Ende der 90er. Gerade mitten in der Pubertät und uns ging es um Rebellion. Wir waren Kids in einem beschaulichen Kuhkackendorf, dass Grenzgebiet zwischen Sauerland und Ruhrpott war. Da gab es die Muttis, Frauen „reicher“ Männer die sich auf Dorfveranstaltungen profilierten, Schützen- und Feuerwehrfeste. Irgendwie nicht unsere Welt.

Ich hing mit meinen Klassenkameraden in der Natur rum. Entweder im Wald, wo wir uns eine Blockhütte (ja, das konnten wir) und eine Hütte auf Stelzen über einem Bach mit Sonnendeck und Falltür bauten (ja, das konnten wir auch), oder hingen an der Ruhr auf einer Kiesinsel rum. Wir haben Bücher über Survival gelesen und uns über Politik, Bonzen, Nazis, Hippies und alles andere ausgelassen. Temporär gab es auch die Planungen mit 14/15 Jahren die RAF wieder zu beleben. Man waren wir drauf. Das Bier schmeckte noch nicht wirklich, aber es war Punk. Es musste natürlich das gute Karlsquell aus dem Aldi sein. Für mehr reichte das Geld nicht. Zigaretten drehen klappte auch noch nicht so tutti.

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Irgendwann in dieser Zeit hörten wir Ton, Steine, Scherben aufgrund einiger links-geprägten Väter, deren Platten ihre Söhne in die Hände bekamen. Das war schon ganz gut, aber zu weich. Klar, wir hatten auch Metallica und Rage Against The Machine, aber das war uns zu fern.

Und dann kamen Slime! Ich weiß es noch wie heute, als mir mein Klassenkamerad Fabian die Alle gegen Alle in die Hand drückte. Gebrannt natürlich!

Fortan änderte sich alles. Man hatte Parolen, hasste das Establishment und bei genaueren hinhören steckte hinter den Parolen auch teilweise eine tiefere Botschaft. Heutzutage muss ich an einigen Stellen lachen – das kann ich heute nicht mehr ernst nehmen. Politpunk neigt schließlich oft dazu einfach nur peinlich zu sein. Aber zu der Zeit war es genau das, was ich nicht in äußern konnte.

Ich erinnere mich noch daran wie wir auf unseren Fahrrädern unterwegs zur Ruhr waren, natürlich haben wir blau gemacht. Im Kassettenrekorder lief Slimes Coverversion von „Der Kampf geht weiter“ von den Scherben. Man war das geil.

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Aber zurück zur Alle gegen Alle. Das Album war ein Schlag in die Fresse, etwas nie gehörtes oder dagewesenes. Das war nicht nur Punk, das war mehr. Das Tempo war atemberaubend, die Texte scharf und wie gesagt, zum Teil sehr tiefsinnig. Spätere VÖ’s hatten sogar Metaleinflüsse. Vermutlich auch eine der Gründe, weshalb Slime mich stark prägten.

 

 

Der erste Song, „Linke Spießer“ war ein Mittelfinger an die 68er, „Störtebecker“ der perfekte Saufsong, auch wenn wir noch nicht gesoffen haben.

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„Untergang“ war eine Hymne! Was mir beim Schreiben auffällt, wir haben nie groß zusammen die Songs gegrölt, oder gesungen. Jeder hatte die Musik für sich selbst. Dieses Gemeinschaftsgefühl das wir hatten, kam durch die Zeit die wir miteinander verbracht haben und Slime waren unser Soundtrack. Im Film singen die Darsteller den Soundtrack ja auch nicht mit.

„Zu kalt“ drosselte mal etwas das Tempo. Einer dieser Songs, der etwas tiefer geht. Keine Parolen sondern, ja, Lyrik:
„Selten habt ihr mich verstanden
Kaum verstand ich euch
Doch wenn wir in der Scheiße sitzen
So verstehen wir uns gleich“

Gegen das Establishment und dem Schönheitswahn der Gesellschaft wird in „Ihr seid schön“ gewettert. Ein Gefühl, dass ich teilweise heute sogar noch habe.

Mein absoluter Lieblingssong von Alle gegen Alle aber ist und bleibt „Religion“. Die Aktualität ändert sich einfach nicht. Aber vor allem habe ich mich in diesen Basslauf verliebt. Den würde ich auch heute noch eine Top Ten der Lieblingssongs für die Ewigkeit mit aufnehmen.

 „Ob Jesus Christus oder Mohammed, sie verhinderten nie einen Krieg“

Im Anschluss kommt das erste Cover auf dem Album (drei sind es an der Zahl). „Nazis raus“ von Beton Combo. Ich denke das spricht einfach für sich.

Die nächsten beiden Songs könnte man beinahe schon als Hits bezeichnen. „Sand im Getriebe“ und der Titelsong „Alle gegen Alle“ haben finde ich sogar einen Hauch von Pop. Sie gehen direkt ins Ohr und setzen sich, dank fantastischer Melodien, dort fest. Von „Alle gegen Alle“ gibt es übrigens eine wundertollste Coverversion von Kreators Mille, Nagel, Thees Uhlmann und Kreators Sami.

https://youtu.be/pf6ru29Yz7s

„Die Letzten“ handelt davon, dass der Jäger zum gejagten wird. Natürlich auf Politik und Gesellschaft gespiegelt. Geschichte wiederholt sich.

Das Slime nicht nur Politpunks waren, zeigen sie bei „Etikette tötet“. Sie hatten die Eier gehabt schon Anfang der 80er Themen anzusprechen, die selbst heute immer noch gerne ignoriert werden, obwohl sie längst zu unserer Gesellschaft hören. „Etikette tötet“, klingt von der Thematik her auch heute noch vertraut. Der Umgang mit psychisch Kranken hat sich auf gesellschaftlicher Ebene nicht wirklich geändert.

 „Für ihn war’s unmöglich, Kontakt zu finden
Denn wenn er weinte oder lachte
Zur falschen Zeit, wurde er verachtet
Ein Idiot, mit dem man Späße machte“

Slime haben auch gerne betont, dass die Scherben mit zu ihren größten Einflüssen gehörten. Auf Alle gegen Alle haben sie den Opener der „Keine Macht für Niemand“, „Ich will nicht werden (was mein Alter ist)“ gecovert. An dieser Stelle verbinden sich auch die beiden einflussreichsten Bands meiner jungen Jahre, durch die ich anfing mich ernsthaft mit Musik auseinanderzusetzen. Der Song, so denke ich, ist für jede Generation anzuwenden. Generationskonflikt wird es immer geben, was auch gut ist. Mit dem Gefühl dass dieser Song vermittelt konnte ich mich definitiv identifizieren und ich wäre meinem Sohn auch nicht böse, wenn er so denken würde.

Nun folgt das letzte Cover, eine Hommage an Buddy Holly und die Crickets aus dem Jahre  1957. Bei „Oh Boy“ wird aus einem klassischen Rock N Roll Song eine schmissige Punknummer. Lange vor Me First and the Gimme Gimmes.

Mit „Guter Rat ist teuer“ schließt das Album. Hier wird die Frage gestellt, wie es denn mit dem „No-Future – Scheiß“, der Militanz um jeden Preis und den wehenden roten Fahnen weitergeht. Eine gute Frage, die man sich durchaus stellen kann. Ist Punk tot? War er nur ´77 echt? Guter Rat ist, teuer, aber nötig.

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Wie gesagt, dieses Album hat mich sehr geprägt. Man hat von Häuser- und Straßenkampf geträumt, Realität waren Weiden, Einfamilienhäuser und Schule.

Man träumte von der Revolution, die aber mit dem Erwachsenwerden der Realität wich (oder weichen musste?). Wenn ich Alle gegen Alle heute höre, fühle ich mich wieder wie vierzehn. Die Songs auf Kassette überspielt und auf dem Walkman durch die Stadt ziehend oder auf dem Ghettoblaster an der Ruhr chillend angehört. Unendlich oft. (PS: Ich glaube schockiert haben wir dann doch nie)

Es erinnert mich immer wieder daran, seine Werte und Ideale für kein Geld der Welt zu verraten, aber auch dass diese Zeit in meinem Kopf und zu eben jenem Zeitpunkt schön war. Jedoch zieht man weiter, an diese Zeit festklammern bringt nichts. Vielleicht bin ich kein Anarchist mehr (war ich je einer?) und „Scheiß Bullen“ rufe ich heute auch nicht mehr. Ich bin in der echten Welt angekommen. Sie ist zwar oft ernüchternd und ein Schlag in die Fresse, aber dann höre ich mir Alle gegen Alle an, und begebe mich geistig wieder in diese Zeit, mit all den schönen Erinnerungen. Zu dieser Zeit half es mir, alle Wut zu kanalisieren, die man als missverstandener Wildpubertierender mit sich herum trägt.

Denn das bleibt und kann mir auch keiner nehmen. Denn weiter geht’s immer. Der kleine Punk in mir blieb jedoch.

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Ich habe mir übrigens nie die neuen Sachen von Slime angehört. Ich habe zuviel Angst davor, dass mir das nicht gefällt und die Band nicht mehr das für mich sein wird, was sie sind. In meinem Kopf wird es immer die Band sein, die ich niemals live sah und deren letztes Album 1994 veröffentlicht wurde.

 

 

 

Tracklist:

  1. Linke Spießer
  2. Störtebecker
  3. Untergang
  4. Zu kalt
  5. Ihr seid schön
  6. Religion
  7. Nazis raus ( Beton Combo – Cover )
  8. Sand im Getriebe
  9. Alle gegen alle
  10. Die Letzten
  11. Etikette tötet
  12. Ich will nicht werden ( Ton Steine Scherben – Cover )
  13. Tod
  14. Oh Boy ( The Crickets – Cover )
  15. Guter Rat ist teuer

 

Diskografie:

1981: Slime l

1982: Yankees raus

1983: Alle gegen Alle

1992: Viva la Muerte

1994: Schweineherbst

2012: Sich fügen heißt lügen

 

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