Jetzt haben wir schon mehrfach über den Bavaria Vista Club berichtet, ohne etwas genauer auf die teilnehmenden Bands einzugehen. Das wollen wir hiermit nachholen.

Die Wurzeln dieser losen Vereinigung gehen auf den gleichnamigen Doku-Kinofilm von 2014 zurück, der eine alternative bayerische Musikszene porträtierte, die Traditionen und den eigenen Dialekt durchaus pflegt, aber das in oft recht eigenwillig und einfallsreiche und vor allem zeitgemäße Musik verpackt, die auch nördlich des Weißwurstäquators auf offene Ohren stoßen dürfte, bzw. sogar sollte.

Unter der Federführung von Christoph Bühring-Uhle, dem Inhaber des Labels BSC Music, wurden so schon einige Schätze zu Tage gefördert. Wir nehmen uns mal die aktuellen Veröffentlichungen der drei Highlight-Bands Zwoastoa, Oanso und IRXN vor, die ohne weiteres auch in unser Magazin passen.


Zwoastoa – Woidrand

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Zwoastoa ist eine Band, deren Musik sich nicht so wirklich ein- bzw. unterordnen möchte. Genauso wie die Leute dahinter. Die Band steht für sympathisch freiheitsliebende Texte, die zu mehr Gelassenheit und einem bewussteren Leben mit einer positiven Einstellung zur eigenen Existenz aufrufen und Konformität ist für die Musiker ein Grauen. Dafür lässt man sich dann gerne als Revoluzzer beschimpfen, wie im gleichnamigen, doch irgendwie ironisch wirkenden Song. Oder doch nicht ironisch?

Gesungen wird natürlich in Mundart. Alles andere würde hier auch gar nicht passen. Schließlich kommt der Inhalt von Herz und Bauch. Musikalisch mögen es Zwoastoa bunt und ebenso lebensfroh. Musikalisch eine Reise vom tiefsten Bayern über den Balkan, Afrika, Jamaica und zurück. Pop, Rock, Reggae, Elektro und Gypsy-Sound – hier geht so einiges. „Scheiß Dir nix!“ lautet nicht nur ein Song von Zwoastoa, sondern auch ihr musikalisches Motto. Deshalb wird es auf der vierten CD des Kollektivs jedenfalls nicht langweilig.

„Woidrand“ startet mit dem Titeltrack sowie leichtem Balkan-Flair und Heimatcharme recht entspannt und stimmt den Hörer auf die folgenden 38 Minuten ein. „Danndengima“ schiebt das Ganze etwas lässiger an, bevor „Gemma gemma“ mit seinem Ethno-Trance den Hörer aus dem Stuhl reißt. Da kann man auch gleich stehen bleiben, denn „Dadiwiariwoit“ ist ein beschwingter Zigeunerklopfer, dem er ganz am Ende mit „Nicht nach Hause“ eine noch ausgelassenere Variante folgt.

Was Freiheit wirklich ist, erfährt man im Reagge-mäßigen „Barfuass“, während einen die Band im elektronisch-balladesken „Da Satellit“ in luftige Höhen hebt. Die beiden Schlüsselnummern der Platte folgen fast am Ende. „Da Sammler“ ein leicht folkig angehauchtes Duett mit IRXN-Sänger Berni Maisberger und die zackige Rocknummer „Da Revoluzzer“, die überraschend anarchisch und kritisch ausfällt.

Anfangs vielleicht gewöhnungsbedürftig, sind Zwoastoa vor allem live eine tolle Partyband, die jede Menge Lebensfreude ausstrahlt.

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Trackliste:
1. Woidrand
2. Danndengima
3. Gemma gemma
4. Dadiwiariwoit
5. Barfuass
6. Da Satellit
7. Da Sammler
8. Da Revoluzzer
9. Nicht nach Hause

Weiterhören mit: „Scheißdanix“ oder „Zwoa zu fünft“ mit der programmatischen Bandhymne „Dumia“ (Du mich auch!)

 

Oansno – Schmankerl

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Schmankerl – dieser Titel lässt die Erwartungshaltung an die Veröffentlichung nach oben schnellen. Ob die jungen Münchener Innenstadtmusikanten Oansno (was so viel wie „Noch eines!“ heißt) dieser Erwartung mit ihrer Debüt-EP gerecht werden? Aber hallo, sowas von!

Allein der Sound des Vierers ist schon eine Schau für sich. Die Besetzung: Trompete, Akkordeon, Tuba und ein mit Schlagwerk bestücktes Bierwagerl. Der Sound: ein wildes Konglomerat aus Volksmusik, Reggae, Balkanrhythmen, Techno und Dreigesang. Die Wirkung: euphorisierend. Oansno sind damit weitere Vertreter der jungen, bayerischen Folk-Musik, die sich äußerst selbstbewusst und frech über sämtliche Genregrenzen hinwegsetzen und einfach das spielen was gefällt.

Das Ganze hat schon etwas Anarchisches, wenn man den Blas-Techno von LaBrassBanda auf eigene Art und Weise und komplett akustisch interpretiert („Musikanten Techno“), eine ausgeflippte Gypsy-Party mit Landler-Gesängen anschiebt („Danzn“) oder den Gesang als ganz eigenes, rhythmisches Instrument in eine Afrobeat-mäßige Nummer integriert („Oane moan i pack i no“). Die Texte sind dabei frech bis egal. Identifizieren kann man sich damit jedenfalls. Denn wer kennt ihn nicht, den Drang nach einer flüssigen Wegzehrung für den Nachhauseweg („Wegbier“)?

Ein weiterer feiner Vertreter der modernen, selbstbewussten Folk-Musik, der sich gleichermaßen in der Kneipe nebenan, den Fußgängerzonen der Republik, aber auch auf Open-Air-Bühnen der bekannten Pop-Festivals wohlfühlt.

LayoutOansnoStecktasche

Trackliste:
1. Oane moan i pack i no (Radio-Mix)
2. Genau mei Weda
3. Musikanten Techno
4. Danzn
5. Wegbier
6. Oane moan i pack i no

Weiterhören mit: Leider gibt es von ihnen nur noch die Single „500 Jahr (Hymne fürs Reinheitsgebot)“. Mehr ist gerade in Arbeit.

 

IRXN – Irgendwo und irgendwann

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IRXN – der Name klingt nicht nur komisch, sondern die Band dazu sogar ziemlich gut! „Irxn“ ist Altbairisch und bedeutet so viel wie Kraft und Energie. Das passt. Denn genau dieses verbreitet auch die Musik des süddeutschen Quintetts.

Folk-Rock hat man sich auf die Fahnen geschrieben, durchaus keltisch anmutend und mit bayerischen Texten, aber niemals bierselig und nur schunkelnd. Hier fiedelt die Geige ganz unkitschig, Bass und Schlagzeug geben den (dann doch immer wieder tanzbaren) Rhythmus vor und die Gitarre zeigt, dass die Betonung bei Folk-Rock auf Rock liegt. Nicht umsonst bedient ein alter Punkrocker hier die Gitarre. Dazu darf die Tuba hin und wieder etwas bajuwarischen Charme hinzu addieren, während Sänger Bernie Maisberger seine eindringlichen, bildreichen Texte, die von Lebensfreude, Tiefgang, aber auch Humor strotzen, ins Mikro singt. Die sind nicht nur streng Bairisch, sondern können auch mal ins Hochdeutsche umschlagen.

„Irgendwo und irgendwann“ ist das vierte Album der Gruppe. Es bietet dabei wieder ihre ganz eigene Mischung als tollen Melodien, die ihren Ursprung im keltischen, mittelalterlichen und ja, sogar dem bayerischen Musikverständnis haben. Hierbei trifft Tradition auf Moderne, Feingefühl auf Ausflippen. Der schmissige Folkrock der Eröffnungsnummer „Irgendwo und irgendwann“ gibt mit seiner keltische-Sounds-treffen-auf-Bayern-Ästhetik die Marschroute vor und ist selbst doch nur eine kleine Facette des IRXN-Sounds.

Egal ob im flotten Polka-Tanz-Stil („Wuids Luada“), als Songwriter-Rock mit Mittelalter-Touch („Der Sturz“), mit dezentem Balkan-Flair („Tanz mit mir“) oder auch sensibel und balladesk („Herzenstod“) – es ist abwechslungsreich. Immer wieder schimmert auch ein revoltierender Freiheitsgeist durch. Besonders offensichtlich bei „Der Sturz“ und der Ode an den bayerischen Robin Hood, den „Hias“. Doch im Großen und Ganzen ist die Lust am Leben, die im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Mit „Irgendwo und irgendwann“ ist IRXN ein richtig guter Wurf gelungen, der hoffentlich auch jenseits des Weißwurstäquators ein paar Liebhaber findet. Denn die Band funktioniert auch ohne weiß-blauen Hintergrund bestens.

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Trackliste:
1. Irgendwo und irgendwann
2. Selbermacha
3. Die Angst geht um
4. Herzenstod
5. Hias
6. Tanz mit mir
7. Der Sturz
8. Salatatio Ignis
9. Die Leichtigkeit des Seins
10. Wuids Luada
11. Warten auf’n Regen
12. Polska

Weiterhören mit: Das ebenso gelungene „EwigUns“ oder „Saltatio Ignis“, eine Art Best-Of, die sich mehr auf die mittelalterlichen, archaischen Stücke der Band konzentriert.