Wow, das neue Soloalbum von Neurosis-Mann Steve Von Till macht sprachlos. Und das ganz ohne Klangorkane und Brutalität. Nein, ganz durch Ruhe und Bedächtigkeit, fein aufgeschichteten Soundteppichen und einer fast schon meditativen Atmosphäre.

Diese Einleitung deutet es schon an: „No Wilderness Deep Enough“ ist anders als seine Vorgänger. Wobei das letzte Solowerk „A Live Unto Itself“ den Weg bereits vorzeichnete. Der urwüchsige, dunkle Folk-/Americana-Sound schien vorerst passé. Es geht mehr in die Breite und Tiefe. Statt an Klassikern von Townes Van Zandt zieht man als Vergleich viel eher die neueren Taten von Nick Cave heran. Ganz besonders sein „Ghosteen“, welches in Sachen Stimmung ganz ähnlich ist.

Die akustische Gitarre blieb im Schrank, das Bild beherrschen fein ausgelegte Synthesizer- und Mellotron-Klänge. Für eine warme, menschliche Komponente Sorgen Cello, Waldhorn und Klavier. Darüber legt Steve Von Till seine tief brummenden und verhalten gesungenen Texte, in denen er die Tiefen der Unsicherheiten und Mysterien der natürlichen Welt ergründet, quasi über das pure Menschsein sinniert. Das ist melancholisch, manchmal bedrückend, dann aber auch enorm erhebend. Oder einfach: wunderschön!

Nichts für den Konsum zwischendurch, sondern für eher einsame und ruhige Stunden, in denen man einfach die Hektik und den Lärm des Alltags vor der Haustür aussperrt, der Welt da draußen für 37 Minuten Lebewohl sagt und seine Gedanken treiben lässt. Dann wirken das spartanische und doch durch seinen angenehmen Celloeinsatz volle „Dreams Of Trees“, das wahnsinnig tolle, fast Sigur-Ros-artig schwebende „The Old Straight Track“ oder auch das unheilvoll dramatische „Shadows On The Run“ besonders.

Wirklich berührende Musik!

 

Trackliste:
1. Dreams of Trees
2. The Old Straight Track
3. Indifferent Eyes
4. Trail the Silent Hours
5. Shadows on the Run
6. Wild Iron

 

 

Wer noch tiefer in die Welt von Steve Von Till, dem eher in sich gekehrten Teil des Neurosis-Frontmann-Duos, eintauchen möchte, kann zum zeitgleich veröffentlichten Buch „Harvestman: 23 Untitled Poems and Collected Lyrics“ greifen. Es versammelt neue Gedichte und Songtexte aus Von Tills Solokarriere der letzten 20 Jahre. Hier kann man sich einen kleinen Eindruck davon verschaffen:

 

Photo-Credit: Bobby Cochran

 

Steve Von Till - No Wilderness Deep Enough (Neurot Recordings, 07.08.2020)
4.5Gesamtwertung