You Blew It! sind eine der Bands, die im Zuge des 90s-Emo-Revivals auf der Bildfläche erschienen und mit ihrem Debüt-Release „The Past In Present“ noch krampfhaft versuchten, wie American Football zu klingen. Das erste richtige Album „Grow Up Dude“ erschien dann auf dem angesagten Indie-Label Topshelf Records, das damals noch in Massachusetts beheimatet war. Das Label veröffentlichte daraufhin auch „The Past In Present“ erneut mit einem langen Begleittext, der explizit darauf hinwies, dass man sich für einen Re-Release des frühen Materials entschieden habe, unabhängig von der Tatsache, dass die Band zur Zeit des selbstveröffentlichten Materials qualitativ noch nicht ihr volles Potential auszuschöpfen vermochte.

Das kann man dahingestellt lassen, mir kam der Begleittext seinerzeit zumindest leicht seltsam vor. Meiner Meinung nach ließ sich zwischen „The Past In Present“ und „Grow Up Dude“ weniger ein musikalisch qualitativer Unterschied, denn vielmehr ein stilistischer Unterschied erkennen. Darüber hinaus ist auch die Produktion sicherlich ein wenig hochwertiger, aus rein musikalischen Gesichtspunkten ist so etwas aber zu vernachlässigen. So präsentiert sich „Grow Up Dude“ wesentlich rockiger und orientiert sich weiter im Indie-Bereich als die ersten Gehversuche der Band. Dieser Trend setzt sich auf dem Nachfolger mit dem passenden Titel „Keep Doing What You’re Doing“ weiter fort. Die nächste Weiterentwicklung bestand aus der prominenteren Nutzung guter Bassläufe und der Verbesserung der gesanglichen Fähigkeiten von Tanner Jones.

Warum also diese ganze Präambel? Weil sich mit dem Release von „Abendrot“ ein Déjà-Vu einstellt. Die Jungs aus Orlando,FL haben scheinbar ihren vertraglichen Soll bei Topshelf erfüllt und sind zu Triple Crown Records gewechselt, ein Label, das vor allen Dingen durch die mehr atmosphärische Ausprägung des Sounds seiner Bands bekannt ist. Und so erfüllt sich auch die Erwartung, dass You Blew It! auf „Abendrot“ erneut einen Stilwechsel durchlaufen. Noch hochwertigerer klingt die Produktion im Vergleich zum Vorgänger, noch ausgereifter ist die Instrumentation, noch intensiver die Nutzung zusätzlicher Effekte und gut durchdachter Details.

Was das Déjà-Vu angeht: Die mediale Aufmerksamkeit für „Abendrot“ ist gefühlt wesentlich größer als je zuvor. Das Album wird allerorts angepriesen und als ganz besonderer Release der Band hervorgehoben. Das mag zum Teil auch durchaus stimmen. Denn die sonischen Veränderungen sind streckenweise wirklich immens. Wenn ich jedoch ganz ehrlich bin, dann habe ich auch dieses Mal wieder das Gefühl, dass hier an der Sache vorbeigedacht wird. Denn im Kern sind You Blew It! immer noch die Gleiche Band wie vorher. Sie ist lediglich experimentierfreudiger geworden. Das Kernstück, das Songwriting, hat sich nicht merklich geändert. Die familiären Schlagzeugpatterns, die schon oftmals zuvor verwendeten Harmoniestrukturen und auch die Gesangsmelodien kommen einem You Blew It!-ish vor.

Die Floridianer(?) haben sich konsequent weiterentwickelt. Von „The Past In Present“ bis hin zu „Abendrot“. Vor allen Dingen jedoch in klanglicher Hinsicht. So klingt der neueste Release wesentlich epischer als alles zuvor veröffentlichte Material. Trotzdem lässt sich hier und da immer noch ein Quäntchen ganz alten Materials auf „Abendrot“ wiederfinden. Und das ist auch gar nicht so schlecht. Somit beweisen You Blew It!: Emo is alive and well. Das ist schön.

you-blew-it-abendrot-artwork

01. Epaulette
02. Like Myself
03. Sundial Song
04. Greenwood
05. Autotheology
06. Hue
07. Canary
08. Forecasting
09. Minorwye
10. Arrowhead
11. Basin And Range
12. Kerning

 

You Blew It! - Abendrot (Big Scary Monsters/AL!VE/Triple Crown Records, 11.11.2016)
4.4Gesamtwertung