Das neue Album von Long Distance Calling hört auf den vielversprechenden Titel „How Do We Want To Live?“. Für das Album haben sich die Münsteraner dem Thema künstliche Intelligenz gewidment und das Album ist tatsächlich sehr gut geworden. Grund genug einmal mit Bassist Jan Hoffmann ein paar Worte zu wechseln!

 

Herzliche Glückwünsche zum neuen Album. „How Do We Want To Live?“ ist super geworden. Bei aller Komplexität klingt das Album sehr spontan. Ist das Album schon vor der „Corona-Zeit“ entstanden, oder habt ihr die Zeit während der ganzen Beschränkungen genutzt um das Album aufzunehmen?

Vielen Dank für die Blumen! Ohne es zu wissen, triffst du damit genau ins Schwarze! Das Album ist relativ spontan entstanden und die Komplexität war uns wichtig. Wir wollten es allerdings nicht „kompliziert“ machen, deshalb war der recht spontane Ansatz gut und wichtig für das Feeling des Albums. Das hat bei aller Abwechslung auch für einen starken roten Faden gesorgt, der das ganze Album durchzieht.

Das Album ist elektronischer ausgefallen als eure vorherigen Longplayer. Passend zum übergreifenden Thema AI habt ihr einiges an Samples und elektronischen Tönen verwendet. Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?

Wir haben im Herbst letzten Jahres eine Keynote-Veranstaltung zu diesem Thema musikalisch begleitet, das war ein bisschen der Startschuss für die ganze Sache. Als wir dann begonnen haben uns in die Materie einzuarbeiten, gab es kein Halten mehr. Das ist einfach ein zeitloses Fass ohne Boden und wahnsinnig spannend. Außerdem betrifft es nahezu jeden von uns, jeder sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen hinsichtlich was und wie viel davon wir als Individuen und Gesellschaft in unser Leben lassen wollen. Die elektronischen Sounds haben uns natürlich geholfen, das Thema auch musikalisch zu untermauern.

Künstliche Intelligenz ist ein großes Thema, in vielen Bereichen. Hast Du keine Befürchtungen, dass künstliche Intelligenz irgendwann mal das Musizieren übernimmt und ihr arbeitslos werdet? Welche Grenzen sollte man künstlicher Intelligenz auferlegen, auch grade in Bezug auf ethische Fragen?

Ich denke nicht, dass man den menschlichen Faktor jemals perfekt ersetzen kann, von daher hab ich davor keine große Angst wenn es um Musik geht. Es kommt sicherlich auch auf das Genre an. Bei der Art Musik die wir machen, kommt es sehr viel auf Feeling und Groove sowie Atmosphäre an. Ich denke das können wir besser als eine Maschine ☺ Die ethische Frage ist sehr spannend: ich denke da an solche Dinge wie autonome Waffen und die Vorstellung, dass eines Tages ein Algorithmus einen Richter ersetzt. Das sind große Fragen, die wir uns stellen wollen, ob das eine gute Idee ist, die Verantwortung an diesem Punkt abzugeben.

Welchen Einfluss sollte künstliche Intelligenz auf unser Leben haben, oder eben auch nicht?

Es kommt meiner Meinung nach sehr auf das Themenfeld an. Wenn es um Medizin geht ist das sicherlich eine wünschenswerte Erweiterung der bereits bestehenden Möglichkeiten und natürlich erleichtert sie auch die Kommunikation. Solange sie unser Leben „besser“ und „einfacher“ macht ist es eine gute Sache aber es ist eben auch ein schmaler Grat, den man immer im Auge haben sollte.

Zum Song „Voices“ habt ihr ein sehr aufwendiges Video gedreht, definitiv besser als die vielen Lyric-Videos und simulierten Liveauftritte. Erlauben die momentan verfügbaren Budgets es noch hier zu investieren, oder ist es für euch ein „Must Have“ solch ein Video für zumindest einen Song eines Albums zu produzieren?

Es kommt drauf an, Videos sind ein nettes Promotool und man kann sicher auch mit weniger Geld ein schönes Video drehen, aber die Idee hinter dem Video und dem Albumkonzept haben nach einem krassen Video verlangt, über das man eben auch redet. Und die Reaktionen haben gezeigt, dass es wichtig und richtig war dieses Video zu drehen, weil z.B. Homosexualität im Jahr 2020 immer noch nicht selbstverständlich ist und das ist wirklich traurig. Wir möchten die Menschen mit dem Album zum Nachdenken anregen und ein solches Video ist ein Teil davon.

Nachdem ersten Durchlauf sind mir besonders die Gitarrenmelodien in Erinnerung geblieben. Ich hatte sofort leichte Vergleiche zu Pink Floyd gezogen (wie ich aus der Presseinfo weiß, bin ich auch anscheinend nicht der Einzige). Wenn ihr das fertige Album nun hört, könnt ihr diese Vergleiche nachvollziehen?

Ja, der Vergleich mit Pink Floyd kommt in der Tat recht häufig und ein viel größeres Kompliment kann man uns eigentlich gar nicht machen, auch wenn wir natürlich versuchen eine eigene Soundidentität zu haben.

Das Cover hat einen kleinen Retro-Sci-Fi-Touch. Wer hat das Cover entworfen und wie seid ihr auf den Künstler gekommen?

Das komplette Artwork stammt aus der Feder von Max Löffler, dem ich an dieser Stelle noch mal ein großes Lob aussprechen und danken möchte, er hat einen unfassbar guten Job gemacht und das Artwork trägt zum Gesamtwerk einen großen Teil bei. Bei diesem Album war uns das besonders wichtig, dass ALLES aus einem Guss ist. Max hat schon früher für uns Shirtdesigns angefertigt und er ist wahnsinnig talentiert, deshalb ist die Wahl diesmal auf ihn gefallen. Er hat mittlerweile eine Menge großer internationaler Jobs und wir sind froh ihn an Bord zu haben!

„Beyond Your Limits“ wurde von Kyles-Tolone-Sänger Eric A. Pulverich eingesungen. Ich war sehr überrascht wieder einen Long-Distance-Calling-Track mit Gesang zu hören. Hat das Thema AI nach Worten verlangt um es dem Zuhörer näher zu bringen?

Ja, durch den Vocalsong können wir die narrative Ebene des Themas noch vertiefen und der Text zu diesem Song ist aus der Perspektive der Maschine geschrieben. Außerdem hatten wir einfach Lust wieder zu der alten LDC-Tradition des EINEN Vocaltracks zurückzukehren und Eric hat das wirklich toll gemacht und der Song hat sich für Vocals durch seine Struktur einfach angeboten.

Unterscheidet sich das Songwriting für ein Instrumental sehr im Vergleich zu einem Song mit Gesang? Werden wir in Zukunft mehr Songs mit Gesang von Long Distance Calling hören?

Ich hab keine Ahnung, wir denken immer nur von Album zu Album. Das Experiment mit viel Gesang haben wir ja schon gemacht und es kam sehr gemischt an. Aber sag niemals nie. Aktuell fühlen wir uns instrumental aber pudelwohl! Das Songwriting unterscheidet sich in jedem Fall deutlich. Für Gesangssongs muss man viel Raum für die Stimme lassen, bei den Instrumentalsongs füllen wir diese „Lücken“ ja durch sehr viele Details und Hooklines, die die Instrumente übernehmen.

Euer Konzert in der Kölner Kulturkirche, im Rahmen der „Seats & Sounds“-Tour, hat mich begeistert. Die Tour soll im Herbst fortgesetzt werden. Gesetzt dem Fall, dass die Tour tatsächlich stattfinden kann, worauf können wir uns freuen, was wird sich im Vergleich zur 2019er Tour ändern?

Wir hoffen sehr diese Shows spielen zu können! Wir werden natürlich viele neue Songs mit ins Programm nehmen und auch die Show noch mal erweitern. Die „Seats & Sounds“-Shows machen uns wahnsinnig Spaß, auch weil wir als Personen auf der Bühne etwas mehr aus dem Fokus rücken und so noch mehr die Musik und Bilder sprechen lassen können.

Am 2 Juli spielt ihr ein Konzert im Oberhausener Autokino, wird hier die Distanz zum Publikum nicht zu groß?

Das werden wir sehen, es ist ein Experiment das wir spannend finden. Bei vielen Bands kann ich mir das nicht vorstellen, aber wir werden ja auch Bilder und Visuals projizieren, von daher unterscheidet sich das Ganze gar nicht soooo sehr von den „Seats & Sounds“-Shows, aber natürlich wird es interessant zu sehen, wie genau das dann wird ☺

Sollte die Tour im Herbst nicht stattfinden können, habt ihr schon einen Plan B in der Tasche? Verschiebung, oder mehr Konzerte in Autokinos, welche ja grade eine Renaissance erleben?

Nein, das mit dem Autokino ist erst mal wie gesagt ein Experiment, da ist aktuell nichts weiter geplant. Wenn wir die Tour im September nicht spielen können, müssen wir natürlich auf einen anderen Zeitpunkt ausweichen. Aber aktuell versuchen wir alles diese Shows spielen zu können.

Klassische letzte Frage, möchtest Du noch eine Nachricht für eure Fans loswerden?

Ich hoffe dass sich die Fans das Album kaufen, das ist ein guter Weg uns aktuell zu unterstützen, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt. Wir haben sehr viel Energie und Herzblut in die Platte gesteckt und natürlich hoffen wir auch neue Leute damit zu erreichen, denn das Thema geht uns alle an.

Viel Erfolg mit dem neuen Album! Und vielleicht sieht man sich auf der Tour!