Das Rad neu zu erfinden ist bekanntermaßen ein Ding der Unmöglichkeit. Dies gilt besonders für den schwammigen und gigantischen Oberbegriff der sogenannten „Rock- und Popmusik“, der sich als Folge des Siegeszuges der Rock’n’Roll-Bewegung der 1950er zur Beschreibung sämtlicher populärer Musikstile etablierte und komplexe sonische, wie kulturelle Wechselbeziehungen für eine größtenteils nicht-musikalische, breite Öffentlichkeit greifbarer machen sollte.

Viele Musikwissenschaftler argumentieren, dass mit der American Hardcore-Bewegung der 1980er-Jahre das letzte Mal etwas grundsätzlich Neues im gigantischen Spektrum des Oberbegriffs „Rockmusik“ aufgetaucht ist. Musikgenres sind teilweise so komplex miteinander verwoben und die Äste und Blätter dieses Stammbaums sind weit verzweigt und doch häufig irgendwie verbunden. Verwandtschaftsverhältnisse findet man überall und viele Stile haben eine lange Traditionslinie, basierend auf Genres, die zum Teil mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel haben.

Das große Zauberwort, das das große Musikkarussell trotzdem immer spannend bleiben lässt, ist Iteration. Die Zeichen des Alphabets sind auch endlich, die Möglichkeiten viele Wörter, Sätze und Texte zu bilden, schier unendlich. Man muss einfach nur rekombinieren. Eine Strategie, die fast jedes neu entstandene Musikgenre im Laufe der Jahrzehnte und –hunderte verfolgt. So haben sich viele Stile in Subformen diversifiziert und dabei an Subgenres anderer Parentalgenres angenähert.

Pinegrove aus New Jersey ist eine dieser Bands, dessen Kernkompetenz in der Rekombination verschiedenster musikalischer Stile zu finden ist. Auf ihrem Debüt-Album „Cardinal“ präsentiert das Quartett eine Mischung aus Emo, Indiefolk, Country und Blues, die ich in dieser Form selten zuvor gehört habe. Hinzu kommen eine Stimme, die sofort hängen bleibt, und ein Sänger, dessen Talent und Musikalität ihresgleichen sucht. Neben den gelegentlichen twinkleligen Emo-Gitarren ist der Sound von folktypischen Arpeggio-Läufen, häufig mit Akustikgitarre gespielt, im Hintergrund geprägt. Das Schlagzeug klingt sehr sauber und räumlich. Gerne kommt mal ein dezent platziertes Banjo zum Einsatz, ansonsten stehen Bottleneck-Gitarren, die hillbillyartige Blues-Slides ins Klangbild werfen, an der Tagesordnung.

Die Stimme erinnert streckenweise an die Emotionalität und Hingabe eines (guten) Country-Acts, was Phrasierung und Ausdruck angeht, die Klangfarbe ist leicht nasal und sehr warm. Mich persönlich erinnert sie ein wenig an den Sänger von The Fray („Cable Car“, ihr erinnert euch?). Das sorgt mitunter natürlich auch für eine gewisse Poppigkeit in den Songs. Diese Poppigkeit ist es auch, die die verschiedenen Stilelemente zusammenführt und für ein kohärentes Gesamtbild sorgt.

Letztlich ist „Cardinal“ eine Platte, die sich für (Midwest-)Emofreunde, Indiefolkfans, Blueser und Country begeisterte, unter Umständen auch älterer Generationen, gleichermaßen eignet. Interessant und relevant ist sie allemal, selbst für alle, die mit dem einen oder anderen Stilelement nicht zwingend etwas anfangen können.

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01. Old Friends
02. Cadmium
03. Then Again
04. Aphasia
05. Visiting
06. Waveform
07. Size Of The Moon
08. New Friends
09. Paterson & Leo
10. Waveform (Demo)
11. Aphasia (Demo)
12. Old Friends (Schuylkill Session)
13. New Friends (Schuylkill Session)

Pinegrove - Cardinal (Deluxe Edition) (Run For Cover, 01.06.2016)
4.4Gesamtwertung