In Zeiten der Corona-Pandemie, wo es diesen Sommer zum ersten Mal seit gefühlt 100 Jahren nicht möglich ist ein Festival zu besuchen, beginnt man irgendwann in der eigenen Festival-Vergangenheit zu kramen und so ist mir natürlich das Event ins Gedächtnis gekommen, welches auf der einen Seite mein allererstes Festival überhaupt gewesen ist… und sich zweitens dieses Pfingsten zum 25. Mal jährt.

Zum bereits 10. Mal fand nämlich damals vom 02. bis zum 04.06.1995 das legendäre Dynamo Open Air in der Nähe von Eindhoven (besser gesagt auf dem am Stadtrand liegenden Airport) statt, über welches alle Beteiligten garantiert bis heute immer wieder ins Schwärmen geraten.

Wer damals nicht dabei gewesen ist hat auf jeden Fall drei abgedrehte Tage voller abgefahrener Musik, wenig Schlaf, viel Alkohol, einer Menge bewusstseinsverschiebender Substanzen und noch so einigem mehr verpasst!

Böse Zungen behaupten aber auf der andere Seite, wer damals dabei war und sich noch erinnern kann, der hat nicht richtig Gas gegeben oder nur Milch getrunken – hier lege ich definitiv ein Veto ein… selten ist meine Erinnerung in nicht ganz „klarem“ Zustand besser gewesen und bis heute so gut erhalten!

Daher möchte ich euch an meinen Erlebnissen teilhaben lassen und gemeinsam mit euch in die Vergangenheit zurück gehen… damals, als es im Sommer noch Festivals gab und Corona nicht einmal als Biermarke verbreitet war.

Herzlich Willkommen bei „Festival History… das DYNAMO OPEN AIR 1995„!

 

Eher zufällig ging ich damals an unserem Ticket-Shop in der Stadt vorbei und sah dort das Plakat eines bald stattfindenden (ich glaube es sollte bereits ein paar Tage später so weit sein) Festivals in der Nähe von Eindhoven. Da ich damals irgendwo in meinem Studium rumdümpelte und an Pfingsten eh nichts anderes vor hatte, war ich ziemlich schnell davon überzeugt, dort hin zu müssen… hatte ich doch erst kurz davor Bands wie Life Of Agony, Type O Negative und Paradise Lost für mich entdeckt, die zufälligerweise auch auf dem Dynamo Open Air spielen sollten.

So weit, so gut… der Eintrittspreis war mit entspannten 30 Gulden auch mehr als akzeptabel – aber wie sollte man nur hinkommen, hatte ich doch gerade mal wieder keinen fahrbaren Untersatz und brauchte meine damalige Freundin ihren Wagen doch tatsächlich für so nebensächliche Sachen wie zum Beispiel das Arbeiten.

Doch wie der Zufall es so wollte, hatte sich bei einem sehr guten Freund gerade die Beziehung unfreiwillig aufgelöst und so konnte ich ihn relativ schnell davon überzeugen, dass wir bei ein paar Tassen Kräuterlikör und dem einen oder anderen warmen Bier (Festival-Supermärkte mit gekühlten Getränken sollten ja erst Jahrzehnte später das Licht der Welt erblicken) einfach mal die geschlagene Seele baumeln lassen und uns dabei eine ordentliche Rutsche Metal und Punkrock gönnen sollten.

Mit den Tickets, einem randvollen Kofferraum mit wichtigen Grundnahrungsmitteln, wie besagtem Kräuter (der mit dem Geweih), mehreren Paletten Karlsquell (wer kennt es nicht?!) und der einen oder anderen kulinarischen Leckerei (Ravioli, Toast… das Übliche halt), ging es dann am frühen Donnerstagnachmittag los… um direkt nach 45 Minuten Fahrt hinter der Grenze in Venlo für die letzten „Einkäufe“ zu halten. Die erste Kuriosität begann damit, dass ich bereits dort gefühlt die Hälfte meines damaligen Freundeskreises (zufällig) in der Fussgängerzone traf und man überrascht darüber sprach, dass man zum Dynamo Open Air fahren würde – aber gegenseitig vorab nichts davon mitbekommen hatte.

Da sich die Stadt komischerweise innerhalb kürzester Zeit immer mehr mit schwarz gekleideten langhaarigen Metalern, Punks, Freaks, Gothics und anderem frivolem Fußvolk füllte, machten wir uns dann aber nach einem Dynamo-Wochenende-Eröffnungs-Pils direkt auf den Weg nach Eindhoven… um dann aber gut 10 km vor der Autobahnausfahrt jäh gestoppt zu werden.

Was war geschehen – ein Unfall, eine Megabaustelle? Nein, einfach nur der Festival-Besucher-Stau, der sich von nun an für die kommenden drei Stunden durch die niederländische Einöde zog – begleitet von allerlei schräger Typen, die bereits auf der Autobahn begannen, ihre „grünen Spezialitäten“ in den verschiedensten Darreichungsformen an die Frau und/oder den Mann zu bringen. Ganz in Woodstock-Manier waren hier übrigens auf der Autobahn bzw. dem einzigen Zufahrweg schon gefühlt 100.000 Besucher gleichzeitig unterwegs – später sollte die offizielle Festival-Besucherzahl mit gut 120.000 festgelegt werden, ich persönlich habe aber das Gefühl, dass es auch gut nochmal die Hälfte mehr gewesen sein könnten/müssten.

Nach unendlichen drei bis vier Stunden, während derer uns immer wieder alte Bekannte aus der Heimatstadt über den Weg bzw. vor den Wagen liefen (wie gesagt, damals gab es noch kein Handy, Facebook oder Co., wo man sich vorab hätte verabreden können – niemals danach habe ich je wieder so zielsicher Leute getroffen, erst recht nicht, wenn man sich vorher extra irgendwo verabredet hatte) und mit denen man natürlich aus reiner Euphorie und Willkommensfreude direkt einmal anstoßen musste, standen wir nun endlich mit leichtem „Glimmer“ auf dem zugewiesenen Platz, der in den folgenden 3 1/2 Tagen unser Zelt beherbergen sollte. Phantastisch auch, dass man damals noch seinen Wagen direkt neben dem Zelt hat abstellen dürfen (ist bei den guten Festivals noch heute Usus, mein Freund  😉  – Anm. MK), so konnte man die wertvollen Schätze flüssigen (und zu dem Zeitpunkt bereits ca. 30° C warmen) Goldes gepflegt neben sich deponieren und musste nicht mit unmengen an Ballast über das weiträumige Festival-Gelände tapern.

Was dann in den drei darauf folgenden Tagen passieren sollte, hat sich für immer in mein Gedächtnis eingegraben und lässt sich grob mit „extrem“ und „Wahnsinn“, aber auch als „bedrückend“ und teilweise „ungesund“ bezeichnen.

Angefangen beim Wetter, dass doch stellenweise grenzwertig war… schüttete es doch zum Beispiel bei den Gigs von Life Of Agony und Type O Negative aus Kübeln, was der Stimmung aber keineswegs schadete und bei zweitgenannter Band 100-prozentig zum düsteren und bedrohlichen Auftritt von Pete Steele und seinen Jungs passte.

Wie die einzelnen Gigs damals waren und wer an welchem Tag gespielt hat, kann ich gar nicht mal mehr so genau sagen… besonders positiv in Erinnerung geblieben sind mir auf jeden Fall auch die Auftritte von Machine Head, Dog Eat Dog und Paradise Lost. Aber auch Biohazard (mit dessen Sänger und Gitarrist Billy Graziadei ich damals dank meiner frisch blondierten Haare von zwei trinkfesten Gesellen verwechselt wurde – besser gesagt fragten sie mich ob ich besagter Billy sei, worauf ich mit einem spontanen „Natürlich!“ antwortete und das Ganze dann bei einem genüsslichen Bier und Zustimmung der beiden entspannt endete) hatten einen echt guten Tag. Neben downset. und Fear Factory kann ich mich aber auch noch sehr gut an die Jungs von Madball erinnern – ach ja, nicht zu vergessen der gute Max Cavalera und seiner Combo Nailbomb, welcher er erst ein Jahr vorher gegründet hatte. Und dann wären da noch Tiamat, Nevermore und No Fun At All – insgesamt alles Bands, die ich zum ersten Mal (aber in einigen Fällen definitiv nicht zum letzten Mal) live sehen durfte und durch welche sich meine gerade erst entdeckte Vorliebe für den Metal für immer festigen sollte.

Aber was mir vor allen Dingen in Erinnerung geblieben ist und mich somit in den Jahren darauf zu einem leidenschaftlichen Festival-Gänger hat werden lassen, ist das ganze Drumherum und die phantastische Athmosphäre dieser drei Tage. Alleine die Tatsache, dass alles so entspannt und gefühlt völlig gewaltfrei vonstatten ging – ich meine, wenn über 100.000 metalbegeisterte und feierfreudige Rocker und Punks auf einem Haufen zusammen kommen, dann kann man ja nicht von vornherein davon ausgehen, oder?!

Aber so eine friedliche und komplett gelassene Stimmung habe ich seitdem auf keinem der darauf folgenden Festivals mehr erleben dürfen – und auch beim Thema Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft können sich so manche Veranstaltungen gerne die eine oder andere Scheibe von abschneiden.

Diverse Lagerfeuer und unzählige ausgedehnte Grillgelage in den durchzechten Nächten sollten die Tage abrunden und würden den Machern der heutigen Sicherheitskonzepte eines durchschnittlichen Festivals den Schweiß in Bächen von der Stirn laufen lassen. Aber beim Dynamo Open Air 1995 gab es gefühlt einfach niemanden, der sich daran störte bzw. hatten die Organisatoren ja grundsätzlich nicht mit einem solchen Andrang gerechnet und waren daher wahrscheinlich komplett überfordert mit dem, was dort vor sich ging.

Nicht anders zu erklären war es, dass bereits in der ersten Nacht sämliche Müllcontainer mit Zeltstangen, Heringen und anderem Trommel-Werkzeug bearbeitet wurden und sich das Gelände in eine riesige Percussion-Area verwandelte, wo man stundenlang das Gewummer und Trommeln hören konnte und am nächsten Tag an völlig verbeulten Containern vorbei ging. Oder auch die Dixie-Toiletten, deren Anzahl und Leerung den Anforderungen bei weitem nicht gewachsen waren, sodass bereits nach einem Tag alles „dicht“ war und einige von diesen „Stinkbomben“ daraufhin auf den Rücken gelegt wurden. Spätestens als sich dann tausende Besucher (und ich) auf den Weg in die Eindhovener Innenstadt machten, um dort bei einer weltbekannten Burger-Braterei den „heiligen Pott“ zu besuchen und man dann nach drei Stunden Wartezeit immer noch nicht annähernd an die „Heiligen Hallen“ (die zu dem Zeitpunkt bereits wie das dreckigste Scheißhaus Schottlands aus dem „Trainspotting“ Film ausgesehen haben müssen) heran gekommen war, ging es dann mit einigen Bieren mehr intus wieder zurück zum Gelände. Hier kurz eine Info am Rande: man schafft es definitiv vier Tage ohne „Großes Geschäft“ auf Festivals – es ist aber niemandem zu raten, denn was danach passiert, musste ich am eigenen Leib erfahren… meine Therapeutin riet mir jedoch die traumatisierenden Details für mich zu behalten.

Nach fast vier Tagen Dauerparty mit unzähligen hopfenhaltigen Getränken, schlaflosen Nächten, gefühlt 1000 Stunden Live-Gigs und extrem vielen wunderbaren Gesprächen mit noch viel wunderbareren Menschen ging dann aber leider das Dynamo Open Air 1995, und damit das allererste Festival meiner Karriere, am Montagvormittag zu Ende – denn da machten wir uns auf den Weg durch eine zurückgelassene Landschaft, die eher an eine Apokalypse, als an die letzten Tage voller Spiel, Spaß und Spannung erinnerte. Bis zum Horizont loderten überall die Flammen von angezündeten Zelten, überall stapelten sich dich Müllberge… und inmitten dieser unwirklichen Athmosphäre suchten einzelne Gestrandete nach dem einen oder anderen kühlen bzw. trinkbarem Nass – absoluter Wahnsinn!

Ich schätze mal, dass genau das der Grund dafür war, warum die Besucherzahlen bereits im Folgejahr von den Behörden eingeschränkt bzw. auf die Hälfte reduziert wurden und es dann Jahr für Jahr immer schwieriger wurde, sodass die Festivalreihe 2005 letztmalig stattfand und erst zehn Jahre später wieder unter dem Namen Dynamo Metal Fest als eintägige Veranstaltung in Eindhoven ins Leben gerufen wurde.

Da aber auch dieses Festival der Corona-Krise zum Opfer fällt, müssen wir halt bis 2021 in schrägen Erinnerungen schwelgen!

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist selber über die ersten Festival-Erfahrungen zu berichten, oder aber andere Anekdoten aus seinem/ihrem reichhaltigen Festival-Fundus zu erzählen hat, der möge sich gerne bei uns melden… vielleicht kriegen wir ja so eine kleine „Festival History“-Reihe zusammen?!

Meldet euch… und vor allen Dingen bleibt gesund!

Wir werden uns alle wieder sehen… spätestens bei einem der kommenden Festivals 2021, für welche ja schon einige Bands ihre Zusage aus diesem Jahr erneut bestätigt haben.