Die unverwüstlichen Schweden von Bullet befinden sich seit 2018 auf ihrer „Dust To Gold“-Tour und haben mit dem schlicht betitelten Album „Live“ derzeit auch eine neue Scheibe im Gepäck. Ich war letztes Jahr beim Bullet-Gig in Nürnberg, der mich restlos begeistert hat. Am Backstage ist schon einiges los, der Einlass verzögert sich aufgrund des Soundchecks ein bisschen. Diesmal sind zwei Vorbands mit dabei: Liquid Steel aus Österreich und Kryptos aus Indien. 22 Euro an der Abendkasse sind da wirklich ein fairer Preis.

 

Den Beginn machen Liquid Steel aus Innsbruck. Die Band hat mittlerweile drei Alben am Start, die jüngste Scheibe „Midnight Chaser“ wurde 2016 veröffentlicht. Der Club ist gut gefüllt und das Quintett geht von Beginn an in die Vollen. Sänger Fabio Steele ist stimmlich super drauf und erinnert mich an eine Mischung aus Rob Halford und David DeFeis. Die Truppe ist bestens eingespielt und kommt sehr professionell rüber. Accept haben die Jungs sicherlich schon das ein oder andere Mal live gesehen, die Präsentation auf der Bühne erinnert an die goldenen 80er Jahre des Heavy Metal. Kutte, Nieten, lange Haare bis zum Arsch – hier ist alles dabei, was klassischerweise so dazu gehört. Die Songs erinnern mich an Judas Priest, Iron Maiden oder an die Tygers Of Pan Tang. Kurz gesagt: geile Mucke mit gewaltiger „New Wave Of British Heavy Metal“-Schlagseite!

Die Band hat einen tollen Sound und schafft es mühelos, das Publikum nach vorne zu peitschen. „Starrider“ gefällt mir besonders gut, die Twin-Gitarren von Julius Jazzer und Fred Shred sind der Hammer. Wie bei Maiden kommt auch bei ihnen eine Art Band-Maskottchen mit Terminator-Maske auf die Bühne und schlängelt sich elegant auf der engen Bühne durch die Freiräume, die ihm die Musiker lassen. Witzige Aktion! Der Gig ist gefühlt schon viel zu schnell vorbei, mir hat der Auftritt sehr gut gefallen. Die Musiker sind auch abseits der Bühne sehr sympathische Zeitgenossen, unterhalten sich mit ihren Fans und feiern selbst bei den beiden anderen Bands im Publikum mit.

Setlist Liquid Steel:
Main Title from „Terminator 2“
Riding High
Scream in the Night
Kingdom of Silence
Starrider
Midnight Chaser
Liquid Steel
Speed Demon

 

Die zweite Vorband heißt Kryptos und kommt aus Indien. Das ist schon mal was ganz Besonderes. Ich glaube fast, dass ich bis jetzt noch nie eine Metal-Band aus diesen Breitengraden gesehen habe. Kryptos lassen ein ziemliches Brett aufs Münchener Publikum los. Die etwas härtere Musik im Vergleich zu Liquid Steel kommt beim feierlaunigen Publikum ebenfalls sehr gut an. Die Stimme von Sänger und Gitarrist Nolan Lewis erinnert mich ein bisschen an Mille von Kreator, die Stücke haben eine ziemliche Thrash-Schlagseite mit einem hohen Melodieanteil. Normalerweise kann ich mit solcher Mucke eher nichts anfangen, aber diese Mischung gefällt mir sehr gut. Vor allem live lassen es die vier richtig krachen und bieten dem Publikum feinste Gourmet-Kost. Mit viel Routine und Spielfreude hauen sie ein Hammer-Riff nach dem anderen raus und machen den Gig zu einer äußerst kurzweiligen, unterhaltsamen Sache.

Auch hier geht die Zeit gefühlt viel zu schnell vorbei. Währenddessen laufen völlig unspektakulär die Musiker von Bullet vom Eingang quer über die Tanzfläche in Richtung Backstage-Bereich und machen dabei einen megaentspannten Eindruck. Wenn ich nicht wüsste, dass die Schweden gleich auftreten, hätte ich den Eindruck, sie gehen gerade auf die nächste Grillparty. Bassist Gustav Hector scheint noch Zeit zu haben und schaut sich einen Teil des Kryptos-Gigs in der Menge an. Das Publikum quittiert die gebotene Leistung der Inder mit viel Applaus, den sich die Jungs redlich verdient haben. Danach findet man die Musiker am Merchandising-Stand und im Publikum, wo sie den restlichen Abend ihren Spaß haben.

Setlist Kryptos:
Blackstar Horizon
Dead of Night
One Shot To Kill
Red Dawn
On The Run
Afterburner
Waverider
Cold Blood
Mask of Anubis
Mach Speed Running
Full Throttle

 

Ohne große Umbaupause kommen Bullet auf die Bühne und fetzen mit „Speed And Attack“ los. Der Sound ist klasse, allerdings für meinen Geschmack fast ein bisschen zu laut. Die Schweden sind eine eingeschworene Gemeinschaft und befinden sich in bestechend guter Form. Sänger Hell Hofer steht wie ein Fels in der Mitte der Bühne und lässt sein markantes Kreissägen-Organ gefährlich über dem Publikum nieder. Dabei schaut er stoisch in die Menge und konzentriert sich auf seinen Gesang, hier sitzt jeder einzelne Ton. Hofers Ansagen sind kurz und knackig und kündigen meist das nächste Stück an. Die Titel des hervorragenden Albums „Dust To Gold“ sind bereits nach dieser kurzen Zeit so feste Bestandteile der Setlist, dass man meinen könnte, sie befänden sich schon seit Ewigkeiten im Programm. Mir gefällt die neue Scheibe sehr gut, die meisten Fans im Publikum können die Stücke auswendig und feiern begeistert mit. Schnelle Stücke wechseln sich gut mit Midtempo-Stampfern ab. Die liebevolle Hommage an den legendären Bullet-Bus – „Rolling Home“ – wird als willkommene Verschnaufpause gerne angenommen.

Ich bin immer wieder von dem Party-Faktor der Stücke Marke „Pay The Price“ oder „Dusk Til Dawn“ hingerissen. Für mich sind das die besten Stücke, die AC/DC schon seit gefühlten Jahren nicht mehr hinbekommen. Die Gitarren-Fraktion um Urgestein Hampus Klang und Alex Lyrbo lässt nichts anbrennen und präsentiert ihre großartigen Twin-Gitarrenläufe mit einer Begeisterung, die einfach ansteckt. Bullet sind Überzeugungstäter, die mit großer Liebe zum Detail und einer riesigen Portion Authentizität ihre Musik spielen.

Das Rhythmus-Duo um Bassist Gustav Hector und Schlagzeuger Gustav Hjortsjö liefern ein atombombensicheres Fundament, auf dem der Rest der Band die musikalischen Stützpfeiler aufbauen kann. „Neuzugang“ Hector fügt sich mit seiner Wuschelmähne und der Lederjacke mit den Fransen optisch und musikalisch blendend in die Formation ein. Es wirkt so, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Die Anfangstöne von „Heading For The Top“ lassen mir die Nackenhaare meterhoch zu Berge stehen – was für ein geniales Lied! Die liebevolle Black-Sabbath-Verneigung „Dust To Gold“ beendet gefühlt schon viel zu früh den regulären Teil, der Song verbreitet eine richtig epische Atmosphäre.

Die „Highway Pirates“ treten danach noch einmal das Gaspedal bis zum Anschlag durch und peitschen das Münchener Publikum nach vorne. „Fuel The Fire“ bietet ein weiteres Highlight aus dem aktuellen Album, bevor mit dem markanten finalen Stück „Bite The Bullet“ das Ende des Gigs eingeleitet wird.

Klang, Lyrbo und Hector halten die Rückseiten ihrer Instrumente in die Luft, auf denen „Bite The Bullet“ zu lesen ist. Jeder der die Band schon mal live gesehen hat, weiß: das war’s dann auch. Bullet verabschieden sich mit einer Klasse-Leistung vom hervorragenden Münchener Publikum, das heute Abend alles gegeben und alle drei Bands mit viel Eifer unterstützt hat.

Ungefähre Setlist Bullet:
Speed and Attack
Ain’t Enough
Rogue Soldier
Wildfire
Riding High
Turn It Up Loud
Rolling Home
Storm of Blades
Pay The Price
Dusk Til Dawn
Heading for the Top
Stay Wild
Dust To Gold

Highway Pirates
Fuel the Fire
Highway Love
Bite the Bullet

 

 

Ein großes Dankeschön geht hier noch an Björn vom Steamhammer-Team für den Gästelistenplatz und an die sympathischen Musiker von Liquid Steel und Kryptos, die mich unkompliziert und mit einem Affenzahn mit den Setlisten versorgt haben!

 

Text und Bilder von Gast-Autor STEFAN GRAßL