Nach dem hervorragend eingeschlagenen neuen Album der Mühlheimer Jungs von Sondaschule haben wir weder Kosten, noch Mühen gescheut (gut, ein Online-Interview ist dann eher doch nicht so kostenintensiv! 😉 ) und die Truppe zu einem Interview gebeten… es sei uns verziehen, dass wir wegen der Entfernung von einem Hausbesuch abgesehen haben!

Vielen Dank an Costa, dass er mir Rede und Antwort gestanden hat… aber nun genug der Worte, schaut selbst:

 

Jens:
Alles liegt brach, Industrieanlagen verrotten, die Zechen sind fast vollständig geschlossen. Dazu die hohe Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen, wie ihr es auf eurer Homepage so treffend beschreibt…alles ist quasi „Schön kaputt“! Genau der richtige Nährboden für politische bzw. gesellschaftskritische Texte, oder?
Costa:
Absolut!

Jens:
Seht ihr euch mit dem neuen Album als letzte Rettung für den Erhalt des Ruhrgebiets, oder hat die Stadt Mülheim euch gar beauftragt, eine groß angelegte Imagekampagne musikalisch zu untermauern? 😉
Costa:
Wir freuen uns natürlich, dass es den Anschein macht, dass wir die letzte Rettung zur Erhaltung des Ruhrgebiets sind, denn wir lieben das Leben hier, mit unseren Familien, Freunden und dem Umfeld in dem wir alle aufgewachsen sind. Aber ob wir jetzt die letzte Rettung für den Erhalt des Ruhrgebietes oder sonst irgendetwas auf dieser Welt sind, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Ich denke das regelt sich hier alles von alleine, durch Selbstentwickelei.

Jens:
„Schön kaputt“ lässt also eindeutig eure Liebe zum Ruhrgebiet erkennen. Im Song „Mülheim Ruhr“ singt ihr „(…) von Duisburg bis vor Dortmund“ – Sind euch die Dortmunder zu schwarz-gelb eingefärbt, oder haben sich die geographischen Grenzen des Potts in den letzten Jahren massiv verschoben?
Costa:
Schön das Du fragst. Ich wurde das bei einem vorherigen Interview auch schon mal gefragt und anscheinend falsch verstanden. Denn ob jetzt schwarz gelb, blau weiß, oder rot weiß – uns ist das völlig egal. Fußball entscheidet bei uns absolut nicht darüber, wen wir mögen und wen nicht. Das mit dem (VOR) Dortmund war eigentlich nur ein kleiner Seitenhieb auf die Stadt Dortmund, da sie immer mehr zu einem Neonazi-HotSpot der Szene wird und wir da absolut nichts mit zu tun haben wollen. Die Stadt Dortmund ist natürlich trotzdem Ruhrpott pur und wird es immer bleiben. Aber um das Naziproblem in den Griff zu bekommen, sollte man sich als Stadt meiner Meinung nach langsam mal gemeinsam was überlegen.

500x500Jens:
Selber Song, andere Frage: Hattet ihr zwischendurch auch die Idee Helge Schneider für eine Textzeile des Songs zu gewinnen, oder ist sein Verhältnis zum Punk-Rock bzw. zu Sondaschule nicht so ausgeprägt?
Costa:
Ich bin mir sehr sicher, dass Helges Verhältnis zum Punk-Rock mehr als ausgeprägt ist, denn wer ist in Deutschland schon mehr Punk und Freigeist als Helge Schneider? Wahrscheinlich kaum jemand. Daher wäre das vielleicht sogar möglich gewesen, aber stand für uns nie wirklich zur Debatte. Wir wollen uns gar nicht mit fremden Federn schmücken um dadurch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu bekommen. Wir wollten einfach nur ohne jeden Hintergedanken ein Lied über unsere Heimatstadt schreiben, mehr nicht.

Jens:
„Es gibt nur Dur“ – wieso eigentlich? Ist das gute alte Moll einfach zu melancholisch für den Punk-Rock?
Costa:
Es gibt nur Dur in Mülheim Ruhr – doch man braucht Moll für echten Rock n Roll! Das ist klar!
Aber da das Lied sich wirklich nur auf die Stadt Mülheim bezieht und nicht auf den „Punk-Rock“, kamen wir einen Song auch mal ohne Moll aus 😉

Jens:
Ich habe mir schon oft gewünscht die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen! Trotzdem, oder gerade das birgt aber auch die Gefahren, selbige geöffnet zu bekommen. Habt ihr keine Angst, dass man ernüchterter dabei heraus geht, als man es sich gewünscht hätte?
Costa:
Wer weiß? Das ist ja grade das Interessante! Unser Gitarrist hat mal jemandem vorgeschlagen 5 Minuten sein Gehirn mit ihm zu tauschen um zu gucken wem schneller schwindelig wird. Ich glaube, das ist genau dieselbe Angst die Du hast, nur mit einer positiveren Herangehensweise. Denn vielleicht ist es ja auch schön sich mal von außen zu sehen!? Ich denke man sollte nicht zu sehr in Selbstzweifeln versinken, wir sind nunmal wie wir sind und werden es auch bleiben. Egal was andere darüber denken. Aber wie gesagt, interessant wäre es mal.

Jens:
Aber ein wenig Autobiographie steckt auch in euren Songs, oder? In welchem Zusammenhang darf man ansonsten „Bist du glücklich?“ verstehen…ein Song, der übrigens meine persönliche Hymne des neulich stattgefundenen Deichbrand-Festivals war, bei welchem ich drei alte Freunde nach fünfzehn Jahren zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal, wieder getroffen habe!
Costa:
Das freut mich sehr, dass der Song für Dich zu einer Hymne geworden ist! Der Song ist tatsächlich zu 100% autobiographisch. 7 Freunde, die ihr Leben gemeinsam verbringen und immer noch das tun, was sie lieben, auch wenn nicht mehr so oft gemeinsam und so jung wie früher. Aber die Freundschaft bleibt genau das was sie ist. Sobald man sich, wenn auch Jahre später, wieder sieht, ist alles innerhalb von Sekunden genau so wie früher. Das ist etwas sehr Schönes und Wichtiges im Leben. Wir als Band sind jetzt seit 20 Jahren Freunde und stehen seit 13 Jahren gemeinsam auf der Bühne und reisen durch die Welt. Wir sind wie eine Familie und werden auf jeden Fall alle irgendwann am Grab des siebten Freundes stehen.

Jens:
Allgemein neigt sich die Festival-Saison ja nun langsam dem Ende zu. Was hat euch persönlich von der Atmosphäre her besser gefallen, das Rock am Ring oder eher die kleinen beschaulichen Festivals?
Costa:
Jeder, der bei Rock am Ring schon einmal selbst auf dieser Bühne vor tausenden von Leuten stand, würde lügen wenn er sagt, das hätte ihm nicht gefallen. Natürlich war es ein absolutes Highlight unseres Festival-Sommers, aber wir hatten dieses Jahr wirklich nur geile Festivals.
Vom Vainstream, übers Taubertal bis hin zum Open Flair – da wird es schwer einen Favoriten zu finden.

Sondaschule_HighlightJens:
Wie sehr freut ihr euch nun auf die wahrscheinlich sehr gut gefüllten Hallen der „Schön kaputt“ Tour bzw. wo liegt der Unterschied zur Freiluft-Saison?
Costa:
Wir haben richtig Bock auf die Tour Ende des Jahres. Erstens, weil wir mehr Spielzeit haben, als auf den Festivals und daher mehr Lieder spielen können – und zweitens, weil alle Leute zur Clubtour ausschließlich wegen uns und unserer Musik kommen. Auf den Festivals wo wir dieses Jahr waren, gab es ja auch immer Namen wie: Beatsteaks, Marteria, KIZ, usw… Da kennen dann zwar erstaunlicher Weise alle vor der Bühne auch unsere Texte, aber ich denke von den 10 – 80.000 Leuten ist sicher auch jemand wegen der anderen Namen da. Daher lieben wir unsere Clubtouren, da geht`s mal nur um Sondaschule.

Jens:
Kann man sich nach langen Touren und gemeinsamen Fahrten im Nightliner überhaupt noch riechen, oder ist man – ganz dem Punker-Klischee entsprechend (keine Panik, ich war selbst auch einer dieser nie aussterbenden Spezies) – in der Lage, die Kleidung jedes Einzelnen irgendwann am individuellen Geruch zu erkennen?
Costa:
Da gibt es bei uns keinerlei Probleme. Wie gesagt, wir kennen uns seit 20 Jahren und sind wie eine Familie. Da kann man alles aushalten. Und ehrlich gesagt, wir waschen uns sogar auf Tour und putzen Zähne und so… Unser Bus stinkt höchstens mal nach Bier oder Amsterdamer Grün.

Jens:
„Schön kaputt“ ist bereits ziemlich eingeschlagen, sofort Platz 8 in den Albumcharts spricht eine eindeutige Sprache. Wie sehr überrascht euch der aktuelle Erfolg, oder habt ihr bei den Aufnahmen schon gemerkt, dass die neue Scheibe etwas ganz besonderes (für mich die bester bisher) geworden ist?
Costa:
Es hat uns schon sehr überrascht! Damit gerechnet haben wir vorher auf keinen Fall. Wir wussten natürlich, dass wir ein sehr gutes Album in der Pipeline hatten, aber das haben wir bei jedem anderen Album vorher auch gedacht. Wenn man selbst in den ganzen Entstehungsprozess mit involviert ist, ist es sehr schwer realistisch zu beurteilen, ob es wirklich so gut ist, wie man selber immer denkt.
Zum Glück ist es diesmal anscheinend genauso eingetreten, wie wir es uns erhofft hatten. Vielen Dank an dieser Stelle an alle die uns mit dem Kauf der CD unterstützt haben. Platz 8 Freunde, ihr seid die Geilsten!

Jens:
Und zum Schluss noch eine Frage in eigener Sache:
Meine beiden neun- und vierjährigen Söhne sind große Sondaschule-Fans (okay, die nicht ganz jugendfreien Textzeilen werden gerne mal von mir überhustet!). Was würdet ihr ihnen für die Zukunft auf den Weg mitgeben wollen…?
Costa:
Bleibt anders, bleibt frei!

Jens:
Vielen Dank für deine Zeit und viel Spaß bei der im Herbst anstehenden Tour…vielleicht sieht man sich ja bei einem eurer Gigs?! 🙂
Costa:
Sehr gerne, vielen Dank für Euer Interesse und liebe Grüße an jeden der bis hier unten gelesen hat. Du bist cool!
Costa

 

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