Es ist Montagabend, das Wetter bombastisch und für eine Wohnzimmer-Show viel zu warm. Daher wird das Konzert des Veranstaltungskollektivs „nochjemandWein?“ kurzerhand nach draußen in den Garten eines Freundes verlegt. Nachdem Olli Okay und Citizen Tim in einer wunderschön friedfertigen Gartenatmosphäre gespielt haben, treffen wir uns während der Abbauarbeiten mit Maik Lehmann aus dem Team, um uns über Selbstgemachtes zu unterhalten.

Björn:
Hallo Maik, stell dich oder euch doch bitte erstmal in ein paar knappen Worten vor und erkläre, was „nochjemandWein?“ ist

Maik:
Das „nochjemandWein?“ ist eine WG in Bielefeld, die ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellt für alle möglichen künstlerischen Darbietungen. Hauptsächlich Konzerte und Musik aber auch Theater oder Lesungen. Wir versuchen das Wohnzimmer ein bisschen ins Öffentliche zu tragen und den Raum zu teilen.

Björn:
So ein bisschen wie früher der Salon? Kann man sich das so vorstellen?

Maik:
Genau. Nur dass es eben wirklich in einer privaten WG stattfindet.

Björn:
Ich wollte grad sagen, „nochjemandWein?“, das hört sich ziemlich familiär an. Wie genau ist es zu dem Namen gekommen, ist das ein Zitat?

Maik:
Das war bei uns mal ein Running Gag. Wir hatten in der WG mal ein Pärchen wohnen, die sich am Abendtisch ein wenig lauthals unterhalten haben – jetzt nicht gestritten, aber halt lauter geworden sind. Und da kam dann immer der Spruch „noch jemand Wein?“, um das zu unterbrechen und um zu sagen, „so, jetzt ein neues Thema“. Und irgendwann wurde daraus ein Running Gag. Als dann die ersten Konzerte stattgefunden haben, brauchten wir einen Namen für die Veranstaltung und haben gesagt „wir müssen einfach diesen Namen nehmen“.

Björn:
Also tatsächlich mal ein WG-Insider.

Maik:
Es ist nach wie vor noch ein WG-Insider, auch wenn die meisten ihn nicht mehr verstehen haha.

Björn:
Was genau erwartet einen Besucher auf einer eurer Veranstaltungen? Habt ihr eine bestimmte Philosophie, die ihr mit eurem Projekt verfolgt?

Maik:
Tja, also wir wollen auf jeden Fall Gemütlichkeit und so richtige Wohnzimmeratmosphäre, ein familiäres Ambiente bieten. Was den Besucher erwartet ist Intimität, es ist sehr nah am Künstler und man berührt sich schon fast, da es ja auch ein sehr beengter Raum ist. Wir sagen auch, jeder ist bei uns willkommen, wir wollen niemanden ausschließen. Außer natürlich Rassisten etc. pp. Dadurch dass wir sagen, wir machen das mit Hut und ohne Eintritt soll wirklich jeder die Möglichkeit haben teilzunehmen.

Björn:
Das beantwortet schon fast meine nächste Frage: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, so ein Projekt im Wohnzimmer zu starten? Habt ihr einen Bedarf gesehen oder hat euch sowas gefehlt oder seid ihr einfach begeistert von Kunst und Musik und wolltet deswegen in der Richtung etwas machen?

Maik:
Also wir sind auf jeden Fall begeistert von künstlerischem Schaffen, unser WG-Mitglied Rick zum Beispiel produziert auch selbst Hörspiele und wir hatten auch mal einen Gitarristen bei uns wohnen. Der wirkliche Anfang war aber eigentlich, dass eine Freundin von uns, die einen Lebensgefährten in Frankreich hat, der wiederum eine Band hat, auf uns zugekommen ist und gefragt hat, ob wir noch eine Location zwischen Köln und Hamburg wüssten, um einen Tourtermin zu füllen. Dieser Freund war mal bei uns zu Gast und meinte, das würde bei uns ins Wohnzimmer super reinpassen, ob wir nicht Lust hätten, das zu machen.

Da haben wir nicht lange überlegt, wir sind sowieso alle sehr aktiv und sind sehr social, also haben wir dieses Event im privaten Rahmen veranstaltet. Das hat uns und auch der Band dann so gut gefallen, dass die wiederum einer befreundeten französischen Band aus Paris Bescheid gesagt haben, dass sie unbedingt mal zu uns in die WG kommen müssen. Das war dann das zweite Konzert, das geklappt hat. Dazu muss ich sagen, dass ich persönlich zu dieser Zeit selbst in Frankreich war und die Konzerte gar nicht mitbekommen habe. Als ich aber davon gehört habe und die Bilder gesehen habe, fand ich das so toll, dass ich unbedingt ein weiteres Konzert machen wollte, sobald ich zurück bin.

Und ab da haben wir dann gesagt, Mensch, wir kennen teilweise so viele Musiker und andere kreative Leute, lasst uns doch diese Veranstaltung einfach noch ein bisschen weiterführen. Uns gefällt das – den Leuten gefällt das – das Setting passt, also lasst uns das doch noch ein bisschen größer aufziehen. Und ab dem vierten Konzert war es dann ein Selbstläufer.

Björn:
Ihr macht das alles selbst und auch ehrenamtlich. Wir haben in unserer Reihe etwas den Begriff DIY im Fokus, Do-it-yourself-Kultur, die besonders im Zuge der Hardcore Punk-Szene der 1980er Jahre viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Nun organisiert ihr ja keine Hardcore-Shows bei euch in der WG. Das sind ja eher schon ruhigere und gediegenere Sachen. Sehr ihr trotzdem parallelen?

Maik:
Das würde ich schon sagen, ja. Wir versuchen, wirklich alles selber zu machen und versuchen das, mit den wenigsten, uns zur Verfügung stehenden Mitteln – wir sind größtenteils Studierende ohne größere Geldreserven. Alles was wir da aufgebaut haben ist wirklich mit Liebe gestaltet. Da steckt unheimlich viel Fleiß mit drin.

Außerdem haben wir eine ziemliche Bandbreite: Von Singer/Songwriter über Klassik bis hin zu Ambient Punk und Desert Rock. Ein bisschen härtere Sachen können wir auch, das ist dann nur nicht ganz so laut.

Björn:
Schwierig in der Wohnung und mit den Nachbarn wahrscheinlich?

Maik:
Nein, gar nicht mal so. Unter uns ist ein Geschäft, das ab 20 Uhr geschlossen hat, da stören wir also niemanden. Über uns wohnt eine 94 Jahre alte Dame, die beim ersten Konzert nur gesagt hat „Damals war ich auch jung, ihr könnt ruhig feiern und wenn es zu laut ist, nehme ich mein Hörgerät raus“.

(Alle lachen)

Von daher ist das alles sehr entspannt.

Björn:
Das ist ziemlich gut. Gibt es denn manchmal Schwierigkeiten oder anders gefragt: Was ist das Stressigste und Nervigste an so einer Veranstaltung für euch als WG und was ist das Schönste?

Maik:
Hm. Also das nervigste ist vielleicht das vorherige Putzen und Aufräumen, wobei das in einer WG auch ganz gut ist, wenn man einmal im Monat eine Grundreinigung macht. Aber das ist das, was unheimlich viel Zeit kostet. An dem Tag der Veranstaltung fangen wir um 10 Uhr an und sind dann auch wirklich erst um 19 Uhr fertig. Dann kommt noch ein halber Tag Nachbereitung dazu. Das ist schon ziemlich viel.

Aber: das Schönste ist natürlich, dass man die Menschen auf der Bühne und auch das Publikum unheimlich gut kennen lernt. Wir haben sehr viele Freundschaften und Kontakte gewonnen. Und neue Freunde zu gewinnen und Leute miteinander zu verbinden, das ist wirklich das Schönste.

Björn:
Dieses Konzert war jetzt vorerst die letzte Wohnzimmershow. Warum ist hier Schluss und wie geht es dann weiter, was ist noch geplant?

Maik:
Also das Nächste was stattfindet, ist unser Sommerfest(ival) auf dem Gelände des Bielefelder Bauernhausmuseums am 11. August. Danach machen wir erstmal eine kleine Kreativpause. Denn die Planung dieses Festivals hat jetzt gut ein Jahr lang eine Menge Ressourcen von uns aufgebraucht. Ich würde sagen, dass wir jeden Tag fast zwei Stunden daran arbeiten. Deswegen brauchen wir jetzt erstmal eine Pause. Damit wir mal einen Urlaub haben und ein bisschen evaluieren können. Wir machen dann die Nachbereitung vom Festival mit den Kooperationspartnern, Abrechnungen usw. Das wird nochmal ziemlich viel Arbeit sein.

Der andere Grund ist, dass sich innerhalb der WG ein wenig was verändern wird. Ich gehe zum Beispiel für ein Semester ins Ausland und andere von uns machen in absehbarer Zeit wohl auch ihren Abschluss. Da müssen wir intern erstmal gucken, wie es dann weitergeht und ob wir unser Konzept noch weiter ausbauen können.

Es wird auf jeden Fall weitergehen, wir haben da auch einige Ideen, wir brainstormen regelmäßig und schauen was man machen kann. Es wird definitiv wieder Konzerte geben. Wir konzentrieren uns jetzt erstmal aufs Sommerfest(ival) und danach haben wir uns glaube ich eine Pause verdient.