Es ist wieder Classic-Zeit und wir reisen dafür zurück zum 29. September 1992, da an diesem besonderen Tag das zweite Alice in Chains-Album „Dirt“ erschien.

Wer sich in der Musikgeschichte auskennt weiß, dass es eine Zeit war in der es Metalfans schwer hatten. Die 1980er Jahre waren der Inbegriff für die Kommerzialisierung des Genres, angefangen bei der „New Wave of British Heavy Metal(Iron Maiden, Def Leppard, Saxon) über Glam Metal (Mötley Crüe, Twisted Sister, Guns n’Roses) bis zum letzten Versuch die Maschinerie mit Thrash Metal (Metallica, Pantera, Slayer) irgendwie am Laufen zu halten. Doch der Bogen wurde oft derart überspannt, dass sich viele nach etwas Neuem, Ehrlichen und Einfachen sehnten oder anders ausgedrückt, wollten viele Fans einfach keine abgehobenen Stars mehr sehen.

Als am Ende der 80er Jahre der Grunge, vornehmlich in Seattle, die Bühne betrat, verabschiedete sich vor allem die jüngere Generation von den geschminkten Gesichtern und der Lederklamotte und tauschte diese gegen Holzfällerhemd und Second-Hand-Jeans/Shorts. Die bescheidenen Anfänge in dieser Zeit machten Bands wie The Pixies oder Mudhoney, aber selbst 1991 galten Guns n’Roses noch als erfolgreichste Band der Welt, doch als „Nevermind“ von Nirvana im Herbst desselben Jahres veröffentlicht wurde, änderte sich dies grundlegend. Bereits 1993 als Guns n‘Roses ihr nächstes Album „The Spaghetti Incident“ heraus brachten, beliefen sich die Verkaufszahlen gerade einmal bei einem Viertel im Vergleich zu „Use your Illusion“. Allerdings kann man diese Tatsache immer noch als Erfolg ansehen, wenn man bedenkt, dass so gut wie alle Glam-Metal-Bands zu dieser Zeit von der Bildfläche verschwunden waren und der Grunge kurz vor seinem Höhepunkt stand.

So wie bei vielen Grunge-Bands begann auch der musikalische Aufstieg von Alice in Chains in Seattle Ende der 80er Jahre. Anfangs nannten sich Alice in Chains noch Diamond Lie und versuchten sich im noch angesagten Glam Metal zu etablieren, jedoch stellten die vier Amerikaner um Jerry Cantrell, Sean Kinney, Layne Staley und Mike Starr schnell fest, dass dieser Stil nicht ihren Vorstellungen entsprach. Es kann wie es kommen musste, die Texte und der Sound wurden düsterer und schwerer, der Bandname änderte sich in Alice in Chains und das Debütalbum „Facelift“ wurde im August 1990 veröffentlicht.

Als „Dirt“ zwei Jahre später erschien, war ich ein Dreikäsehoch von sechs Jahren und hatte keine Ahnung von Musik, geschweige denn wusste ich was Grunge sein sollte. Mitte der 90er Jahre verlor Grunge massiv an Popularität und so kam es, dass diese Zeit nahezu spurlos an mir vorbei zog, doch 15 Jahre später entdeckte ich per Zufall auf YouTube den Song „Would“ von Alice in Chains und sofort war mein Interesse geweckt. „Would“ klang so düster und einzigartig, dass ich unbedingt mehr davon hören musste und so landete „Dirt“ kurze Zeit später in meinen Händen. Je öfter ich das Album hörte, desto weniger verstand ich, warum für die Grunge-Ära meistens nur Nirvana oder Pearl Jam das Aushängeschild waren, einmal ganz davon abgesehen, dass es noch viele großartige Bands gab, wie Soundgarden, Stone Temple Pilots, The Smashing Pumpkins oder Sonic Youth.

Auch wenn Alice in Chains eine Grunge-Band war, nutzten sie gerne Elemente aus Metal und Punk, was ihnen einen großen musikalischen Spielraum erlaubte. Nach eigener Aussage war es den vier US-Amerikanern immer wichtig, dass Sound und Text zusammenpassten. Dafür war es nötig sich aus verschiedenen Stilen zu bedienen, was viele Grunge-Bands ablehnten, um nicht wie Metal-Bands aus den 80ern zu klingen. So geschah es auch bei „Dirt„, Metal-Anleihen sind hier unverkennbar auch wenn die mitunter sehr melancholischen Texte und die Geschwindigkeit der Songs deutlich den Grunge hervorheben. Insbesondere die Songs „Would?“ und „Rooster“ zeigen wie gut Alice in Chains ihr Fach beherrschten.

Ebenso düster wie der Sound der Band sind die Texte auf „Dirt“. Besonders gerne genutzt wurde das Thema Heroin, welches in Songs wie „Junkhead“, „God Smack“, „Sickman“ oder „Hate To Feel“ immer wieder präsent ist. Hatten doch alle Bandmitglieder zu dieser Zeit Alkohol- und Drogenprobleme. Bassist Mike Starr verließ die Band 1993 aufgrund seiner Heroinabhängigkeit und verstarb im Jahr 2011 an einer Überdosis. Es sollte nicht der einzige Verlust sein. Bereits im Jahr 2002 starb Sänger Layne Staley an einer Überdosis Speedball.

Insgesamt ist „Dirt“ ein Grunge-Album, wie es im Buch steht. Markenzeichen hierbei ist die Geschwindigkeit aller Songs, welche sich meist auf Groove-Niveau bewegt. Die Thematik der Songs ist dabei ebenso typisch, Gesellschaftskritik, eigene Erfahrungen und Erlebnisse, Drogenmissbrauch. Hier ist die Verbindung zum Punk unübersehbar. In meinen Augen ist „Dirt“ das beste Grunge-Album das jemals veröffentlich wurde. Kein anderes Album ist in Sachen Sound und Lyrik derart ausdrucksstark.

 

  1. Them Bones
  2. Dam That River
  3. Rain When I Die
  4. Sickman
  5. Rooster
  6. Junkhead
  7. Dirt
  8. God Smack
  9. Iron Gland
  10. Hate To Feel
  11. Angry Chair
  12. Down In A Hole
  13. Would?