Vier Tage Programm – und das nicht auf einem abgeschlossenen Festivalgelände auf der grünen Wiese oder besser gesagt einem staubtrockenen Stoppelfeld, wie man es eigentlich von vielen Festivals gewohnt ist. Nein, hier findet ein Festival mitten im Stadtkern einer Großstadt im Ruhrgebiet statt – umsonst und draußen, ohne Einlasskontrollen. Geht nicht? Doch – in Bochum, und zwar schon seit 1986.

Wer es nicht kennt, wird überrascht sein von der Vielfältigkeit von Bochum-Total, denn ausgehend vom Bermuda-Dreieck, ein Szene-Viertel in Bochum mit allerhand Gastronomie und Diskotheken, werden in den umliegenden Straßenzügen doch nicht wenige Bühnen bespielt. Die 1Live-Bühne bildet hierbei die Hauptbühne, auf der eher Popmusik zu finden ist – dazu gesellt sich die Sparkassenbühne (hier spielte zum Beispiel Mambo Kurt), die Coolibri-Stage im Riff – und es gibt zudem noch die Trailer-Wortschatz-Bühne inklusive Comedy und Lesungen – ein bunter Mix, der in der Universitätsstadt auch ein buntes und vielschichtiges Publikum anzieht. Freunde der alternativen Musik – soll heißen: Punk und Metal – findet man jedoch Jahr für Jahr vor allem an der Heinz-Bühne. Der Name kommt übringes nicht vom Ketchup, sondern ist von einem Kulturmagazin des Ruhrgebietes.

Bochum Total – Total bunt!

Dieses Jahr waren wir nicht alle vier Tage vor Ort, sondern nur derer zwei. Am Freitag also dann den Rock-Nachwuchs eingepackt und auf nach Bochum. Neben der Musik gibt es an den Ständen schließlich stets viel zu entdecken – auch das kulinarische Angebot ist hervorragend: Allen Nicht-Bochumern sei die echte Dönninghaus-Currywurst empfohlen – das schmeckt nach Pott. Achtung, scharf!

Angekommen an der Heinz-Bühne gab es bereits die erste Entdeckung – „wer spielt denn da jetzt?“ Wir waren gerade zum Wechsel zwischen zwei Bands angekommen und König Kobra ist beim Soundcheck. Das Programmheft spricht von „Indie-Core“ – und das Ganze kam in der Beschreibung doch eher unscheinbar daher. Die Band dagegen war dann alles andere als das – deutlich rockiger als zu vermuten und mit zwei Sängern, die sich im Klargesang und Growls abwechselten, nebst eher dezenten Elektronikeinlagen. König Kobra spielte ganz stark auf und hatte die Herzen des Publikums schnell erreicht – zum einen durch die tollen Songs zum Mitsingen, als auch durch die Bühnenpräsenz der Band. Man hatte hier nicht den Eindruck, dass hier eine Band steht, die gerade mal eine Platte mit sieben Songs herausgebracht hat – es sah doch eher nach ordentlich Bühnenerfahrung aus. Umso witziger wirkte auf mich im Nachhinein die Aussage: „Wir haben noch 20 Minuten und drei Songs – also müssen wir die langsamer spielen“. So gelang das permanente Spiel mit dem Publikum: sei es, dass das Publikum durch Spielzeug (ein überdimensionaler Fußball) oder durch das zu tätowierende aufblasbare Krokodil auf Trab gehalten wurde. Dazu kamen die passenden Ansagen – sei es zum Song „AFP (Alternative für Primitive)“ und der klaren Aussage, dass das Ruhrgebiet vielfältig und offen ist (Kein Bock auf Nazis-Banner dazu). Da haben die Essener einfach nur Recht! Zuletzt nach Liebeserklärung von Sänger Billy an seine Frau folgte „der letzte Tanz“. Ich persönlich würde jedoch gerne noch mal von König Kobra zum Tanz gebeten werden – ein ganz starker Auftritt!

Im weiteren Verlauf tingelte man von Stand zu Stand, nahm einige Musikeindrücke mit, bis der Junior seine Müdigkeit preisgab und nach Hause wollte – also muss ich wohl mein Date mit Mambo Kurt verschieben und ihn ein anderes mal bewundern!

Ein Kritikpunkt gab es jedoch an Bochum-Total und den äußerten die Mitarbeiter der Fiege-Brauerei (Fußweg ca. 10 Minuten von der Heinz-Bühne), denn zu einem Bochumer Festival hätte auch meiner Meinung nach ein Bochumer Bier gehört.

Samstag erfolgte dann die Anreise mit der Bahn und wir kamen knapp nach einen Platzregen in Bochum an – da hätte man nass werden können. Zunächst musste man die mitgehörten Erfahrungen und Probleme anderer Mitmenschen aus der Regionalbahn verarbeiten, denn problematisch ist es schon, wenn der Sofabezug dreckig ist und obwohl dieser abnehmbar ist, wird hier die fehlende Waschmaschine zum Dilemma – denn man kann den Sofabezug nun mal nicht reinigen – blöd nur, wenn sich die nächsten „Tinderleute“ ankündigen. Nachdem man sich wieder geistig gefasst hat, kümmern wir uns nun um die Musik – auf der Heinz-Bühne sind heute Alex Mofa Gang und Radio Havanna angesagt:

Alex Mofa Gang war nach zwei Tagen am Deichbrand (Bericht siehe hier) auch in Bochum blendend gelaunt. Gespielt wurden vor allem viele Songs vom letzten Album „Perspektiven“, wie z. B. „Montevideo / der Soziopath“ oder das melancholische „AC/DC“. Sänger Sascha hatte auch einige Überaschungen parat. So nahm er seinen Koffer – schließlich ging es gerade ins „Holiday Inn“ und stellte sich auf das Publikum . Er war sich auch nicht zu schade, sich direkt ins Publikum zu begeben, um das Rudelspringen selbst einzuleiten. Dazu gelang es der Band, das Publikum im Vorgriff von Radio Havanna in zwei linke Hälften zu teilen! Sehr schön, toller Gig!

Die Politpunks von Radio Havanna haben ihre Setlist weitesgehend aus den letzten beiden Alben „Utopia“ und „Unsere Stadt brennt“ mitgebracht – und wie häufig, haben sie tatsächlich ein Feuerwerk abgebrannt – im wahrsten Sinne. Aber Radio-HavannaKonzerten sind nicht nur guter Punkrock, es geht hier auch um Message: Die ist natürlich häufig schon in den Songs zu finden – „Homophobes Arschloch“ , „mein Name ist Mensch“. Auch mit ihrer Aktion „Faust hoch“ gegen rechtes Gedankengut von AfD und CSU setzt die Band klare Zeichen – auch mit Aufforderung „support your local Antifa“. Bei „Flüstern, rufen, schreien“ wurde selbst das Pyro gezündet. Die Stimmung war gut, Publikum und Band hatten Spaß – zumal viele Radio-Havanna-Lieder höchst mitsingtauglich sind – „Raketen“, „Anti alles“ – und „Kaputt“ wurde man dann in den Abend entlassen! Ebenfalls, Klasse!

Den Abend ließ man dann ohne weiteren Programmpunkt an den Ständen und in der angrenzenden Gastronomie in Hörweite des Secret Headliners (Blackout Problems) ausklingen. Bochum Total war mal wieder schön und 2019 sehen wir uns sicherlich an der Heinz-Bühne wieder!