Nachdem wir vor zwei Jahren bereits die Möglichkeit hatten die liebenswürdigen DONOTS auf die Couch zu bekommen, haben wir auch beim diesjährigen Deichbrand-Festival wieder weder Kosten noch Mühen gescheut und somit durften wir Ingo und Jan Dirk einige Fragen zu ihrer „Silverhochzeit“ und zu anderen aktuellen Themen stellen.

Darüber hinaus erfüllten die beiden dann noch den einen oder anderen Kindheitstraum, indem der Handwritten-Nachwuchs während des Interviews dabei sein durfte und neben Schnappatmung auch noch um Fassung ringen musste… spätestens nach der abschließenden Umarmung und dem gemeinsamen Foto war dann endgültig alles vorbei 😉

Aber nun viel Spaß mit den DONOTS

 

 

Hi Ingo, hallo Jan Dirk… Glückwunsch zur Silverhochzeit! Wie fühlt man sich, wenn man jetzt so lange verheiratet ist?

Ingo: Alt! Obwohl, es geht. Ich wundere mich eher, wo die 25 Jahre geblieben sind. Also wir spielen ja oft Shows und da stehen Kids vor der Bühne die sind 15 Jahre alt – die sind zehn Jahre lang noch nicht geplant gewesen, als wir die erste Show gespielt haben. Und da denkt man schon, „oh mein Gott, was sind wir alt„. Aber dann fühlt es sich doch gar nicht so an, weil wir nun mal auch wahnsinnig viel erlebt haben in den 25 Jahren.

Jan Dirk: Wir haben das Glück gehabt, das hier alles machen zu dürfen und irgendwie hat da jemand auf die Vorspultaste gedrückt. Gefühlt würde ich sagen, wir könnten das gerne nochmal so lange machen.

Wollte ich gerade sagen… ich habe nachher auch noch eine Idee.

Ingo: Okay, wir sind gespannt!

Also gab’s auch nicht mal die Idee, so nach dem Motto „ich muss jetzt zur Eheberatung“ oder zum Scheidungsrichter?

Ingo: Ganz ehrlich, dafür sind wir viel zu sehr Hippie. Bei aller Punkness, das ist so basisdemokratisch bei uns, dass es schon fast weh tut und eklig ist.

Also ihr könnt euch quasi gar nicht streiten… das funktioniert nicht?

Jan Dirk: Nö, wir diskutieren. Bei uns fliegen nie so die Fetzen. Ich weiß noch als wir die „Coma Chameleon“ damals aufgenommen haben mit Kurt Ebelhäuser – und der meinte er würde die Bands anders aufnehmen, da würde es auch schon mal krachen und wir würden uns auf jeden Fall tierisch streiten und fetzen. Und selbst in der Session ist es nie passiert. Es kommt bei uns einfach nicht vor. Wenn es Stress gibt, dann reden wir darüber und…

Ingo: … wenn es keinen Stress gibt, dann machen wir uns den!

Ja muss so sein!

Jan Dirk: Dann reden wir darüber, dass es mal wieder Stress geben sollte!

 

Ihr seid ja immer noch Kind geblieben… das muss und darf man glaube ich nach solchen Aktionen wie heute ja auch so sagen. Wer kommt denn bei euch auf diese glohreichen Ideen? Wird da dann auch demokratisch darüber abgestimmt?

Jan Dirk: Ich glaube sowas kommt am meisten von Ingo oder Alex, wobei wir auch alle immer denken, dass es frisch bleiben muss. Also, wir haben jetzt schon ein paar mal das Deichbrand gespielt – na klar, kann man wieder einfach spielen… wir haben aber alle gedacht „ach, können wir nicht irgendwie was Besonderes machen?„.
Ich weiß nicht wirklich wer mit der Schnapsidee kam. Aber dann haben wir gedacht, komm, lass doch was Cooles machen. Wir haben damals bei Rock am Ring das neue Festivalgelände in Mendig mittags eröffnet – wir wollten die allererste Band sein, die dort je gespielt hat. Und dann haben wir gedacht, wir könnten sowas ja vielleicht auch beim Deichbrand machen. Dann hieß es vom Veranstalter „ja, der erste Tag ist voll“ und dann haben wir gesagt „okay, dann machen wir Frühsport!„.

Ingo: Und ich muss sagen, einen halbe Stunde vor der Show habe ich noch gedacht, „heieiei, das funktioniert nicht!„, da sah alles noch sehr leer aus – und dann ist es ja innerhalb von Minuten knallevoll geworden. Also am Ende habe ich gedacht, „was ist denn jetzt hier los?!„.

Jan Dirk: Auch wenn wir in den letzten Jahren immer später gespielt haben, wir haben bisher noch nie vor so einem großem Publikum gespielt.

Ingo: Ich weiß auch nicht so genau, ob man das so machen muss, also immer so einen Moment herausfordern – für uns besteht nach 25 Jahren und knapp 1.200 Shows, die wir bisher gespielt haben, immer die Frage, was sind so Momente, die für dich selbst auch was bedeuten. Also, wir sind auch immer noch total Fans geblieben von ganz vielen Bands. Wenn ich zurückdenke was ich mir damals alles angeschaut habe, dann sind Shows wie die von At The Drive-In in der Kornstraße in Hannover vor 150 in einer halbvollen Halle, wo die Band gespielt hat, als wäre es die letzte Minute auf der Erde, wo die eine Hälfte kopfschüttelnd dastand und die anderen moshten, wo der Sänger einen Salto ins Publikum gemacht hat. Das war Ende der 90er und ich zehre heute noch davon. Und da denke ich, du bist Leuten die mittags auf einem fucking Feld stehen, um sich dich bei Scheißwetter anzuhören, denen bist du schuldig, dass du Pisse und Blut schwitzt… nicht weniger als das!

Jan Dirk: Genau was Ingo meint. Aber es gibt leider auch Bands, die haben überhaupt keinen Bock zu spielen.

Ingo: Das ist fürchtbar, da denkt man „Leute gebt doch den Slot frei„. Wenn du nach dem Konzert nach Hause gehst und denkst „da hätte ich auch auf dem Sofa bleiben können!„, dann ist da etwas falsch gelaufen. Große Bands werden gebucht weil sie viele Leute ziehen – aber dann doch lieber drei Nachwuchsbands die Chance geben, die dann alles geben und denen man anmerkt, dass sie sich den Arsch abspielen.

Jan Dirk: Es muss Spaß machen, das ist glaube ich das wichtigste. Deshalb versuchen wir das mit solchen Aktionen immer wieder anders werden zu lassen. Sowas wie heute haben wir auch noch nie gemacht. Wir haben uns noch nie irgendwelche blöden Sportanzüge angezogen.

Ich möchte übrigens auch einen… bitte in XXL! Nee, packt mal noch ein X dazu bitte! (schallendes Gelächter… keine Ahung was daran nun so lustig war 😉 )

 

Etwas anderes, wie seid ihr eigentlich auf die Aktion mit den Sea-Watch-Leuten gekommen, die ja vorhin Zeit auf der Bühne bekommen haben?

Jan Dirk: Die haben uns vor zwei Wochen angeschrieben und wir haben sofort gesagt „ja, das machen wir„.

Ingo: Du musst nicht viel dafür tun, du machst dich für sowas nicht krumm! Du musst ja nichts planen dafür. Du lässt einfach Leute auf die Bühne, die genau das Quäntchen mehr machen. Wenn dann mittags tausende von Leuten dastehen, was für ein borniertes Arschloch wärst du, wenn du dann sagen würdest, „nein, die kommen nicht„? In Zeiten wie diesen kannst du es dir nicht erlauben keine Meinung zu haben oder keine Stellung zu beziehen!

Jan Dirk: Es ist ja sogar eine Fügung. Wir als Band können ja nicht 90 Minuten lang auf der Bühne diskutieren. Umso besser, wenn dann jemand kommt und wir schenken dem unsere drei Minuten – und am besten dann noch wie in diesem Fall, wenn es jemand ist, der vor Ort war, der es gesehen hat. Die beiden waren natürlich extrem aufgeregt, aber sie haben sich so gefreut dort ihre Message an die Leute weiter geben zu können.

Dass so etwas klappt, das haben wir letztes Jahr gesehen. Als Klaas von Gloria beim Deichbrand-Gig mit der Rettungsweste auf die Bühne kam und sagte „Leute, kriegt den Arsch hoch und macht etwas…!“ – wir haben uns danach zusammengesetzt und gemeinsam mit dem lieben Addi von The Palm Set das WIR SIND LAUTER Benefizfestival im Kliemannsland auf die Beine gestellt. Ihr habt vielleicht schon was davon gehört?

Ingo & Jan Dirk: Ja, haben wir schon gehört. Geile Sache!

Das ist kein Hexenwerk, da kann man mit relativ überschaubarem Einsatz richtig viel erreichen!

Jan Dirk: Ja, genau. Und wenn wir hier von den ganzen Leuten nur ein Viertel erreicht haben und die nach Hause gehen und nachdenken und überlegen „was kann ich denn machen„, dann hat man auch schon was erreicht – und wenn auch nicht, aber dann werden die vielleicht bei der nächsten Diskussion mit den Eltern oder mit Freunden vielleicht zumindest anders reden. Und da hast du dann jemanden auf der Bühne gesehen der fast weint, weil der so angefasst ist, weil er das mitgekriegt hat. Wir waren jetzt gerade beim Vainstream-Festival, da war jemand der hat ein Schiff und die Leute haben das Geld – aber sie können nichts machen weil sie nicht losfahren dürfen. Ein Baum von einem Mann, ein Punk-Rocker, steht zutätowiert vor mir und fängt an zu heulen, weil er nichts machen kann.

Und da muss man die Möglichkeiten die man hat nutzen. Wir machen es über unser Magazin und ihr auf der Bühne!

Ingo: Ja, genau! Wir können zwar nicht viel machen, das ist aber das Mindeste was wir machen können.

Jan Dirk: Das finde ich super wichtig – das war uns auch schon immer wichtig. Wir haben schon immer Aktionen unterstützt. Sei es damals diese „Rock Against Bush“-Sache. Das ging schon früh los! Wir sind nicht hauptsächlich eine politische Band, wir sind einfach Leute mit gesundem Menschenverstand. Wenn wir den Spot nutzen können, dann machen wir das gerne!

Das machen nicht viele Bands… leider! Gerade die großen halten sich da leider immer noch zu sehr zurück! Da gehts leider zu sehr um Verkaufszahlen usw.

Jan Dirk: Ja gut, man tritt den Leuten ja auch auf den Schlips. Aber ich finde, ja bitte… dann ist das halt so!

 

Apropos Verkaufszahlen… mit der „Silverhochzeit“ auf Platz 6 der Albumcharts – Wahnsinn, oder?!

Ingo: Ja, verrückt… wir haben eine Best-Of rausgebracht, aber das ist ja für uns kein Release, wo du ein Video zu veröffentlichst oder sonst etwas. Die Leute haben das alles daheim, eigentlich… und die gehen dann in den Laden und ballern das Dingen in einer Chart-Woche wo das neue Ad-Sheeran-Album raus kommt auf Platz 6 – völlig verrückt.

Ich finde es geil, ich habe ja auch darüber geschrieben… man hört mal wieder die alten Sachen, das macht Spaß! Es ist schön, dass man jetzt alle geilen Songs der letzten 25 Jahre auf einmal hat.

Ingo: Du aast ja immer in deinem eigenen Sumpf rum und da sind natürlich Songs dabei, die Urmel-alt sind und wo man denkt “ich weiß nicht, ob ich den jetzt nochmal spielen muss!” – und dann siehst du Best-Of-Compilations, die von Labels rausgebracht werden, die das Ganze lieblos verwerten, weil man die Rechte daran hat und die Kuh nochmal melken will.
Wir haben gesagt, wenn wir 25 Jahre machen und wir machen so ein Ding, dann aber wenigstens so, dass da für uns als Band wichtige Songs drauf sind. Da sind nicht alle Singles drauf und das Ganze hätten wir noch viel konservativer gestalten können, aber da sind nun eben Songs drauf, die für uns ultrawichtig waren. Klar, “Stop The Clocks” ist drauf – natürlich ist das drauf… aber sowas wie “Das Neue Bleibt Beim Alten”, der erste deutsche Song den wir gemacht haben mit Tim von Rise Against zusammen – das ist jetzt kein Song der großartig die Chart-Wurst vom Teller zieht. Das muss es aber auch nicht sein.

Jan Dirk: Auch die Entscheidung, dass wir Vinyl rausbringen, das Cover gut gestalten… das war uns schon wichtig. Wir haben einfach gedacht, es gibt uns 25 Jahre, da kann man schon mal so eine Werkschau bringen. Dass die “Silverhochzeit” aber jetzt so punktet, das hätte keiner von uns erwartet – die letzte Best-Of die wir rausgebracht haben ist nicht mal “Top 100” gegangen. Wir haben jetzt schon gehört, dass die limitierte Vinyl nun schon für Unsummen gehandelt wird – das wollten wir nun aber auch nicht.

Ingo: Leute, nicht kaufen… klauen! (Gelächter)

Jan Dirk: Oder kommt live… das spielen wir eh alles!

Nicht so laut, hier sind Kinder im Raum. Nicht klauen, klauen ist nicht gut… und Alkohol trinken ist auch schlecht!

Ingo: … ist auch schlecht! Aber geklauter Alkohol geht klar! (Gelächter)

Das schneiden wir gleich raus… – war es eigentlich schwer gemeinsam 25 Songs raus zu suchen?

Ingo: Nee, es gibt schon ganz klassische Nummern. Wenn du dir 25 Songs als Maßgabe nimmst, mit einer Werkschau von 25 Jahren… ich weiß nicht wie viele Songs wir haben am Ende des Tages… 100?

Jan Dirk: Mehr wahrscheinlich. Aber wir haben irgendwie nur geguckt welche Songs ab der Zeit von 1996 bis jetzt wichtig für uns waren.

Ingo: Es hätte auch maßlos werden können, wenn wir nicht gesagt hätten, es werden 25 Songs. Aber so bist du von vornherein ganz klar… wenn’s nur 25 sein dürfen, dann musst du Entscheidungen treffen – und das ist passiert.

Wieviel früher habt ihr da angefangen zu überlegen?

Ingo: Vorgestern! (Gelächter)

 

Ist denn neues Material auch schon in Planung?

Jan Dirk: Das hört ja eigentlich nie auf. Also ganz ehrlich gesagt, wir haben schon wieder neue Sachen aufgenommen. Dadurch dass wir ja nun auch unser eigenes Studio haben, wo wir gerade auch anfangen andere Bands aufzunehmen – wir haben zum Beispiel gerade Smile & Burn aus Berlin aufgenommen. Da fällt es leichter eben mal selber etwas aufzunehmen. Und nebenbei schreiben wir die ganze Zeit. Keine Ahnung wann ein Album kommt und wir wissen jetzt auch noch nicht mal die Sprache in der das raus kommt, aber…

Ingo: … aber Deutsch wird’s… und bald! (Gelächter). Nee, aber ganz ehrlich, wir sind jetzt gerade an einem Punkt wo wir das erste Mal in 25 Jahren die Zeit haben nicht zu sagen “wir müssen die ganze Zeit Album, Tour, Album, Tour…!” durchziehen. Wir haben das 25 Jahre lang gemacht… lass uns jetzt einfach mal ganz kurz durchatmen und dann in aller Ruhe schauen was wir haben, wo wir hin wollen… und dann machen wir weiter. Das ist eine ganz schöne Luxus-Situation, weil “alles kann, nichts muss!”. Wir haben gerade im April die Columbiahalle in Berlin ausverkauft, womit wir nie in unserem Leben gerechnet hätten – und wenn du dir diese Unbedarftheit behältst und sowas nie normal für dich wird, das ist die schönste Situation und das ebnet den Weg mit Füßen am Boden für die nächsten 25 Jahre.

Das kann nur das Ziel sein… wir werden mit euch alt!

Jan Dirk: Wir werden auf jeden Fall erstmal ein bisschen durchatmen. Ob wir eine komplette Livepause machen – keine Ahnung! Wir haben auf jeden Fall erstmal keine Konzerte gebucht und wollen erstmal in Ruhe gucken, uns ein bisschen sortieren. Das wird keine offizielle Pause. Denn auch wenn wir aktiv nichts machen, sind wir trotzdem immer untereinander im Austausch. Es ist bei uns auf keinen Fall so, dass wir so professionell bandtechnisch unterwegs sind und dann während solch einer Zeit nicht miteinander reden. Also ich glaube, ich bin mit den Jungs mehr im Austausch als mit meiner Freundin… da bin ich mir ziemlich sicher!

Weiß sie das auch?

Jan Dirk: Das weiß sich auch… das mag sie zwar nicht… (Gelächter)

Ihr als DONOTS, ihr seid ja auch verheiratet! Mit der Ehefrau spricht man ja auch mehr als mit der Freundin. Ingo, wenn jetzt bald ein wenig Zeit ist… vielleicht schreibst du ja auch ein Buch?! Bela B., Kai Hawaii… alle schreiben gerade Bücher… Thees Uhlmann.

Ingo: Ja nee, ich sag mal so: alles muss die Welt nun auch nicht mitkriegen. Ganz ehrlich, wir muten den Leuten seit 25 Jahren schon genug zu, das muss nicht auch noch passieren!

Okay… das ist doch fast ein gutes Schlusswort!

Jetzt meine Idee vom Anfang… die Goldhochzeit machen wir in 25 Jahren hier, zum „40-Jahre-Deichbrand“-Jubiläum. Dann bin ich 71 Jahre alt… das ist ein gutes Dingen. Dann müssen wir Guido noch animieren, dass er mir nen schönen Rollator auf den Oberarm tätowiert…

Jan Dirk: Bis dahin kann er das auch.

… Ingo bring die Aldi-Tüte von 1999 mit, ich “Essen auf Rädern”… Gulaschtopf, oder so!

Ingo: Wir haben einen Deal! Und lass mich noch ganz kurz sagen… wenn die Kinder einen “Alles Muss Kaputt Sein”-Pascow-Pullover tragen, dann mache ich mir keine Sorgen darum, dass wir uns in 25 Jahren nicht wiedersehen! Danke!

Fotos: Christian Wasnick / Seemannsgarn Photographie

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