In den letzten Tagen wird sich in den sozialen Medien ein Wolf diskutiert über das Thema Sexismus. Auslöser für einen Teil der Diskussion war die Reaktion von Dickies-Sänger Leonard Graves Phillips bei der Warped Tour auf eine junge Frau mit einem kritischen Plakat. Diese beschimpfte er als „Fotze“, „Schlampe“ und brachte die Menge vor der Bühne dazu, dass alle mitmachten.

Auf den anschließenden Rauswurf der Verantwortlichen der Warped Tour (es war nur noch eine Show), reagierte z.B. Archi Alert (Sänger der Terrorgruppe) mit Unverständnis. Und so entstand eine Diskussion ob das alles Punk sei. Darf man Punk etwas vorschreiben? Sind kritische Menschen zu diesem Thema alle „Weicheier“?

Da in dieser Diskussion beklagt wurde, dass 90% der Diskutierenden Männer, also nicht die in erster Linie Betroffenen sein sollen, haben wir Arabell Walter ein paar Fragen zum Thema gestellt. Arabell ist  Gründerin vom Musikblog Lieblingstape, Bookerin und seit vielen Jahren auf Shows unterwegs.

 

Stellst du dich eben vor und erzählst was du so machst und seit wann du auf Konzerte gehst, ect.?

Mein Name ist Ara, ich bin 23 Jahre alt, wohne in Berlin und gehe seit nun mehr zehn Jahren auf Konzerte und Festivals. Vor sechseinhalb Jahren habe ich den Musikblog Lieblingstape gegründet; mittlerweile bin ich allerdings eher in der organisatorischen Schiene unterwegs. Ich bin gerade dabei meine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau zu beenden, die ich als lokale Bookerin und Veranstalterin im Lido mache und buche nebenher in meiner Freizeit noch zusätzlich die ein oder andere kleine Tournee.

Seit wann beschäftigt dich konkret Sexismus in der Konzertlandschaft und bist du durch ein eigenes Erlebniss darauf gekommen?

Ich glaube, wirklich bewusst ist mir der Missstand des Ganzen erst geworden, als Frank Turner auf seiner Englandtour 2016 die Organisation „Safe Gigs For Women“ mitgenommen und unterstützt hat. Dabei handelt es sich um einen mittlerweile eingetragenen Verein, der sich aus freiwilligen Helfern und Helferinnen zusammensetzt. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit Venues, Konzertveranstaltern und Bands/Künstlern gegen sexuelle Belästigungen und Übergriffe auf Konzerten und Festivals vorzugehen und auf die Problematik aufmerksam zu machen, anstelle sie totzuschweigen. Das war womöglich der Punkt, an dem ich für mich begonnen habe, das Verhalten der Konzertbesucher um mich herum zu hinterfragen, anstatt es einfach hinzunehmen. Es war auch der Auslöser, dass wir in unserem Freundeskreis, der sich mitunder durch gemeinsame Konzertbesuche gebildet hat, vermehrt angefangen haben, darüber zu sprechen und zu diskutieren. Und das war auch der Moment, wo ich angefangen habe, zurück zu blicken und zu überlegen, wie oft ich mich in Situationen befunden habe, die ich nach dem Motto „ist eben so“ akzeptiert hatte, die aber eigentlich ganz und gar nicht okay sind.

Besonders im Punk und Hardcore, wo wir ja alle irgendwie mehr oder weniger herkommen, wird auf einer Seite Wert auf Slogans wie „No Sexism, No Homophobia, No Racism“ usw. Gelegt, aber im konkreten Fall um die „Dickies“ und die Aktion bei der Warped Tour wird von vielen Leuten mit „Das ist halt Punk“ argumentiert. Kannst du das nachvollziehen?

Meiner Meinung nach ist es das eine, wenn du auf der Bühne stehst und konsequent Gülle ablässt. Und das andere, wenn du deine „Macht“ – und die hast du in diesem Moment auf der Bühne mit einem Mikrofon in der Hand gegenüber den Menschen vor dir – (aus)nutzt, um einen oder mehrere Menschen gezielt zu versunsichern. In dem Moment hört die sogenannte Kunstfreiheit, auf die u.a. Archi von der Terrorgruppe anspricht, nun einmal auf. Sogenannte Freiheit, egal ob nun Kunst-, Rede- oder Meinungsfreiheit endet immer da, wo die Freiheit eines anderen beginnt.

Siehst du das Problem, wie z.B. Terrorgruppe Archi, eher bei den Matesaufenden Hipsterkids, die ja überhaupt nicht Punk sind und die echten künstlerischen Performancekünste der Punks der ersten Stunde nicht kennen oder nicht verstehen?

Meine Definition von Punk war von jeher, Dinge zu hinterfragen, anstatt sie als gegeben zu nehmen. Und ich glaube ganz allgemein lässt sich sagen, dass Punk sich als Anti-Establishment-Bewegung und aus dem DIY-Prinzip heraus entwickelt hat; da passt für mich Sexismus und ähnliche Bewegungen, die einzelne Gruppen ausschließen, einfach nicht ins Konzept. Egal, ob das jetzt ein Konzert von Terrorgruppe oder Blink182 ist.

Wo fängt für dich Sexismus an? Ist der Punksänger auf der Bühne, der „Titten Titten“ brüllt schon Sexist oder fängt es erst beim fummelnden Konzertbesucher neben dir an?

Wenn ich bspw. auf ein Kassiererkonzert gehe, dann muss ich zugegebenermaßen mit deratigen literarischen Textergüssen und etwaiger Bühnenperformance rechnen. Womit ich allerdigs nicht rechnen sollte – aber tue – sind alkoholgeschwängerte, oftmals männliche Konzertbesucher die diese Stimmung aufgreifen und als Anlass nehmen, dass eine Hand auf dem Hintern doch völlig okay sei. Der ein oder andere mag nun damit argumentieren, dass ich bei so einem Konzert nun einmal damit rechnen müsse – das ist halt so. Falsch. Das ist nicht so. Weder Alkohol noch eine derartige Stimmung während eines Festivals oder eines Konzertes geben dir (egal ob als Mann oder Frau) das grüne Licht, persönliche Grenzen zu überschreiten. (sic!)

Was denkst du, könnte man ganz konkret als Teil dieser Musiklandschaft zum Thema machen? Was können einzelne Konzertbesucher machen?

Wir müssen anfangen, offen darüber zu sprechen, was auf Konzerten und Festivals passiert. Viele hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) männliche Konzertbesucher, aber auch Künstler sind überrascht, wenn man das Thema anschneidet, weil ihnen das womöglich noch nie zuvor aufgefallen ist. Oftmals finden sich betroffene Personen in einer hilflosen Situation wieder, weil sie sich nicht trauen den Täter, umstehende Personen oder auch das Personal innerhalb des Clubs / auf dem Festivalgelände anzusprechen. Manchmal reicht ein Grabschen aus der Menge heraus, um dafür zu sorgen, dass sich eine Person für den restlichen Abend nicht mehr sicher fühlt und vielleicht den Abend nicht mehr genießen kann. Es sollte also vorneweg ein Bewusstsein für das Thema geschaffen werden. Im nächsten Schritt sollten aber auch Securities oder das Personal von Konzertvenues gebrieft werden, dass diese im Falle, dass sich ein/e Besucher/in an sie wendet auch richtig reagieren und mit der Situation umgehen können. Manche Festivals wie das „Oben Ohne Festival“ in München gehen mittlerweile soweit, dass sie sogenannte „Safe Spaces“ einrichten, an die man sich wenden kann, wenn man gerade nicht weiter weiß. Ganz egal, ob man seine Begleitung verloren hat, nicht weiß, wie man nach Hause kommt oder sich bedroht/belästigt fühlt. Das wäre ein Ansatzpunkt, den ich mir auch für weitere Festivals vorstellen könnte.

Stell dir vor, du triffst Jemanden wie Leonard Graves Phillips von den Dickies, mit seinen 40 Jahren Punkbühnenerfahrung und diesem aktuellen Thema aus den Medien. Was würdest du ihm gerne ins Gesicht sagen?

Gute Frage; vermutlich würde ich ihn fragen, ob er derlei Dinge seiner Tochter/Schwester/Mutter/Freundin entgegen schleudern würde und ob er es okay finden würde, wenn andere Künstler Menschen aus seinem engeren Umfeld von der Bühne deratiges entgegen brüllen würden…. – ob ich damit etwas bei im ausrichten könnte, wäre allerdings eine andere Geschichte.

(Beitragsfoto: Kevin Winiker)