Bad Religion, die Band, von der Nicht-Fans sagen, sie hätten nur drei Songs – den Schnellen, den Langsamen und den Komischen – und von der Fans sagen, sie hätten nur drei Songs – den Schnellen, den Langsamen und den Komischen – gehört unumstritten mit zu den bedeutsamsten Punkbands des Planeten.

Der Einfluss auf melodische bis zu weilen poppige Punkrockiterationen, die besonders in den 1990er-Jahren massive Erfolge feiern durften, ist kaum zu verleugnen und über ihr Meilensteinalbum „Suffer“ aus dem Jahr 1988 habe ich mich in der Vergangenheit bereits ausgelassen.

Nächstes Jahr feiert die Band um Greg Graffin ihr 40-jähriges Jubiläum. Ja, vier Dekaden. Fast ein halbes Jahrhundert. Man könnte auch von den Rolling Stones des Punkrock sprechen. Dieses Jahr legte das Sextett (Ursprungsgitarrist und Epitaph-Labelchef Brett Gurrewitz ist offiziell Mitglied, überlässt die Live-Shows aber seinen fünf Bandkollegen) mit „Age Of Unreason“ ihr 17. Studioalbum vor.

Und dazu gehört selbstredend eine Tour. Und so habe ich nun die Möglichkeit, die Punkrock-Opis zum gefühlt hundertsten Mal im Bielefelder Ringlokschuppen (der jetzt Lokschuppen heißt, wow) zu sehen. Erste Erkenntnis des Abends: Sie kriegen ihn immer wieder voll. Den Schuppen. Wahnsinn. Die letzten Jahre waren Bielefeld-Shows von Bad Religion grundsätzlich ausverkauft. Das ist auch dieses Mal wieder so.

Das Publikum altert dabei mit. Ich bin mittlerweile in einem Alter, wo du manchmal schon der alte Knacker bist, manchmal aber auch (noch) zum jungen Eisen gehörst. Letzteres war an diesem Abend der Fall. So wie früher, da gehörte ich auch immer zu den Jungspunden. Zack, schon sind die Jugenderinnerungen wieder da. Ganz ähnlich wie beim kürzlich besuchten Punk In Drublic in Köln, an dem Bad Religion sich mit als stärkste Band des Abends positionierten.

Der (angenehme) Unterschied zu Köln: Zwar ist es auch hier dank der ausverkauften Venue gut voll, aber man hat tatsächlich Luft zum Atmen und noch Platz sich zu bewegen. Totgequetscht wird man auch nicht, und wer zur Toilette muss oder sich gern noch ein Bier nachholt, der/die muss nicht etliche Stunden warten. Die Situation im Lokschuppen lässt es zu, trotz vollem Haus einen entspannten Konzertabend zu genießen.

Voll ist es schon bei Marathonmann, die offensichtlich auch viele Freunde unter den Bad Religion-Fans zählen dürfen und einen hervorragenden Einstieg in den Abend liefern, bevor die fünf sichtlich gealterten Herren, die nichts, aber auch so gar nichts von ihrer Energie und Spielfreude eingebüßt haben, die Bühne betreten und – wie immer in Bielefeld – mit frenetischem Beifall begrüßt werden.

Die Show läuft gewohnt hervorragend solide, wir haben alle knapp eine gute Stunde Spaß mit einerseits sämtlichen bekannten und erwarteten Hits á la „Punk Rock Song“, „21st Century Digital Boy“, „Sorrow“, „American Jesus“ oder „Generator“, andererseits einigen Songs vom neuen Album wie „My Sanity“, „Do The Paranoid Style“ oder „Chaos From Within“, die sehr gut beim Publikum ankommen.

Dann wird es dunkel und die Band geht von der Bühne. Einige fangen an zu zweifeln. „Ohje, machen die jetzt nach ner Stunde schlapp? Ich mein, ja, die Jüngsten sind sie nicht mehr, ist ja auch anstrengend und so“. Ha, eine Finte. Die Veteranen lassen es sich natürlich nicht nehmen, auch noch eine Zugabe zu spielen. Aber nicht nur irgend eine Standard-Zugabe, bestehend aus einfach nur ein paar mehr Songs und Greatest Hits. Nein.

Vor 30 Jahren ist mit „No Control“ Bad Religions viertes Studioalbum, der direkte Nachfolger zur legendären „Suffer“ erschienen. Graffins Ansage: „Zur Feier dieses Jubiläums haben wir uns überlegt, dieses Album jetzt als Zugabe von vorne bis hinten zu spielen“. Ich denke mir erst noch, na komm, das machen die doch jetzt nicht ernsthaft. Nicht, dass Bad Religion-Alben sonderlich lang wären, aber als Zugabe jetzt ein komplettes, ebenso legendäres Punkrockalbum von 1989? Von vorn bis hinten? So wie’s ursprünglich konzeptioniert war? Zu gut, um wahr zu sein.

Aber: Sie machen es. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das Highlight des Abends. „No Control“ als Zugabe. Nachdem schon eine Stunde und gefühlt drölf Alben durchgelaufen sind. Wahn-Sinn. Punkrockherzen dürften hier einfach keine Wünsche mehr offen haben. Kein Wunder, dass die Band Bielefelder Venues jedes Jahr aufs Neue ausverkauft. Ich würde auch immer wieder kommen.