Ich kann meine Euphorie kaum beschreiben, als die Nachricht, Thrice spielen nicht nur wieder Shows, sondern werden auch ein neues Album veröffentlichten, durchsickerte. Ich muss mich an dieser Stelle vielleicht einmal öffentlich als riesiger Fan dieser Kapelle outen.

Seien es die energetischen Skatepunk-Anfangszeiten der „First Impressions“-EP oder der Debütplatte „Identity Crisis“, die metalesque Emo(Pop)-Core Phase, die mit „The Illusion Of Safety“ und „The Artist In The Ambulence“ folgte, oder der Aufbruch in ganz neue Gewässer mit dem Transitionswerk „Vheissu“, auf das das vielseitige Konzeptmeisterwerk „The Alchemy Index“ folgte, nur, um mit „Beggars“ ein weiteres, Indie-Rock und Radiohead-beeinflusstes Meisterwerk vorzulegen und mit dem Grunge- und Alternative-Rock Album „Major/Minor“  zu schließen: So vielfältig wie diese Band ist, so brillant ist sie in meinen Augen auch immer gewesen.

Einer der Gründe warum ich, trotz der zu Recht kritisch betrachteten, religiös-verblendeten Weltansichten von Sänger Dustin Kensrue, nur wenige andere Bands so bewundere, wie dieses Quartett. Entsprechend groß also meine Antizipation von „To Be Everywhere Is To Be Nowhere“ und entsprechend groß auch die Angst: Was, wenn es mich enttäuscht, mir nicht gefällt, mir unter Umständen das sensible Herz bricht?

Das ist zum Glück nicht passiert, soviel kann ich direkt sagen. Der neue Langspieler wartet mit begrüßenswerten Härtepassagen auf, die es so zuletzt auf dem Fire-Teil der Alchemy Index-Saga zu hören waren. Besonders das Schlagzeug ist wieder wesentlich wuchtiger produziert als auf den beiden Vorgängern.

Der Opener „Hurricane“ besitzt den Thrice-typischen, episch-hymnischen Charakter, nachdem er mit einer interessanten LoFi-Akustikgitarren-Rendition des Leitmotivs des Songs den neuen Langspieler eröffnet. Die erste Single „Blood On The Sand“ könnte, wäre sie glatter produziert, auch als astreiner Pop-Punk-Track durchgehen. Aber das ist das Schöne: Dieses Album ist keine glattgebügelte Pop-Rock-Produktion. Sie klingt ähnlich knarzig, widerspenstig, kantig und charaktergeladen und verfügt über ähnliche Indie, 90s-Emo, LoFi und Grunge-Anleihen, wie der Vorgänger „Major/Minor“. Gleichwohl ist sie jedoch auch in der Lage, druckvolle Wuchtpassagen zu entwickeln, wie im Chorus von „Death From Above“, der einmal mehr unterstreicht, welche dynamische Bandbreite die vier Kalifornier beherrschen.

Kensrues Stimme ist rau und kratzig, mehr noch als auf früheren Alben, und weist auf seine Singer/Songwriter-Tätigkeit der vergangenen Jahre hin. Trotz der heiseren Klangfarbe und dem kratzigen Rasseln bleibt der Gesang immens melodisch und attestiert Kensrue einmal mehr den Status als Ausnahmesänger.

Thrice gelingt es auf diesem Album Stilmerkmale, Konzepte und Ansätze der Vergangenheit mit dem gegenwärtigen Kurs zu verbinden. So finden sich die dissonanten Gitarren, die „The Illusion Of Safety“ so dominierten, und Ed Breckenridges kerniger Bass-Sound auf dem neuen Langspieler wieder und verschmelzen mit den exzellenten songwriterischen Fähigkeiten des Quartetts

Diese glänzen fast auf ganzer Linie. Aber leider auch nur fast. Denn einen, aus meiner Sicht, Totalausfall hat das Album zu beklagen. Während Thrice ja durchaus häufiger versuchen, die ganz großen Ansätze der Rockgeschichte zu interpretieren, gelingt ihnen das, gerade in den melodischen, hymnischen, energiegeladenen Refrains in der Regel ziemlich hervorragend, nicht so jedoch auf dem Rohrkrepierer „Wake Up“. Dieser Song ist der gescheiterte Versuch, eine Hard-Rock-Stadion-Anthem zu schreiben, die vor stumpfem Pathos nur so trieft und so grandios in die Hose geht, dass es in den Gehörgängen wehtut. Der Song versaut das ganze Album, das sonst eine konstante Qualität liefert. Was sich die vier Jungs dabei gedacht haben. Keine Ahnung.

Nun kann man sich an Negativem aufhängen oder einmal tief durchatmen und mit einem dicken Fan-Fell auch mal beide Augen fest zudrücken. Ich entscheide mich für Letzteres. Denn die wiedergekehrten, wunderschönen Twinkle-Gitarren in „Seneca“ und teils sehr interessante LoFi-Tape-Modulationen in der fast schon abartig guten, zweiten Single „Black Honey“, ziehen einen dann doch zurück an Bord. Hier bricht wieder das brillante Songwriting der Kalifornier durch, das sich auch in Stücken wie „The Long Defeat“ und „Stay With Me“ finden lässt. Der verträumte Closer „Salt And Shadow“ und Kensrues Kopfstimme erinnern an den Air-Teil des Alchemy-Index und daran, dass Thrice auch gelegentlich versuchen, wie Radiohead zu klingen.

Alles in allem macht „To Be Everywhere Is To Be Nowhere“ letztlich eines deutlich: Thrice sind wieder da, und zwar richtig. Einen schwachen Moment auf einem ansonsten überragenden Comeback-Album sollte da auch der grummeligste Miesepeter verkraften können.

Thrice - To Be Everywhere Is To Be Nowhere

1. Hurricane
2. Blood On The Sand
3. The Window
4. Wake Up
5. The Long Defeat
6. Seneca
7. Black Honey
8. Stay With Me
9. Death From Above
10. Whistleblower
11. Salt And Shadow

Thrice - To Be Everywhere Is To Be Nowhere (Vagrant, 27.05.16)
4.8Gesamtwertung