Im Rahmen der Handwritten-Classics-Reihe, möchte ich heute über die Band schreiben, die mich während meiner Jugendphase vermutlich geprägt hat wie keine andere: R.E.M.

Meine erste aktive Auseinandersetzung mit der Band aus Athens/Georgia fand rund um die Veröffentlichung des Albums „Reveal“ von 2001 statt. Im Radio lief aktuell die Single „Imitation Of Life“ rauf und runter und es war schwer sich dem zu entziehen. Guter Song fand ich, ohne groß weiter darüber nachzudenken, wer eigentlich hinter dieser Single steckt. Meine nächste Berührung mit der Band fand dann erst wieder im September 2003 statt. Einher ging die nähere Beschäftigung mit R.E.M. dann aber mit einem großen Ärgernis, denn gerade hatte diese unsäglich schreckliche Popstars-Casting-Band mit dem wirklich schlimmen Namen Preluders eine Coverversion von dem R.E.M.-Hit „Losing My Religion“ veröffentlicht. Ein Gutes hatte die Sache dann aber doch: Mein Ärger über diese miese Coverversion führte dazu, dass ich mir die Alben „Out Of Time“ von 1991 und „Automatic For The People“ von 1992 von meinem Vater ausgeliehen hatte. Er hat sie bis heute nicht zurück bekommen!

Nachdem ich erstmal ausgiebig „Out Of Time“ rauf und runter gehört hatte, widmete ich mich voll und ganz „Automatic For The People“. Und es hat mich einfach von der ersten bis zur letzten Sekunde mitgenommen und mich durch meine gesamte Jugendzeit begleitet.

R.E.M. schafften als kleine Collage-Indie-Band um Frontmann Michael Stipe in den 80er Jahren, mit vielen bei den Kritikern geschätzten Veröffentlichungen, wie dem Debüt-Album „Murmur“ von 1983 oder ihrer Durchbruch-Platte „Document“ von 1987, den perfekten Spagat hin zum Mainstream, ohne dabei ihre Authentizität einzubüßen. Und das mit für diese Zeit beachtlich gedrosseltem Tempo und akustischen Klängen. Waren zu Anfang der 90er Jahre ja eher die harten und ungezähmten Gitarrenwände von Grungebands wie Nirvana gefragt (Frontmann Kurt Cobain war übrigens nicht nur sehr gut mit Michael Stipe befreundet, sondern auch großer Fan der Musik von R.E.M.). Auf dem achten Studioalbum der Band regieren Mid-Tempo-Songs und die Akustikgitarre. Egal ob mit den Hitsingles „Man On The Moon“, „Everybody Hurts“ und „Nightswimming“, den minimalistisch bedrückten „Drive“ „Try Not To Breathe“ und „Sweetness Follows“ oder den folkig-anmutenden „Monty Got A Raw Deal“ und „Find The River“. „Automatic For The People“ stand im kompletten Gegensatz zum Zeitgeist der frühen 90er und wurde dennoch ein massiver Erfolg. 10 von 10 Punkten gab es vom NME, 5 von 5 Punkten vom Rolling Stone, sowie diverse Nummer-Eins-Platzierungen in den Charts, wie zum Beispiel in Großbritannien. „Das meiste auf Automatic ist musikalisch einfach unwiderstehlich“, schrieb Rolling-Stone-Rezensent Paul Evans damals. Und auch für die Kategorie „Album des Jahres“ der Grammy-Awards von 1994 wurde das Album nominiert. Wenn R.E.M. auch musikalisch eigentlich nicht den Zeitgeist der frühen 90er trafen, so hatten sie zumindest eine ähnliche Anti-Einstellung bezüglich der Promotion zum Album. Die Veröffentlichung ging nämlich ebenso wie die zum Vorgänger „Out Of Time“ nicht mit einer Tour einher, was nach dem Erfolg von Hitsingles wie „Losing My Religion“ aus Perspektive des Musikbusiness absolut wahsinnig erschien. R.E.M. waren auf dem Zenit ihres Schaffens und im Mainstream angekommen, lehnten aber alle Mechanismen der Industrie ab. Diese Eigenheit bewahrten sie sich glücklicherweise in ihrer gesamten Karriere. Eine ausgiebige Welttournee sollte erst 1994 mit dem Nachfolger „Monster“ folgen.

Auf „Automatic For The People“ bringen R.E.M. ihre komplette Karriere auf den Punkt. Es sollten zwar noch viele Hits und viele sehr gute Alben folgen. So gut wie auf „Automatic For The People“ waren sie aber nie wieder, was bei der Fülle an starken Songs auch kaum möglich gewesen wäre. Für mich gehört diese Platte in jede Musiksammlung, egal welchem Genre man sich verschrieben hat, denn sie ist eine zeitlose Schönheit für Jedermann. R.E.M. haben sich 2011 mit dem Album „Collapse Into Now“ verabschiedet und aufgelöst. Die geliehenen CD’s bekommt mein Vater trotzdem nicht zurück!

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Titel:

01. Drive

02. Try Not To Breathe

03. The Sidewinder Sleeps Tonite

04. Everybody Hurts

05. New Orleans Instrumental No.1

06. Sweetness Follows

07. Monty Got A Raw Deal

08. Ignoreland

09. Star Me Kitten

10. Man On The Moon

11. Nightswimming

12. Find The River