2008 kam die die Postrockformation Caspian aus Beverly, Massachusetts zum ersten Mal über den großen Teich, 2012 entschieden sie sich dazu mit der befreundeten Hardcoreband Defeater gemeinsam durch Europa zu touren und so ein Publikum außerhalb der eigenen Komfortzone anzusprechen. Mittlerweile gehört das vor zehn Jahren gegründete, amerikanische Quintett zu einem festen Bestandteil der internationalen Postrockszene und tourt regelmäßig durch europäische und internationale Gefilde. Mit „Arcs Of Command“ veröffentlichte die Formation nun zum allerersten Mal ein Musikvideo. Ich treffe mich an einem sonnigen Nachmittag mit Bandchef Philip Jamieson im Backstage der Faust in Hannover zum Gespräch.

Björn:
Hey, wie geht’s dir, danke dass du dir die Zeit nimmst.

Phil:
Ist mir eine Freude, gern.

Björn:
Ihr habt vor kurzem mit „Arcs Of Command“ euer allererstes Musikvideo veröffentlicht. Wie kam die Entscheidung zustande, nach so langer Zeit ohne jetzt doch eins zu veröffentlichen?

Phil:
Richtig, wir haben noch nie eins veröffentlicht, aber unsere Musik ist im Grunde genommen sehr geeignet für cineastische und visuelle Medien. Du kannst Bilder, Dramaturgie, Bewegung und visuelle Kunst mit unserer Musik kombinieren. Wir wollten so etwas wie ein Portfolio für Soundtracks haben, um Regisseuren zu zeigen, dass unsere Musik für Filme funktionieren könnte. Und wir waren einfach neugierig, das Konzept mal auszuprobieren, da es für uns ja neues Territorium ist. Wir haben viele Vorschläge mit guten Ideen bekommen und haben uns das alles auf Tour angeschaut. Unsere Entscheidung ist dann auf diesen Vorschlag gefallen, weil uns die Einfachheit der Narrative gut gefallen hat. Unsere Musik ist sehr von Erinnerungen aus unserer Kindheit geprägt und inspiriert. Damals, als alles noch ein wenig unschuldiger schien. Genau das kommt auch in der Geschichte des Videos zum Ausdruck, weswegen wir es am passendsten fanden.

Björn:
Wart ihr dann direkt am Produktionsprozess beteiligt oder habt Anweisungen am Set gegeben?

Phil:
Nein, das Video ist in Indiana gedreht, das ist gut drei Tage Fahrt von Massachusetts entfernt. Wir haben das Skript zugeschickt bekommen, fanden es gut und haben an manchen Stellen vielleicht ein paar Vorschläge gemacht. Daraufhin hat der Regisseur einige Entwürfe gedreht, sie uns geschickt und wir haben dann wieder Vorschläge und Wünsche geäußert. So ging das ein paar Mal hin und her, bis das Video schließlich fertig war.

Björn:
Ich habe mich beim Anschauen nur gefragt, wieviel Spaß diese Kids beim Dreh gehabt haben müssen.

Phil:
Ich hoffe sehr, dass es allen Spaß gemacht hat. Ich fürchte, es war nicht so ganz einfach, weil es zu einer sehr kalten Jahreszeit gedreht wurde. Wir hätten die Kids gerne mal getroffen und kennen gelernt, ich finde, sie haben einen guten Job gemacht.

Björn:
Mich hat das ganze an das Video zu Sigur Rós‘ „Hoppípolla“ erinnert. Das Thema kindlicher Unschuld und dessen Ausdruck im Spiel.

Phil:
Cool. Ich habe das Gefühl, dass es eine Ewigkeit her ist, seit ich das Video gesehen habe. Vielleicht 2006 oder so. Die machen so gute Videos und ihre Musik passt so wunderbar dazu.

Björn:
Die haben super Ideen für ihre Videos.

Phil:
Ohne Zweifel, ja.

Björn:
Das zentrale Thema ist also Kindheit und Unschuld. Zu Beginn des Videos sieht man auch ein Zitat von Friedrich Nietzsche über die Bedeutung von Kindheit. Zu Beginn eurer Live-Performance des Stückes „Fire Made Flesh“ lasst ihr außerdem eine Rezitation von Bukowskis „Factotum“ als Intro laufen. Was fasziniert euch an deutschen Autoren und Philosophen der vorletzten Jahrhundertwende? Bukowski hatte deutsche Wurzeln und wurde auch hier geboren, Friedrich Nietzsche war kurioserweise ebenfalls Deutscher…

Phil:
…und der größte Autor aller Zeiten meiner Meinung nach. Das ist wirklich interessant, ich habe das nie in einem kulturellen Zusammenhang betrachtet, bezüglich der Herkunft dieser Autoren. Beide haben nihilistische Züge, Nietzsche mehr als Bukowski, aber ich glaube nicht, dass Nihilismus sich zwingend auf einen bestimmten Kulturkreis beziehen muss.

Björn:
Das glaube ich auch nicht. Also ein kurioser Zufall. Ich finde es interessant, dass ihr Nietzsche aufgreift

(an dieser Stelle unterhalten wir uns über die Beziehung zwischen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner, die Umstände Nietzsches Todes und sein Lebenswerk. Das war für mich persönlich ein faszinierendes Gespräch, welches ich an dieser Stelle aber aus Platzgründen trotzdem überspringe. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Phil Jamieson ein belesener und kluger Gesprächspartner ist)

Björn:
Soweit ich weiß, seid ihr sehr große Sigur Rós-Fans. Ich habe in einem älteren Interview auf Audiotree.tv verfolgt, wie ihr über ein legendäres Sigur Rós-Konzert, das fast alle Bandmitglieder unabhängig voneinander besucht haben, geredet habt.

Phil:
Die besten zwei Stunden meines Lebens. Richtig, wir haben damals bei Audiotree darüber gesprochen. Ich habe sie seitdem acht Mal gesehen, das war aber das erste Mal. Es war immer gut, aber…

Björn:
…die Show damals war etwas Besonderes?

Phil:
Das war eine andere Ebene des Erlebens. Meine Emotionen wurden aufgesaugt, verwirbelt und wieder ausgespuckt. Ich stand vollkommen neben mir. Das war eine fast schon spirituelle Erfahrung.

Björn:
Hast du ein Lieblingsalbum?

Phil:
Oh ja, das Album mit den zwei runden Klammern, das unbetitelte Album von 2002, das ist mit Abstand mein Favorit. Und „Ágaetis Byrjun“, das war das erste, was ich von ihnen gehört habe. „Svefn-g-englar“ ist einer meiner Lieblingssongs und den Titeltrack mag ich auch sehr gern. Es ist auch ein großartiges Album, aber ich habe das Gefühl, dass sie ihr gesamtes Können auf der unbetitelten Platte noch mehr kristallisieren konnten.

Björn:
Sigur Rós
sind eine der treibenden und ursprünglichen Kräfte hinter dem, was wir lose als Postrock definieren…

Phil:
…richtig, genau wie Mogwai und Godspeed! (You Black Emperor) seit Mitte der 1990er. Damals war es noch absolute Nischenmusik, die noch nicht popularisiert war.

Björn:
Ihr habt euch Mitte der 2000er gegründet, damals gab es zwar schon ein paar große Namen in dem Genre, eine wirkliche Szene hatte sich aber noch nicht etabliert oder?

Phil:
Nicht richtig, nein, aber als zum Beispiel Explosions In The Sky auf der Bildfläche erschienen und mit „The Earth Is Not A Cold Dead Place“ 2003 ein viel größeres Publikum erreichten, sorgte das für eine neue Welle an Bands. Wir haben zu dieser Zeit angefangen, genau wie This Will Destroy You. Ich würde diese Phase als die zweite große Postrockwelle bezeichnen. Seitdem ist genau das Gleiche wie mit allen anderen Genres passiert: Es hat sich einfach immer weiter ausgebreitet und man hört fast täglich von neuen Bands.

Björn:
Das Gefühl habe ich auch. Ich möchte jetzt noch nicht den Begriff „Hype“ verwenden, aber ich habe das Gefühl, dass das Genre derzeit sehr angesagt ist.

Phil:
Oh, auf jeden Fall. Es ist auch viel globaler geworden. Die Leute auf der ganzen Welt entdecken das Genre für sich…

Björn:
…und es gibt so viele hervorragende Bands auf der ganzen Welt verteilt.

Phil:
Es gibt mittlerweile so viele unglaublich gute Bands.

Björn:
Aber was hältst du von der immer weiter voranschreitenden Popularisierung des Ganzen und dieser Tendenz zum Hype?

Phil:
Hypes ruinieren alles, ich bin kein großer Freund davon.

Björn:
Seid ihr als Band, die jetzt etwas länger dabei ist, in irgend einer Form verärgert, dass es heutzutage für Postrockbands viel einfacher scheint, einen Fuß auf den Boden zu bekommen also noch vor, sagen wir zehn oder fünfzehn Jahren? Oder freut ihr euch, dass das Genre jetzt populärer ist und mehr Aufmerksamkeit bekommt? Das öffnet schließlich auch Türen…

Phil:
…das tut es, ja. Das ist eine gute Frage. Ich werde das oft gefragt und habe immer noch keine perfekte Antwort darauf gefunden. Wenn ich wirklich ehrlich bin, kommt das vielleicht ein wenig pompös rüber, aber…das Problem mit modernem Postrock (hält inne und grübelt)…es ist einfach sehr emotional manipulativ. Es soll nur dramatisch sein und es soll dich dazu bringen etwas zu fühlen, aber du musst dazu nicht mehr zwingenderweise sehr musikalisch sein. Die Musikalität geht immer mehr verloren. Es reicht mittlerweile, sich ein Delay Pedal, ein Reverb Pedal und ein Distortion Pedal zu kaufen, und schon bist du in einer Postrockband. Das ist doch blöd. Das ist genauso, wie jemandem eine SG und einen Marshall-Amp zu geben und zu sagen, so damit bist du jetzt automatisch in einer Hardcoreband.

Auf der anderen Seite: Wir waren auch eine dieser Bands, die vor gut zwölf Jahren noch völlig unerfahren an die Sache herangegangen sind und einfach nur schöne Musik schreiben und Spaß dabei haben wollten. Es ist also nicht so leicht, etwas dazu zu sagen oder festzulegen, was Postrock ist und was nicht. Ich habe irgendwann aufgehört, das Ganze zu verfolgen und auf dem Laufenden zu bleiben, wer zurzeit total angesagt ist oder um wen viel Wind gemacht wird. Ich investiere mittlerweile so viel Energie in unser eigenes Projekt, in immer neue Alben, in die Verbesserung unserer Live-Show, das beschäftigt mich einfach genügend, so dass ich gar nicht mehr die Zeit habe, die Szene genau zu beobachten.

Ich habe auch gar nichts gegen all die neuen Bands, die auf einmal auftauchen, ich finde es nur problematisch, Postrock als Monopol für emotionale Musik hinzustellen. Es gibt so viele Genres und so viel unterschiedliche Musik, die ich als tiefgreifend emotional empfinde, die andere aber nicht zwingend mit Postrock in Verbindung bringen würden. Wenn du heutzutage emotionale, spirituelle oder atmosphärische Musik machst, stecken dich gleich alle in eine Postrock-Schublade und das finde ich dämlich, weißt du was ich meine?

Björn:
Ich denke schon, das wäre nämlich meine nächste Frage. Es ist so schwer diesen Begriff runterzubrechen und genau zu definieren.

Phil:
Deswegen ist es auch zwecklos, es genau definieren zu wollen. Man sollte eine Band einfach eine Band sein lassen. Wir haben uns auch nie auf die Fahnen geschrieben oder damit geworben, eine Postrock Band zu sein. Sich über ein bestimmtes Genre zu definieren spielt denke ich eine viel wichtigere Rolle für Punk- und Hardcorebands, weil es in diesen Szenen viel mehr um eine soziale Identität geht und das für die Fans der Bands sehr wichtig ist, und ich denke das ist eine gute Sache. Bei Postrock ist das allerdings nicht so. Vielleicht ist da die einzige Gemeinsamkeit, dass alle schwarze Klamotten und Bärte tragen und Delay und Reverb Pedals benutzen. Abgesehen davon gibt es keinen großen gemeinsamen, kulturellen Nenner. Uns ging es immer nur darum, einfach schöne Musik zu machen.

Björn:
Also geht es viel mehr nur um die Musik selbst und weniger um das, was sie umgibt…?

Phil:
Es geht wirklich nur rein um die Musik.

Björn:
Du sprachst gerade davon, dass du auch interessiert an Musik verschiedenster Genres bist, die genauso intensiv, spirituell und emotional sein kann. War das auch ein Grund, warum ihr 2012 mit Defeater getourt seid? Ich kann mich an die Show im Chez Heinz erinnern, bei der ihr von vier Bands als einzige nicht-Hardcore Band gespielt habt.

Phil:
Das war genau unsere Absicht. Wir wollten unbedingt für dieses Publikum spielen, weil wir fest daran glauben, dass unsere Musik sich für jeden eignet, der sich einfach nur für Musik interessiert. Nicht nur für Fans von Postrockbands, sondern für jeden, der gern intensive Musik, die die Phantasie anregen soll und hoffentlich emotionale Tiefe besitzt, hört. Es gibt auch Hardcore-Fans, die das an Musik schätzen, also wollten wir auch für dieses Publikum spielen. Wir möchten Leute unabhängig von Genregrenzen ansprechen.

Björn:
Ich habe Anfang des Jahres mit Defeater gesprochen und sie auch zu dieser Tour befragt, und sie haben etwas ganz Ähnliches erzählt, dass es wichtig ist einfach das zu hören, was einem gefällt und nicht auf Genregrenzen zu achten und es auch gut fanden, mit Bands anderer Genres zu touren. Schließlich hilft das ja auch dabei, den eigenen Horizont zu erweitern.

Phil:
Wenn du immer nur das Gleiche tust und in deiner Szene bleibst, dann sorgt das nicht für ein reiches Innenleben.

Björn:
Wenn du jetzt eine Verbindung ziehen müsstest zwischen Postrock und Hardcore. Wo würdest du die Gemeinsamkeiten sehen, was wäre die Brücke zwischen diesen Welten?

Phil:
Intensität. Das macht eine gute Hardcoreband wie Defeater aus. Wenn du auf eine Show von ihnen gehst, kannst du spüren, dass die Energie im Raum rasiermesserscharf ist. Das ist ein sehr eindrückliches Erlebnis und deine Emotionen, deine Gedanken, dein Herz und dein Verstand werden von dieser Intensität stimuliert. Und genau so ist es bei einer Postrock-Show. Du bist sehr auf die Musik fokussiert und was auf der Bühne passiert, was du hörst und was dich das fühlen lässt. Ich denke das ist der große gemeinsame Nenner zwischen diesen Genres.

Uns muss letztlich nur eine gemeinsame Sache verbinden, damit wir mit einer Band auf Tour gehen können. Im Falle von Hardcorebands wie Defeater ist es also das gewesen. Ich schaue mich immer nach neuen Herausforderungen um, denn wir touren gar nicht so gerne mit anderen Postrockbands. Wir sind mal mit HIM auf Tour gegangen, da haben uns alle für verrückt erklärt und gesagt, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Und oberflächlich betrachtet mag das vielleicht stimmen, aber es gibt auch hier einen gemeinsamen Nenner in Form einer gewissen Dramatik. Vielleicht auf verschiedene Art und Weise, bei uns ist es die Musik selbst, bei HIM die Präsentation, die dramatisch ist, also hat das sehr gut funktioniert. Jo Quail ist eine Cellistin. Mit ihr zu touren ist wundervoll. Sie ist ein musikalisches Genie und beherrscht ihr Instrument so gut. Ich hoffe, uns verbindet eine gewisse Musikalität. Wir haben jetzt keine technisch versierten Solos in unserer Musik, aber wir legen auch viel Wert darauf, unsere Instrumente mit Finesse zu spielen. Ich hoffe, das ist an dieser Stelle die Verbindung zu ihr.

Egal was für eine Band und was für ein Genre, ob jetzt Hardcore oder Alt-Rock oder was auch immer…es muss einfach einen Sinn für Abenteuer haben.

Björn:
Du meinst, in Form einer Geschichte, die die Musik erzählt?

Phil:
Eine Geschichte, die die Musik erzählt, genau. Ich denke, als Musiker bist du auch ein Geschichtenerzähler. Obwohl wir in unserer Musik fast keine Lyrics verwenden, denke ich, ist es doch möglich, dass der Zuhörer seine eigene, ganz persönliche Geschichte formuliert, die dann von der Musik begleitet wird und dabei helfen kann, den eigenen Geist zu erforschen, die eigene Vorstellungskraft und eine eigene Geschichte. Wenn unsere Kreativität die Kreativität anderer in Gang setzen kann…das ist der Grund, warum wir das hier machen.