Ja, was soll ich sagen. Neue Platte vom Grand Hotel, deutschsprachiger Indie-Pop und von so vielen guten Menschen im Vorfeld abgefeiert – „her damit!“ war meine erste Aussage zu Fortuna Ehrenfeld.

Fortuna Ehrenfeld ist der Kölner Multiinstrumentalist und Tausendsassa Martin Bechler, der nicht nur außerordentliches kompositorisches Talent mitbringt, sondern auch einer der eindrucksvollsten deutschen Texter ist, der in letzter Zeit von sich Reden machte. Ein offizieller Pressetext bringt mich das ein oder andere Mal ja dann doch zum Stirnrunzeln, aber hier passt der einfach wie Arsch auf Eimer.

Meine Gedanken zu „Hey Sexy“ – übrigens bereits das zweite Album von Fortuna Ehrenfeld – nach dem ersten Mal hören: oh ha, was schreib ich denn dazu? Puh.. und dann höre ich weiter, Platte nochmal durch, nochmal, nochmal und ich will gar nicht mehr weg davon. Einen kleinen Anlauf brauchten die 12 Songs von „Hey Sexy“ bei mir schon, ja! Also nicht direkt wieder ausschalten, sondern die Chance geben! Das lohnt!

Wenn man sich zunächst die ersten Titel der Tracks anschaut, rechnet man zunächst mit einem ordinären Ballermann Hitensemble – naja gut, nicht vom Grand Hotel, okay, aber „Puff von Barcelona“ und „Bengalo“ klingen schon ein wenig nach Remmidemmi. Und dann biegt diese leicht rauchige Stimme sanft um die Ecke und singt:

„Und die Sterne leuchten heute so hypnotisch, ich glaub die wissen gar nicht, dass sie jemand sieht.
Die sehen so aus als wären sie da chaotisch hingebügelt, doch ich weiß genau was da die Strippen zieht.“

Die Puff von Barcelona wird dann folgendermaßen untergebracht:
„Und wenn im Puff von Barcelona heut die Wasserzähler abgelesen werden, spricht die ganze Stadt, die ganze Stadt noch tagelang davon.“ – Lächeln, weil weltklasse!

„Bengalos“, „Das letzte Kommando“ („Was ist bloß aus den Punks geworden? Alle machen Webdesign“) sind die beiden nächsten Tracks und zünden das Feuerwerk der Plattenabfeierei mal so richtig an. Dann, Track vier: „Ey, Ändy“ versteh ich einfach nicht. Keine Ahnung was der soll. Meiner Meinung nach schade, dass der den raketenmäßigen Auftakt in meinen Augen wieder ein wenig abflacht, aber irgendeine Daseinsberechtigung wird auch diesem Song zustehen. Mein Fall ist er leider nicht.

Aber: scheißegal, denn weiter geht es, wie es zuvor angefangen hat. Starke Texte, viele Keys und Synths, programmiertes Schlagzeug, Abwechslungsreichtum und Songtitel wie „Zuweitwegmädchen“, „Hundeherz“, „Glitzerschwein“, „Penn‘ könn'“. Nicht nur unglaublich starke Titel, sondern auch genauso starke Songs an sich. Wow! „Endlos weit weg“ für mich eine neue Seefahrerhymne – und die kommt aus Köln, Alter!

Jetzt hau ich euch ein paar der großartige Songzeilen mal hier rein, damit ihr auch wisst was ich meine:

„Gegen die Vernunft“:

„Wir schworen uns den Brauseeid, beim Barte des Proleten, und tackerten „ich liebe dich“ mit Morsealphabeten in die ganze große Welt. Kannste dich erinnern, wie wir zusammen starben? Bei dreckiger Beleuchtung sieht man heute noch die Narben. Verliebt bis in die Friese und über beide Ohren, im Niemansland gestorben, im Niemandsland geboren. 50 shades of toastbrot, und eine Tonne Quark, ey da muss man wirklich sagen das war richtig, richtig stark. Kannst du dich erinnern, wie wir uns damals küssten? Erst gegen die Vernunft und dann gegen die Faschisten! Und dann raus in diese Welt.“

„Hundeherz“:

„In ein paar wenigen Minuten, an diesen ganz besonderen Tagen, ist die Welt gar nicht so scheiße, wie die alle immer sagen.“

„Penn‘ könn‘:

„Viel zu müde, aber nicht penn‘ könn. Bisschen aggro, aber nicht flenn‘ könn. Schalalalalalalala.“

Fazit:
Supersaumegastarker deutschsprachiger Indiepop. Textlich ist das in meinen Augen Champions League, weil gut, durchgeknallt, lyrisch und witzig. Manchmal fragt man sich kurz „hat er das jetzt echt gebracht?“, realisiert und schmunzelt aufgrund selbiger Zeile und freut sich des Lebens eine solche Platte hören zu dürfen. Fortuna Ehrenfeld ist mit „Hey Sexy“ ganz weit hoch hineingeschossen in die deutschsprachige Indie-Pop Schiene, was einfach an den so abwechslungsreichen, wenn auch simplen musikalischen Facetten, aber noch mehr an der anspruchsvollen, ansprechenden Lyrik von Martin Bechler liegt. Danke für diese Platte, Fortuna Ehrenfeld!

Anspieltipps: Puff von Barcelona, Bengalo, das letzte Kommando, Zuweitwegmädchen, Gegen die Vernunft, Hundeherz, Penn‘ könn‘, Endlos weit weg.

Tracklist:

01. Der Puff von Barcelona
02. Bengalo
03. Das letzte Kommando
04. Ey Ändi!
05. Zuweitwegmädchen
06. Nach Diktat verreist
07. Gegen die Vernunft
08. Hundeherz
09. Glitzerschwein
10. Penn’ könn’
11. Endlos weit weg
12. Irgendwann der Sommer
Fortuna Ehrenfeld – Live 2017
18.08. Hamburg, 15 Jahre Grand Hotel van Cleef – Fest van Cleef
26.08. Osnabrück, Kulturnacht
06.09. Stuttgart, Goldmarks
07.09. Köln, Artheater
08.09. Bremen, Tower
09.09. Essen, Zeche Carl
12.09. Hamburg, Theaterschiff
14.09. Berlin, Bi Nuu Café
28.09. A-Wien, Waves Vienna (solo)
13.10. Haldern, Pop Bar

Beitragsfoto: Michael Haegele

Fortuna Ehrenfeld - Hey Sexy (Grand Hotel van Cleef, 18.08.2017)
5.0Gesamtwertung