Das es von Donnerstagabend bis Sonntagfrüh quasi durchregnet, damit hat wohl niemand gerechnet nach dem sonnigen Festivalauftakt am Mittwoch. Bereits als der Großteil der Besucher am Dienstag anreiste, schien die Sonne auf die Strohfelder von Eschwege. Mit langer Wartezeit bildete sich ab Dienstagmittag eine lange Schlange, denn es wollten zahlreiche Besucher das beliebte Auto-Camping in Anspruch nehmen. Wer den Weg über ein riesen Stoppelfeld ohne Steckenbleiben mit vollbeladenem Auto gemeistert hatte, musste nur noch aus dem Auto springen und seinem Zelt einen Platz sichern. In Windeseile waren unzählige Zelte und Pavillons aufgebaut. Einige brachten nahezu den gesamten Hausstand mit: Sofa, Kühltruhe, Musikanlage, Tanzpodest und natürlich Stromgeneratoren – ganz zum Leid der umliegenden Camper. Bereits ab 16 Uhr waren die ersten so betrunken, dass sie in ihren Campingstühlen schliefen. Mentale Festivalvorbereitung nennt man sowas wohl.

Den Auftakt am Mittwoch machten Sondaschule als Überraschungsband. Die Stimmung war von Anfang an unglaublich ausgelassen. Die Leute tanzten, sangen und sprangen umher. Auch die Security vor der Seebühne hatte sichtlich Spaß. Bewaffnet mit Wasserschlauch und Wasserpistolen verschafften sie den tanzwütigen Besuchern eine kleine Abkühlung an diesem heißen Tag. Konfetti, Federn und Mehl durften natürlich auch nicht fehlen und fanden mehrfach den Weg ins Publikum. Selbst beim Crowdsurfen machte die Security eine mehr als gute Figur. Nach Sondaschule verzauberten die Jungs von Blockheads das Publikum. Weiter ging es mit deutschem Folk aus Bremen von Versengold. Darauf folgten die Abstürzenden Brieftauben und Marathonmann. Den Abschluss feierten Danko Jones mit einem energiegeladenen Auftritt gefolgt von Publikumsliebling Madsen, die den Wellenbrecher fast zum Überlaufen brachten.

Eindeutiger Sieger der Herzen am Donnerstag waren Irie Révoltés, denn die beliebte Band wird sich Ende des Jahres nach wundervollen 17 Jahren trennen. So war es für einige Besucher die letzte Chance sie auf dem Open Flair zu feiern. Und gefeiert haben sie! Mit Konfetti und zahlreich wehenden Handtüchern wurden die deutsch-französischen Texte lautstark mitgeschmettert. Weiter ging es mit der Kyle Gass Band und schlechter werdendem Wetter. Am Abend zu In Extremo standen dann alle im strömenden Regen – dass dieser bis einschließlich Sonntagfrüh anhalten sollte, ahnte wohl niemand. Doch der Regen tat der guten Stimmung keinen Abbruch und mit den zahlreichen Feuersäulen bei In Extremo war es sicherlich auch nicht kalt in den vorderen Reihen.

Am Freitag ging es dann richtig los: Das Hauptgelände und somit die HR3- und die Freibühne wurden nun auch bespielt. Der Regen hatte das Festival nun voll im Griff und zahlreiche Läden wurden geplündert: Gummistiefel, Regenjacken, Regenponchos, Tüten, Regenschirme und alles was sonst noch den Regen abhält wurde in Massen gekauft. Ganz zur Freude der Einzelhändler in Eschwege. Regenfest ausgestattet – oder einfach mit ein, zwei Bier mehr intus – wurde im Schlamm und Stroh zu Smile & Burn, Pennywise, The Prosecution, Bukahara, Counterfreit, Heavan Shall Burn und The Intersphere gerockt. Highlight des Abends waren eindeutig Alligatoah und die Broilers. Vor der HR3 Bühne wurde es so richtig voll, an ein durchkommen kaum zu denken, nur mit viel Körpereinsatz konnte man sich durch die Massen schieben. Wer einen Platz in der Menge hatte, hatte auch keine Chance ruhig zu stehen, denn es wurde geschoben, geschunkelt und gesprungen. Wer nach den Broilers noch genug Power hatte, der ging rüber zur Seebühne und lies den Abend mit Heißkalt ausklingen.

Einige verwirrte Blicke waren bei Itchy am Samstag zu sehen. Die Lieder kennt man, der Name ist aber irgendwie komisch. Ja, denn die dreiköpfige deutsche Punkrock-Band, bei allen besser bekannt als Itchy Poopzkid, hatte im April diesen Jahres ihre Namensänderung bekannt gegeben. Neuer Name, selbe Musik. Nach dem Punkrock auf der Freibühne folgte komplettes Kontrastprogramm auf der HR3.Bühne mit Rapper SSIO. Und auch auf SSIO folgte ein komplettes Kontratsprogramm, denn danach schmetterte die Hardcore-Band The Amity Affliction ihren Fans die Hits um die Ohren. Headliner des Abends waren Billy Talent und das Gelände war maßlos überfüllt. Ganze dreimal musste Sänger Benjamin Kowalewicz in den ersten zwei Songs die Menge auffordern rücksichtsvoller zu tanzen: „Stop fucking pushing each other! Imagine the people around you are your sister, your brother, your mother – take care of each other!“ Anderthalb Stunden spielten die Kanadier ihr beliebtesten Hits wie „Surrender“, „Fallen Leaves“ und auch „Red Flag“ durfte als einer der bekanntesten Songs natürlich nicht fehlen. Wie viele Musiker in letzter Zeit, nutze auch Kowalewicz den Moment auf der Bühne um an die beiden verstorbenen Musiker Chris Cornell und Chester Bennington zu erinnern.

Am letzten Tag des Open Flair Festivals wurde es noch einmal so richtig warm. Der Dauerregen wich und die Sonne kehrte nach Eschwege zurück. Heiß wurde es auch im Publikum bei Anti-Flag, es wurde gepogt und auch zahlreiche Crowdsurfer fanden den Weg nach vorne. Auch die Security war wieder mit viel Spaß bei der Sache. Bewaffnet mit Messern und Kunstblut, zogen sie die Crowdsurfer aus der Menge. Mit 22 Jahren Bandgeschichte wissen Headliner Biffy „Fucking“ Clyro wie man eine gute Show abliefert. Den fulminanten Festivalabschluss bildeten Rise Against, die während ihres 90-minütigen Auftritts mit alten und neuen Songs zu begeistern wussten. Sechs Tage Festival – zumindest für die meisten – endeten und es stand nur noch eine große Aufgabe an: Das Auto aus dem Matsch-Campingplatz bekommen. Jeder versuche den besten Weg zu finden, genug Leute zum Schieben oder man wartete einfach auf den Traktor, der einen raus zog. Am Ende haben es aber alle geschafft. Die ersten Tickets für das Open Flair 2018 sind bereits vergriffen.

Fotos: Gina Wetzler | www.ginawetzler.de