Enno Bunger berührt, fesselt, begeistert und bereichert die deutsche Musiklandschaft nicht erst seit gestern. Zuerst waren es die ruhigen Balladen des gelernten Pianisten. Spätestens beim letzten Album kam die Abwechslung. Ich erinnere mich an den Soundcheck in Oldenburg damals und wie ein damaliger anderer Handwritten-Redakteuer und ich uns anguckten „Das ist ja wie bei der Mayday!“, als die Lichtshow startete. Und wie wunderbar da eine Hand in die andere griff. Wie gut einfach dieses bunte Stück „Hamburg“ war. Ach Mensch. Enno Bunger. Mega netter Typ übrigens auch noch.

Dann kamen die ersten Singles zu „Was berührt, das bleibt“. Und los gingen die Diskussionen mit Mitschreibern, Fans der ersten Stunde, Bosse-Enttäuschte und so weiter. Ist das jetzt zu viel Pop? Öffnet Enno Bunger sich jetzt gewollt der breiten Masse auf Kosten von dem, was wir so an ihm lieben? Ich sage nein. Und zwar kein diplomatisches oder beruhigendes, sondern ein Skeptikern entgegen geworfenes „Nein!“. Ist „Bucketlist“ ein eingängiges Stück Popmusik das durch die Promo (übrigens mit mega großartigen Bildern und Videos von Dennis Dirksen! Ich bin jetzt Fan. Vorher auch schon eigentlich) wie ein passend in die Zeit gestempeltes Roadtrip-Aufbruchteil wirkt? Na klar! Aber wer keine 15 Jahre alt ist und mit der Pickelcreme auch die Schubladen abgelegt hat, konzentriert sich auf das Wesentliche. Auf die Musik und das eigene Wohlbefinden dabei. „Nicht mein Geschmack“, geht klar. „Voll der Ausverkauf“, Maul halten und Blödsinn hören.

Erst Recht mit „Stark sein“ macht diese positive Aufbruchstimmung Sinn. Kaum ein Song hat mich in diesem Jahr so berührt wie dieses Teil. Kombiniert mit dem ehrlich und ungeschminkten Statement über die Krebserkrankung eines geliebten Menschen, packt es einen wo es weh tut und gleichzeitig wo es hoffnungsvoll lächeln lässt. Erst Recht wenn es in der Familie ähnliche Erfahrungen gab. Seelenstriptease war selten so schön, wenn es einen nicht direkt betroffen hat.

 

 

Ich gebe zu, dass Songs wie „Niemand wird dich retten“ und Co. zwar tatsächlich mit einer großen Portion Pop auffahren und an der einen oder anderen Stelle hätte ich dann doch den Enno Bunger auch gerne lieber solo mit Klavier gehört, aber da es so stimmig ineinander greift, stört es nicht wie bei anderen Platten. Es wirkt trotz allem elektronischen Kitsch anfassbar. Authentisch (das große Songwriterwort!). Und wenn Songs das in dieser Form schaffen, muss da schon echt was dran sein.

 

„Niemand hier kann dich retten, niemand außer dir selbst, niemand hier kann dich retten, sei dein eigener Held.“

 

Was auf jeden Fall gewohnt Enno Bunger ist, sind die Texte. Die packen mich fast alle wie der mittlerweile auf gefühlt Millionen Jutebeutel gedruckte Text von „Regen“. Es gibt in Deutschland viele gute Musiker. Aber es gibt wenige Songschreiber, die so großartig mit deutschen Texten arbeiten können. Die Kitsch produzieren können, ohne dass er anstrengend oder schlagerartig wirkt. Diese Texte kauft man einem Uhlmann, einem Wiebusch, einem Rossi oder eben einem Bunger ab. Bei anderen würden genau diese Texte so nicht funktionieren.

Zusammenfassend kann man sagen, dass er uns überrascht hat. Und nachdem die Leute mit den zugekniffenen, skeptischen Augen das auch begriffen haben, werden wir uns alle in den Armen liegen und mit einem halbvollen Glas Wasser dieses Album hören. Sicher!

 

 

 

  1. Kalifornien
  2. Bucketlist
  3. Ponyhof
  4. Stark sein
  5. Die Bäume streuen Konfetti
  6. Glaube an die Welt
  7. Wofür hälst du dich
  8. Wolken aus Beton
  9. Niemand wird dich retten
  10. One-Life Stand
  11. Weichzeichnungsfilter

 

Foto: Dennis Dircksen

Enno Bunger - Was berührt, das bleibt (Columbia/Sony, 26.07.2019)
4.5Gesamtwertung