Ich habe mich für ein Promoshooting mit dem Wahl-Hamburger Joe Astray in Cuxhaven getroffen. Aber vorher haben wir mit literweise Kaffee und kiloweise Zigaretten bei mir im Wohnzimmer einige Dinge besprochen, die ihr jetzt hier lesen könnt. Für mich persönlich war das mehr als interessant.

 

Sven:

Müsste ich dich irgendwie einordnen, würde ich darauf wetten das du deine Wurzeln im Punk hast. Richtig oder völlig daneben?

Joe:

Ja, völlig richtig. Ich komme eigentlich schon so aus dieser Minor Threat, Circle Jerks, also so aus dieser Hardcore / Straight Edge Richtung.  Aber auch Bands wie Bad Religion. Und obwohl es mir heute fast ein bisschen peinlich ist, habe ich wegen Blink 182 damals das erste Mal eine Gitarre in die Hand genommen. Höre ich teilweise auch immer noch. Ich war z.B. auch auf einem Konzert von Jimmy Eat World und Blink in Berlin. Ich hab damals vor 14 Jahren eine Punkband gegründet. Da war ich so 15/16. Und die gibt es heute noch in Karlsruhe.  Also definitiv ist das meine Richtung.

Sven:

Du treibst dich ja in der Hamburger Musikszene rum und die ist ja bekanntlich ein Dorf. Wo kommst du ursprünglich her und wie hat das Thema Hamburg für dich angefangen?

Joe:

Als ich mit meinen Eltern, die Beide Künstler sind, nach Deutschland gekommen bin als Kind, musste ich mega viel umziehen. Ursprünglich kommt meine Familie aus Australien. Das viele Umziehen hängt mit der Arbeit, der Schauspielerei, meines Vaters zusammen. Hauptsächlich bin ich aber schon in der Ecke Freiburg / Karlsruhe groß geworden.

Ich hab dann in Freiburg angefangen Musik zu studieren. Das hab ich aber relativ schnell gelassen. Ich hab dann erst noch in Freiburg kleine Jobs gehabt. Und obwohl ich dann irgendwann nach Hamburg bin, liebe ich Freiburg und möchte da auch irgendwann alt werden. Aber Freiburg ist ein Idyll. Da fehlte mir irgendwie die Reibung. Daraus kann ich mir keine Kreativität ziehen. Und daher war in Deutschland für mich die Wahl zwischen Berlin und Hamburg. In Hamburg kannte ich schon einige Leute und Bands und mochte auch die Stadt, also wurde es Hamburg.

Es war in Hamburg ein schwieriger Start. Ich habe mindestens 2 Jahre gebraucht um in diese Szene einzutauchen. Man weiß halt wo die Leute abhängen und auch die Bands rumhängen, aber ich bin nicht der Typ, der da reingeht und sagt „Hey, ich bin Joe aus Freiburg und hier bin ich. Wollt ihr Schnapps?“. Ich hab das, wie ich finde, mit genügend Distanz und auf einem gesunden Weg aufgebaut. Mein erstes Konzert war im Mobile Blues Club. Dann Astra Stube. Dann Molotow. So lernst du immer weiter Leute kennen und  so kann sich das über Jahre aufbauen. Und die Leute die ich regelmäßig treffe und die man mag, mit denen entstehen dann auch Freundschaften. Da entstehen dann auch Sachen, die mehr sind als dieses „Szenige“. Dieses „der ist cool, weil der in Band XY ist“ und „der ist nicht cool, weil der keinen Erfolg hat“. Das gibt es auch oft genug und da habe ich keinen Bock drauf.

Sven:

Du bist eher auf der düsteren Songwriterseite zu finden und hast eher die melancholisch dunklen Songs. Fühlst du dich da wohler oder hast du einfach soviele traurige Geschichten zu erzählen? Oder hast du anders gefragt nicht manchmal Bock so „hey, jo! Hier bin ich!“ zu machen?

 

Joe:

Auf dem Weg von Hamburg in den Süden war es lebendiger und grüner, umso weiter man Richtung Süden gekommen ist. Die Sonne schien wunderschön irgendwann. Da hatte ich so einen Moment, den wohl jeder irgendwie kennt, das man nichts empfindet. Es ist hier wunderschön, aber ich empfinde nichts. Ich war aber auch total ausgepowert. Da kamen mir die Gedanken „Was wäre wenn ich nicht da wäre?“. Da wollte ich dann eigentlich einen Song drüber machen und am Ende ist es ein wunderschöner Sommersong und der freundlichste Song den ich jemals geschrieben habe geworden.

Aber so grundsätzlich ziehe ich schon viel aus der Düsterheit. Das gibt mir echt viel.

 

Sven:

Also bist du schon eher Jemand der viel grübelt?

Joe:

Absolut. Ich denke viel nach. Ich beobachte auch viel. Wenn ich mir die Gesellschaft, die Nachrichten angucke, dann macht das auch was mit mir. Und das wird verarbeitet in Songs.

 

 

 

Sven:

Du bist beim Sportklub Rotterdam untergekommen. Stichwort DIY! Was machst du selbst und wie sind die Abläufe?

Joe:

Der Sportklub Rotterdam sind ja drei Leute. Das ist eine echt schöne Geschichte. Die haben sich das aufgeteilt. Also auch so Genres. Wer hat Bock auf was und jeder zieht seine Herzensdinge ran. Und einer von den Dreien hat sich Shows von mir angeguckt und kam auf mich zu „Haste Bock?“. Das war natürlich schön. Sonst mach ich alles DIY, aber ich habe drei kluge Köpfe an meiner Seite, die ich immer fragen kann. Einer kennt sich mit Social Media gut aus, der andere mit Booking. Und so klappt das super.

Sven:

Wenn nun ein Major auf dich zukommen würde und sagen würde „Hier kommt die Kohle, dafür gibst du aber mal alles aus der Hand und wir treffen Entscheidungen!“. Würdest du das machen?

Joe:

Also ich würde nie alles aus der Hand geben, auch wenn du bei einem Major am Ende ja auch nur einen Ansprechpartner hast, die sich aber vermutlich mehr einmischen. Ich merke aber auch, dass ich mit meinem DIY momentan ziemlich gut fahre. Ich buch die Shows selbst und da entstehen auch Freundschaften draus. Also nicht immer. Muss ja aber auch nicht. Aber dafür hast du den direkten Draht. Am Ende wollen ja auch Agenturen, egal ob große oder kleine, auch überleben und müssen dir da Kohle abzwacken. Also hier ein Booker mit 15-20%, da noch eine Promoagentur mit 15%. Ich bin halt alleine und mache alles selber. Deshalb kann ich auch davon, hoffentlich, überleben. Wenn jetzt Jemand auf mich zukommt und Bock hat, dann guck ich mir die Leute an. Und wenn die cool sind und für die Scheiße brennen, dann kann ich mir vorstellen mit denen zusammenzuarbeiten. Also ich schließe das nicht kategorisch aus. Mir müssen die Leute gefallen mit denen ich zusammenarbeite und wenn es mich mit meiner Musik weiterbringt, warum nicht!?

 

Sven:

Wie ist deine Erfahrung in den letzten Jahren? Der große Songwriterboom hat ja viel mehr Wohnzimmerkonzerte, Songwriter und Co. an Land gespült. Bemerkst du Veränderungen? Ist die große Zeit vielleicht schon vorbei?

Joe:

Ich hatte gerade eine spannende Unterhaltung zu dem Thema. Da wurde gesagt, dass die Songwriterzeit erstaunlich lange ging und die Auffassung meiner Gesprächspartnerin war, dass diese Zeit langsam vorbei ist. Ich geh da in Teilen mit.

Wir als Singer/Songwriter dürfen uns halt nicht darauf ausruhen. Das hat alles gut funktioniert und der Markt wächst, wie z.B. durch Wohnzimmerkonzerte und Plattformen wie Sofa Concerts. Das ist supergeil das es das gibt und ich liebe die intime Atmosphäre. Aber man muss sich immer ein bisschen neu erfinden. Die Leute werden halt schnell satt. Irgendwann ist auch mal gut mit Songwriter Nummer 100, der auch wieder weinerliche Liebessongs schreibt. Da muss man einfach aufpassen und sich dessen bewusst sein. Matze Rossi spielt jetzt z.B. eine Duo-Tour. Das könnte so das nächste Ding werden. Ich mach das auch mit einem Schlagzeuger oder buch mir eine Band dazu. Aber ich kann halt nur jedem empfehlen die Augen offen zu halten und erfinderisch zu sein. Man muss nicht zwingend mehr Leute auf der Bühne haben, sich aber vielleicht mal etwas überlegen.

 

An dieser Stelle wird hemmungslos abgeschweift, über Hot Water Music und Chuck Ragan, Bon Iver, viele andere Musiker, Elektro und Pop gequatscht. Das erspar ich euch!

 

Sven:

Was dürfen wir in nächster Zeit bei Joe Astray erwarten? Was planst du momentan?

Joe:

Ich bin erstmal im schönen Cuxhaven für einen kleinen Urlaub und Fotos und im November geht es ins Studio um am Sound zu basteln. Ich möchte soundmäßig nochmal wirklich rausfinden wo das alles hingehört. Ich hab soviele Einflüsse und soviel interessiert mich, aber ich bin auch in einem Alter, wo ich Bock habe mich mal festzulegen. Damit Leute auch sagen können „Das ist Joe Astray!“.  Dazu werde ich 9 Tage in einem schönen Studio in einem Dorf verbringen und dort Songs schreiben. Vielleicht hab ich am Ende des Tages keinen oder 10 Songs aufgenommen. Dann bin ich im Dezember wieder auf Tour. Ich hab Bock Musik zu machen, Songs zu schreiben und nächstes Jahr eine Platte rauszubringen.

 

Sven:

Letzte Frage! Stell dir mal vor du könntest einen Tag alles in diesem Land als Chef regeln. Du hättest keine Grenzen.  Was würdest du tun?

Joe:

Ich würde zuerst die Fleischpreise erhöhen und die Massentierhaltung abschaffen. Ich würde die Obdachlosen von der Straße holen, bzw. ihnen so ein Netzwerk an die Hand geben. Viel mehr Geld für Soziales und Naturschutz ausgeben. Erneuerbare Energie vorantreiben.

 

 

 

 

 

Fotos: Sven Hoppmann / melancholiemaritim.de