! Deswegen hab ich das immer ein bisschen hinten angestellt. Die Zeit momentan eignet sich saugut um da versäumtes nachzuholen und schnell, viele Sachen zu lernen.

Dazu gehört auch so ein bisschen 360° Audio / Virtual Reality Content. Das interessiert mich als Vollnerd natürlich brennend! Aufgrund des Aufwands, der in der Natur der Sache liegt, ist das leider auch kein besonders billig zu produzierendes Format, mit relativ geringer Reichweite. Das macht es jetzt nicht gerade einfach Künstler/Agtenturen/Anbieter davon zu überzeugen sowas mal zu versuchen. Aber mich mal drauf vorzubereiten, falls jemand ankommt, schadet sicher auch nicht!

Die weitere Zukunft schieb ich erstmal noch vor mir her. Ein bisschen Hoffnung hab ich noch, dass die Herbstsaison nicht komplett ins Wasser fällt. Meine Lebensumstände werden sich in nächster Zeit nicht ändern, damit muss ich klar kommen, das ist der Zustand jetzt. Wenn ich Klavier spielen kann, schreib ich noch ein Buch. Danach hab ich aber fast alles durch, dass auf meiner (uralt-) Bucketlist steht. Ausser vielleicht noch eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben oder Schreiner werden oder Experimentalmusik machen oder…