Bevor ich mich normalerweise an die Handwritten Classics begebe, überlege ich ziemlich lange welches Album mich in den letzten Jahren – und bei meinem fortgeschrittenen Alter sogar Jahrzehnten – geprägt oder besonders berührt hat. Die heutige CD ist mir aber quasi eher zufällig vor die Augen bzw. in die Finger gefallen, hatte ich doch neulich auf der Facebook-Seite von Rainer G. Ott ein Foto gesehen, auf welchem ganz ungeniert das erste Album der Jungs von …But Alive herum lag.

Innerhalb von Sekunden schwirrten unzählige Momente vor meinen Augen, weswegen ich die Band damals so ins Herz geschlossen hatte und bis heute – obwohl es die Hamburger Polit-Punker schon seit 1999 nicht mehr gibt – auch aus selbigen nicht mehr verloren habe.

Okay, seitdem ist viel Wasser die Elbe herunter geflossen… Marcus Wiebusch hat gemeinsam mit Frank Tirado-Rosales damals die Indie-Rock-Band Kettcar gegründet und mittlerweile sogar mit seinem Solo-Projekt einige Erfolge feiern können – außerdem wurde gemeinsam mit Reimer Bustorff und Thees Uhlmann das Indie-Label Grand Hotel van Cleef gegründet, welches in diesem Sommer bereits sein 15tes Jubiläum feiern wird!

Nach diesem kurzen Abstecher geht`s aber jetzt direkt zurück zu …But Alive und ihrem 1993er Debüt-Album „Für uns nicht“:

Gut zwei Jahre nachdem das Album und das Quartett in Hamburg und dem Rest der Punk-Republik neben den Boxhamsters, Dackelblut und WIZO bereits fulminant abgefeiert worden ist und die Jungs schon als inoffizielle But AliveNachfolger von politischen Bands wie EA80 oder Slime genannt wurden, sollten Marcus (Gesang, Gitarre), Hagen (Gitarre), Frank (Schlagzeug) und Mathy (der Vorgänger von Torben, der mittlerweile Kopf von Rantanplan ist) am Bass endlich auch das beschauliche Schwerte an der Ruhr – und hier speziell das Rattenloch des Kunterbunt e.V. – für einen Gig besuchen.

Da ich die Location zu dieser Zeit erstens zu meinem Wohnzimmer auserkoren hatte und zweitens mit meiner ersten Band Totensonntag damals gerade auf dem Weg war, mit unserer düsteren Depri-Emo-Punk-Irgendwas Musik eine der erfolglosesten Bands der Stadt zu werden, wurden wir doch tatsächlich als Vorband für den Abend gebucht (mein erster offizieller Auftritt überhaupt! – Danke Angela! Nein, nicht Merkel… sondern „Buntvogel“ Berg! 😉 )… Gage war übrigens Freibier und lecker Essen von unserer Kubu-Biggi – habe ich dir eigentlich je für die unzähligen gefüllten Blätterteig-Taschen gedankt? Ich denke schon… aber egal, nochmal Danke!

Shit, ich drifte wieder ab… also weiter:

An besagtem Nachmittag traf ich also zum ersten Mal auf Marcus Wiebusch, der gerade Backstage ein Interview gab und über die Punker-Szene, die Erfolge der Band und über Hamburg im Allgemeinen sprach… als junger Punker war ich ordentlich aufgeregt mit einem solchen „Star“ das Buffet und die Luft zu teilen! 😉

Auf unseren Support-Gig – oder wie man es auch immer nennen mag – möchte ich hier nicht genauer eingehen, aber spätestens als …But Alive die Bühne betraten war der Schuppen mehr als gut gefüllt und die konzerterfahrene Meute vor der Bühne begann ihre geile Abriss-Party und feierte jeden der dreizehn Songs auf „Für uns nicht“ kategorisch ab!

 

Zum Wohl der Menschheit wird gesagt,
Vielen Dank, wir haben nie danach gefragt.
Das werden wir niemals akzeptieren
Und dürfen nichts als funktionieren.
Was für euch gilt, gilt für uns nicht.
(„Für uns nicht“)

 

Ob es nun der Platten-Opener, Revoluzzer-  und Titelsong „Für uns nicht“ sein sollte oder die Speed-Punk Nummer „Unser Nein“, der Kampf gegen den Staat oder das Establishment stand bei den Jungs ganz groß geschrieben!

Das mit krachigem Bass beginnende und in der Strophe gerappte „Grau“ ist zwar über die gesamte Länge sehr hektisch, aber textlich haut es genauso schonungslos in dieselbe Kerbe… gefolgt von einem meiner …But Alive Lieblingssongs, denn „Sie war, sie ist, sie bleibt“ ist für mich so aktuell wie keine andere Nummer, auch wenn der Song schon 24 Jahre alt ist – außerdem habe ich das Lied selber einige Male gecovert, dann muss man ihn ja wohl auch mögen!

 

Und „Clockwork Orange“ zehnmal gesehen
Und wirklich versucht, ihn ganz zu verstehen
Und ein Hippie sabbelt mich mit Weltfrieden voll
Keine Ahnung, was ich ’93 davon halten soll
Es wird immer härter, je mehr wir verfallen
Wenn sich vor Wasserwerfern Hunderte von Fäuste ballen
Manchmal ist sie laut, viel öfter kommt sie still
Ich kenn‘ keinen, der freiwillig am Fließband sein will
(„Sie war, sie ist, sie bleibt)

 

Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen erscheint „Keine Wahl“ in einem überaus bedrohlichen Licht, wobei der Refrain einem ja eigentlich schon die richtige Richtung vorgibt und gegen die Resignation und den Stumpfsinn in den Köpfen ankämpft… es bleibt uns also doch noch ein wenig Hoffnung!

„All die hohen Ideale, retten dich nicht davor ein Arsch zu sein – seh‘ es ein.“ will Marcus uns dann später mit  „Korrekt“ klar machen und damit hat er leider Recht, denn nur große Fresse haben und den Hass, sowie seinen erhobenen Zeigefinger überall hinstrecken reichte schon damals nicht aus.

Dass es bei „Ohnmacht“ um einen Aufruf zur Revolte gehen soll ist wohl eher ein Mythos, aber hier geben uns die Hamburger einen schonungslosen Einblick in die Konzern-Gier und den Ausbeutungs-Gedanken, welcher spätestens in den 90igern begann und wie man damals dagegen hätte vorgehen „können“, um das nun eingetretene Chaos zu verhindern!

Ich denke zu „Nur Idioten brauchen Führer“ braucht man nicht wirklich viel sagen, der Text spricht für sich und wer es dennoch nicht rafft, hier mal eben ein herzhaftes… NAZIS RAUS!

 

Fallt auf alte Männer rein in kackbraunen Hemden
die euch immer wieder sagen das Problem sind die Fremden
uns geht es gut, weil es ihnen schlecht geht,
dem ersten einen Preis der von euch das versteht
[…]
Ok, ich gebe zu es ist ungerecht verteilt,
vielleicht bist zu arbeitslos, ja tut mir leid,
vielleicht bist du gelangweilt, enttäuscht, völlig frustriert,
es ist halt nicht besonders schön wenn man denkt man verliert
[…]
Nichts ist rebellisch an deinem Verhalten
du bist so dumm und so gierig genau wie deine Alten
reih dich ein in die Jogginghosen vollgepisst,
du dummer mieser kleiner Rassist.
(Nur Idioten brauchen Führer)

Ach ja… da wäre ja dann auch noch die „Gerechtigkeit“, die dank der Justiz in Selbstjustiz endet und Opfer zu Tätern macht – ein trauriger Song zu einem mehr als bedrückendem Thema! 🙁

Mit „Wir werden“ findet „Für uns nicht“ einen gelungenen Abschluss und motiviert alle positiven Weltverbesserer und Gutbürger dazu, endlich den Arsch hoch zu kriegen und den neuen Weg zu finden „[…]und wenn es dann so weit ist“ werden wir „… die Faust aus der Tasche ziehen“!

Besonders beeindruckt war ich damals von den Film-Zitaten, die zwischen den einzelnen Songs als Pausenfüller dienten – einziges Manko der Vinyl mag vielleicht die ein wenig schlechte Aufnahmequalität gewesen sein (die 2001 neu aufgelegte CD ist da qualitativ doch schon eine andere Nummer)… aber das war damals halt noch wahrer und ehrlicher Punkrock! 🙂

„Jetzt aber kommen wir zu etwas völlig anderem!“

Auf jeden Fall waren …But Alive vier Jahre und drei Alben (das 1995er „Nicht zynisch werden?!“, „Bis jetzt ging alles gut…“ aus 1997 und das 1999er Album „Hallo Endorphin“) später leider Geschichte!

„Für uns nicht“ ist meiner Meinung nach neben „Nicht zynisch werden?!“ das beste Album von …But Alive und eins der besten Punk-Alben überhaupt! Hart und ungeschönt hauen sie einem sämtliche Unzulänglichkeiten der Zeit um die Ohren, brechen Tabus auf und bestechen durch ihre schonungslose Ehrlichkeit!

Und das Schlimme daran, Songs wie „Krieg; keinen Frieden“ oder „Nur Idioten brauchen Führer“ sind auch heute noch traurige Realität… und es wird jeden Tag schlimmer!

 

Titel:
1. Für uns nicht
2. Unser Nein
3. Grau
4. Sie war, sie ist, sie bleibt
5. Keine Wahl
6. Krieg; keinen Frieden
7. Korrekt
8. Ohnmacht
9. Nur Idioten brauchen Führer
10. Für immer 16
11. Nichts als Wörter
12. Gerechtigkeit
13. Wir werden

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