Am 24.02.2016 haben Sven und Andre in der Kulturetage Oldenburg Enno Bunger getroffen und mit ihm über das neue Album, Veränderungen und Verantwortung gesprochen.

 

Sven: Heute ist der Start vom zweiten Teil der Tour. Und dann in Oldenburg. Quasi ein Heimspiel für dich?

Enno: Fühlt sich ein bisschen so an. Ich war früher immer selber hier und ein Teil meiner Jugend hat hier stattgefunden. Es ist auch total schön hier und es kommen heute viele Freunde, die irgendwie hiergeblieben sind.

Sven: Zu deinem Album „Flüssiges Glück“. Ungefähr 50% auf dem Album sind ja komplett anders und der melancholische Songwriter ist nicht mehr alleine. Wir haben vorhin beim Soundcheck sofort Kraftwerk im Kopf gehabt.

Enno: Ja cool. Genau das find ich schön. Wenn man überrascht wird und es nicht nur ein festgefahrener Stil ist. Ich mach mein Leben lang beruflich Musik und wenn ich da ein Leben lang ein Lied, einen Stil machen müsste, würde es mich vielleicht irgendwann langweilen. Ich habe auch damals als Barpianist und Kirchenorganist total diese Vielfalt gemocht, die man auch da haben darf. Man hat ja selbst auch so unterchiedliche Stimmungen, so dass es als Musiker total angenehm ist, wenn du verschiedene Facetten bedienen kannst. Natürlich habe ich einen favorisierten Stil und bin auch immer noch der Melancholiker, aber manchmal mag ich total gerne daraus ausbrechen. Man braucht auch irgendwie so einen Anhaltspunkt um Songs zu schreiben. Das kann auch der Freund sein, dem man was vorspielt und der sagt „Nee, kann ich nix mit anfangen“. Und den will man dann vielleicht überzeugen. Einige fragen sich dann vielleicht „Häh? Was macht der denn da?“. Aber warum nicht? Auch wenn ich davor, für einige gefühlt, nur „Schnulzen“ gemacht habe, schrei ich jetzt auch mal rum und werde auch mal politisch. Auch selbst einfach mal so ganz unterschiedliche Referenzen im Kopf haben. Wenn ich so Lieder spiele auf der Bühne, klingt das heute vielleicht auch mal so wie „Bruce Springsteen, Daughter, The Acid, Queens of the Stone Age…. Scooter. Da fließt halt irgendwie viel zusammen, was so hängen geblieben ist und was einen auch geprägt hat und dann so im eigenen musikalischen Rahmen zusammenkommt.

 

Sven: Elektronische Musik nervt mich in der Regel ziemlich schnell. Auf deinem Album passt aber alles so gut zusammen und bei dem 10 Minuten Monster „Hamburg“ hatte ich kurz Lust auf meine ersten LSD-Erfahrungen. Was ist mit den eingefleischten Enno Bunger Fans, die seit Jahren auf den ruhigen Songwriter stehen. Gab es da auch kritische Stimmen?

Enno: Sowas gibt es natürlich schon. Es gibt halt auch die Leute, die nicht gut finden wenn ein Konzert so laut wird und explodiert. Es gibt aber eben auch genau die andere Ebene. Ich wollte so ein bisschen aus diesem Singer/Songwriter Klischee ausbrechen. Länger als Texter, bin ich halt Musiker und ich wollte immer schon große Musik machen. Ich hab aber auch Phasen, wo ich denke das jetzt ein ruhiges Stück schön wäre. Dann spiele ich halt auch ein ruhiges Stück und man kommt ein wenig zurück. Die Möglichkeit zu haben ist eben auch ein Geschenk. Es wird nicht langweilig.

 

Sven: Seit „Flüssiges Glück“ ist Enno Bunger ja viel gefragt. Hat sich für dich in deinen Abläufen viel geändert, da du ja immer gern noch so die Fäden in der Hand hast.

Enno: Ja. Also ich habe immer viel selber bestimmt und gemacht. Bei dieser Tour z.B. haben wir die Möglichkeit gehabt einen Lichtmann mitzunehmen. Wir standen also vor der Wahl Tourmanager, der mir die ganze Arbeit abnimmt, oder einen Lichtmann. Und ich so „Geil! Ein Lichtmann!“Dafür renn ich die ganze Zeit durch die Gegend und bin am Ende total im Arsch. Du musst halt Termine planen, Band informieren, am Merch stehen usw. Das ist ein krasser Fulltime Job, aber das macht ja auch Spaß. Ich wollte immer diese Kunst machen und kann das jetzt in dieser Größenordnung machen, die sich unglaublich schön anfühlt und trotzdem sehr familiär ist. Und das ist ein Geschenk. Du merkst natürlich, was vielleicht aus der musikalischen Öffnung kommt, dass du ein Publikum ansprichst das nicht nur aus der Singer/Songwriterecke kommt. Sondern eben auch aus dem HipHop oder dem elektronischen Bereich. Das finde ich aber sehr spannend, weil ich das ja auch konsumiere.

 

Sven: „Wo bleiben die Beschwerden“. Ein ganz großartiger und wichtiger Song. In den letzten Jahren haben sich nie soviele Musiker zum Thema Menschlichkeit und eben auch Rassismus geäußert wie momentan. Wenn man als Künstler eine bestimmte Reichweite hat, sollte es eine moralische Pflicht sein sich zu äußern? Es gibt ja auch Künstler die bewusst bei naiven und allgemeinen Themen bleiben.

Enno: Man braucht ja auch alles. Man braucht auch naive oder auch fröhliche Musik, die unterhält oder dich auch einfach fröhlich macht. Als ich mich 2014 entschieden habe dieses Lied zu machen, habe ich um mich herum geguckt und gehorcht und ganz wenige Musiker gesehen, die sich positioniert haben. Da habe ich viel im HipHop oder Punk gesehen, aber nix aus der Popmusikwelt, die vielleicht auch noch ein ganz anderes Publikum hat. Das habe ich vermisst. Und weil ich was verändern wollte, musste ich bei mir anfangen. In einem Gespräch mit Danger Dan von der Antilopen Gang haben wir festgestellt, dass wir in einer sehr sehr priviligierten Situation sind, weil wir uns aussuchen können politisch zu sein. Jeder der eine andere Herkunft oder Hautfarbe hat, wird vielleicht diskriminiert oder auch verfolgt. Und das ist furchtbar.

 

Sven: Gab es auch negative Reaktionen auf den Song?

Enno: Es gibt natürlich auch immer mal so merkwürdige Profile und Diskussionen. Auf Youtube gab es eine Diskussion, wo Jemand sagte „Geiler Text… aber das du für Flüchtlinge bist, verpiss dich“.

-Allgemeines Gelächter und vor die Stirn klatschen-

 

Enno: Ich habe aber wenig negative Rückmeldungen bekommen. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass ich von rassistischer Gewalt singe. Ich singe über die NSU Mordopfer. Was kann man gegen einen Song sagen, der sich gegen rassistische Morde wendet? Wer sich da noch dagegen wendet, macht sich ja schon der Volksverhetzung strafbar.

 

Sven: Wie muss ich mir den Entstehungsprozess deiner Songs vorstellen? Besonders bei so einem ungewöhnlichen Song wie „Hamburg“?

Enno: Bei Hamburg war es tatsächlich so, dass ich das Klavierthema hatte und daraus einen Song über Hamburg machen wollte. Dazu ging ich raus und hab mit Kaffee am Elbstrand gesessen. Erstmal nur darüber nachgedacht und bin am nächsten Tag wieder hin und hab die ersten Zeilen geschrieben. Musikalisch sollte der Song genauso vielschichtig sein wie diese Stadt. Ich wollte dann drei musikalische Ebenen. Das Graue, die Weite und der Hafen als Klavierthema. Die düstere Strophe ist dann die Unterwelt. Und irgendwann wird gefeiert. Ein erster Versuch für das Feierthema war dann aber so Discopop und mir doch zu albern. Es sollte melancholisch elektronisch sein und am Ende total abgehen.

 

Sven: Letzte Frage. Korn oder Rum?

Enno: Dann bitte Rum.

 

Vielen Dank für das Interview Enno!

 

Interview: Sven Hoppmann