Verdammt, irgendwie ist die aktuelle Tour der Bay-Area-Legenden Testament letztlich so etwas wie der feuchte Traum für Thrash-Loonies. Schließlich hat man sich fürs Vorprogramm nicht irgendwelche Bands, sondern ihre alten Buddies Death Angel sowie die Kanadier Annihilator um Jeff Waters eingeladen. Zwei Bands, deren Karrieren vergleichbar lang wie die eigene ist. Kein Wunder, dass die Karten für die Konzerte weg gingen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. So war es auch an diesem doch recht lauen Novemberabend in München. Bereits als die erste Band die Bühne des Werks enterte, war das Backstage bestens gefüllt und es sollte richtig gemütlich voll werden.

 

 

Pünktlich um 19 Uhr ging es mit den Todesengeln los. Allzu viel Zeit blieb der ehemals aus mehreren Cousins bestehenden Band nicht. Lediglich 40 Minuten stand man ihr zu. Also wurde auch nicht lang gefackelt und der Fünfer stürzte sich voller Elan in die sechseinhalb Songs. Zu hören gab es vier der letzten drei Alben, dazu einen Hammer vom Comeback-Album „The Art Of Dying“ und zweimal streifte man auch kurz den Debütklassiker „The Ultra-Violence“. Der angespielte Titeltrack und „Mistress Of Pain“ waren zusammen mit dem rasanten „Thrown To The Wolves“ auch die Stimmungshöhepunkte des Sets. Wobei: Eigentlich war die Stimmung durchgehend hoch am Limit. Death Angel wurden ihrem Ruf als bärenstarke Liveband, die vor Energie fast platzt, mal wieder mehr als gerecht. Während die beiden Aktivposten und Urmitglieder, Sänger Mark Osegueda (Gesang) und Rob Cavestany (Gitarre), für die Bewegung zuständig waren, zimmerte der Rest ein ordentliches Lärmfundament. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, mit wie viel Spiellaune man seine Nummern ins Publikum schleudert. Starke Vorstellung!

Setlist Death Angel:
Father of Lies
The Dream Calls For Blood
Claws in So Deep
The Ultra-Violence / Thrown to the Wolves
Mistress of Pain
The Moth

 

Genau vor einem Jahr waren Annihilator auch auf Tour in unseren Breitengraden. Damals bewarb man das damals noch aktuelle Album „Suicide Society“, auf dem Bandboss Jeff Waters wieder die Position des Frontmanns einnahm. Jetzt hat man abermals ein neues Werk rausgehauen („For The Demented“), das man bewirbt. 50 Minuten hatte man heute Zeit, dafür Werbung zu machen. Zwei Songs daraus spielte man auch, dazu eine Nummer vom letzten Album mit Sänger Dave Padden und natürlich ein paar unverwüstliche Klassiker vom Schlage „King Of The Kill“ oder „W.T.Y.D.“.

Mittlerweile ist Jeff Waters wieder so fest in seiner neuen, alten Rolle als Sänger und Gitarrist verwachsen, als hätte er nie was anderes gemacht. Wenn er mal keinen Mikroeinsatz hat, turnt er dabei wie eh und je Grimassen ziehend wie ein Gummiball über die Bühne. Seine vier Mitmusiker möchten wahrscheinlich nicht als solche gesehen werden, doch im Endeffekt sind auch sie nur Erfüllungsgehilfen für die Musik des Chefs. Aber Rich Hinks, Fabio Allessandrini und Aaron Homma lieferten einen astreinen Job ab und hatten sichtlich Spaß an dem was sie taten. Im Endeffekt klang das verdammt stark, was an diesem Abend als Annihilator auf der Bühne stand. Aber wie gewohnt etwas lockerer als die beiden Amibands vor und nach ihnen. Eben genau das was die Truppe auszeichnet: Power, Mitgrölpotenzial und ein feines Gespür für Melodien. Stimmungshöhepunkte: die Midtemponummer „Set The World On Fire“ und das abschließende, unverwüstliche „Alison Hell“. Hat ziemlich Laune gemacht, das Ganze!

Setlist Annihilator:
One to Kill
King of the Kill
No Way Out
Set the World on Fire
Phantasmagoria
Twisted Lobotomy
W.T.Y.D.
Alison Hell

 

Zwar gestand man dem Vorprogramm vollen Sound und volles Licht zu, doch Testament machten unmissverständlich klar, wer die wahren Chefs im Ring sind. Während Death Angel und Annihilator noch etwas beengt am vorderen Bühnenrand spielen mussten, wird jetzt endlich das große, silberne Schlagzeug der Hauptband enthüllt. Dazu das farblich dazu passende Bühnenbild mit dem riesigen Backdrop und der großen Lightshow. Lang konnte man den Anblick aber nicht genießen, denn man versenkte das Ganze komplett im Bühnennebel. Keine Ahnung, woher dieser Trend kam. Aber wirklich schön ist das nicht mal für den Zauschauer. Von Fotografen ganz zu schweigen… Aber egal, schließlich geht es um die Musik und die Performance. Und dazu gibt es nur ein Wort zu sagen: F-E-T-T!

Knapp zwei Stunden dauerte das Spektakel, das nicht nur ein ordentliches Schlachtfest war, sondern dem auch eine gute Portion Rockstar-Flair innewohnte. Ausgedehnte Schlagzeug-, Bass- und Gitarrensoli findet man in diesem Genre doch eher selten. Wir sind hier ja nicht bei Van Halen. Trotzdem funktionierte das doch irgendwie, weil es eben durchgehend ganz schön auf die Mütze gab. Dabei spielten sich Testament quer durch ihren Backkatalog. Es fanden sich nicht nur zahlreiche Songs neueren Datums und die unkaputtbaren Klassiker der Frühphase im Set, sondern auch weniger Erwartbares wie der Titeltrack des unterbewerteten „Low“ oder den Midtempokracher „Electric Crown“ vom eher wenig geliebten „Metallica-Album“ „The Ritual“.

Wirklich Langeweile kam nicht auf, was vor allem an der starken Vorstellung und an der Spiellaune lag. Sogar der sonst eher reservierte Riffmeister Eric Peterson ging ordentlich aus sich heraus. Das Feld überließ er allerdings lieber seinem Kompagnon Alex Skolnick. Etwas Besseres als sein Wiedereinstieg vor einem guten Jahrzehnt hätte Testament nicht passieren können. Denn seine melodische Virtuosität fehlte den Thrashern doch irgendwie. Deswegen ließ man auch gerne seine Solospot über sich ergehen. Genau wie den von Hans-Dampf-in-allen-Gassen Steve DiGiorgio, dessen Einzelvorstellung ins Instrumental „Urotsukidôji“ überging. Was man zu ihm nebenbei anmerken darf: Toll, dass man in einer Thrashband auch mal wirklich einen Bass hören darf! Sein warmer, oft von einem Fretless-Bass kommender Sound ist wirklich äußerst angenehm und ein guter Kontra-Part zur Rhythmusmaschine Gene Hoglan. Der Typ ist eh ein Phänomen. Ein Berg vor einem Mann, der lässig über allem thront, die wildesten Drum-Kapriolen raushaut und dabei ausschaut, als würde er gemütlich Zeitung lesen. Mit solchen Musikern im Hintergrund ist es natürlich einfach den Zeremonienmeister zu spielen. Und das kostete der bestens gelaunte Sänger Chuck Billy in vollen Zügen aus. Kein Wunder, wenn einem aber auch ein derart euphorischer Applaus entgegenschallt.

Es war nämlich nicht nur laut auf der Bühne, sondern auch davor. Es wurde gebrüllt, es wurde ordentlich gemosht und die Pommesgabel als Zeichen der Zusammengehörigkeit war fast durchgehend in der Luft. „Practice What You Preach“ und „Over The Wall“ beendeten eine Thrash-Metal-Galavorstellung, wie sie sich gewaschen hat.

Mit dieser Tour haben Testament sich und ihren Fans ein tolles Geschenk gemacht!

Setlist Testament:
Brotherhood of the Snake
Rise Up
The Pale King
More Than Meets the Eye
Centuries of Suffering
Electric Crown (preceded by Alex Skolnick Solo)
Into the Pit
Low
Stronghold
Throne of Thorns
Eyes of Wrath
First Strike Is Deadly
Urotsukidôji
Souls of Black
The New Order

Practice What You Preach
Over the Wall