Schon das zweite Album legen die Emo-Recken von Boysetsfire nach ihrem umjubelten Comeback vor zwei Jahren vor. Zudem hängt auf einen Montagabend am Skater’s Palace ein Ausverkauft-Schild am Eingang. Eine Tour mit handverlesenen Gästen, im ersten Stint der UK/Europa-Tour sind die Kanadier von Silverstein und Great Collapse aus Portland dabei. Die perfekte Gelegenheit, um mit dem deutschen Bassisten Robert über die Band und große Freundschaften zu plaudern.

Björn:
Hallo Robert, danke, dass du Dir die Zeit für uns nimmst. Bist du im deutschsprachigen Raum für die Interviews abgestellt?

Robert:
(lacht) Ich glaube ich bin generell oft für die Interviews abgestellt. Ich mache das allerdings auch sehr gerne.

Björn:
Seid ihr denn gut angekommen, wie ist die Stimmung in der Band?

Robert:
Bis auf Nathan geht es uns allen gut. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, leidet er auf dieser Tour unter einer ziemlich schmerzhaften Halsinfektion und hat ein wenig Stimmprobleme, allerdings bleibt er ganz tapfer. Ich glaube, er würde lieber sterben als eine Show abzusagen. Die vergangenen Shows waren dadurch noch viel emotionaler, weil die Leute einfach noch lauter mitgesungen haben. Ich glaube das ist so ein Boysetsfire-Ding: Alles, was uns irgendwie ein Bein zu stellen droht, ändert sich dann durch diesen unglaublichen Support der Leute, die zu den Shows kommen, zu etwas gutem. Und deswegen freue ich mich auch genauso auf das Konzert heut Abend.

Außerdem bekommen wir auch viel Support von Freunden. Shane von Silverstein übernimmt zum Beispiel die Schrei-Parts von Nathan, was unglaublich Spaß macht, und in London ist ein Freund von uns von den Sisters of Mercy auf die Bühne gesprungen und hat bei „Rookie“ mitgesungen. Für uns als große Sisters of Mercy-Fans war das natürlich eine große Ehre. Obwohl es für Nathan natürlich blöd ist so eingeschränkt zu sein, hat es der allgemeinen guten Stimmung auf dieser Tour keinen Abbruch getan.

Björn:
Mich würde interessieren, wie ist das Gefühl, jetzt nach der längeren Pause schon das zweite Album nach der Wiedervereinigung rauszubringen und wieder auf Tour zu sein? Ihr seid wieder so richtig dabei oder?

Robert:
100 Prozent. Ich muss diese Frage etwas ausholend beantworten:
Als wir uns damals aufgelöst haben, haben wir das unter der Prämisse getan, nie wieder spielen zu wollen. Allerdings nicht, weil wir nicht beste Freunde waren und sind, sondern weil wir das Gefühl hatten, so viel von unserem Leben Boysetsfire untergeordnet zu haben. The Misery Index (das letzte Album vor der Auflösung Anm. d. Autors) zu machen war ein unglaublicher Kraftakt, aber dann auch ein unglaublicher Erfolg für uns, das geschafft zu haben. Und dabei haben wir uns gedacht: Vielleicht haben wir ja alles, was wir uns vorgenommen hatten, schon erreicht: Wir wollten die Welt betouren und wir wollten Alben herausbringen, die uns und anderen etwas bedeuten.

Aber dann haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Wir hätten niemals gedacht, wie sehr wir es vermissen würden miteinander zu spielen und dass es nicht ersetzbar ist, Boysetsfire in unserem Leben zu haben. Meine Frau hat mir verboten, jemals zu erwägen aus der Band auszusteigen. Wir haben es alle unterschätzt, wie wichtig das für uns ist, gemeinsam Musik zu machen. Denn die Freundschaften waren immer intakt. Insofern fühlt es sich jetzt schon anders an, einfach weil wir die Erfahrung gemacht haben, wie es ist, die Band nicht zu haben: Das war nicht so schön. Ich mag Boysetsfire einfach in meinem Leben haben. Und wir haben es jetzt unter so Familienfreundlichen Prämissen gestaltet, dass wir auch mal Pause oder weniger machen können. Aber es wird die Band nicht mehr nicht geben bevor wir nicht uns vom Leben generell verabschieden.

Björn:
Du hast jetzt gerade viel über Freundschaft und Gemeinschaft gesprochen. Was für Typen seid ihr in dieser Gemeinschaft, was für Persönlichkeiten? Und was ist euer gemeinsamer Nenner?

Robert:
Du musst dir Boysetsfire wirklich wie eine Familie vorstellen. Das ist für uns nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Drei von uns wohnen Tür an Tür in Maryland. Zwei sind mit Schwestern der anderen verheiratet. Wir sind einfach wirklich beste Freunde. Unsere Partner und Verwandten sind auch unabhängig von uns miteinander befreundet und so sind auch unsere Familien miteinander verwoben. Das macht einfach den großen Unterschied.

Was jetzt die eklektischen Charaktere angeht: Nathan ist ein sehr künstlerischer Typ mit unglaublich vielen Ideen und Impulsen und auch verschiedenen Projekten (I Am Heresy und ein eigenes Solo-Projekt). Chad ist der typische Marlboro-Mann, der cool ist, gut ausschaut und dein Auto reparieren kann. Der nimmt unsere Platten auf und fungiert so ein bisschen als musikalischer Direktor. Josh ist bei weitem der lustigste und lauteste von uns mit einer unglaublich positiven Persönlichkeit. Ich bin so ein wenig der Städter und natürlich „Der Deutsche“: Pünktlich, sauber und ordentlich. Ich mache bei weitem am meisten Sport, lebe am gesündesten und gehe früh ins Bett. Und in dieser Kombination funktioniert das alles sehr gut. Obwohl wir sehr unterschiedliche Philosophien verfolgen: Josh ist Christ, ich hänge einer indischen Meditationsform an, Chad ist ein Wissenschaftsfreak und Nathan ist in der Church of Satan. Pack das mal in eine Band, das ist großartig.

Björn:
Redet und streitet ihr dann auch viel über eure Weltansichten und Philosophien?

Robert:
Ständig. Es wird über alles geredet bei uns. Aber eben immer als Brüder, wertschätzend. Natürlich auch mit viel Humor und sich übereinander Lustig machen. Genau das ist der Punkt.

Björn:
Ihr lebt ja nun in verschiedenen Erdteilen, du bist in Deutschland, die Jungs in den USA, wie sieht da so ein Entstehungsprozess aus, wenn ihr neue Songs schreibt?

Robert:
Naja, die digitalen Medien und ihre Möglichkeiten spielen uns da natürlich sehr zu. Wir nehmen alle unabhängig voneinander, separate kleine Demos auf in unterschiedlicher Form. Chad sammelt und strukturiert das dann alles ein bisschen und anschließend wird jede Idee durch so eine Art Boysetsfire-Fleischwolf gedreht. Wir schreiben im Endeffekt alle gleichberechtigt und am Ende werden die Ideen dann zusammengeführt. Das bedeutet natürlich schon eine Menge herumschicken von Files. Wichtig dabei ist aber, dass diese kollektive Entstehungsweise der Songs jeder einzelnen Idee gut tut. Und das ist auch ein bisschen bezeichnend für alles andere, was wir machen. Es funktioniert einfach immer besser zusammen. Das hat sich auch nie geändert.

Björn:
Das klingt super, dann ist das an dieser Stelle ein tolles Schlusswort, vielen Dank für deine Zeit.

Robert:
Ich danke euch, hat mich sehr gefreut.