Ich glaube über wenige Veröffentlichungen wurde unter Redakteuren von Online- und Printmedien in den letzten Wochen soviel gesprochen wie über das neue Album von FJØRT. Die Meister der wütenden Emotionen haben mit ihrer Hotelsession den wohl besten Promotreffer der letzten Zeit gelandet. Eine Art Kurzfilm mit drei Songs in einer Location die so großartig zum Sound der Band passt. Zeitgleich drei neue Songs live für die Fans am Smartphone und PC zu präsentieren, ist eine Idee, die hoffentlich Jemandem vom Label oder der Band eine Menge Bier als Dank eingebracht hat. Großes Kino!

Anschließend noch zwei großartige Videos und die Vorfreude ist kaum zu Bremsen. Vor allem bei den jetzt schon bekannten Songs treibt es jedem Freund von brachialem Posthardcore die Freudentränen in die Augen.

 

 

Posthardcore ist als Beschreibung von Bands mittlerweile zum Pickel am Arsch geworden. Lese ich diese Bezeichnung doch mittlerweile bei Pop-Punk bis Metalcore und meine Begeisterung beim Öffnen von Promomails ist verflogen. Nicht so bei FJØRT. Seit den ersten Platten bietet diese Band den Soundtrack für einen Spaziergang durch den Orkan und die Sturmflut an der Nordsee, aber auf der anderen Seite auch für den Nachmittag mit Kopfhörern auf dem heimischen Sofa. Das macht die Mischung aus großartigen Texten und dem großen Sound der soviel Weite ausstrahlt.

 

Ich hab 1933 Gründe schwarz zu sehen

 

Die Positionierung einer Band wie FJØRT dürfte klar sein, aber selten hören wir Texte, die so großartig und ohne platte Phrasen ins schwarze treffen. In „Raison“ wird eine ganze Generation besorgter Bürger niedergemetzelt, ohne dabei auch nur einmal auf typische Klischees zurückzufallen oder auch nur eine Formulierung zu nutzen, die nicht unzählige Leute aus dem Punk-Hardcorebereich in den letzten Monaten bereits ausgereitzt haben. Ein Thema das jeden beschäftigen sollte, bei dem sich jeder positionieren und engagieren sollte und mit den Songs dieser Band sehe ich den Rauch schon am Horizont aufsteigen. Also echt.

Auch auf ihren anderen Alben waren FJØRT nie die großen Freunde von Chilloutmucke, aber auf „Colour“ wird man noch eine Spur wütender. Kontrolliert wütend, weil man z.B. bei „Bastion“ wieder geschmeidig wird und teilweise in einen glasklaren Sprechgesang verfällt. Und Songs wie „Magnifique“ sind soviel mehr als das übliche „Laut-Leise“-Posthardcoregedöns, sondern brennen sich messerscharf mit einer Stimmung in das Hirn, wie es bei mir bisher nur FJØRT geschafft haben. Ich stehe auch im Postrock auf die großen, weiten Flächen und mit „Couleur“ haben wir die stürmische Version davon.

Im direkten Vergleich zum Vorgänger „Kontakt“ ist „Couleur“ noch ausgereifter geworden. Kaum denkbar für Freunde der Band, haben sie es geschafft sich nochmal um einiges zu steigern. Keine Spur von zugänglicherem Sound zum Zwecke der Selbstvermarktung, obwohl sie es mittlerweile könnten. Keine Spur von Stillstand. Keine Spur von Anpassung. FJØRT setzen sich selbst hier wieder eine höhere Hürde und das Niveau für eine Szene krass hoch. Das hier, liebe Freunde der schönlauten Musik, ist ein Meisterwerk!

 

 

  1. Südwärts
  2. Couleur
  3. Eden
  4. Mitnichten
  5. Raison
  6. Windschief
  7. Fingerbreit
  8. Magnifique
  9. Bastion
  10. Zutage
  11. Karat

 

http://fjort.de/

 

(Bandfoto: Andreas Horni Hornoff )

FJØRT - Couleur (Grand Hotel Van Cleef, 17.11.2017)
5.0Gesamtwertung