Seit einigen Jahren begleitet mich Ryan O’Reilly mit seiner Musik nun schon. Das erste Mal habe ich ihn in einem Londonurlaub zusammen mit seiner Band auf dem Portobello Road Market gesehen. Ein untypisch sonniger Tag im Januar. Dort standen sie dann, etwas heruntergerockt und Augenringe vom Vorabend, ein zerfledderter Kontrabass bei dem es mich gewundert hat, dass überhaupt ein Ton rauskommt. Ryan wie immer mit Dreitagebart. Ich bleibe nicht oft bei Straßenmusikern stehen. Es passiert wirklich eher selten. Oft empfinde ich sie auch störend. Laut, nach Aufmerksamkeit zehrend. Manchmal noch ein Animateur der die Passanten anspringt. Bei Ryan und seiner Band war es aber irgendwie anders. Die Jungs standen da, etwas schüchtern, es schien als wäre es ihnen sogar etwas unangenehm dass ihnen die Leute zuhörten. Dazu dann Ryans markante, leicht verzweifelt klingende Stimme mit einem Hauch Melancholie. 7 oder 8 Jahre ist es nun schon her. Wir haben uns an diesem Tag seine EP „Emily“, die in dem großen Kontrabass-Koffer lag, gekauft und seitdem gehören die Lieder zu unseren absoluten Lieblingssongs.

Vergangen Freitag kam nun mit „I Can’t Stand the Sound“ (Label/Vertrieb: DNA Records/Cargo, VÖ: 26.01.2018) Ryan O’Reillys langersehntes neues Album raus. Nach „The Northern Line“ ist es bereits sein zweites Studioalbum. Wenn man Ryan mit einem Wort beschreiben müsste, wären sich wahrscheinlich alle einig: Geschichtenerzähler. Mit bissigem Humor und Melancholie beschreibt er mit einer Prise Selbstironie groteske Alltagserlebnisse. Alles andere als das typische Singer-Songwriter-Liebeszeugs mit Happyend und so weiter.

Umso überraschter war ich bei dem ersten Song, den ich von seiner neuen Platte hören durfte. Ryan hat uns im vergangenen September zum zweiten Mal zu Hause besucht um ein Wohnzimmerkonzert zu spielen. Er hat mir an diesem Abend nicht nur gezeigt wie man richtig Whiskey trinkt, ohne es mit Cola zu panschen, er hat auch „I Can’t Stand The Sound“, den Titeltrack des neuen Albums, gespielt. Er handelt von der Sensationslust der Medien und der damit verbundenen ununterbrochenen Berichterstattung. Ungewohnt gesellschaftskritisch. Egal ob die Hurricane-Saison, der Nationalstolz der Amerikaner an den appelliert wird, der im Fernsehen übertragene Krieg, die künstlich generierten Angst der Bevölkerung um auf Wählerfang zu gehen. Heute ist ein guter Tag für schlechte Nachrichten. Man merkt eindeutig wie sehr die Zeit in Amerika, wo Ryan das Album mit seiner Band aufgenommen hat, ihn beeinflusst hat und er versucht sie zu begreifen.

Es finden sich aber auch die gewohnten Seiten des Geschichtenerzählers Ryan O’Reilly auf dem Album. Der Wahlberliner mit englischen und irischen Wurzeln nimmt den Zuhörer mit auf die Suche nach Sinn, nach der Bedeutung eines tödlichen Autounfalles, der Schönheit und Dunkelheit der Straßen Berlins, und nicht zuletzt dem Versuch, den Lärm unerbittlicher 24-Stunden-News sowie des Internets auszublenden.

Tracklist:

1. Don’t You Know That
2. Make It Holy
3. Never Be Afraid Of Ghosts
4. I Can’t Stand The Sound
5. People Tell You
6. The Modern World
7. Flesh & Blood
8. Conversation
9. Somethings Really Wrong
10. Till It Ends

https://www.facebook.com/ryanoreillyband/

https://www.ryanoreilly.uk

Tourdaten
08. Apr. Die Kassett – Dusseldorf
09. Apr. Astra Stube – Hamburg
10. Apr. LUX – Hanover
12. Apr. Prinz Willy – Kiel
24. Apr. Monarch – Berlin

 

Ryan O'Reilly - I Can’t Stand the Sound (DNA Records/Cargo, 26.01.2018)
5.0Gesamtwertung