Selten habe ich mich im Vorfeld eines Konzerts bzw. eines Festivals so dermaßen gefreut, deshalb brachte der Besuch des Castivals im Dortmunder Westfalenpark im Vorfeld schon viel Aufregung mit sich. Nicht alleine das wir extra aus dem hohen Norden angereist waren um Casper endlich live zu sehen (das Ganze haben wir aus eigener Blödheit beim Deichbrand-Festival 2013 noch verpasst), auch unser neunjähriger Sohn konnte kaum davon überzeugt werden, dass er leider nicht mitkommen konnte!

Nach einer kurzen Anreise mit dem größten deutschen Zeitverschwendungsunternehmen (okay, dieses Mal fuhr die Bahn tatsächlich pünktlich!), fielen uns direkt die unglaublichen Menschenmassen auf, welche die beiden für das Festival zur Verfügung stehenden Eingänge des Dortmunder Westfalenparks bevölkerten… also ehrlich gesagt wurde mir schon ganz anders, da ich im Kopf schon durchspielte, welche der drei Bands ich nach stundenlangem Warten überhaupt noch sehen könnte. Nach einigem Durcheinander mit den von `Landstreicher Booking` (vielen, vielen Dank nochmal an dieser Stelle!) hinterlegten Pressekarten und dem Foto-Pass ging es dann aber endlich um 17:00 Uhr auf das Gelände und ab dem Moment erwartete uns ein musikalisches Spektakel der Extraklasse! Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass das Castival als eines der größten Highlights meiner bisherigen (und sehr ausgedehnten bzw. intensiven) Konzertkarriere zählt, an welches ich mich bestimmt noch sehr lange erinnern werde!

Wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, wurde der Auftritt die größte Headliner-Show die Casper bisher je gespielt hat… die hierfür notwendigen 15.000 begeisterten Fans machten sich somit nach und nach auf der Festwiese breit.

Auch wenn bei den Verantwortlichen im Eingangsbereich noch durchaus ein wenig Verwirrung herrschte, was vielleicht an dem unerwarteten Andrang gelegen haben mag, so war spätestens auf dem Festivalgelände alles „in trockenen Tüchern“.

Lediglich die Tatsache, dass bis kurz vor Beginn nicht wirklich klar war, wann AnnenMayKantereit denn nun offiziell beginnen sollten und dann statt um 18:30 Uhr doch fünfzehn Minuten zu früh anfingen, war ein wenig ärgerlich… aber SchnickSchnack, dass ist ja wohl Jammern auf hohem Niveau und verbietet sich bei der darauf folgenden Darbietung eigentlich!

Ach so, noch mal eben so am Rande, dass Festivalgelände war übrigens perfekt gewählt, da es leicht abschüssig war und somit jedem Besucher eine wunderbare optische und akustische Atmosphäre bot.

 

Überpünktlich eröffnete also die Newcomer Band AnnenMayKantereit die letzte Ausgabe bzw. das große Finale der Castival-Tour 2015 und nicht erst bei Caspers Danksagungen, die am Ende des Abends folgen sollte wurde allen DSC_0153_kleinAnwesenden klar, dass die drei Kölner eine ganz große Zukunft vor sich haben werden. Casper ließ sich sogar zu der Aussage verleiten, dass die Band „…größer werden wird, als er es je sein kann…!“ – welch ein Ritterschlag von jemandem, der mit seinen beiden letzten Alben jeweils auf Platz 1 der deutschen Albumcharts gelandet ist!

Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit, die sich auf der Bühne gerne durch Malte Huck am Bass unterstützen lassen, hatten extra für diesen Auftritt einen alten Schulfreund für das Gebläse gewinnen können, welcher wahrscheinlich ähnlich begeistert von den immer mehr werdenden Menschenmassen war, wie der Rest der Combo.

Musikalisch boten die Vier (bzw. zeitweise Fünf) an dem Tag einen ganz besonderen Auftritt… zwar komplett DSC_0150_kleinunaufgeregt und mehr als entspannt, aber alleine durch Hennings Stimme, die einwandfrei an den jungen Rio Reiser erinnert, haben die Kölner innerhalb kürzester Zeit einen Platz in der Indie—Szene gefunden. Schließt man die Augen, dann sieht man einen mindestens Mitte dreißig jährigen gestandenen Sänger, der seine Lebenserfahrung mit rauer und krächziger Stimme zum Besten gibt… mit geöffneten Augen sieht man den jungen frischen Henning, der sich augenscheinlich überhaupt nicht seiner Fähigkeit bewusst zu sein scheint, unzählige Menschen musikalisch begeistern zu können.

Besonders „Oft Gefragt“ begeistert die in der Zwischenzeit auf bestimmt 10.000 Festivalbesucher angewachsene Party-Meute, aber auch die anderen Songs lassen die textsicheren, meist weiblichen Gäste aufleben. Meine ersten Live-Erfahrungen mit AnnenMayKantereit fallen daher durchweg positiv aus, wenn man davon absieht, dass sie erstens mein Lieblingslied „Barfuss am Klavier“ ausließen und zweitens nach einer sehr knappen dreiviertel Stunden ohne Zugabe die Bühne verlassen mussen – direkt Memo an mich: Nach Auftritten in der Nähe Ausschau halten!

 

Bereits einige Minuten später, besser gesagt um 19:00 Uhr war dann die Zeit reif für den sympathischsten Tanzbär DSC_0322_kleinder Republik! Aki Bosse betrat voller Energie die Bühne und man merkte ihm sofort an, dass er riesigen Bock auf einen coolen Abend hatte… okay, das Castival war vorerst der letzte Auftritt für dieses Jahr und die Band gab somit zum Abschluss noch einmal Vollgas!

Nachdem ich Bosse in den letzten Jahren bereits drei Mal auf seiner „Kraniche-Tour“ begleiten durfte, war der Ablauf schon ein wenig durchschaubar, aber für mich von der Intensität und vom Elan der Beste Auftritt, dem ich bisher beiwohnen durfte… nie war das Hemd früher komplett durchgeschwitzt als bei seinen Dortmunder Tanzeinlagen.

Klar das ein Großteil der „Kraniche“ Songs zum Besten gegeben wurde, besonders „Schönste Zeit“ (bei welchem sogar einige Gänse wie bestellt über das Festivalgelände flogen) und „So oder So“ ließ die vorwiegend weiblichen Fans in begeistertes Quietschen verfallen. Spätestens bei „Drei Millionen“ brachen dann jedoch alle Dämme, als Axel nämlich kurzerhand zu einem Duett mit Fan Lea einsetzte, was sie persönlich und die Mädels um sie herum endgültig zum Ausflippen brachte.DSC_0398_klein

Als Fazit des wegen der guten Stimmung dann doch zu kurzen Auftritts kann man festhalten, dass der letzte Gig mit altem Album (ein neues wird nun in Angriff genommen) ein gelungener Abschluss einer für Bosse erfolgreichen und aufregenden Zeit war und dass Axel gerne mal eine Ganzkörpergänsehaut bekommt, wenn es ganz besonders gut läuft! Meine Güte, warum ist der ehemalige Braunschweiger und jetzige Wahl-Hamburger nur so unglaublich sympathisch… am Ende des Abends ließ sich Gastgeber Casper sogar noch dazu hinreißen so treffende Worte wie „Jeder von uns sollte ein kleines Stück Bosse in sich tragen“ verlauten zu lassen, was zu einem wahnsinnigen Beifallssturm führte!

 

Nach einer kurzen Umbaupause war dann alles bereit für den lange erwarteten Auftritt des Gast- und Namensgebers Benjamin Griffey alias Casper. Bereits mit Betreten der Bühne entstand eine in dieser Art von mir bisher selten gesehene Massenhysterie und alle sich bis dahin auf dem Gelände befindenden Fans, inklusive meiner Person, waren ab dem Moment absolut gefesselt… „Im Ascheregen“ als Opener ist da als Einheizer natürlich perfekt gewählt!

Musikalisch wurde einem trotz der Heiserkeit Caspers (zugegebenermaßen fiel das nicht wirklich auf 😉 !) alles geboten, was man in die straff gezurrten 1 ¾ Stunden Spielzeit packen konnte… leider ist im Westfalenpark dank der Anwohner lautstärkemäßig ab 22:00 Uhr nämlich Ende im Gelände!

Wer sich anfangs noch über die eigenartigen Aufbauten vor der Festivalbühne wunderte, der bekam spätestens bei Einbruch der Dämmerung einen Eindruck davon, was die heutige DSC_0146_kleinKonzert-Pyrotechnik so alles hergibt… Feuerfontänen („Jambalaya“ haute einem ordentlich Hitze um die Ohren), Konfettikanonen (bei „Alaska“ wurde man mit selbigem überflutet), Sprühfeuerregen, Nebel, was will man denn da als Hobbypyromane noch mehr?

Aber man musste oder wollte den Fans auf der letzten Station der Festivalreihe halt etwas außergewöhnliches bieten, da der Westfalenpark als Kulisse für die DVD dienen sollte, welche am Samstag live eingespielt wurde und der Abend von zwei ganz besonderen Gästen besucht wurde… so hatte Benjamin neben seiner Mutter auch seinen Vater, der noch nie ein Konzert seines Sohnes live erleben durfte, extra für diesen Anlass aus den USA einfliegen lassen, was er mit besonderem Stolz und belegter Stimme verkündete – ein sehr emotionaler Moment, ganz großes Kino!

Die Show ist wie immer „So Perfekt“ und Casper ist „Endlich angekommen“ (mit amtlichen Feuerwerk) bzw. er findet alles „Ganz schön okay“… bei der Kulisse ist das ja auch nur verständlich! Aber fast komplett zu Tränen gerührt ist er dann endgültig, als die tanz- und hüpfwütige Meute minutenlang den Chor-Part bei „Hinterland“ übernimmt und diesen bis weit in die Zugaben immer und immer wieder aufleben lässt… ein wahnsinniger Abend, Respekt mein Lieber!

Als kleinen Wehmutstropfen empfinde ich es aber, dass er Bosse für „XoXo“ nicht auf die Bühne DSC_0038_kleinholte… okay, normalerweise übernimmt den Part der zweiten Stimme das sympathische Nordlicht `Thees Uhlmann`, aber Aki hätte es bestimmt genauso gut hinbekommen!

Nur bevor er dann für längere Zeit „Auf und Davon“ sein wird (laut Abschieds-Post bei Facebook will er nun ein wenig zur Ruhe kommen und sich dann gestärkt an das neue Album machen) hatte Casper noch etwas zu sagen!

Er richtete klare und ernste Worte an alle Vollidioten, die sich aktuell negativ über die Flüchtlingsthematik äußern und kritisierte jegliche Art von Faschismus und Diskriminierung… mit der Forderung zu allgemeiner Liebe stimmten dann alle Anwesenden mit erhobenen Armen (und dem gestreckten „Stinkefinger“) in den `Casper, Favorite & Kollegah` Song „Mittelfinger hoch“ ein und ließen ihrer Wut freien Lauf! – ein klares Statement gegen den immer mehr aufkeimenden Hass gegen Andersartigkeit! Gerade Dortmund zeigt sich ja leider in der jüngsten Vergangenheit immer wieder als Nährboden für dieses „Pack“!

Doch kaum zu Ende, lässt sich Casper plötzlich in guter alter Boxer-Manier von Bodyguards durch die Menge führen DSC_0444_kleinund erscheint kurze Zeit später auf dem Mischer-Turm um von dort einen Abstecher in das Rap- und HipHop-Genre zum Besten zu geben – „Der Druck steigt“ wird ebenso zelebriert, wie das gelungene Cover von Bilderbuchs „Maschin“ und diverse B-Seiten, die mir zwar ziemlich unbekannt, aber nicht unsympathisch waren! 😉

Auch bei diesem akrobatischen Ausflug spürte man förmlich, dass wenn es nach Casper gehen würde, dieses Konzert niemals enden dürfe… mit Sprüchen wie „Ihr könntet überall auf der Welt sein, aber ihr seid hier. Es fühlt sich an wie Zuhause“ oder „Viele der anderen Städte waren auch schon gut. Aber das hier scheint etwas ganz Besonderes zu werden, Dortmund.“ zeigte Casper, was ihm dieser einmalige Abend bedeutete.DSC_0404_klein

Aber wie man es dreht und wendet, irgendwann hat alles mal ein Ende und zum Schluss wurde man mit den obligatorischen Zugaben, die wie bereits erwähnt vom 15.000ender „Hinterland-Chor“ lautstark eingefordert wurden und einem standesgemäßen fulminanten Feuerwerk verabschiedet!

Bis auf die Schwierigkeiten am Einlass und die durchaus gesalzenen Getränkepreise erlebten die aus der ganzen Welt angereisten Castival-Fans ein phantastisches Festival und man kann nur hoffen, dass Benjamin sein neues Album bis nächstes Jahr pünktlich fertig hat und uns beim Castival 2016 präsentieren wird! 🙂

Als eindeutiges und einziges Fazit bleibt stehen: „Alles endet (aber nie die Musik)“!!!

 

Fotos: Dana Helbing / Küstenherz Photographie