Das amerikanische Quartett Seven Spires denkt groß. Das hört man sofort, wenn man sein Debütalbum „Solveig“ einlegt. Natürlich ein Konzeptalbum. Musikalisch wird hier nicht gekleckert, sondern mächtig geklotzt. Mit viel Bombast und einer gehörigen Portion Härte spielt man sich durch seine Songs, die vor Drama wimmeln und die man irgendwo zwischen europäisch anmutendem Symphonic Metal und Melodic-Death-Versatzstücken verorten würde. Dabei ist man Genreprimen wie Epica, Nightwish oder auch Kamelot in qualitativer Hinsicht erstaunlich dicht auf den Fersen. Dass die Band spielerisch was drauf hat, dürfte spätestens dann klar sein, wenn man sich bewusst macht, dass es sich hier um vier Schüler des bekannten Berklee College of Music handelt. Dort wurden Seven Spires auch gegründet. Im Rahmen eines Interviews fühlten wir Sängerin Adrienne Cowan und Bassist Peter Albert de Reyna etwas auf den Zahn, was ihre Band betrifft. Äußerst selbstbewusst und mit einem sympathischen Hang Richtung Größenwahn gaben uns die beiden bereitwillig Antwort.

 

Adrienne, Peter, bitte beschreibt eure Band jemandem, der euch noch nicht kennt, in fünf Worten.

Peter: Persönlichkeit, Arbeitsethos, Dunkelheit, Missgeschick, Liebe.

Adrienne: Dämonen, Dunkelheit, Lächeln, Eskapismus, Melancholie.

Adrienne, was brachte Dich Du dazu Musik machen zu wollen, als Du ein Kind warst und was waren Deine Idole?

Adrienne: Ich habe immer Musik gemacht. Meine Mutter brachte mir die Klaviergrundlagen so früh bei, dass ich mich gar nicht daran erinnern kann, dass es eine Zeit gab, in der ich nicht wenigstens zumindest ein bisschen was spielen konnte. Zum liebsten Medium mich ausdrücken entwickelte sich der Gesang, als mir klar wurde, dass ich so am wirkungsvollsten mit dem Publikum kommunizieren kann. So richtige musikalische Idole hatte ich als Kind keine. Ich habe Musik gemacht, weil ich einfach so war. Als ich älter wurde und mich von der Welt der klassischen Musik weg bewegte, habe ich Tuomas Holopainen (Nightwish) und Shagrath (Dimmu Borgir) als Künstler bewundert und ich habe mich von Sängern wie Daniel Heiman (u.a. Lost Horizon), Roy Khan (Kamelot, Conception), Rob Halford (Judas Priest) etc. ziemlich anspornen lassen.

Was war das große Ziel als ihr die Band gegründet habt, was wolltet ihr mit Seven Spires erreichen?

Adrienne: Ich wollte einfach ich selbst sein. Ich wollte die Chance ergreifen mich selbst als Künstler ausdrücken, ohne den Zwang zu spüren, den man in der Band von jemanden anderen hat. Ich wollte mit ziemlich kompetenten Musikern arbeiten und mit einem Jack Kosto (Gitarrist der Band – Anm.d.Red) zusammen schreiben, bevor ich überhaupt wusste, dass er existiert. Irgendwo zwischen dem Hunger nach Touren und der Suche nach den größten und gewaltigsten Shows, habe ich die Liebe fürs Schreiben von Geschichten und dunklem, theatralischem Metal entdeckt. Jack, Pete und Chris sind traumhafte Bandkollogen und „Weltherrschaft“ ist eine etwas klischeehafte Antwort. Aber alle von uns sind solche Leute, die nach dem Besten von sich streben. Ich hoffe also, dass sich unsere gemeinsamen Bemühungen in Zukunft in Form von erfolgreichen Tourneen rund um die Welt in auszahlen! Je größer das Budget für die Tour, desto größer die Show, die wir auf die Beine stellen werden. Und das bedeutet mehr Spaß für uns und das Publikum. (lacht) Mehr Freude, mehr Unterhaltung, mehr Nächte, in denen wir den Leuten helfen für den Augenblick dem Alltag zu entfliehen.

Eurer Bandname klingt interessant, auch etwas mystisch. Sieben ist bekanntlich eine magische Zahl. Was war die Idee dahinter?

Adrienne: Neben dem ansprechenden Anblick einer Silhouette von sieben gotischen Turmspitzen vor einem weichen Himmel als Hintergrund, meine ich auch, dass es einen Zusammenhang zwischen unseren Geschichten hinsichtlich der menschlichen Natur und den sieben Todsünden gibt. Die wahre Geschichte ist allerdings, dass wir zusammen über einer Liste von potentiellen Namen gesessen sind und Seven Spires war derjenige, der am wenigsten blöd klang. (lacht)

Seven Spires wurde in Boston gegründet, dort wo auch das Berklee College of Music seinen Sitz hat. Siehst Du diese Schule als die Heimat Eurer Band?

Adrienne: Auf eine seltsame Art und Weise ja. Berklee ist der „Heimatort“ der Band. Dort haben wir zusammengefunden und die Schule hatte einen großen Einfluss darauf, wie wir uns als Musiker entwickelt haben.

Auf welchen Gebieten wurdet ihr dort ausgebildet?

Adrienne: Wir alle mussten Gehörtraining studieren, klassische und Jazz-Harmonie, Musikgeschichte und Dirigieren. Dann hat sich jeder auf die Richtung spezialisiert, die ihn am meisten ansprach. Bei mir Komposition, orchestrales Arrangieren und Geschäftsführung. Peter nahm sich finanziellen und die rechtlichen Aspekte der Industrie vor und lernte Kontrabass. Jack sowie Chris studierten intensiv Gitarre und Schlagzeug-Performance und -Stilistiken.

Was mir irgendwie an Eurer Musik gefallen hat, waren die klassischen, symphonischen Einflüsse, die nicht nur wie reine Gimmicks daherkommen. Wie Du schon erwähnt hast, war das auch eine Teil des musikalischen Studiums. Welche Komponisten haben Euch dabei am meisten beeinflusst, als ihr die Grundlagen dieser Musik erlernt habt?

Adrienne: Vor Berklee hatten wir alle schon mal in Orchestern oder in Big Bands gespielt. Ich verbrachte viel Zeit in Theatern und habe mich mit Arrangements beschäftigt. Auf dem Collage wurde ich mir der Feinheiten der einzelnen Instrumente immer bewusster – wie man jedes auf seine Art am besten zum Ausdruck bringt und wie man diese Art von Audiomalerei mit dem Storytelling in Einklang bringt. Hans Zimmer, Chopin, Edward Elgar, Howard Shore und sogar jemand wie Andrew Lloyd Webber hatten Einfluss auf die Entwicklung jenes Aspekts unseres Sounds.

Die Plattenfirmen-Info sagt folgendes über den Inhalt der Geschichte eures Album: „’Solveig‘ ist die Reise einer verlorenen Seele durch eine düstere, dämonische neo-viktorianische Unterwelt. Abgesehen von winzigen Hoffnungsschimmern erzählt das Debüt von Seven Spires eine trostlose Geschichte, deren Fokus vor allem auf Eskapismus, Tod und Dekadenz liegt.“ Klingt interessant. Aber kannst Du mir einen tieferen Einblick in die Geschichte geben?

Adrienne: Diese dunkle neo-viktorianische Unterwelt ist die Heimat des „Kabaretts der Träume“, welches auf einer Insel spielt, die sich langsam in das ansonsten leere, sie umgebende Meer auflöst. Sie ist von toten Seelen bewohnt, die von dem Dämon aufgesammelt wurden, der die Unterwelt regiert. Der Hauptcharakter, eine dieser verlorenen Seelen, ist eigentlich der Zuhörer! Ich gebe dem Dämon meine Stimme. Wenn wir zum Beispiel den Song „Choices“ live spielen, suche ich mir jemand aus dem Publikum aus und markiere denjenigen mental als meine verlorene Seele für diesen Abend, singe ihr den Text, als würde ich sie einladen mir in die Unterwelt zu folgen.

Willst Du mit den Texten nur unterhalten oder geht das Ganze noch etwas tiefer, mit diversen Metaphern oder vielleicht auch einer Art Botschaft, einer Verbindung zur heutigen Zeit?

Adrienne: Es ist beides. Unterhaltung und etwas Tiefgründiges. Wir lieben Theatralik und Ästhetik und all den Rauch und Spiegel und Masken und altmodische Sachen. Wenn man sich tiefer ins Konzept gräbt, gibt es soviel Schönheit selbst in den dunkelsten Ecken zu finden. Friedrich Nietzsche hat das gut ausgedrückt: „Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen Zypressen.“ Ebenso kannst du dir einen glückseligen Bereich in der Unterwelt vorstellen, einen Dämonenherrscher der in seiner Vergangenheit Rosenhänge haben konnte und eine verlorene Seele, die versucht den Weg aus den Zypressen heraus zu finden. Aber nicht nur das. Auch Themen von Verlust bzw. Aufopferung und das Finden des inneren Friedens sind in die Geschichte eingeflochten.

„Solveig“ wurde in Wolfsburg von Sasche Paeth und Michael „Miro“ Rodenberg gemixt und gemastert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Adrienne: Wir hätten nichts Besseres tun können! Es ist eine Ehre ihre magische Anmut auf unserer Platte haben zu können. Anfangs wollten wir, dass sie an unserer Platte beteiligt sind, weil sie bereits mit so vielen fantastischen Bands wie Rhapsody und Epica gearbeitet haben. Ich bin besonders ein Fan wie Sascha mit Roy Khans Stimme gearbeitet hat, als er noch bei Kamelot war. Wir haben ihn komplett aus dem Blauen heraus gemailt. Ehrlich gesagt war es eine ziemliche Überraschung, als ich eines Tages aufgewacht bin und eine E-Mail von ihm bekam in der stand „Ja, ich werde auf eurem Album mitarbeiten“. (lacht)

Ich finde, dass eure Musik ziemlich europäisch klingt. Es ist nicht der typische Sound, den man derzeit von einer amerikanischen Band erwartet. Gibt es überhaupt einen Markt in Nordamerika für diese Art von Metal? Oder seht ihr Europa ein wenig als eure musikalische Heimat?

Peter: Es gibt natürlich einen Markt für diese Art von Metal in Nordamerika! Obwohl oder wahrscheinlich da unser Sound nicht gerade typisch im Vergleich mit anderen Bands bei uns ist, neigen die Leute dazu schnell Zugang zu uns zu finden. Es hebt uns ab, denn es gibt ein großes Publikum das den europäischen Metalsound liebt und sie können diese Bands nur sehen, wenn sie hier auf Tour sind. Seven Spires würden gerne mehr Zeit in Europa verbringen. Wir bekamen so tolle Reaktionen auf unser erstes Abenteuer in Slowenien. Wir beabsichtigen, den USA und Europa – hoffentlich für die kommenden Jahre – die gleiche Liebe zu geben.

Du hattest gerade schon euren Auftritt auf dem Metaldays in Tolmin im Juli erwähnt. Wie nahmt ihr den Unterschied zwischen dem Publikum hier und den USA wahr?

Peter: Wir hatten eine so wunderbare Zeit beim Metaldays Festival und wir versuchen so schnell wie möglich zurück zu kommen. Da dies unser erster Auftritt in Europa war, war der einzige feststellbare Unterschied, dass die Leute auf dem Festival uns das erste Mal erlebt haben. Es war eine schöne Sache eine komplett neue Gruppe von Leuten beobachten zu können, die sich in unsere Musik und unsere Geschichten verlieben. Diejenigen mit denen wir gesprochen haben und die unseren Auftritt sahen, waren sehr dankbar, dass wir die Reise von den USA zu diesem Festival auf uns genommen haben. Diese Erfahrung werden wir nicht so schnell vergessen.

Die Musik von Seven Spire klingt in allen Belangen groß angelegt: bombastische Arrangements, große Melodien, Drama, symphonische Elemente und ein Sound, der einen manchmal fast atemlos macht. Und das kriegt ihr gar nicht so schlecht hin. Andererseits behauptet so mancher (z.B. Journalisten) eure Musik klinge kalt, voller „Plastikemotionen“, nicht authentisch. Ärgert euch so etwas? Was würdet ihr denjenigen gerne antworten?

Adrienne: Wir mögen es einfach groß. (lacht) Was Journalisten betrifft, die uns vorwerfen wir seien nicht authentisch in unserem Songwriting: Ich habe noch keine Review gelesen, in dem das erwähnt wird. Ich bin mir aber sicher, dass das gesagt wurde. Das beunruhigt mich nicht. Ich weiß, dass der wichtigste Teil des Schreibprozesses ist, meine Seele bloßzulegen und ihre Tränen in Noten zu übersetzen. Vielleicht rührt die wahrgenommene Unauthentizität von der Tatsache her, dass ich immer noch lerne und mein Handwerk verbessere.

Peter: Wir haben immer schon Schreibstile bewundert, die die Power der Musik so richtig hervorheben. Die Tatsache, dass die Leute das über unsere Musik sagen interessiert mich in keinster Weise, da es egal ist was du als schöpferische Mensch tust. Es wird immer jemanden geben, der etwas Negatives darüber zu sagen hat. Wenn Leute von in Musik übertragene Emotionen reden, assoziieren sie damit meistens musikalische Intensität. Während unsere Musik bisweilen intensiv ist, werden Emotionen in allen Intensitätsgraden vermittelt – mehr als bei einer durchschnittlichen Metalband.

Am Ende würde ich gerne noch ein kleines Brainstorming machen. Ich gebe Euch ein paar Begriffe und sagt mir, was Euch als erstes dazu einfällt. Los geht’s: Politik.

Peter: Falsch informierte Leute.

Heavy Metal.

Adrienne: Dream Evil und Trollschlagzeuger.

Tuomas Holopainen.

Adrienne: Vater?

Freizeit.

Peter: Üben.

Presse.

Adrienne: Spaß!

Fans.

Peter: Wärme.

Und zum Schluss ein Zitat: Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration.

Adrienne: Absolute Zustimmung. Krieg deinen Arsch hoch!

Adrienne, Peter, vielen Dank für dieses Interview!

 

 

P.S.: Bis zum 23. August läuft noch unsere Verlosung, bei der ihr zwei Exemplare des Debütalbums von Seven Spires gewinnen könnt. Schaut mal unter diesem Link rein.