Die Veröffentlichung des neuen Alarmsignal-Albums „Attaque“ ist vor kurzem erfolgt und die Celler Punks feiern hiermit nicht nur ihr siebtes Studioalbum, sondern gleichzeitig auch ihre „Band-Volljährigkeit“. Grund genug sich mit der Band mal über das neue Album zu unterhalten, die eine oder andere Geschichte aus der Kinder- bzw. Jugendzeit der Truppe zu erfahren und zu klären, wie Alarmsignal  ohne großen Schaden durch die Band-Pubertät gekommen sind.

… na dann mal viel Spaß!

 

Hallo die Herren, schön dass ihr euch ein wenig Zeit für uns genommen habt! Wie geht’s euch, wie weit sind die Tour-Vorbereitungen fortgeschritten?

Bulli: Moin! Die Tour- und Releasevorbereitungen waren dieses Mal so stressig und zeitintensiv, dass wir uns mittlerweile schon auf Tour befinden. Wir kamen dieses Mal einfach nicht hinterher. Die Tour läuft großartig bisher und während wir diese Fragen hier beantworten sitzen wir zusammen im Tourbus.


Gerade erst habt ihr euer siebtes Studioalbum heraus gebracht. Für alle Unwissenden, in kurzen Worten, worum geht’s auf „Attaque“?

Steff: Im Großen und Ganzen geht’s um das, was uns seit unserem letzten Album “Viva Versus“ beschäftigt hat oder uns selbst widerfahren ist. Gedanken, Erlebnisse, persönliche Dinge, politische Dinge, vertonte wahre Begebenheiten. Mal wütend, mal traurig und nachdenklich, unterm Strich eigentlich immer sehr ernst.

Bulli: In der Zeit nach „Viva Versus“ ist extrem viel bei jedem von uns vieren passiert. All diese Erlebnisse und Sachen fließen natürlich in die Musik und Texte ein, so dass ich während des Schreibens der Platte wirklich das Gefühl hatte, dass es mit Abstand die ernsteste und traurigste Platte wird. Aber irgendwie hat es sich dann doch anders entwickelt als es sich zeitweise angefühlt hat und wir sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis.


Wie dürfen wir den Album-Titel „Attaque“ verstehen – ist dies ein Aufruf zur Revolte, ein Aufruf zur Gewalt?

Steff: Der Titel ist sicherlich verschieden interpretierbar. Für mich persönlich bedeutet er aufstehen, weitermachen, nach vorne gehen! Und das im besten Falle nie kopflos.


Traditionell gesehen – auch wenn dieses Wort in dem Zusammenhang echt komisch klingt –  ist Alarmsignal ja schon immer eine politische Band am linken Rand der musikalischen Punk-Szene gewesen. Eigentlich müsstet ihr doch aus dem Kotzen kaum noch raus kommen, wenn man sieht in welche Richtung sich das Land bzw. die Nationen um uns herum gerade entwickeln, oder?!

Steff: Es ist tatsächlich manchmal eine Mischung aus Kotzen und Verzweiflung. Mit welchen Argumenten die besorgten Wut- und Hutbürger da hantieren und wie sich ihr Lügen- und Hassvirus verbreitet und wie man die ganze eigene Unzufriedenheit auf ein Thema projizieren kann und wie man einfach mal komplett resistent gegen Fakten und Statistiken sein kann, will ich meine Birne nicht rein.

 

Auf der anderen Seite kritisiert ihr in zwei Songs („Von verkauften Idealen“ & „Zwischenmenschlich abgefuckt“) auch die eigene Szene – was läuft momentan falsch im Deutschpunk, was vermisst ihr?

Steff: Och, der Deutschpunk kann eigentlich nichts dafür. Nee, also “Von verkauften Idealen“ ist eigentlich eher so’n Streitgespräch zwischen Punk und uns. Obwohl, Gespräch kann man das auch nicht nennen, weil ja nur wir reden. Es ist eine Art Punk-Vergleich von früher und heute und schneidet ein paar Veränderungen innerhalb von 3 Minuten an. Es ist uns natürlich klar, dass die Zeit auch ihre Musik und die Ansprüche ihrer Musiker verändert, aber wir hatten das Bedürfnis auch mal ein paar Dinge anzusprechen, die sich aus unserer aus Sicht nicht unbedingt zum positiven geändert haben. “Zwischenmenschlich abgefuckt“ ist einfach ein kleiner Rundumschlag innerhalb der eigenen Szene, weil sich auch hier (wie überall) nicht nur coole People tummeln und wir einfach nicht durchweg die besseren Menschen sind, nur weil wir uns den “Antifaschismus“ auf unsere Fahne geschrieben haben. Auch innerhalb der Punkszene gibt es sexistisches Gelaber oder Verhalten oder Lookism oder Unterdrückung durch Machtgehabe in Form von Wort oder Tat. Aber für viele ist derartiges Verhalten manchmal egal oder zweitrangig, weil man ja ansonsten gegen Nazis ist. Sehen wir etwas anders und deshalb dieser Song.


Mit dem Opener „FCK YOU“ haut ihr ja direkt mal den besorgten Bürgern, den korrupten Konzernen und anderen Feinden der Zivilisation auf die Fresse – ist es eigentlich schon fünf nach Zwölf… sind wir nun endgültig „Fertig“ oder habt ihr noch Hoffnung?

Steff: Ich glaub‘, wenn da dieses kleine Fünkchen Hoffnung nicht wäre, hätte man aufgegeben. Und wozu dann noch kämpfen? Dadurch, dass noch so viele Leute Aktionen reißen (siehe aktuell z.B. #wirsindmehr oder #hambibliebt), weiß ich, das ganz viele diese Hoffnung ebenfalls in sich tragen. Und das lässt weiterhin hoffen und macht Mut.

Bulli: Ich denke, wir müssen uns gegenseitig stützen und Hoffnung geben. In manchen Punkten habe ich selbst schon gedacht, dass es sinnlos ist, noch weiter zu kämpfen. Vor allem, wenn es (herbe) Rückschläge gibt oder die Situation für mich zu aussichtlos erscheint. Aber dann sind da Menschen, die sich immer noch den Arsch für die Sache aufreißen und mir die Hoffnung zurück geben. Und manchmal ist es dann eben andersrum und ich kann Leuten helfen, weil ich für eine gewisse Sache noch mehr Kraft und Hoffnung hege als sie. Und so, denke ich, muss man sich gegenseitig oben halten.
Aktuell bin ich zum Beispiel einfach nur erstaunt und glücklich, dass so viele Menschen bei der Hambi-Demo an den Start gekommen sind. Das hätte ich niemals gedacht und es hat fürs Erste funktioniert.

 

In „Rapide Bergab“ und „Tot ist nur, wer vergessen wird“ beschäftigt ihr euch mit dem Tod – gab es in der letzten Zeit Berührungspunkte mit dem Thema, sodass ihr euch in den Songs damit näher befasst?

Steff: Ja, leider, gab es. Zwischen unserer letzten und der aktuellen Platte sind meine Eltern verstorben. Das war für mich alles nur schwer zu bewältigen, da ich echt richtig tolle Eltern hatte. Ich hab ihnen in bestimmten Phasen sicherlich auch viel Kummer bereitet, aber wir hatten immer eine sehr intensive Beziehung. Dass der Tod zum Leben dazu gehört, dessen sind wir uns ja alle irgendwie bewusst, aber da meine Mutter plötzlich und völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wurde und wenige Zeit später auch noch mein Vater, hat mich das alles ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich konnte damit absolut nicht umgehen, hab viele Gedanken einfach verdrängt und konnte oder wollte mich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Bin dann auch in so’n Loch gefallen, hatte wenig Lebensmut, kein Bock auf gar nichts und hätte mich am liebsten zu Hause eingeschlossen. Hab dann irgendwann aber angefangen das alles irgendwie aufzuarbeiten, u.a. auch mit diesen beiden Songs. Musik kann ja auch ein wenig Verarbeitungstherapie sein.


In diesem Zusammenhang, wer ist überhaupt für die Texte verantwortlich und wie viele persönliche Erlebnisse fließen in das Songwriting mit ein?

Steff: Texte schreiben können wir alle, aber auf der aktuellen Platte hab ich bis auf zwei Ausnahmen alle geschrieben. War aber nicht so geplant, sondern hat sich so ergeben und ich hatte zeitweise auch ne recht kreative Phase. Hinzu kommt, dass alle anderen noch in anderen Bands aktiv sind und da hin und wieder auch mal textlich was abliefern müssen. Ich hingeben kann mein Geschreibsel auf eine Band projizieren. Der Einfluss an persönlichen Erlebnissen die in die Songs mit einfließen, ist immer sehr hoch, aber über Dinge zu schreiben, die du selbst erlebt hast und die du in Verbindung damit wirklich denkst oder fühlst, ist irgendwie immer einfacher, als wenn du dir irgendwas aus den Fingern saugen musst.


Wie seid ihr eigentlich auf die Geschichte von „Tyke“ gekommen?

Steff: Gute Frage, die ich gar nicht mehr so genau beantworten kann, weil der Text schon einige Jahre alt ist. Ich glaub er entstand sogar noch bevor Tyke hierzulande das Aushängeschild für ein Wildtierverbot in Zirkussen wurde, aber ich weiß es leider nicht mehr ganz genau. Jedenfalls hatten wir den Song vor einigen Jahren schon mal vertont, aber mir persönlich gefiel die Umsetzung überhaupt nicht, so dass er es nicht auf Platte geschafft hat. Der Text verschwand dann irgendwo in der Schublade und fiel mir vor ein paar Monaten wieder in die Hände. Ich dachte so, “hey, krass, cooler Text und sowieso wichtiges Thema, vielleicht doch nochmal probieren“. Haben wir dann auch gemacht und diesmal fanden wir die musikalische Umsetzung alle gut.

Bulli: Den Song gab es mindestens schon vor dem „Viva Versus“-Album und ich weiß, dass wir den Song 1- bis 2-mal auf unseren geheimen Akkustikshows gespielt haben – damals noch im alten Melodiekleid. Irgendwann kam Steff mit dem Song wieder an und es hat erstmal gedauert, bis wir es alle geschafft hatten, die alte Musik, die Melodien und die Gesangsabläufe aus unseren Köpfen zu löschen. Hat aber letztendlich funktioniert und dieses Mal sind wir alle happy mit dem Song.


Apropos Vergangenheit, Glückwunsch nochmal zum 18. Geburtstag – ich hoffe ihr habt ordentlich gefeiert! Wie habt ihr euch eigentlich damals gefunden und viel wichtiger ist die Frage, wie schafft man es so lange Zeit zu bestehen – trotz aller Höhen und Tiefen, die so eine Bandkarriere ja zwangsläufig mit sich bringt?

Steff: Borsti kenne ich seitdem er 13 ist. Er hat damals, als wir uns das erste Mal über’n Weg gelaufen sind, einen ziemlich respektablen Haufen vor die Tür der Sparkasse gekotzt. Von da an waren wir uns sympathisch. Wir sind dann etwas später zusammen inne WG gezogen, aber die löste sich schnell wieder auf. Dann ging jeder für’n paar Monate seiner Wege und dann sind wir wieder Nachbarn geworden. Irgendwann meinte Borsti zu mir, dass er mit seinem Bruder und seinem neuen Mitbewohner ne Band macht. Er lud mich zur Probe ein und na ja, ich für meinen Teil konnte das Potenzial nicht erkennen, aber die Jungs brannten irgendwie für die Sache und das wiederrum hat mir schon imponiert. Da wurde mit wenigen Möglichkeiten alles rausgeholt, da wurden, wenn keine Drumsticks da waren, passende Stöcke im Wald gesammelt und dann ging das ab. Nach und nach wurde das echt ne runde Sache und irgendwann fragt mich Borsti mal, ob ich Bock hätte mit einzusteigen. Hab ich dann gemacht.
Wir haben dem Kind dann einen anderen Namen gegeben, irgendwann hat Borsti noch Kühn angeschleppt und dann hat sich’s langsam angefühlt wie ne richtige Band. Dann kam noch Ben als zweiter Gitarrist dazu, der dann aber wieder ausgestiegen ist und durch Bulli ersetzt wurde. Tja, in all der langen Zeit geht es natürlich auch nicht ohne Tiefen und ohne Streit und manchmal führen wir auch Diskussionen, die müßig sind. Das, was uns aber über all die Jahre zusammengehalten hat, war glaube ich das Herz füreinander und die Bereitschaft trotz unterschiedlicher Charaktere auch immer wieder aufeinander zuzugehen, sich Kritik einzugestehen oder nach hitzigen Diskussionen auch mal  über seinen Schatten zu springen und zu sagen “ja, scheiße, tut mir leid“. Wir haben natürlich alle unsere Fehler und Macken und sind alle vier alles andere als perfekt. Aber, dass wir viele dieser Fehler und Macken untereinander kennen, ist beim Umgang miteinander kein Nachteil.

Bulli: Kurze Besprechungsrunde im Tourbus… … … …

Es ist wohl so gewesen, dass Kühn und ich uns bei einem Konzert im JuZ Westerstede kennengelernt haben. Gerade wird noch darüber disktutiert, ob das überhaupt schon in den 2000ern war – ich glaube schon. Kühn hat damals mit Wegweiser bei besagtem Konzert gespielt und ich war Anhängsel der Band Skambulé aus Oldenburg. Das war ein richtig geiles, chaotisches Konzert – die erste Band Tapetenwechsel hat alles auseinander genommen. Schon um 21:00 Uhr haben etliche Besoffene auf der Bühne gepennt oder sind ins Schlagzeug oder die Verstärker gefallen. Man sollte nicht alleine das Konzertgelände verlassen, weil die Gefahr bestand, dass Faschos im Gebüsch hocken und die BesucherInnen abfangen und vermobben. Außerdem fällt mir gerade ein, dass ich an dem Abend mit dem Sänger von Wegweiser gesprochen habe. Als die Altersfrage aufkam und er meinte, dass er über 30 Jahre alt ist, konnte ich es nicht glauben. Ich kannte zu dem Zeitpunkt keine Person die so alt war und fand es auch irgendwie verblüffend, dass er mit den ganzen besoffenen Kids bei diesem chaotischen aber – zugegebener Maßen – ziemlich lustigen Konzert abhing. Naja, jetzt sind wir selber alle schon „etwas“ älter als 30… Hat uns zum Glück noch niemand gefragt, haha.

Borsti habe ich damals beim PunxPicnic in Vechta kennen gelernt. Dort hatte ich mit meiner alten Band Paradox gespielt. Steff damals glaube ich bei dem ersten Alarmsignal-Konzert in Hamburg. Wir hatten uns alle auf Anhieb gut verstanden und waren schon immer auf einem Nenner. Der Rest steht ja schon mehrmals irgendwo geschrieben… Ich gehe mal nicht weiter ins Detail, das würde den Rahmen sprengen. Wie lange das alles her ist…

Manchmal gibt es echt Diskusionen, aber wir sprechen anschließend eigentlich immer drüber und sind gute Freunde und keine Bandzweckgemeinschaft. Ich denke das ist sehr wichtig und ein ausschlaggebender Grund, dass das hier schon so lange gut geht. Ich könnte nicht tagelang mit Menschen im Bus sitzen auf die ich keinen Bock habe, nur um 45 min auf der Bühne zusammen Musik zu machen.


Kam nicht irgendwann auch mal der Moment, wo man sich nach dem Sinn des Ganzen gefragt hat… und dann einfach das Gefühl hatte, alles hinschmeißen zu müssen?

Steff: Ja, wenn die Pennplätze scheiße sind, wenn du morgens mit’m Schädel wach wirst, wenn du nach Konzerten nach Hause kommst und eigentlich nur noch schlafen willst, aber noch den Bandbus aus- und aufräumen musst. Das sind alles so Momente in denen du dich fragst, warum du dir den ganzen Stress überhaupt antust.

Bulli: Ja, das gibt es auf jeden Fall. Aber ich weiß auch, dass es ohne Musik nicht geht. Konzerte spielen, auf Tour gehen und das ganze drum herum – das ist wie eine Sucht. Das Gefühl können sehr viele glaube ich nicht verstehen, aber ich brauche das irgendwie. Klar, wir reißen an den ersten beiden langen WEs der Tour ca. 5000 km ab. 3 Std. schlafen, um 8:00 Uhr aufstehen, weil man los muss. Heute sitzen wir auch schon seit 5 Std. im Bus. Keine Ahnung warum – ist aber irgendwie geil!


Zurück zum aktuellen Album, mit „Massaker von Celle“ beleuchtet ihr die unrühmliche Vergangenheit eurer Heimatstadt während des NS-Regimes. Ganz so weit sind wir ja aktuell gar nicht mehr davon entfernt, dass sich Geschichte wiederholt, oder?! Was kann in Zeiten, in denen Innenminister Abschiebezahlen als Geburtstagskerzen auf der braunen Torte feiert und Verfassungsschutzpräsidenten der AfD näher zu sein scheinen als uns allen lieb ist, jetzt noch helfen?

Steff: Dass die schweigende und zurückhaltende Mehrheit endlich mal das Schweigen bricht und die Zurückhaltung aufgibt. Und das muss geschehen solange wir wirklich noch mehr sind.


Aber bevor man komplett den Kopf in den Sand steckt, geht es für euch nun erstmal auf Tour… auf welchen Gig bzw. welche Location freut ihr euch ganz besonders?

Steff: Da wir nur coole Locations haben, freue ich mich auf alle Gigs. Rein landschaftlich freue ich mich aber meisten auf Davos / Schweiz, weil das nicht nur die höchstgelegene Stadt Europas ist, sondern weil ich Berge total beeindruckend finde und es dort so viel davon gibt. Das feier ich hart!

Bulli: Ich hab natürlich auf alle Konzerte Bock, aber ich glaube jeder von uns hat so seine persönlichen Faves. Ich möchte da Köln und Frankfurt nennen, denn in beiden Läden war ich noch nicht und wollte da immer schonmal spielen. Ich bin gespannt!


Was war eigentlich euer beeindruckendster Gig überhaupt?

Steff: Auf ne gewisse Art und Weise beeindruckten mich bestimmt ¾ unsere Gigs, aber so ganz spontan fällt mir da ne Geschichte aus Oldenburg ein. Wir haben im dortigen Alhambra gespielt und an dem Abend neben uns noch 5 – 6 weitere Bands. Es gab keinen Zeitplan, so dass jede Band spielen konnte so lang sie wollte und es ging auch erst gegen 22 Uhr los. Wir sollten als letzte Band Headliner für diesen Abend sein und gegen 4 / halb 5 Uhr morgens standen wir dann irgendwann auf der Bühne. Alle total im Sack von der langen Warterei und anfangs auch wenig motiviert, da, ähm, naja, hey, 4 / halb 5 Uhr morgens, da fährt schon nicht mehr die letzte Bahn, da fährt schon wieder die erste. Da tanzt vielleicht der Electro-Freak noch, aber der Punkrocker liegt da schon irgendwo besoffen inner Ecke und pennt. Wie dem auch sei, wir stehen da auf der Bühne, spielen die ersten Töne und nach und nach wird die Hütte richtig voll. Um diese Uhrzeit! Das hat mich mega beeindruckt, dass so viele Leute so lange da geblieben sind und gewartet haben. Wie gesagt, gibt da noch mehr beeindruckende Geschichten, aber die fiel gerade als erstes ein.

Bulli: Puh, das ist schwierig. Gerade fällt mir da ein Konzert in Reutte / Österreich ein. Es fand in einer alten tiroler Burgruine auf einem Berg statt. Völliges Chaos. Fing ewig spät an, da der Veranstalter unbedingt wollte, dass die einzige der ca. 5 Bands die noch nicht da war, als erstes spielt. Es gab extrem viel Dosenbier und alle waren vom ganzen Warten ziemlich besoffen. An unser Set kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern, nur das Borsti irgendwann so besoffen war, dass er durch sein meterweites Rumgetorkel immer sein Kabel aus dem Verstärker gezogen hatte ohne es zu merken. Er hat diverse Lieder ohne Kabel im Verstärker gespielt. Irgendwann war ihm das zu blöd – er hat nichts mehr hinbekommen, ist einfach ins Publikum gestagedived und nicht mehr wieder gekommen. Hatte ihn dann noch ein paar Mal im Publikum gesehen, während wir zu dritt weiter gespielt hatten.
Später gab es noch eine Schlägerei und wir mussten bei den Eltern des Veranstalters schlafen. Die hatten aber 0 % Bock auf uns und haben uns um 7:00 Uhr morgens nach ca. 3 Std. Schlaf vor die Tür gesetzt. Da standen wir dann also um 7:00 Uhr morgens irgendwo in Tirol – den Kofferraum voller Dosenbier und alle mächtig gerädert. Sowas ist dann auch nur mit Abstand und im Nachhinein lustig. Morgens in der Situation kotzt du natürlich hart ab – da kann auch ein Kofferraum voller Dosenbier nicht helfen.

 

Zum Ende eines Interviews schmeiße ich immer gerne noch ein paar Worte in den Raum, was fällt dir denn eigentlich ein zu…

…Celle?
Steff:
Viele Touristen, viel Fachwerk, viel Polizei, Stadt in der ich geboren wurde und in der ich wohne, zu der ich aber nie einen richtigen Draht hatte und wohl auch nicht mehr haben werde.

Bulli: Fand ich früher richtig geil – große Szene, immer was los. Heute ein Drecksloch. Ein Moloch der die Abgefucktheit von mindestens drei Großstädten auf die Fläche eines Dorfes bündelt.

 

Sachen die auf ausgedehnten Touren am meisten nerven?

Steff: Schlechter Sound, schlechtes Bier, Staus, Autopannen, Nudeln ohne Sauce.

Bulli: Krank werden.


… #wirsindmehr?

Steff: Sind wir auch, nur leider nicht überall.

Bulli: Mal schauen wie lange dieser Slogan in Erinnerung bleibt. Ich hoffe lange.


… Horst und Hans-Georg?
Steff:
Ich möchte Hans-Georg Maaßen die Brille von der Nase schlagen, Horst Seehofer möcht‘ ich einmal fragen, was er sich eigentlich dabei denkt, worauf er kurz überlegt und sich – zack – eine fängt.

Bulli: #wirsindmehr

 

… DIY?
Steff:
Gute Sache, aber nicht überall wo DIY draufsteht, steckt auch DIY dahinter.

Bulli: Support your Punkscene!

 

… welche Überschrift würdest ihr gerne irgendwann auf der Titelseite der Zeitung lesen?

Steff: EIN WUNDER – Die komplette Menschheit ist zur Vernunft gekommen!

Borsti: Probleme der Welt haben sich offiziell in Luft aufgelöst.

 

Möchtet ihr unseren Lesern abschließend vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben?

Steff: Auch wenn viele es vielleicht nicht vermuten, aber “handwritten“-Leser_Innen sind die Guten!

Bulli: …und weil die Guten diesen Scheiß so lieben, ist dieser Scheiß mit Liebe handgeschrieben!

 

Vielen Dank, das war’s schon – viel Erfolg mit der Tour, vielleicht sehen wir uns ja bei einem der anstehenden Gigs?!

 

 

Passend zum Interview gibt es hier die noch ausstehenden Tourdaten:

19.10.2018 Hannover – Faust
26.10.2018 Münster – Gleis 22
27.10.2018 Göttingen – Juzi
02.11.2018 Leipzig – Conne Island
03.11.2018 Berlin – SO36

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