Alle guten Dinge sind drei!

So oder ähnlich könnte Sebi reagiert haben, als er zum Interview mit mir eingeladen wurde – hatte er doch schon vor den letzten beiden Veröffentlichungen „Echos“ und „Pazifik“ bereitwillig Rede und Antwort gestanden und uns somit einen kleinen Einblick in das Seelenleben von Massendefekt gegeben.

Nun, zum zwanzigjährigen Jubiläum und passend zum neuen Album „Zurück ins Licht“, welches im November das Licht der Welt erblicken wird, hat uns Sänger Sebi wieder ein paar Minuten seiner kostbaren Zeit gegeben… schaut einmal hier:

 

Moin Sebi, wie geht´s dir, alles in Ordnung?
Ja, soweit alles in Ordnung. Momentan ist zwar alles ein wenig ätzend, wenn man sich die ganzen Fallzahlen anschaut. Es ist alles nicht besonders schön gerade.

Dann sprechen wir doch direkt mal über ein schönes Thema – bald kommt das neue Album. Ich durfte reinhören und ich muss sagen, dass es mir wieder sehr gut gefällt.
Das ist schön wenn es dir gefällt!

Ihr habt ja immer verdeckte politische Aussagen in euren Texten, die aber dieses Mal richtig klar in die Fresse.
Ja genau, dieses mal haben wir klar Kante bezogen und klar unsere Meinung gesagt.

Wie ist die Idee für das Album entstanden? Im Gegensatz zu anderen Bands, die jetzt in Corona-Zeiten aktiv wurden, habt ihr ja davor schon mit dem neuen Album angefangen, oder?
Wir hatten uns dieses Mal im Vorfeld gedacht, dass wir uns mehr Zeit lassen wollten mit der Produktion. Den Zweijahres-Rythmus, den wir normalerweise immer einhalten, wollten wir dieses Mal ein wenig in die Länge ziehen um mehr Zeit zu haben. Wir haben im Vorfeld hier an den Songs gearbeitet und dann hatten wir den Plan dieses Mal für die Produktion weg zu fahren. Und aus einer Finca auf Malle oder einer Hütte in den Bergen wurde dann Holland, was ja von uns aus ziemlich nah ist. Wir haben dann dort ein bisschen an den Songs gearbeitet, ganz entspannt und ohne irgendwelchen Stress, wollten einfach mal schauen was passiert. Nicht mit der Intention, dass dabei etwas Fertiges heraus kommen muss. Ein großer Teil von „Zurück ins Licht“ ist dann aber in Holland entstanden. Ich glaube diese ruhige Entspanntheit dort, die merkt man dem Album auch an.
Das stimmt, die eine oder andere Nummer ist sehr ruhig und kommt sehr entspannt rüber!

Überhaupt, schon der Titel „Zurück ins Licht“ klingt ein wenig nach Rückkehr, so wirklich weg wart ihr aber doch gar nicht – oder wie ist das Ganze zu verstehen? Hat der Besetzungswechsel etwas damit zu tun?
Ja, natürlich hatte das auch was mit der Titelgebung zu tun!
Ich weiß gar nicht mehr, war das damals im Einvernehmen, eher spontan, oder wie hat sich das damals enwickelt?
Das war nicht spontan, Claus hatte damals seine Gründe – er ist nicht gekickt worden, es gab keinen Stress. Wir sind untereinander immer noch alle cool. Er wollte es damals einfach nicht mehr machen, er wollte noch die Festival-Saison spielen und dann haben wir zusammen nach einem Nachfolger geschaut und den dann in Nico gefunden, der auch unsere erste Wahl war. Wir waren zu Anfangszeiten schon viel mit seiner damaligen Band unterwegs und kennen uns schon ewig. Er kommt aus Düsseldorf und somit hat das alles super gepasst. Nico hat sich dann damals noch mit Claus zusammen gesetzt und sich Tipps für die Songs geholt.
Von außen betrachtet hat Nico auch nochmal richtig neuen Schwung rein gebracht… er ist auch eher eine Rampensau, oder?!
Ja genau, die ganze Frische und Power die er noch hat, die bringt er auch zu 100 % mit ein – er ist heiß und willig. Diesen frischen Wind und dieses Feuer das er hat, das überträgt sich dann auch auf den Rest der Band.
Definitiv… das sind für mich zwei absolut unterschiedliche Charaktere – Claus eher ruhig und zurückhaltend und Nico geht krass ab. Das belebt das ganze nochmal und bringt euch scheinbar noch ein Stück nach vorne. Gab es sonst noch Auslöser für den Titel des Albums?
Die Namensfindung war auch direkt in der Corona-Phase – und da ging es darum auch positiv zu denken bzw. nach vorne zu schauen. Der Titel ist durchweg postiv gemeint. Daher auch der goldene Kopf, der irgendwie ein bisschen wie ein positiver leuchtender Auferstehungscharakter zu sehen ist. Wir gehen auf jeden Fall nicht negativ an die Sache heran, wir schauen nach vorne und wir denken auch, irgendwann wird es wieder laufen. Wie auch immer es laufen wird… es wird schon weiter gehen.
Ja, das betrifft ja im Moment alle – das es nicht abzusehen ist, wie sich alles entwickelt. Bei Titeln wie „Autopiloten„, da nehmt ihr die ganze schwierige Lage ja auch nochmal als Thema auf – diese Leute, die sich im Netz allen Scheiß geben und alles für bahre Münze nehmen, sich in irgendwelche Sachen verrennen.
Ja, aber das ist eigentlich nicht auf Corona gemünzt.
Okay, aber es passt natürlich jetzt gerade hervorragend rein in die ganze Thematik.
Genau das ist auch das Dingen – wir hatten das Video zu dem Song rausgebracht und es gab dahingehend schon den einen oder anderen Kommentar, dass man das auch Pro-Querdenken sehen kann… und so sind wir ja gar nicht. Wir annimiern die Leute eher dazu die Masken anzuziehen und sich ein bisschen zusammenzureißen und sich an die Regeln zu halten. Wenn man den Song natürlich nur so hört, dann kann man natürlich auch genau in die andere Richtung denken.

Das habe ich überhaupt nicht gedacht! Klar, man kann die Nummer in zwei Richtungen hören…
Wir haben den Song extra gegengehört, nachdem wir von den Kommentaren gehört hatten. Aber wie gesagt, der Song ist lange vor Corona entstanden. Es geht eigentlich darum, dass man kaum noch selber nachdenkt und die Leute sich treiben lassen und gar nicht mehr wirklich mitbekommen, was um einen herum passiert.
Okay, lustigerweise kam passend zu eurem Song eine Woche später das neue Madsen-Album raus, mit der Single „Behalte deine Meinung„, die ja genau dieses Thema auch aufgreift… wobei deren Nummern ja explizit in der Corona-Zeit entstanden sind.

Dieses Jahr feiert ihr ja euer zwanzigjähriges Bandjubiläum. Hättest du damals gedacht, dass wir 2020 hier zusammen sitzen und du Interviews gibst? Eigentlich war Massendefekt ja damals eigentlich als Spaß-Combo gedacht, oder?!
Ja, so war damals der Plan – für ein Benefiz-Konzert gegründet, hat es dann so einen Anklang genommen. Nachdem wir die ersten Demo-Tapes bei Wölli aufgenommen hatten und da wir in Meerbusch bei Düsseldorf gelebt haben, da haben wir relativ schnell eine kleine Anhängerschaft um uns herum sammeln können. Und so ging das dann irgendwie los. Also nein, ich hätte nie gedacht das wir irgendwann da sind, wo wir jetzt stehen.
Tja… und zwanzig Jahre später steht ihr da, füllt Hallen und spielt vor zehntausenden begeisterten Fans auf Festivals. Gerade die jetzige Zeit gibt einem doch dann bestimmt die Möglichkeit sich wieder ein wenig zu erden und auf das wichtige im Leben zu konzentrieren.
Wir sind alle schon sehr viel ruhiger geworden, wir haben alle noch unsere Jobs – was ja auch immer relativ gut erdet. Wir sind auch nicht mehr so die Partygänger, wie wir es früher mal waren. Wir sind halt auch alle älter geworden – das klingt immer ein wenig schwierig, aber…
… das spiegelts sich auch in den Songs wieder, dass man irgendwie älter und reifer geworden ist.
Ja, das mag gut sein. Wenn wir dann auf Tour sind, dann ist aber direkt wieder Klassenfahrt angesagt. Da ist dann alles wieder anders. Da holt man das was man zuhause nicht macht, dieses Weggehen und Feiern, das holt man auf Tour wieder gut nach. Das reicht dann auch für den Rest des Jahres.

Tja, das mit dem Touren fällt ja aus bekannten Gründen im Moment leider ins Wasser und auch euer Heimspiel in der Mitsubishi Hall in Düsseldorf wurde erst kürzlich auf den nächsten Dezember verschoben. Trotz alledem seid ihr gerade durch die Kooperation mit Fortuna Düsseldorf in aller Munde – was hat es damit auf sich und wie ist die Aktion entstanden?
Fortuna ist ja in erster Linie unser Verein. Als Düsseldorfer ist das natürlich klar, besonders von Susi, Nico und mir. Wir haben vor einem Dreivierteljahr ein Schreiben von der Fortuna bekommen, dass die dort bei sich etwas für uns liegen haben würden – der Verein hat uns zum Jubiläum ein Massendefekt-Trikot entworfen, worüber wir uns sehr gefreut haben. Dann kamen wir ins Gespräch, ob wir nicht mal etwas zusammen machen wollen… und daraus ist diese gemeinsam Kollektion entstanden.
Soll das Ganze noch ausgeweitet werden oder belasst ihr es erst einmal dabei?
Wir werden die Kollektion aufgrund der aktuellen Situation natürlich ein wenig länger anbieten – der Verkauf im Stadion ist ja aktuell nicht möglich. Aber ein Teil der Einnahmen wird gespendet. Und mal schauen ob und was sich da noch ergibt. Weiter ist zumindest aktuell erst einmal nichts geplant.

Nochmal zum Album zurück… ihr habt ja immer recht außergewöhnliche Layouts bei euren Alben, wie kommt ihr auf diese Ideen?
Wir haben alle Ideen und lassen die einfließen, je nachdem wer es macht. Das letze Album hat noch Kay Özdemir gemacht, ein Freund von uns. Und jetzt bei „Zurück ins Licht“ haben wir zum ersten Mal mit Lucas Mayer, dem ehemaligen Bassisten von Heisskalt, der das beruflich macht, zusammen gearbeitet. Lucas hat das Layout entworfen. Wir haben Sachen vorgeschlagen und das Endresultat ist dann das gewesen.

Wir haben ja neulich erst geschrieben, dass ihr das Video zu „Schiffbruch“ auf der Elbe1 in Cuxhaven drehen wollt, wie seit ihr dazu gekommen – wie kommt man da hin?
Michi und Flora von der Videoproduktionsfirma Der Pakt, mit denen wir schon die letzten fünf/sechs Videos gemacht haben, haben sich schlau gemacht. und die Elbe1 war möglich. Also das wir da drehen durften. Wir haben auch direkt auf dem Schiff gepennt, sind dann um 5 Uhr morgens aufgestanden und haben um 5:30 Uhr angefangen zu drehen. Mich persönlich hat es besonders gefreut, da ich ja Familie in Cuxhaven habe. Für mich ist das immer ein bisschen Heimat. Ich fand es sehr schön an der Alten Liebe ein wenig drehen zu können.

Im November kommt das neue Album raus – ihr habt ja mit dem letzten Album und dem achten Platz in den Charts die Messlatte schon sehr hoch gelegt. Steigt da nicht für einen selber doch schon ein wenig der Druck das Ganze dieses Mal noch toppen zu wollen bzw. zu müssen?
Naja, jetzt in diesem Jahr kannst du das alles eh vergessen. Es wäre gelogen wenn man sagt, man denkt nicht darüber nach, aber richtig wichtig ist das nicht. Ich weiß, dass in der Woche wenn wir unsere Platte rausbringen auch die Toten Hosen und AC/DC ihre Alben herausbringen – da rechnet man bestimmt schon mal nicht mit einer Platz 1 Geschichte. Daher sind wir da eigentlich ziemlich entspannt, mal schauen was passiert.
Die 3 wäre ja auch okay! 😉
Ja, aber da gehe ich auch nicht von aus – das ist auch wie gesagt nicht so wichtig! Wichtig ist, dass wir überhaupt eine Platte heraus bringen und die Resonanz der Fans und Freunde ist mir persönlich in diesem Zusammenhang viel wichtiger als irgendwelche Verkaufszahlen. Ich meine, den ganzen Plattenfirmen geht es ja auch nicht gut. Die bringen jetzt alle ihre Backup-Kataloge heraus. Alte Platten werden nochmal neu aufgelegt, als Vinyl raus gebracht. Die charten natürlich auch wieder alle.

Apropos veröffentlichen, hast du Campinos Buch schon gelesen?
Nein, habe ich noch nicht.
Ich bin gerade dabei… und es lohnt sich – nimm dir die Zeit, da machst du nichts falsches!
Ja, ich habe es vor. Aber momentan liegt noch so viel an, ich muss da meine Ruhe für haben. Das werde ich aber auf jeden Fall in diesem Jahr noch schaffen.

Bevor ich dich gehen lassen, kurz noch zum Schluss: Wir sind ja nicht nur ein Musikmagazin, sondern wir haben ja auch politisch immer auch das Herz am „linken“ Flecken. Du bist ja, wie ich beim letzten Interview herausgefunden habe, auch gerne mal in den USA unterwegs. Jetzt sind in einigen Tagen Wahlen dort drüben, was sagst du?
Ich befürchte, dass der Trottel wieder an die Macht kommt. Ich halte diesen Mann ja für völlig unfähig, aber wenn dann regiert er ja zum Glück nur noch ein Mal. Aber dann ist auch gut! Wir hoffen mal das es nicht passiert, aber ich befürchte das er es nochmal ein paar Jährchen macht.
Beeinflusst das denn deine Reisefreude, jetzt mal unabhängig von Corona?
Nein, ich habe das Land und die Menschen ja ganz anders kennengelernt. Wir machen ja immer einen Roadtrip und ich habe die Amis immer als nette, zuvorkommende Menschen kennengelernt. Teilweise auch mit einer ganz großen Unwissenheit was das politische Dasein angeht. Auch Freunde von uns, die dort leben und Trump echt gefeiert haben, die haben dann, nachdem wir uns vernünftig mit ihnen unterhalten haben, komplett die Seiten gewechselt. Sie haben die Sachen gar nicht so gesehen wie sie in der Realität sind. Viele sind dort meiner Meinung nach sehr beeinflussbar. Insgesamt habe ich die Amerikaner an sich aber als sehr zuvorkommend und höflich kennen gelernt. Ich glaube aber auch, dass es je nach Bundesstaat sehr unterschiedlich ist. Wenn man in die Hillbilly-Region kommt, dann sieht das garantiert schon wieder ganz anders aus.
Dann drücken wir alle zusammen mal die Daumen, dass der Kelch an uns allen vorbei geht. Ob das andere besser ist, wissen wir ja nicht… aber schlechter gehts eigentlich nicht mehr!
Ja, das stimmt!

Mit diesem Worten möchte ich dann abschließen und hoffe, dass der ganze Corona-Scheiß irgendwann mal vorbei ist und das alle Leute vernünftig bleiben bzw. werden, damit ihr auch endlich wieder die großen Bühnen rocken könnt. Ich hatte mich so aufs Deichbrand gefreut mit euch. Ja gut, dann nächstes Jahr… ihr steht ja auch wieder auf der Liste, oder?!
Ja genau, wir haben alles was wir dieses Jahr hatten direkt für nächstes Jahr wieder bestätigt.
Dann sehen wir uns halt spätestens dann. Dann muss der ganze Mist endlich vorbei sein… und dann müssen sich die ganzen Schwurbler bis dahin endlich mal zusammengerissen und die Backen zusammengekniffen haben.
Ja, ich hoffe mal stark! Bis dahin wird ja vielleicht endlich ein Impfstoff da sein. Und vielleicht dann endlich auch eine Regelung, wie man was veranstalten kann. Sonst wäre das ja quasi der Untergang für die Branche.
Ja, für viele Veranstalter, für viel Clubs gehts ja jetzt gerade an die Existenz.
Nee genau, noch ein Jahr kannst du das so nicht durchziehen!

Dann auf nächstes Jahr… da steht ja immer noch ein Bier aus! Ich hoffe ihr bleibt alle gesund…

… das wünsche ich euch auch!

 

Titel:
01. Schiffbruch
02. Tun was ich will
03. Autopiloten
04. Freunde, dachte ich
05. Spuck in die Luft
06. Letzte Worte
07. Neelassma
08. Totes Land
09. Antikörper
10. Mehr!
11. Daumen hoch
12. Vergiss nicht

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