Vinyl für Liebhaber, Nerds & Punks – Im Gespräch mit Nico Michaelis

Wenn man über Musik schreibt, muss man sich schon sehr mit dem ganzen Bums drumrum beschäftigen. Und auch wenn man Platten kauft, anguckt, hört und zelebriert, ist man auf der Nerd-Seite der Musik unterwegs. Zwangsläufig.

Man stolpert dann ab und zu neben den Flohmarktplatten, Neuveröffentlichungen der Lieblingsbands und Referenzexemplare, die man vielleicht nie wieder hört, aber trotzdem ordentlich seine Discogs-Sammlung einträgt, auch über ganze besondere Schönheiten. Diese werden u.a. von Nico Michaelis auf seinem Label Noisy Plastic Records oder als Auftrag über seine Vinyl Manufaktur hergestellt. Das Ganze nennt sich dann bei Besonderheiten wie Liquid Filled Vinyl Finishing und ist super selten.

Da man über die technische Seiten schon an der einen oder anderen Stelle etwas von Nico dazu findet, ich sowieso kein Technikfreak bin und noch diverse Fragen hatte, habe ich Nico per Mail ein paar Fragen zu Punk, Zukunftsplänen und der Leidenschaft für Musik geschickt.

 

Sven:

Du bist das Gesicht hinter Noisy Plastic Records, der Vinyl Manufaktur und Schallplattenliebe. Kannst du kurz erklären was sich hinter den drei Namen verbirgt?

Nico:

Genau, im Moment sind drei unterschiedliche Sachen bei mir am laufen und wenn ich ein wenig die Spannung steigern lassen darf, dann kommt in Kürze sogar eine vierte Sache dazu. Ich fang mal mit der Vinyl Manufaktur an, da dies mein aktuell wichtigstes und größtes Steckenpferd ist. Hier veredele ich bereits gepresste Schallplatten und fülle diese mit all möglichen Objekten oder Flüssigkeiten. Aktuell sind sogenannte Liquid filled Vinyl auf dem Vormarsch und ich bin einer der wenigen Produzenten dieser. Wobei ich hier sehr auf Optik und Qualität setze.

Weiter geht es mit Noisy Plastics Records, was sich aus der Vinyl Manufaktur entwickelt hatte, da ich immer wieder von Bands gefragt wurde, ob ich Lust auf eine Kooperation hätte. Da ich vor längerer Zeit schon einmal ein Musiklabel hatte, viel mir die Entscheidung sichtlich leicht, neben der Vinyl Manufaktur noch ein Label aufzubauen. Vorteil ist hier natürlich auch, dass ich die veredelten Schallplatten direkt ohne Zwischenlabels oder dergleichen vertreiben kann.

Die Schallplattenliebe war eigentlich auch aus der Vinyl Manufaktur heraus entstanden, wo ich mich ursprünglich einfach mit Schallplattenuhren kreativ ausleben wollte. Leider sind diese bei den Kunden nicht so gut angekommen und so wird aktuell im Hintergrund an einer Umorientierung gearbeitet.

In Kürze können DJs bei der Schallplattenliebe eigene DJ-Controller bedrucken und veredeln lassen. Ebenso können Privatpersonen hier ihre individuell Schallplattenuhr gestalten. Sprich, der Kunde kann sich ein Bild hochladen sowie zwischen verschiedenen Zeigern und Ziffernblättern auswählen. So und dann kommt die vierte Unternehmung, für die ich mit einem Geschäftspartner eine GbR gegründet habe (Michaelis & Murmann GbR). Hier kann man dann in Kürze seine ganz individuellen Schallplatten in Kleinstauflagen herstellen und auf Wunsch auch veredeln lassen. Da es doch erheblich viele KünstlerInnen gibt, für die eine 100er Auflage Vinyl oder mehr pressen zu lassen nicht in Frage kommt, können dann bei uns ihre Schallplatten schneiden lassen. Natürlich sind auch hier zusätzliche Veredelungen möglich.

Sven:

Du hast in der Vergangenheit schon eine ganze Menge im Musikbereich gemacht. Booking, Veranstalter, Onlinemagazin… Magst du uns einen kurzen Abriss darüber geben?

Nico:

Puh, wenn ich da jetzt ins Detail gehen würde, käme wohl ein dickes fettes Buch am Ende dabei raus. Ich versuche es mal wirklich so knapp wie möglich zu halten.

Angefangen hat alles mit ungefähr 15 Jahren, als ich in einem kleinen Städtchen im Schwarzwald an eine Gruppe alternativer Menschen gekommen bin, die regelmässig in einem Jugendhaus Partys und Konzerte organisiert haben. Da bin ich dann ziemlich schnell interessiert mit eingestiegen und das war dann quasi auch mein Startschuss für alles. Später hab ich dann in Pforzheim mit einer Antifa-Gruppe Konzerte und Partys organisiert, um für die politische Arbeit an Geld zu kommen. Nachdem diese Gruppe sich dann aufgrund von vielen Wegzügen zerschlagen hat, hab ich hier und da noch weiter veranstaltet, bis ich durch Zufall die Möglichkeit bekommen hatte, eine Live-Location zu übernehmen und so hab ich dann vier Jahre lang den Bottich in Pforzheim betrieben. Nach Schulden und gesundheitlichen Problemen wurde der Laden geschlossen. Etwa 1,5 Jahre später hab ich dann eine Bookingagentur gegründet und diverse Bands aus dem Folk und Punk Bereich quer durch Europa geschickt. Hab diese dann aber kurz vor Corona abgegeben und mich auf die Gründung eines Musikmagazins konzentriert, wo ausschließlich Schallplatten besprochen wurden. Da das sehr zeitaufwendig war und ich davon natürlich auch nicht leben konnte, bin ich dann dort ausgestiegen und es wurde ein Verein für das Musikmagazin gegründet (das Magazin gibt es sogar noch). Tja, und über das Musikmagazin bin ich mal an eine Liquid filled Vinyl zum besprechen gekommen, wo ich mir einfach nur dachte, das kann ich besser… Den Rest der Geschichte habt ihr bereits mit Frage eins vor euch liegen.

Sven:

Wenn ich das richtig deute, bist du im Punk sozialisiert und zu Hause. Man findet auf deinen Seiten immer wieder auch den Hinweis mit wem du nicht arbeitest. Nämlich vor allem Nazis, um es mal zusammenfassend zu sagen. Gab es tatsächlich Versuche z.B. Rechtsrock bei dir auf Platte zu machen? Denn auch in der Nazirock-Szene sind Platten ja durchaus ein größeres Thema.

Nico:

Ich hatte bisher keine Anfragen dieser Art und da ich auch keine Lust auf solche Anfragen habe, gebe ich ganz klar zu verstehen, für wen ich nicht arbeite. Ich komme aus der autonomen Szene, bin im Punk groß geworden und auch heute noch schlägt mein Herz ganz weit links. Auf meine politische Einstellung möchte ich aber nicht groß eingehen, da ich denke, dass das für den Freundeskreis ok ist, aber nicht in der breiten Masse oder gegenüber meinen Kunden. ich denke, da reicht das Statement, einfach ganz klar gegen Nazis zu sein. Ja, ich denke, auch bei den Nazis sind Schallplatten angesagt, kann da aber logischerweise nichts zu sagen, da ich weder irgendwelche Nazis oder deren Verkaufszahlen kenne.

Sven:

Thema Veröffentlichungen: Die Discografie bei Noisy Plastics liest sich ziemlich bunt. Von Body Count bis D-Sailors, aber auch das Debüt von Four Black Lungs findet sich da. Wie ergeben sich Zusammenarbeiten und lohnt es sich mit, vermutlich nicht gerade günstigen, Lizenzen von einer Band wie Body Count zu arbeiten?

Nico:

Ich mache, auf was ich Bock habe bei Noisy Plastics Records und ich halte mich da nicht an einzelne Genres. Für mich ist es egal, ob Punk neben Metal und danach eine Krautrock-Band veröffentlicht wird. Im Gegenteil. Für mich ist das eine Vielfalt von Genres, die sonst wohl nie zusammenkommen würden. Vielleicht entwickelt dadurch der ein oder andere Kunde auch einen neuen Musikgeschmack? Ich versuche eine gesunde Mischung hinzubekommen und klar, eine Band wie Body Count zieht natürlich super gut und da bleibt dann ja auch zum Glück bisschen was an Geld hängen, was man dann wiederum in den Support kleiner Bands wie Four Black Lungs stecken kann. Am Ende entscheidet bei jeder Veröffentlichung die Kundschaft, ob es eine gute oder schlechte VÖ war oder ist. Aber wie man ja in der Historie sehen kann, ist ja der Großteil der Auflagen ausverkauft und das spricht schon auch für Qualität und den Nerv der Zeit.

Sven:

Verliert man irgendwann den Spaß an Musik und Platten, wenn man davon leben muss und im Hinterkopf z.B. die nächste Miete hat?

Nico:

Definitiv ja. Also so geht es mir zumindest. Meine Schallplattensammlung verstaubt inzwischen ziemlich sehr und es wird Zeit, diese mal wieder durch zu hören. Ich denke, es ist aber bei mir eher der Faktor Zeit. Wenn man 12 Stunden am Tag unterwegs ist, fehlt einem dann schon irgendwie die Motivation. Da will man dann lieber abschalten. Naja, das mit der Miete ist dann noch mal ein zusätzlicher Druck, da die Kosten natürlich mit dem Wachstum auch mehr werden und dadurch auch die Verantwortung steigt, da treibt es einen schon ziemlich um und naja, am Ende hat es mich sogar die Familie gekostet. Das ist leider die Kehrseite solcher Unternehmungen.

 

Sven:

Gibt es Bands mit denen du unbedingt noch was machen möchtest? Wo du dir denkst „Das Ding schreit nach Liquid filled Vinyl“?

Nico:

Da gibt es einige. Für eine davon durfte ich kürzlich aktiv werden und so durfte ich für Die Fantastischen Vier aktiv werden. Ansonsten wären Bands wie Foo Fighters, Seed, Green Day , Kadavar und Turbostaat große Anwärter für ein Projekt solcher Art. Eigentlich denke ich, hat es aber jede Band verdient, solche Veredelungen zu machen. Da bin ich nicht auf DIE Band spezialisiert.

Sven:

Sich irgendwie aufdrängende Frage: Deine aktuelle Lieblingsplatte und deine All-Time-Lieblingsplatte?

Nico:

Hab ich tatsächlich nicht. Dafür All-Time-Lieblingsbands und da komme ich wieder zum Punk zurück. Für mich schon immer eine der Bands überhaupt waren, sind und bleiben But Alive. Grandiose Texte in grandiose Musik verpackt. Geht immer. Gleiches gilt für Turbostaat und Pascow. Ansonsten höre ich viel gemischte Genres wie deutschen Hip Hop, Indie, Punk, Hardcore aber inzwischen auch hier und da mal bisschen Metal.

Sven:

Sind für die Zukunft schon VÖ geplant, über die du hier sprechen kannst?

Nico:

Ja, es werden VÖs von Ryker´s und Gwar sowie Mr. Ed Jumps The Gun kommen. Auf diese drei VÖs freue ich mich schon mega, da alle drei auf ihre Art sehr speziell sind. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte sich ganz schnell im E-Mail-Newsletter anmelden, denn die AbonnentInnen vom Newsletter wissen immer schon 24 Stunden vor offizieller Bekanntgabe Bescheid. Und nein, ihr bekommt da keine fünf Mails die Woche. Da kommen nur Mails, wenn eine neue Veröffentlichung ansteht. Also schnell zu https://noisyplastics.com und in den Newsletter eintragen.