Gerade haben Thrice eine neue, erneut streng limitierte Auflage von den „The Alchemy Index“-EPs auf den Markt gebracht, da die alten, ebenfalls auf 500 Stück begrenzten, Platten mittlerweile einen Wert von 500 – 600 Euro auf die Waage brachten und für den normalen Menschen unbezahlbar waren (…und ratet mal wer sich jetzt direkt ein Exemplar der wunderschönen Neuauflage gesichert hat!). Gäbe es also einen besseren Zeitpunkt um über die EPs ein „Handwritten Classics“ zu schreiben?

Genau genommen müsste man für dieses Thema sogar gleich zwei „Handwritten Classics“ schreiben, denn bei „The Alchemy Index“ handelt es sich nicht um eine einzelne Platte, sondern um eine Sammlung aus 4 EPs mit jeweils sechs Tracks, welche etappenweise erschienen sind. 2007 brachten die US-Amerikaner „Vol. I + II“ (Feuer und Wasser) und 2008 „Vol. III + IV“ (Luft und Erde) über Vagrant Records raus. Bereits hier wird deutlich wie viel Arbeit in diese Aufnahmen geflossen ist, denn thematisch, und damit meine ich nicht nur die Texte, geht es hier um die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Das spiegelt sich sowohl inhaltlich, als auch äußerlich auf dem wunderschönen Vinyl (siehe weiter unten) der vier Scheiben wieder (sowohl beim Original, als auch bei der Neuauflage).

 

Auf „Volume I“, also der „Feuer-Platte“, findet man den wohl härtesten Tobak den diese EP-Sammlung zu bieten hat.
Jedes Riff und jeder Song strotzt hier nur so vor Kraft und Inbrunst, die Flammen werden hör- und spürbar gemacht, getragen von dicken Gitarren, knochigem Bass und donnerndem Schlagzeug. Der Mix klingt dabei rau und ungeschliffen, aber alles andere als unfertig, eher genau passend zum Thema – rauchig eben. Müsste man eine Musikrichtung für diese EP festlegen, denn diese variiert von Platte zu Platte auf „The Alchemy Index“, so käme man um das Wort „Metal“ wohl nicht vorbei, dennoch trifft es das Ganze nicht wirklich. Obwohl der Sound der Gitarren und der rauhe Gesang sowie ungezügeltes Geschrei dafür sprechen, so mischen sich hier mehrere Einflüsse zu einer völlig eigenen sehr gewaltigen Musikrichtung. Inhaltlich lässt Sänger Dustin Kensrue, wie immer, Interpretationsspielraum in seinen Texten, benutzt hier aber selbstverständlich passende Metaphern um seine Gedanken zu manifestieren, welche von Wahnsinn, Freiheit und Verzweiflung erzählen:

Or let the flames lick at my feet, and breathe in fire and know I’m free. The flames will rise and devour me.“

 

Sehr geil: Bei der Neuauflage gibt es im Einband Kommentare der Band zu jedem einzelnen Song der vier EPs, was nicht nur beim Interpretieren der Texte hilft, sondern auch interessante Geschichten und Hintergrundinformationen zum Recording-Prozess von „The Alchemy Index“ liefert.

 

 

Etwas Besonderes versteckt sich am Ende von jeder der vier EPs, denn im jeweils letzten Song ist ein und dasselbe musikalische Thema eingearbeitet (wenn auch immer etwas unterschiedlich interpretiert). Über diese Melodie hat Sänger Dustin für jedes der Elemente ein Sonett geschrieben, das sich aus Sicht des personifizierten Elements an die Menschheit richtet. So klagt das Element Feuer beispielsweise über  seinen Missbrauch durch die Menschen, welche Flammen und Feuer nur für Tod und Zerstörung nutzen.

 

„While Guernica in peaceful valley lay, and Dresden dreamed of anything but death, the day was turned to night, and night to day, you let me loose upon their fragile flesh.“

Tracklist: FIREBREATHER/THE MESSENGER/BACKDRAFT/THE ARSONIST/BURN THE FLEET/ THE FLAME DELUGE

„Volume II“ beschäftig sich mit dem Element Wasser und das merkt man sofort. Ein tiefer, aber klarer Bass bildet das Fundament, vermittelt das Gefühl von Größe und Unendlichkeit, während sich klare Gitarren, Glockenspiele, verschiedene andere Instrumente und auch digitale Klänge darüber legen und die Oberfläche der tiefen, dunklen See in verschiedenste, kalt-blaue und türkise Töne färben. Ja, ich rede hier noch von Musik. Im Gegensatz zu „Vol. I“ wird hier nun auch gar nicht mehr geschriehen, statt dessen findet man kristallklare, melancholische Stimmen, die Geschichten von Waalfängern und Kontinenten erzählen.

Mit „Digital Sea“ werden auch moderne Themen aufgegriffen und die potentielle Gefahr sich selbst in der digitalen Welt zu verlieren wird thematisiert.

„I am drowning in a digital sea, I am slipping beneath the sound. Hear my voice goes, to ones and zeros,…“

Tracklist: DIGITAL SEA/ OPEN WATER/ LOST CONTINENT/ NIGHT DIVING/ THE WHALER/ KINGS UPON THE MAIN

 

Luft ist das Thema von „Volume III“ und das spiegelt sich in einer gewissen Leichtigkeit aller sechs Songs wieder, auch wenn man nicht behaupten kann, dass die Stücke nur vor sich hin plätschern. Vor allem das stets dynamische Schlagzeug und klare, luftige Gitarren lassen den Sound schweben, können aber auch schonmal ein Gewitter zusammenbrauen und sich in einen steilen Sturzflug begeben.

Ihr denkt jetzt vielleicht: „Was labert der, jetzt kommen wieder irgendwelche artsy-fartsy Metaphern.“ JA! Sorry, aber was anderes wird dem Zusammenspiel der Instrumente auf „The Alchemy Index“ einfach nicht gerecht. Jedes Instrument, jedes Wort, jeder Ton und Gedanke sind hier an das jeweilige Element gebunden und man spürt förmlich wie viel Überlegung, Arbeit und Zeit in diese Aufnahmen geflossen sind.

 

„But son, please keep a steady wing; you know you’re the only one who means anything to me. Steer clear of the sun, or you’ll find yourself in the sea.“

Tracklist: BROKEN LUNGS/ THE SKY IS FALLING/ A SONG FOR MILLY MICHAELSON/ DAEDALUS/ AS THE CROW FLIES/ SILVER WINGS

 

„Volume IV“ – Erde. Hier hat Thrice vor allem auf akustische unverstärkte Instrumente gesetzt. Direkt, nah und rau.

„We really wanted the listener to feel like he/she was right in the room with us.“

Klassische Instrumente wie Klavier und Kontrabass paaren sich mit einer rauchigen und kratzigen Stimme. Mal schleppend, reduziert und akustisch, mal majestätisch und mächtig kommen die erdigen Songs daher. Hier wird vor allem auch der Tod auf verschiedenste Arten und Weisen verarbeitet. Eine völlig neue Note offenbart sich dem Zuhörer, einige Stellen in den Songs erinnern an Swing oder Jazz, bleiben aber stets ernst und düster bis sich letztendlich doch wieder alternative Einflüsse in den Vordergrund drängen.

 

„A Child of Dust, to mother now return, for every seed must die before it grows.“

Tracklist: MOVING MOUNTAINS/ DIGGING MY OWN GRAVE/ THE EARTH ISN´T HUMMING/ THE LION AND THE WOLF/ COME ALL YOU WEARY/ CHILD OF DUST

Mit „The Alchemy Index“ haben Thrice für mich Musikgeschichte geschrieben. Noch nie habe ich so viel Tiefe und Leidenschaft auf einer Platte(n) wahrgenommen, ganz zu schweigen von dem ausgeklügeltem Songwriting und endlosen textlichen und instrumentalen Rafinessen, die sich auf den vier Scheiben finden lassen. Wer dieses Meisterwerk von Thrice noch nicht kennt, dem kann ich es nur wärmstens ans Herz legen. Macht euch ’n Bier auf, legt die Platten auf oder ein, macht’s euch gemütlich und hört zu. Nichts anderes nebenbei machen – das hat „The Alchemy Index“ wirklich verdient.