“Wir setzen uns irgendwo ans Wasser – ohne Eltern mit ganz vielen Freunden bei Bier und guter lauter Musik”, so könnte doch der Plan eines durchschnittlichen 14-jährigen klingen, der seinen 15. Geburtstag plant. Die Mitglieder der Band Sondaschule sind zwar mittlerweile zwar alle deutlich älter als 15, aber wenn die Band eben dieses Alter erreicht, warum sollte man dann nicht diesen Plan durchführen? So oder so ähnlich muss wohl die Gedanken zur Planung des Sondaschule-Geburtstages ausgesehen haben: das Amphitheater in Gelsenkirchen liegt direkt am Rhein-Herne-Kanal, bietet platz für 4.000 Freunde, die anderen Freunde stehen auf der Bühne und an Getränken sollte es ohnehin nicht mangeln. Nicht überliefert ist, ob die Jungs um Frontmann Costa Cannabis auch ihre Eltern eingeladen hatten – zuzutrauen wäre es ihnen.

Als um 21:15 Uhr der schwarze Vorhang von der Hauptbühne fällt, sind bereits die erste Töne von “Sondaschule” mit gleichlautendem Lied zu hören. Es folgt eine fast zweistündige Party mit 4.000 feierwütigen Leuten, die sich nicht am nasskalten Spätsommerwetter des Ruhrgebiets störten – denn alles was man jetzt brauchte, stand auf der Bühne. Da klang es fast schon nach Ironie, dass man “Sommer, Sonne, Strand und Meer” in Regenjacke hörte und es sich trotzdem gut anfühlte. Der Songmix stimmte: es waren viele alte Songs zu hören wie “Hängematte, Pommesbude” aber auch neuere Lieder vom aktuellen Album “Schere-Stein-Papier” wie beispielsweise “Ostberlin” – mitsamt entsprechenden Spitzen gegen die (NS)AFD. Das durfte nicht fehlen, ist Sondaschule, wie bereits bei unserer Albumrezension und Interview erwähnt, deutlich politischer geworden.

Sondaschule war bestens gelaunt – wie sollte es bei diesem Anlass auch anders sein und die Freude übertrug sich auf das Publikum. So entstand eine gelöste, fast schon einzigartige Stimmung, wie ich sie bisher selten bei einem Konzert erlebt habe und die auch nur schwer in Worte zu pressen ist. Da passte auch der Hinweis von Costa, dass man die Zeit mit Freunden immer schätzen sollte zur Ankündigung von “Bist Du glücklich?”. Dabei hatte das Publikum an diesem Tage vor Sondaschule eigentlich schon eine Menge guter Livemusik auf die Ohren bekommen:

Pott Riddim

Den Anfang im strömenden Regen machten bereits am Nachmittag die Ruhrpott-Kombo Pott Riddim, die durchaus bei den bis dahin noch wenigen Zuschauern aber durchaus zu gefallen wusste. Wer will schließlich nicht auch “Nie mehr wieder arbeiten gehen”?

Spaßig wurde es im Anschluss mit den Hamburgern von Das Pack. Von nordischer Unterkühltheit ist bei der Band von Pensen Paletti und Zorro nichts zu merken und es mangelt auch nicht an Spontanität. So wurde dann plötzlich mitten im Lied der Text verändert, um einen Regenbogen über Gelsenkirchen zu besingen. Auch klare Ansagen gehören zum Repertoire vom Pack: “Tanzt, ihr Schweineficker” – und das Publikum tanzte tatsächlich und feierte die Ode an Slayer. “Heavy Metal Kind” erinnert mich irgendwie an meinen fünfjährigen Sohn, der ein Schlagzeug im Zimmer stehen hat (zur Freude der Nachbarn) und ständig Five Finger Death Punch hört – der Text ist also tatsächlich aus dem Leben gegriffen! Zu guter Letzt kündigte Das Pack an, ab nächste Woche im Studio zu sein, um ein neues Album aufzunehmen!

Die Holländer von Jaya the Cat lieferten den einzigen – sagen wir mal – etwas unglücklichen Auftritt ab. Bei nur 40 Minuten Spielzeit tut es natürlich weh, wenn durch verspätete Anreise eines Bandmitgliedes die Spielzeit auf nur rund 20 Minuten selbstverschuldet reduziert werden muss. Lustig anzusehen auch der missglückte Versuch des Sängers mit Bengalo auf die Bühne zu laufen – wenige Meter vor Erreichen der Bühne war diese nämlich ausgebrannt. Dadurch musste die Band dann ohne Special-Effekt auf die Bühne. Musikalisch hat der Ska-Reggae-Mix durchaus Spaß gemacht – nur halt sehr kurz, da reichte es nur zum Spielen ihrer bekanntesten Songs wie “Forward” oder “Here comes the drum”.

Pünktlich zum Auftritt von Montreal meldete sich der Regen zurück. Wer – wie ich – Montreal schon einige Male gesehen hat, ist nicht überrascht, dass er der Band auch hier Positives abgewinnen kann. Also freut man sich auf den gelben Schein, denn durch die zu erwartende Erkältung ist der darauffolgende Montag dann wohl frei. Auch Montreal spielte einen Mix aus neuen Songs (“Kino”, “Musik in meinen Ohren”) und alten Sachen, die das Publikum, was nun auch deutlicher zahlreicher wurde, mitriss (“U-Bahnlinie 2”, “Endlich wieder Diskozeit”). Zu jedem Montreal-Auftritt gehört es sich, dass Schlagzeuger Max Power mit gleichnamigen Song entsprechend abgefeiert wird !

Die kurzen 20-minütigen Umbauphasen wurden des Weiteren mit Auftritten auf der Nebenbühne überbrückt, so traten dort Der Butterwegge, El Fisch von den Lokalmatadoren und Pensen Paletti von Das Pack mit seiner Bumm-Bumm-Gitarre auf.

Auf der Hauptbühne ging es weiter mit Massendefekt, die ebenso große Spielfreude an den Tag legten. “Wellenreiter” suchte man im Rhein-Herne-Kanal vergebens, aber auf der Bühne waren selbige zu finden. Dieser Song eignet sich natürlich zum Anheizen des Publikums, welches Geschlecht kann lauter “Ich will das Meer sehen” singen – das pitschnasse Publikum will es wohl tatsächlich? Man einigte sich auf ein Unentschieden. Mit einem “Gruß gen Himmel” gaben Massendefekt dann den Staffelstab weiter an die Lokalmatadore.

Bei denen war der Name Programm, denn von “Mülheim/Ruhr” bis zum Amphitheater Gelsenkirchen ist es nur ein Katzensprung. Thematisch dreht sich bei den Lokalmatadoren viel um die Themenpunkte “Fussball, Ficken und

Alkohol”. Da passt es ins Bild, dass die bekennenden Schalke-Fans gerade in Gelsenkirchen das ein oder andere Schalke-Lied einbrachten, zur Freude – na ja, eines Teils des Publikums. Als Schalke-Fans in Gelsenkirchen reicht auch ein aufgehängtes Schalke-Trikot als Bühnenbild. Wie üblich, ein sehr skurriler Auftritt, der noch mehr Freude macht, wenn dein Nachbar diese Band zuvor noch nicht kannte (Grüße an Mike) und man sich an den Reaktionen erfreuen kann bei Songs wie “in den Arsch” oder “geh wie ein Proll”..

Das nun vollständig anwesende Publikum war jetzt bereit für den Höhepunkt: den Auftritt der Sondaschule. Dieser endete besonders stimmungsvoll, als beim letzten Song am anderen Ufer des Rhein-Herne-Kanals unzählige Bengalische Feuer angingen. Aus dem dichten Rauch über dem Kanal folgte dann ein Feuerwerk und man wurde mit “Time of my Life” aus „Dirty Dancing“ vom Band in die Nacht entlassen.

Man fühlte sich glücklich über diesen Abend, aber auch geschlaucht, denn bei einem solch großartigen Line-Up blieben irgendwie keine Pausen. Kann ein 15. Geburtstag schöner sein? Irgendwie nicht, so heben wir den Becher und danken der Sondaschule – macht weiter so, auf die nächsten 15 Jahre !