Descendents? Die gibt es noch? Die machen immer noch was? Können die das überhaupt noch? Berechtigte Frage für den einen oder anderen in die Jahre gekommenen Punkfan, der irgendwann bei der schieren Masse an immer neuen Subgenres und Bands irgendwann das Interesse verloren hat. Wer rastet der rostet bekanntlich. Ein Grund, bei der Stange zu bleiben: Denn, ja, die Descendents gibt es noch immer. Nach gut 38 Jahren Bandgeschichte mittlerweile gut in die Jahre gekommen, besonders Karl Alvarez sieht man diese Jahre an, besitzen die vier älteren Herren aus Hermosa Beach doch immer noch eine Menge Energie.

Der am Ball gebliebene Punkliebhaber weiß aber auch: Die Jungs waren nie wirklich inaktiv, auch wenn die Veteranen seit 1988 nur noch alle Jubeljahre Alben veröffentlichen. Aber Gut Ding will nun mal Weile haben. Auf den Meilenstein „Everything Sucks“ mussten Fans schließlich auch 8 Jahre warten. Denn die Kalifornier rund um Bandchef Bill Stevenson waren auch sonst immer gut beschäftigt. Wenn Sänger Milo Aukerman nicht an Bord war, machte der Rest mit anderen Sängern als ALL weiter, die Band, dessen einziges Verbrechen es immer war, nicht die Descendents zu sein. Gitarrist Stephen Egerton und Bassist Karl Alvarez verfolgen seit längerer Zeit auch eigene Soloprojekte, Egerton und Stevenson spielen in einer der beiden Black Flag-Renditionen Flag und Stevenson hat erst vergangenes Jahr das dritte Album der Punk-Supergroup Only Crime vorgelegt. Raus aus dem Geschäft sieht anders aus.

Nun aber zu „Hypercaffium Spazzium“. Als bekennender Fan gebe ich zu: Wenn nach so langer Zeit wieder ein Album der Helden aus der alten Zeit erscheint, habe ich Angst. Dass es einfach nicht gut ist, dem Erbe nicht gerecht wird, mir nicht gefällt oder ich meine Begeisterung für die Musik verloren habe und ein paar dicke Krokodilstränen verdrücken muss. Vorweg: All das ist zum Glück nicht eingetroffen.

Das Songwriting allgemein verteilt sich nach wie vor auf alle vier Mitglieder, was für angenehme Abwechslung auf den immerhin ganzen 16 Titeln des Albums sorgt. Im Grunde genommen machen die Descendents das, was sie schon immer gemacht haben. „Hypercaffium Spazzium“ hätte von einem musikalischen Standpunkt aus auch in den 80ern oder 90ern erscheinen können. Damit erfüllt das Quartett wohl den Wunsch aller Fans, die sie für genau den eigensinnigen, typischen Descendents-Stil lieben. Keine Überproduktion obwohl teilweise sehr poppig, der Verzicht auf große Schnörkeleien und der Verzicht auf eine Ausarbeitung mehrerer Gitarrenstimmen. Ganz dem Hardcore-Ethos entnommen, mit wenig Mitteln viel zu erreichen. Wirkungsvoll sein und dabei schlicht und ehrlich bleiben. Egertons, für Punk und Hardcore recht progressive und unübliche Nutzung des gesamten Griffbretts und voll dargestellter Akkorde, Alvarez‘ quirlige, mit den Fingern gespielten Bassläufe, die gekonnt um die Harmoniestrukturen der Gitarre herumtänzeln und ein Flottieren zwischen allgemeiner Hektik und Midtempo-Melodiösität. Und dann ist da natürlich die unverkennbare Stimme von Milo, die den gewohnten Spagat von Aggressivität und ungehemmter Melodie auch auf dieser Platte in Perfektion vollführt. Alles, was diese Band ausmacht, ist auch hier wieder an Bord.

Die Descendents haben kein Stück von dem was sie definiert und wofür sie seit Jahrzehnten geliebt werden verlernt. Musikalisch immer noch genau so jung, energetisch und frisch wie in den 80ern, von Seiten des Songwritings teilweise noch reifer geworden und was die Texte angeht zuweilen sehr erwachsen. Wenn Professor Doktor Milo Aukerman in „Limiter“ über die simple Message einer Drugfree-Youth hinausgeht und mit den Worten „These days, everybody’s found another way, just give ‚em a pill and send ‚em on their way“ eine gnadenlose Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts negiert, wird deutlich, dass neben dem Fun-Factor, der schließlich auch einen großen Teil der Descendents ausmacht, zeitgenössische Gesellschaftskritik eines Akademikers einen Platz findet. Die aufmunternde Hymne „Smile“ wiederum reiht sich in die hoffnungsvollsten und ohrwurmigsten Songs, die das Quartett je hervorgebracht hat. Gleichwohl endet die Platte mit „Beyond The Music“ ungewöhnlich versöhnlich und erweckt den Eindruck, dass die einstigen Außenseiter und Nerds so langsam ihren Frieden mit der Welt gemacht haben und ihre Weirdo-Natur mittlerweile mit Stolz ausleben. Weil „Beyond The Music“ seit Jahrzehnten eine Freundschaft steht, die stärker als der ganze Mist da draußen zu sein scheint. Das ist gut so.

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01. Feel This
02. Victim Of Me
03. On Paper
04. Shameless Halo
05. No Fat Burger
06. Testosterone
07. Without Love
08. We Got Defeat
09. Smile
10. Limiter
11. Fighting Myself
12. Spineless And Scarlett Red
13. Human Being
14. Full Circle
15. Comeback Kid
16. Beyond The Music

Descendents - Hypercaffium Spazzinate (Epitaph, 29.07.2016)
5.0Gesamtwertung