Vor vielen Jahren Tomte beim Highfield (noch bei Erfurt) und in einem kleinen Dorfclub in Bad Gandersheim gesehen. Im Jugendzimmer bei den Eltern hängt noch immer das Tourplakat zu „Hinter all diesen Fenstern“. Begleitet von Songs durch mehrere Beziehungen. Erster Lieblingsmusiker der Tochter. Mittlerweile abgelöst von Matze Rossi. Und am Ende meine persönliche und familiäre Bindung an Hemmoor. Das sind alles Vorraussetzungen die ein Review zu der neuen Thees-Uhlmann-Platte besonders aufregend machen.

Mit dem ersten Solo-Album hat sich der Hemmoorer vermutlich in das Herz vieler Fans von deutschsprachiger Rockmusik gebrannt und dabei auch die Hürde „ey, immer diese Hamburger Intellektuellenmucke“ erfolgreich genommen, ohne dabei dämliche Deutschrock-Texte zu machen. Geschossen! Tor!

Die Spannung auf „Junkies und Scientologen“ war wegen der jahrelangen Wartezeit entsprechend hoch. Auch wenn ich dank glücklicher Umstände eines der wenigen Thees-Uhlmann-Konzerte im SO 36 besuchen und fotografieren konnte. Da kommen wir auch genau auf den Knackpunkt. Thees Uhlmann vermittelt dem Zuhörer Kumpel und gleichtzeitig allwissender Literaturprofessor zu sein. Und das ist er auch. Irgendwie. Ob es in Gesprächen um Schnaps aus Neuhaus/Oste oder den Weltfrieden geht. Man hat einfach das Gefühl der Typ hat immer zu allem etwas wichtiges zu sagen.

Mit „Fünf Jahre nicht gesungen“ gab es den ersten neuen Song und gleich das Statement „ey, ich bin auch noch da“ vor einer Weile um die Ohren. Vermutlich ging es den meisten Fans wie mir und man hatte sofort dieses „Er kann es noch!“ im Hinterkopf. Eher im Midtempo angesiedelt begeistert bereits der Opener des neuen Albums mit einem Song und Texten die für alle leicht zugänglich, alles andere als beliebig sind und am Ende doch wieder den einen oder anderen Hemmoor-Sidekick bereithalten.

Das Leben ist kein Highway,es ist die B73

 

 

Ich erinner mich noch an den ersten Durchlauf dieses Albums, als ich aufregt bei Song 2, „Danke für die Angst“, meiner Frau zurief „Jetzt macht der auch noch nen geilen Song über Stephen King. Ich brenn doch mit dem durch!“. Mit dieser Ode an den großen amerikanischen Horrorschriftsteller trifft er genau den Nerv, da sich vermutlich jeder schonmal mit „Es“ gegruselt oder mit „Friedhof der Kuscheltiere“ Katzen mies gemacht hat. Großes Kino!

Was ich über’s Leben weiß, weiß ich aus „Stand by Me“.

Insgesamt überraschen die aufgegriffenen Songtitel und Themen wieder mal so, dass man hier vermutlich wieder betrunken am Tresen große Diskussionen über die Inhalte führen wird.

In „Was wird aus Hannover“ hat er mich dann auch wieder völlig. Der Song über die niedersächsische Landeshauptstadt, die immer irgendwie über scheint, aber hier seine eigene Hymne bekommt, ist textlich so großartig geschrieben, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Nur über Fury In The Slaughterhouse muss man wohl noch mal diskutieren. Und wer über die Scorpions gelacht hat, möchte ich auch noch wissen. Nicht nur weil sie in „Stranger Things“ sind.

Das hymnische Liebeslied an die Rockmusik „100000 Songs“ lässt dann deutlich wie kaum eine andere Stelle durchblicken, dass Thees Uhlmann neben allem Erfolg und seiner Stellung in der deutschen Musiklandschaft vor allem auch noch Fan ist. Fan von dem was Musik für jeden einzelnen Hörer bedeuten kann. Für so Musiknerds wie mich natürlich der nächste Gänsehautmoment.

In einem Interview habe ich die sehr kritische Haltung von Thees Uhlmann zu HipHop, bzw. dem unkritischen Umgang mit den sogenannten Stilmitteln Sexismus, Homophobie und Co. gehört. Passend dazu liefert der wohl längste Songtitel „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt“ die Antwort auf die Frage aller Fragen. Nämlich wie die Mädels nach Videodrehs, bei denen die Songs textlich an alte Onkelzvideos gemischt mit jugendlichem Ghetttoslang erinnern, sicher zu Mama nach Hause kommen. Und bei allem denke ich trotzdem, dass diese Songidee betrunken entstanden ist, was es noch ein klein wenig charmanter macht.

 

 

Für den Schlachter,der heimlich nachts seinen Vegetarier küsst.  Und sagt: „Würd’ es dich nicht geben, ich hätte dich vermisst“.

Im weiteren Verlauf geht es dann im Titelsong um die Menschen die man trifft. Die links und rechts an einem vorbei ziehen. Die, über die man sich selten Gedanken macht. Positive und negative. Die Dealer im Görli genau wie die HSV-Fans vom Dorf. Die Schornsteinfeger und die Krankenschwestern. Und damit entwickelt sich „Junkies und Scientologen“ zu einem typischen Thees-Uhlmann-Song, weil man sich wiederfindet, Gedanken macht und in die „Stimmt, hab ich nie drüber nachgedacht“-Stimmung verfällt.  Mich persönlich erinnert der Song an das „Mädchen von Kasse 2“.

Und während er im musikalisch eher arschtretenden „Katy Grayson Perry“ Kate Perry zum Grand Hotel locken will, geht es im ruhigen „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“ schlicht und ergreifend um Hoffnung.  Bei all dem mitschwingenden Emo aber nicht runterziehend, sondern mit einem halbvollen Glas, so dass es dir das Grinsen ins dumme Gesicht treibt. Oder das dumme Grinsen ins Gesicht? Auf jeden Fall muss ich Grinsen dabei.

Mit Sven Regener an der Trompete (eigentlich nerven mich Trompeten, seit mich Ska nervt, aber hier so schön!) besingt man in „Ein Satellit sendet leise“ offensichtlich gute Freunde mit all ihren Besonderheiten. Und wie angekündigt berichtet Uhlmann hier von der Person, die nachts Satelitten am Himmel zählt.

Ich höre und sehe jetzt schon die ausverkauften Thees-Uhlmann-Konzerte und Massen an Menschen vor mir, die alle ein bisschen peinlich „Baaabyyyyyyy, die Welt ist unser Feld“ mitsingen. Das Ding ist aber so gut gemacht, dass man hier sogar mit den Füßen wippend vor dem Laptop sitzt. Inhaltlich ziehe ich da „Home is where your heart is“ raus, aber mit dem langgezogenen „Babyyyyy….“ ist es schöner.

Am Ende wird es dann nochmal irgendwie tragisch. Denn „Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir“ wirkt wie ein unglücklicher Lovesong. Wer kennt es nicht. Und damit ein traurigschöner Abschluss von einem grandiosen Album.

Thees Uhlmann hat mich wieder. Ein von vorne bis hinten großes Album, dass es wieder schafft aus dem Alltag das Gute und das Fuchtbare zu ziehen und es in einem musikalisch furchtbar eingängigem Ganzen zu einem genreübergreifenden Pflichtkauf für Fans guter Musik zu machen.

 

 

  1. Fünf Jahre nicht gesungen
  2. Danke für die Angst
  3. Avicii
  4. Was wird aus Hannover
  5. 100.000 Songs
  6. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt
  7. Junkies und Scientologen
  8. Katy Grayson Perry
  9. Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt
  10. Ein Satellit sendet leise
  11. Die Welt ist unser Feld
  12. Immer wenn ich an Dich denke, stirbt etwas in mir

 

Thees Uhlmann - Junkies und Scientologen (Grand Hotel Van Cleef, 20.09.2019)
5.0Gesamtwertung