Es ist mal wieder an der Zeit im Rahmen der Classics eine Band zu ehren, die wahrscheinlich keine Sau wirklich kennt – was ziemlich schade ist!

Tillmann sind ein Trio das ursprünglich aus dem Raum Augsburg stammt und selbst dort irgendwie zu den wenig beachteten Sonderlingen gehört. Wobei ich mich frage, warum. Einfach schlechtes Marketing? An der Mucke selbst kann es gar nicht wirklich liegen. Tillmann bieten nämlich feinen, deutschsprachigen Rock mit Wumms. Schön eingängig und nach vorne gehend. Keine Raketenwissenschaft, sondern einfach ein lässiger Sound, der manchmal angenehm knarzend daherkommt, immer wieder seine 80er-NDW-Einflüsse zur Schau trägt und mehr in die Beine als den Kopf geht.

Vielleicht liegt die Nichtbeachtung auch etwas an den teils etwas schrägen Texten, welche den Hirnwindungen von Sänger/Gitarrist Tom Kiemle entsprungen sind. Texte jenseits von Kirmesbanalität, studentischer Betroffenheit und erhobenem Zeigefinger. Lieber singt man über die kleinen Dinge des Lebens, die doch für viele so wichtig sind. Das Ganze manchmal etwas unkonventionell oder verträumt. Aber besonders bei letzterer Variante wird der Hörer meistens recht schnell wieder vom tillmann‘schen Powergroove eingeholt, der immer wieder zu unkontrollierten Körperzuckungen führt.

Kiemle zur Seite stehen (bzw. standen damals) Schlagzeuger Dieter Kandler und Bassist Christian Scholz. „Vorsicht, Fahrstuhl!“ ist die dritte Veröffentlichung der Band, und die erste richtig professionelle. Aufgenommen wurde die Platte mit Produzent Nils Hermanski, der beim nächsten Album „Geld, Gold & Glücklichsein“ am Bass stand und noch heute zum Powertrio gehört. Auf die Lauscher gibt’s 14 Stücke, von denen die meisten ziemlich Laune machen. Gerade wenn es etwas flotter zur Sache geht.

Das knarzend groovende „Total normal“, das rockig antreibende „Karussell“, das schmissige „Geld, Gold & Glücklichsein“, das melodiöse „Schwimmen im Meer“, das heitere „Wachs auf der Haut“, das dezent schräg-blümerante „Blütenrausch“, das stampfende „Wenn ich mal groß bin“ oder das große, mitgrölbare „Herr Dehmel“ – alles einwandfreier Stoff. Echte Balladen im klassischen Sinne findet man im Hauptteil der CD kaum. Am ehesten in diese Kategorie passt die Neubearbeitung des alten NDW-Hits „Eisbär“. Die Grauzone-Nummer wurde durch den Wolf gedreht und präsentiert sich im neuen Gewand als ganz anderer, ziemlich guter Song.

Hatte ich gerade Hauptteil geschrieben? Genau. Die letzten vier Titel stehen unter dem Motto „Geschichten aus dem All“. Hier wird das Tempo dazu passend etwas zurückgenommen und so etwas wie Atmosphäre erzeugt. Eine damals neue und interessante Seite an der Band. Mit dem hörspielartigen „Funkverkehr“ bewiesen Tillmann ihren Sinn für Schräges, während sich „Astronaut“ überraschend melancholisch gibt. Auch nicht schlecht.

Am Ende ist „Vorsicht, Fahrstuhl!“ ein ziemlich spaßiges, deutschsprachiges Rockalbum, wie man es nicht allzu oft hört. Tillmann sind keine Betroffenheitsfanatiker, keine Weltverbesserer, aber auch keine versoffenen Partyhengste und Haudraufs, sondern einfach eine nette kleine Band etwas seltsamer aber verdammt sympathischer Typen. Mal schauen, ob hier noch mehr kommt. Denn das letzte Tonträger-Lebenszeiten ist jetzt auch schon wieder geschlagene acht Jahre her. Zu begrüßen wäre es auf jeden Fall!

 

Trackliste:
1. Geld, Gold & Glücklichsein
2. Blütenrausch
3. Keine Zeit
4. Schwimmen im Meer
5. Wachs auf die Haut
6. Wenn ich mal groß bin
7. Total normal
8. Eisbär
9. Karussell
10. Herr Dehmel
11. Weltraumfee
12. Funkverkehr
13. Astronaut
14. Nur fliegen