Heute ist es mein Turn unsere wöchentliche Rubrik der Handwritten Classics zu füllen und da kommt für mich als erstes natürlich gar keine andere Platte in Frage als die ’59 Sound. Für eine Classics fast noch zu jung, aber wohl keine andere Platte hat mich dermaßen beeinflusst, auch wenn mein erster Kontakt mit Band und Platte eher abneigend war. Ich stand im Plattenladen (=> www.perkoro.com) und suchte nach neuer Musik. Markus, der Besitzer, hielt mir die ’59 Sound unter die Nase. Aber irgendwie sprachen mich damals weder das Cover noch seine Beschreibung „Springsteen macht ne Punkplatte“ sonderlich an. Das mag vermutlich jeden der mich kennt, aus heutiger Sicht erstmal stark verwundern, aber damals war mir eher nach was anderem. Und so verließ ich ohne die Platte den Laden, um dann einige Zeit später doch wieder bei ihr zu landen. Und wie sollte es anders sein, durch eine Frau. Sie war großer Springsteen Fan und dadurch wurde meine Leidenschaft für den Boss auch wieder geweckt, wodurch mir dann irgendwann auch wieder einfiel, was Markus damals im Plattenladen gesagt hatte. Also bekam die Platte ihre Chance und ich biss mich in den Arsch, dass ich sie nicht schon früher gehört habe…

Selten hat mich eine Band und eine Platte sofort und so sehr mitgerissen. Ich fühlte mich sofort zuhause in der Musik. Jedes einzelne Gitarrenriff ging mir ins Blut, der Rhythmus in die Füße, und das, obwohl ich absolut kein Tänzer bin. Der hemdsärmelige Heartland Rock war genau das, auf das ich immer gewartet hatte. Ehrlich, aus dem Leben gegriffen und immer mit einer Prise Punk Rock versehen. Ich war musikalisch angekommen. Der perfekte Soundtrack für Roadtrips, ebenso wie für den Sommerabend am See oder eine lange Partynacht, klassisch eingeleitet durch das Kratzen und Knacken einer Schallplatte, um dann sofort mit Great Expectations mehr als nur einen Gang zuzulegen. Der Titeltrack folgt und sobald ich diese ersten Akkorde höre macht sich in meinem Gesicht ein breites Grinsen breit, auch heute noch, 7 Jahre nachdem die Platte erschienen ist. Ähnlich erging es mir dann, als ich Gaslight Anthem das erste Mal live gesehen habe. Vainstream Festival in Münster. Ich hatte grade eine alte Freundin getroffen, die ich ein paar Jahre nicht gesehen hatte, als die ersten Töne von
der Bühne rüberschallten und mit den Worten „ich muss mal eben in die erste Reihe, bin gleich wieder da“ liess ich die Gute ein wenig verdutzt stehen um dann etwa 30 Minuten später breitgrinsend zurückzukommen.

Bei Here’s looking at you kid bekomme ich auch heute noch Gänsehaut. „But boys will be boys and girls have those eyes, that’ll cut you to ribbons sometimes, and all you can do is just wait by the moon and bleed if it’s what she says, you oughta do“ Oh ja. Das Gefühl kennt wohl jeder von uns. Und auch die ganze Sehnsucht, die in dem Song mitschwingt.

Die Platte endet mit Backseats, das zuletzt auch jedes Live-Set von Gaslight Anthem beendet hat, einer der wenigen Songs aus der ’59 Sound Ära, den die Band noch spielt. Zusammen mit Old White Lincoln die perfekten Roadtrip Songs.

Eigentlich sind The Gaslight Anthem und grade das ’59 Sound Album der Inbegriff von Americana Musik, da sie alles beinhalten, das Amerika ausmacht: Roadtrips, Classic Cars, (unglückliche) Liebe, Musik. Das Leben der Arbeiterklasse. Eben Heartland Rock in seiner reinsten Form, direkt aus dem Herzen, mit dem schelmischen Grinsen von Sänger Brian Fallon auf den Lippen und dem Punk Rock, den seine zugehackten Arme symbolisieren. Und für mich die beste Platte, die es gibt.

 

The_Gaslight_Anthem_-_The_'59_Sound_cover

The Gaslight Anthem – The ’59 Sound
1. Great Expectations
2. The ’59 Sound
3. Old White Lincoln
4. High Lonesome
5. Film Noir
6. Miles Davis & The Cool
7. The Patient Ferris Wheel
8. Casanova, Baby!
9. Even Cowgirls Get the Blues
10. Meet Me by the River’s Edge
11. Here’s Looking at You, Kid
12. The Backseat