Als handwritten-mag Antrittsgeschenk durfte ich mich unmittelbar an die Rezension der aktuellen Tocotronic Platte wagen. Besser geht kaum. Aber dann hörte ich „Die Unendlichkeit“ zum ersten Mal und meine Freude und Euphorie wichen Ernüchterung und Ratlosigkeit.

Darf ich von einem Album einer Band, die mich einen Abschnitt meiner Adoleszenz intensiv begleitete und dabei Hymnen meiner (späten) Jugend schrieb, nicht (unmittelbar) begeistert sein? Liefern Bands manchmal lediglich den Soundtrack eines Lebensabschnittes? An jeder Ecke stolperte ich über Rezensionen der Platte und konnte lesen, was ich weder sah noch hörte.
Doch dann kam Hilfe in Form eines Blogbeitrags des begnadeten Fotografen (und Musikliebhabers) Andreas Jorns:
„Der letzte Musik-Tipp kommt heute von der Hamburger Band Tocotronic, die gerade ihr 25jähriges Jubiläum feiern. Mit einem neuen Album, das ich mir noch schön hören muss. Aber der Song „Electric Guitar“ ist ein Brett – einfach großartig („teenage riot im Reihenhaus„)!“ Ich musste es woanders lesen, um mir einzugestehen, dass mir „Die Unendlichkeit“ nicht auf Anhieb gefiel. Zeitgleich gaben mir die Zeilen Mut, dem Album Zeit zum Hineinhören zuzugestehen. Geduld (und Hartnäckigkeit) wurden belohnt: nach jedem Hördurchgang entdeckte ich etwas Neues und „Die Unendlichkeit“ gefiel mir immer besser, ehe ich mittlerweile behaupten darf, das 12. Tocotronic Album wirklich zu mögen.
Zeitgleich bekam „Die Unendlichkeit“ mehr Tiefgang durch das intensive Auseinandersetzen mit den Hintergründen des Albums. Dafür lieferte das Label dankenswerterweise einen bunten Strauß weiterführender Informationen, sodass ich nicht auf verstaubte literaturwissenschaftliche Praktiken oder andere Rezensionen angewiesen war.

„Die Unendlichkeit“ präsentiert sich als doppeltes Konzeptalbum:
musikalisch, indem jedes Lied spezifische, zeitgeschichtliche und musikalische Referenzen beherbergt und inhaltlich, indem das Album die Biografie Dirk von Lowtzos und damit zumindest auch zu Teilen der Band Tocotronic nachzeichnet.

Allen autobiografischen Anleihen zum Trotz, ist der Inhalt derart poetisch verdichtet, dass der Hörer von Lowtzos Leben auch exemplarisch für sein eigenes Leben und seine eigenen Probleme wahrnimmt.
Dies gelingt, da die Lieder von universellen, existenziellen Erfahrungen wie Angst, Liebe, Einsamkeit und Tod handeln. Erfreulicherweise bleibt wenig Platz für Wehmut, da selten die Vergangenheit verklärt wird.
Der komplexe Inhalt wird in einer klaren, direkten und fast schon einfachen Sprache erzählt. Frei von Formalismus und Verklausulierungen früherer Alben ist es eine Rückbesinnung auf die Sprache von Tocotronics Anfangstagen, während die Musik dazu opulenter und facettenreicher denn je arrangiert ist.

Das namengebende Stück „Die Unendlichkeit“ sowie das vorletzte Lied „Mein Morgen“ bilden Pro- und Epilog der Platte. Sie sind ungewöhnlich aufwendig instrumentalisiert und bedienen sich diverser Dub- und Orchesteranleihen.

Tapfer und Grausam“ wie auch „Hey Du“ feiern das eigene Außenseiterdasein, die Kultivierung des Andersseins in der Provinz: „Ist mein Stil zu ungewohnt/Für den Kleinstadt Horizont“. Der Protagonist grenzt sich auch zu Lasten verbaler und auch körperlicher Gewalt gerne und bewusst musikalisch wie modisch ab.
Zwischen diesen beiden Liedern findet sich mit „Electric Guitar“ das auf Anhieb eingängigste Stück der Platte. Es zelebriert die musikalische Individualisierung durch Popmusik. Als Coming-Of-Age Hymne konzipiert, ist es zeitgleich auch ein Geburtstagsständchen zum Hundertjährigen der Gitarre.

Fast schon nostalgisch beschreibt „1993“ die Flucht nach Hamburg:
„1993 war das Jahr/In dem ich nach Hamburg kam (…) 1993 war das Jahr/In dem ich dich/Zurückgelassen hab/In der Diaspora (…) Austritt/Aus der Stille/Ausbruch/Aus der Falle/Ausfahrt/Aus der Hölle/Aus der Schwarzwaldhölle“. Form und Inhalt wirken in diesem Lied deckungsgleich. Dirk von Lowtzos Stimme klingt hier heller und jünger als in den Stücken, die von späteren Ereignissen und Lebensphasen berichten und auch die Instrumente erinnern an die Anfangstage von Tocotronic. Es erscheint daher nur passend, dass der Titel des Songs auf das Gründungsjahr der Band verweist.

Unwiederbringlich“ thematisiert das Sterben eines Freundes und erinnert zeitgleich an eine Zeit, in der unsere heutigen Kommunikationsmöglichkeiten noch Science-Fiction Utopie waren: „Es gab noch keine Handys/Es war alles Gegenwart/Die Zukunft fand/Ausschließlich/In Science-Fiction-Filmen statt“.
Den Saufexzessen in Hamburg samt drohender Sucht folgt die Rettung durch den Umzug nach Berlin. In „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ wird Berlin als  eine den Sänger behütende Person beschrieben: „Du bist nicht schön/Doch auch kein Biest/Vielleicht etwas dazwischen/Das noch nicht bezeichnet ist (…) Ich war verstrahlt/Du musst verzeihen/Ich war kurz davor/Ein Süchtiger zu sein (…) Doch/Du hast mich gerettet und/Du hast mich erlöst/Du hast mich ins Bett gesteckt/Und mich endlich zugedeckt/Ausgerechnet du hast mich/Gerettet und erlöst“.
Zum Ende der Platte hin wird es musikalisch düsterer: „Mein Morgen“ schließt den Kreis zum ersten Lied der Platte und greift die Endzeit-Stimmung der 80er Jahre, geprägt durch Tschernobyl, das Waldsterben sowie das Ende des Kalten Krieges auf.

Außerhalb dieses Rahmens findet sich dann das letzte Stück „Alles was ich immer wollte“ und schenkt dem Hörer einen fast schon klassischen Tocotronic:
„Alles, was ich immer wollte/War alles/Alles, was ich immer hatte/Warst du“.

Schöner und stimmiger als mit diesen Zeilen könnte „Die Unendlichkeit“ nicht enden.

 

1 Die Unendlichkeit
2 Tapfer und grausam
3 Electric Guitar
4 Hey Du
5 Ich lebe in einem wilden Wirbel
6 1993
7 Unwiederbringlich
8 Bis uns das Licht vertreibt
9 Ausgerechnet du hast mich gerettet
10 Ich würd’s dir sagen
11 Mein Morgen
12 Alles was ich immer wollte war alles

Tourdaten:
06.03.2018      Bremen – Schlachthof
07.03.2018      Münster – Sputnikhalle
08.03.2018      Heidelberg – Halle 02
09.03.2018      Erlangen – E-Werk
11.03.2018      Erfurt – Stadtgarten
12.03.2018      Köln – E-Werk
13.03.2018      Wiesbaden – Schlachthof
14.03.2018      Hannover – Capitol
17.03.2018      Hamburg – Große Freiheit 36
06.04.2018      Leipzig – Werk II
07.04.2018      Essen – Weststadthalle
08.04.2018      Stuttgart – Theaterhaus
11.04.2018      Freiburg – E-Werk
12.04.2018      München – Tonhalle
14.04.2018      Dresden – Alter Schlachthof
16.04.2018      Berlin – Columbiahalle

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Tocotronic - Die Unendlichkeit (Vertigo Records, 26.01.2018)
4.8Gesamtwertung