Die Bostoner Hardcoreszene ist seit den 1980er-Jahren berühmt und berüchtigt. Eine der erfolgreichsten Bands dieser Szene aus den vergangenen 10 Jahren sind sicherlich Defeater. Gestartet auf dem kleinen Indie/Emo-Label Topshelf Records, über einige Alben auf dem Bostoner Traditionslabel Bridge Nine Records, ist die Truppe um Derek Archambault mittlerweile auf Epitaph, einem der bedeutendsten Punklabels überhaupt, angekommen. Voriges Jahr trennte sich die Band überraschend von Gitarrist und Produzent Jay Maas und besteht derzeit nur noch aus 4 Mitgliedern. Wir haben uns mit Sänger Derek und Bassist Mike Poulin im Hafenklang zu Hamburg getroffen, um über die turbulente Geschichte der Band, Genreübertretungen und die Punkhelden der Bostoner Hardcoreformation zu sprechen.

Björn:
Hey ihr zwei, danke, dass ihr euch die Zeit für uns nehmt. Hattet ihr eine gute Fahrt hierher, wie ist die Stimmung bei euch?

Derek:
Na klar, gern. Die Stimmung ist gut, heute ist der letzte Stopp der Tour. Das ist immer bittersüß. Aber uns geht es allen gut.

Mike:
Es war eine sehr gute Tour. Am Ende freut sich natürlich jeder darauf, wieder nach Hause zu kommen. Auf der anderen Seite weißt du aber auch nicht, wann du nochmal diese Kombination an Menschen auf einer Tour zusammenbekommst.

Björn:
Ihr macht diese Band jetzt schon einige Zeit. Was für eine Kombination von Charakteren seid ihr und wie haltet ihr den Laden am Laufen?

Derek:
Wir sind alles sehr unterschiedliche Menschen, konnten aber durch unser gemeinsames Interesse an der Musik und gleiche politische, wie ethische Ideale immer Überschneidungen finden.

Mike:
Jeder von uns ist anders, aber es finden sich immer wieder Gemeinsamkeiten, auf denen wir aufbauen können. Dadurch funktioniert es. Und das ist ja auch ein Prozess, der niemals endet. Denn Menschen verändern sich nun mal und nichts bleibt für immer. Wenn du gemeinsam Musik machst, musst du dich auch immer wieder auf Veränderungen im Leben aller Beteiligten einstellen.

Derek:
Leute werden erwachsen, andere wieder zu Kindern. Wir vier sind mittlerweile wie Geschwister. Nachdem wir die Lasten der Vergangenheit über Bord geworfen haben, herrscht zwischen uns vieren so eine positive Energie, das ist schwierig zu beschreiben.

Björn:
Ihr habt ja von Anfang an ein Konzept und eine Geschichte verfolgt. Was hat euch ursprünglich dazu inspiriert, und hat sich diese Inspiration vielleicht über die Jahre geändert?

Derek:
Nein, es hat sich eigentlich nichts geändert über die Jahre. Wir haben uns damals entschieden, als Hardcore-Band etwas anders zu machen. Vielleicht hat uns das zu einem guten Start verholfen. Aber mittlerweile ist das einfach unser Konzept. Und dieses Konzept und die damit verbundene Geschichte, das sind wir. Für mich hatte das den Vorteil, dass es sehr viel Spaß macht, Texte so zu schreiben. Wir sind auch aus dem simplen Grund immer bei diesem Konzept geblieben, weil wir es nach wie vor mögen.

Björn:
Ich nehme mal an, dass ihr, wo ihr selbst schon so lange ein Konzept verfolgt, selbst auch Fans von Konzeptalben seid?

Derek:
Nein, nicht wirklich. Die einzige Band, die mir spontan einfällt, die ich gerne mag und die auch Konzeptalben veröffentlicht wäre Cursive. Abgesehen davon kenne ich kaum welche und mir ist es auch nicht wichtig.

Mike:
Zu Anfang war es bei uns so: Derek kam mit dieser Idee an und wir meinten, klar, warum sollten wir das nicht mal ausprobieren. Aber zu dem Zeitpunkt hätte niemand von uns daran gedacht, dass daraus mal ein Album entstehen würde, was auf eine positive Resonanz oder eine Fanbase trifft. Wir wollten es einfach mal nur versuchen.

Derek:
Es hat einfach nur Spaß gemacht, all diese Charaktere zu entwerfen. Aber wie Mike schon sagte, wir hätten nicht damit gerechnet, dass das mal zu irgendwas führt und es Leuten tatsächlich gefällt. Wir haben einfach nur Glück gehabt.

Björn:
Wenn wir über den Sound auf euren letzten beiden Alben sprechen: Ihr seid eine Hardcore-Band, die auf vielen Stücken auch immer wieder mit Klangflächen und Atmosphäre spielt. Dann seid ihr mit einer Postrockband wie Caspian auf Tour gewesen. Seid ihr abseits davon miteinander befreundet? Denn ihr kommt aus der gleichen Gegend, richtig?

Derek:
Klar, Caspian kommen aus Haversham, wo auch Jake (Gitarre) lebt. Wir sind schon lange befreundet und mögen die Jungs und ihre Musik gern.

Björn:
Sind Begegnungen mit diesen Bands von Bedeutung für euren eigenen Sound, habt ihr außerhalb der Hardcore-Szene musikalische Einflüsse?

Mike:
Ob jetzt eine Tour mit ihnen viel an unserem Sound geändert hat weiß ich nicht so recht, aber wir haben alle auch schon Musik in diese Richtung gehört, lange bevor wir Defeater gegründet haben.

Derek:
Ich habe schon 2002 mal in einer Instrumentalband gespielt. Unsere Beziehung mit diesen Sounds geht weit zurück vor die Defeater-Zeit. Besonders Joe (Schlagzeug) und Jake werden gern mal abgespaced. Die beiden haben noch eine Band zusammen, die wesentlich atmosphärischer ist als wir.

Mike:
Es ist tatsächlich ein ganz genereller Ansatz von uns. Ich kenne eine Menge Hardcore-Bands, die massenweise harte Riffs geschrieben haben, aber privat trotzdem nie nur ausschließlich Hardcore hören. Man schaut sich immer in anderen Genres um und lässt sich auch mal von etwas anderem inspirieren. Defeater als Ganzes ist das Produkt von viel unterschiedlicher Musik, die wir alle hören.

Derek:
Und das passiert nie bewusst. Wir spielen einfach und dabei kommen diese ganzen Inspirationen dann zusammen.

Björn:
Wie hat es euch auf Epitaph verschlagen?

Derek:
Das war auch wieder einer dieser glücklichen Zufälle. Unser Vertrag mit Bridge Nine war ausgelaufen und kurz nachdem wir „Letters Home“ veröffentlicht haben, hat sich Epitaph bei uns gemeldet. Wir haben das Team und Brett kennen gelernt und irgendwann haben sie uns ein Angebot gemacht. Da konnten wir einfach nicht nein sagen. Unsere 13-jährigen Ichs waren total aufgeregt, genauso wie unsere erwachsenen Ichs auch.

Mike:
Ich kanns manchmal immer noch nicht fassen.

Björn:
Das ginge vermutlich vielen Bands aus einem Punk/HC-Hintergrund so, mit so einem Angebot.

Mike:
Wir haben das nie als Business-Move angesehen, jetzt auf Epitaph zu sein. Wir konnten einfach nicht nein sagen. Ich kann auch nicht verstehen, warum Freunde von uns in anderen Bands darüber herziehen, dass Epitaph Bands wie Falling In Reverse herausgebracht haben. Na und, die haben aber auch Bands wie Rancid rausgebracht.

Björn:
Und wenn wir doch mal über Geschäftliches reden: Ich würde mal behaupten, dass die Veröffentlichung von Bands à la Falling In Reverse wiederum die Veröffentlichung einer neuen Converge-Platte ermöglicht hat. In einem rein ökonomischen Sinne.

Derek:
Verflucht ja, da kannst du aber drauf wetten, dass das so ist. Und ganz ehrlich: Wenn die mal ne Band rausbringen, die ich persönlich scheiße finde, dann kann mir das doch reichlich egal sein. Das ist deren Geschäftsentscheidung. Ich höre mir das dann nicht an und fertig.

Björn:
Also habt ihr schon eine lange Historie als Fans von Epitaph-Bands, sagen wir mal aus den Hochjahren des Melodypunks in den 90ern?

Derek:
Auf jeden Fall. Mike und ich haben einige schlechte, alte Tattoos, die das dokumentieren können.

Mike:
Ich würde mich selbst als Fan von vielen verschiedenen Musikrichtungen bezeichnen. Aber Punkmusik, wie viele Bands auf Epitaph sie in den 90ern gespielt haben, wird immer etwas Besonderes für mich bleiben.

Björn:
Könntet ihr eine kleine Liste an 90er-Epitaph-Bands aufstellen, die zu euren Favoriten gehören?

Derek:
(Wie aus der Pistole geschossen) Descendents – Everything Sucks, Bouncing Souls – Self Titled,….und jetzt versuche ich mich noch für mein Lieblings-Rancid-Album zu entscheiden.

Mike:
Rancid
– Let’s Go.

Derek:
Ja, nehmen wir das.

Mike:
Es hat einfach was, auf die Rückseite so einer Platte zu schauen, und über 20 Songtitel aufgeführt zu sehen. Und Bad Religion natürlich.

Björn:
Jetzt, wo ihr gerade ein neues Album auf diesem Label veröffentlicht habt. Was habt ihr als nächstes vor?

Derek:
Weitere Touren. Spielen, spielen, spielen.

Mike:
Spielen und Songs schreiben. Wir sind für 2016 ziemlich ausgebucht. Und dann mal schauen, was 2017 so passiert. Vermutlich Schreiben und Aufnehmen.

Derek:
Viel mehr macht so eine Band ja eigentlich auch nicht, haha.

Mike:
Wir haben noch einen Gruppenchat (alle lachen). Da landen die ganzen Insider-Witze von einer Tour. Wir sind einfach alle Weirdos.

Derek:
Und wir haben Spaß dabei. Das ist das Wichtigste.