Alles ist einem stetigen Wandel unterzogen. Das ist gut so. Selten war früher wirklich alles besser. Im Falle unserer kleinen The-Hold-Steady-Konzertgruppe stimmt es aber tatsächlich. Die letzten beiden Jahren schliefen wir Bremer bei einer Freundin in Camden Town, unweit des Electric Ballrooms, wo traditionell, ich denke, davon kann nach drei Jahren in Folge die Rede sein, die ersten beiden von insgesamt drei Hold-Steady-Konzerten des Wochenendes stattfinden. Besagte Freundin begleitete uns auf die Konzerte, führte uns durch die Stadt und abends durch die Pubs. Nun ist sie zurück in Hamburg und wir alleine. Alleine mit zig anderen weit gereisten, um die einzigen The-Hold-Steady-Shows 2020 in Europa zu besuchen.

Für manche Springsteen– oder Frank-Turner-Fans mögen sich drei The-Hold-Steady-Konzerte an einem Wochenende wie ein Kindergeburtstag anhören, sind sie doch manchmal mehrere Wochen am Stück auf Konzertreise. Andere, im Büro, im Freundeskreis, schütteln verwundert den Kopf, wenn von den bevorstehenden Wochenendplänen berichtet wird. Sie verstehen die unbändige Euphorie und Freunde nicht, die The Hold Steady ausmacht und die sich von der Band auf das Publikum und zurück überträgt, manifestiert, wenn am Ende eines jeden  Konzertes Sänger Craig Finn mit kurzen Gesten die Vornamen der Bandmitglieder verkündet (die natürlich jeder im Saal kennt), um uns dann aufzufordern mit ihm „We are all“ zu brüllen und ihm dann den Abschluss „The Hold Steady“ zu überlassen. Das ist wirklich ernst gemeint. Denn die Songs von The Hold Steady erzählen zwar die albumüberspannende Geschichte vom Drogendealer Charlamagne, dem Skinhead Gideon und dem zunächst religiösen Mädchen Halleluja, genannt Holly, die mit 17 Jahren drogenabhängig wird und mit 33 Jahren zurückkehrt, und Saphire, eine Frau, die die Fähigkeit besitzt ein paar Sekunden in die Zukunft zugucken (hier nur kurz die Eckdaten, die komplette Geschichte wiederzugeben würde den Rahmen sprengen). Aufgetoppt wird das Ganze mit zahlreichen Referenzen an die Popmusik und -kultur, religiöse Verweise und vielen Drogen. Aber eigentlich handeln die Geschichte oder wenigstens die Moral der Geschichten, von uns, vom Versuch auszubrechen und jung zu bleiben, auf eine coole, erwachsene Art. „The kids at the show, they have kids on their own“, heißt es in einem Song. Stimmt!

Es ist nicht leicht sich mit The Hold Steady zu beschäftigen. Zu lang meistens die Texte, zu viele Referenzen, anfangs völlige Überforderung, wovon die Lieder überhaupt handeln. Die Musik manchmal seltsam, nicht richtig Punk, kein (Classic-)Rock, erst recht kein Indie – und irgendwie alles zusammen. Wer sich aber die Ruhe nimmt und Zeit investiert, der wird reich belohnt werden. Denn die erwähnte Geschichte wird von Album zu Album weiter erzählt und ergänzt, neue Kapitel werden hinzugefügt und geben manchmal unerwartete Wendungen preis, manche davon lösen sich erst auf dem darauffolgenden übernächsten Album auf. Sie sehen, werter Leser dieser Zeilen, falls Sie bis hierhin gekommen sind, in der Hoffnung einen Konzertbericht zu lesen – der kommt gleich noch, versprochen, die Band macht es uns (und sich, wie der mäßige kommerzielle Erfolg in dieser Region der Welt beweist, aber seit wann ist Erfolg ein Beleg für Qualität, frage ich Sie) nicht leicht. Jedenfalls ist der Ideenreichtum von Texter Craig Finn unglaublich und die vertonte Geschichte besser, als die meisten Fernsehserien, mit denen sich sonst die Zeit vertrieben wird.

Auf den drei Konzerten sind es die kleinen Momente, die neben der Musik zählen. Wenn ein älterer Mann, könnte fast mein Vater sein, ganz sicher ist er aber mehr als zehn Jahre älter als ich, während „First Night“ mit strahlenden Augen meinen Blick auffängt und wir beide die Zeilen singen, dabei sicherlich unterschiedliche Bilder im Kopf haben, aber trotzdem die gleichen Empfindungen, die wir damit in Verbindung bringen, spüren, dann sind das die großen und einmalige Momente. Es ist einer von vielen kleinen Momenten, die The-Hold-Steady-Konzerte zu etwas besonderen machen. Freundschaften werden begründet, es sollen sich sogar schon Liebespaare auf einem Hold-Steady-Konzerten kennengelernt haben und mittlerweile verheiratet sein. Es ist die „Unified Scene“, von der Craig Finn schon auf dem ersten Album „Almost Killed Me“ geträumt hat und die sich seit dem vierten Album „Stay Positiv“ manifestiert hat, in einem harten, Bandnahen Kern, die sich um Tickettausch, Social-Media-Kanäle und allgemeiner Verbindung und Vernetzung der Fans kümmert, in der aber jeder willkommen ist. Es handelt sich nicht um einen exklusiven Klub.

So fühlen sich die Konzerte wie eine große Familienfeier an, Menschen von überall auf der Welt sind gekommen, die Band ist da, viele Gäste stehen am selben Platz im Saal, wie letztes Jahr, man kennt sich, begrüßt sich, fällt sich in die Arme, wird neuen Leuten vorgestellt, trinkt ein Bier miteinander. Und dann ist die Band da. Und wie! „Constructive Summer“, eröffnet den ersten Abend und sofort ist der gesamte Raum elektrifiziert. Die Stimmung ist vielleicht (noch) nicht auf dem Höhepunkt, aber bereits beim ersten Stück nahe dran. Und es wird sich im Laufe der nächsten knapp zwei Stunden auch nicht wieder abkühlen. Selbst bei den neueren Liedern bleibt die Stimmung recht gut, wenn auch nicht ganz so hoch, wie bei den Klassikern. Das ist in Ordnung so, denn die ganze Zeit Vollgas halten die Körper des doch eher Ü30-Publikums nicht mehr aus. In der Mitte bildet sich jedenfalls ein recht großer „Party Pit“ und feiert die „Massive Nights“, bevor es am ersten Abend mit „Killer Partys“ zum Abschluss kommt. Insgesamt werden bereits an diesem Abend sieben Lieder vom Album „Boys & Girls in Amercia“ gespielt und jeweils weitere fünf Stücke von „Separation Sunday“ und „Stay Positive“.

Der zweite Abend ist im Prinzip eine Wiederholung des ersten. Nur mit einer Schippe obendrauf. „Stuck between Stations“, der wohl bekannteste Song der Band, eröffnet den Abend. Manche Stücke überschneiden sich an diesem Abend, hauptsächlich die Hits, wie „Hoodrat Friend“ oder „Chips Ahoy“, manche selten(er) gespielte Lieder; „Esther“, „Yeah Sapphire“ oder „How a resuraction really feels“ finden den Weg in die Setlist. An allen drei Abenden gibt es obendrein jeweils einen neuen Song zu hören, Uraufführung. Alle im Stile des letzten Albums „Trashing Thru The Passion“, und hören sich verdammt vielversprechend an.

Der letzte Abend des Weekenders, so der offizielle Titel dieses Wochenendes, steht ganz im Zeichen der Raritäten. Traditionell ist die letzte Show des Wochenendes in einem kleinen Saal, dieses Mal die Bush Hall, in die knapp 250 Leute gelassen werden. Höhepunkte sind die sechs Lieder des Debütalbums, die es in die Setlist schaffen. Pausen werden nun nicht mehr gemacht, auf dem Opener „Positive Jam“, folgt „Ask her for Adderall“, einer B-Seite, „Hurricane J“ und „Knuckles“ vom ersten Album. Abgeschlossen wird das Hauptset mit „Stay Positive“ und „Most People are DJs“, ehe es in der Zugabe zum ersten Mal an diesem Abend ruhig zugeht, nur mit Franz Nicolays Klavierbegleitung, „Certain Songs“. Der Schweiß rinnt in Strömen, das Bier gleich mit, und dann ist bei „Killer Partys“ allen bewusst, jetzt geht ein Wochenende, ein Weekender, zu ende. „If she said we partied, I am pretty sure we partied!“

Bis auf wenige Ausnahmen spielte die Band an diesem Wochenende praktisch die ersten drei Alben (die Klassiker) komplett und nahezu komplett das vierte („Stay Positive“) und letzte Album. Einzig die Songs der beiden mittleren Alben „Teeth Dreams“ und „Heaven is Whenever“ wurden etwas vernachlässigt. Aber die Musik ist bei The Hold Steady nur der Soundtrack zu etwas Größeren!

London – wir sehen uns nächstes Jahr wieder, selbe Zeit, selber Ort. The Weekender 2021 – wir sind dabei. Dann wieder mit anfangs erwähnter Freundin. Das will sie nicht verpassen.

 

Text: Claas Reiners

Foto: https://www.theholdsteady.net/